t'fnwmwwws^w^wKrsjfflwmiwHwnffwwW' NmiRWISSENSCH WOCHENSCHRIFT ,GE 8 JT I ! HERAUSGEGEBEN VON » \ DI H-PCTTONIE UND D^FKOERBER i Hy3.-VRRL "^ .-■'. i' s r^' rA\- nSCHEK' «MM>fi£s»e»>«us«»w. Bienenvölkern (Orig.l 300/301. Diagramm der Brechungsexponenten der wichtigsten Gase für verschiedene Wellenlängen. 17]. Diagramme zur Wetter -Monatsübersicht (Orig.) 62, 124, 184, 270, 334/335, 398, 477/47«, 540, 606, 683, 749, Sj2, 813. Digitalis purpurea (alte Abb.) 197. Diplodocus. 92, 797. Dretsche. 178. Echiniscoides-Larve (Orig.') 331. Echiniscoidcs Sigismundi (Orig.) 330. Ehrensaal des Deu'.schcn Museums. 647. Eichenblätter, von .Ameisen zerschnitten (Orig.) 824. Regenerierte Eidechsenschwänze. 607/60S. Eisberg von der Belle-lsle-Straße (Orig.) 225. Erbsenstein (Orig.) 692. Enrycorypha. 216. Kärtchen des Erdbebens von Norditalien, Januar 1909 (Orig.) 206. Exkursionsmikroskop. 178. Kernie, eine abgebrannte .Stadt Canadas (Orig.) 226. Feuersteinwerkzeuge von Le Moustier (Orig.) 328. Flechten, nutzbare (Orig.) 67, 69. Forellenauge, Horizontalschnitt, mit Linsen- regeneration. 13. Forellenauge, Frontalschnitt mit voll- ständig regenerierter Linse. 14. Formiconius. 217. Formica sanguinea (Orig.) 401. Frostkrebs an der Kiefer. 31=;. Garten, sein Anfangsstadium im fernen Westen (Orig.) 230. Gasausbruch am Stromboli. 340. Gcschlechtsapparate von Lymantria dispar (Orig.) 546/552. Glycyphagus domesticus. 767. Grashochland Kameruns (Orig.) ^ 16/5 17. Grotte von Le Moustier (Orig.) 324. Halechiniscus-Bein (Orig.) 332. Halcchiniscus Guiteli (Orig.) 331. Halley'scher Komet, seine Bahn (Orig.) 60. Hausmilbe. 783. Heideboden-Kiefer. 315. Holzdrift in Canada (Orig.) 246. Ichthyosauren (Orig.) 89, 90. Karten mit Isogonen, -klincn u. -dynamen (Orig.) 484. Ithyphalius impudicus. 471. Jasminium officinale falte Abb.) 197. Jüttner „Böcklins .Atelier" zum Artikel Baerwald : Selbsttätigkeit u. Icliliebc. 305- Kalkgestcine u. Kristalle (Orig.) 690/693. Kalkspatkristalle (Orig.) 690. Karte der russ. Polarfahrt der Sarja. 649. Karte des nördl. Arizona. 801. „Kohlrabi-Häufchen" aus dem Pilzgarten der Blattschneiderameisen (Orig.) ^825. Komet Morehouse. 73. Kribbelmilbe (Laelaps marg.) 751/752. Küche in einem Camp (Orig.) 2_'9. Landschaft während eines vulkanischen Aschenfalls. 340. Libelle. 5JI. Libellenlarve. 511. Lichenes, nutzbare (Orig.) 67, 69. Lichttelegraphie im 17. Jahrhundert. 616. Lohkranke Wurzel, Anatomisches. 313. Lohkranker Zweig. 313, 314. Luftpumpe mit Motor. 642. Lymantria dispar (Orig.) 545. Mangoblätter, ganz und von Ameisen zer- schnitten (Orig.) 823. Menschenschädcl von Le Moustier in situ (Orig.) 325/327- Menschenschädclteile von Le Moustier (Orig.) 325/328. Meerweibchen. 140/141. Meteorkrater in Arizona. 802/806. Mirperus. 217. Monocütylen der Drachenbaumform , ihre Stamm-Anatomie (Orig.) 493. Monograptus turriculatus (Orig.) 414. Morley, ein Ort in Canada (Orig.) 226. Le Moustier (Orig.) 324. Muschelkalk (Orig.) 693. Myrmecophana. 215/217. Myrmica. 217. Mystriosaurus (Orig.) 91. Nereis. 61. Nicotiana tabacum, alte Abb. 19:;. Numulitenkalk (Orig.) 693. Ohm's Elektrisiermaschine und Flaschen- batterie. 643. Pfahlkratzer. 178. Pflanzenfasern, duktile (Orig.) 345. Phyllocrania. 21 7 Plalanthcra bifolia (Orig.). 544. Planktonkammer. 178. Plantago media (Orig.) 544. Plesiosaurus (Orig.) 89. Polydesmus-Nest (Orig.) 28. Polydesmus- Vulva u. -Fuß (Orig.) 26/27. Polyergus rufesccns (Orig.) 401. Polyporus versicolor. 409. Posidonienschiefei'bruch (Lias f) in Holz- maden (Orig.) 88. Prärie in Canada (Orig.) 243. Profil durch einen Mondkrater. 809. Protil durch einen Schichtvulkan.'* 809. Ricnodon copei, ein Stegocephale. 40. Rogenstein (Orig.) 693. Salamander, Arterienbogen der. 35. Salticus. 217. Sarracenia purpurea (Orig.) ^242/243. Schädel von La Tigra (Orig.) 658. Schema zum Artikel feste Lösg. u. Iso- morphismus (Orig.) 364. Schemat. Darstell, d. Entsteh, d. wichtigst. Körper aus d. Rohstoffen. 645. Schlafkrankheit, Kärtchen^von Afrika mit Verbreitung der (Orig.) 148. j, Schlafzclt in einem'^ Camp in Canada (Orig.) 228. Schlupfwespe Thalessa. 7S4. Schomburgkia (Orig.) 827. Seenprofile (Orig.) 388. Seismometer-Pendel. 29. Seismomcter und Seismograph. 30. Singcikadenlarve. 784. ,, Speisesaal" in einem Camp [in Canada (Orig.) 229. Stereometrische Vermessung. 740. Strongylognathus testaceus (Orig.) 401. Tabak, alte Abb. 195. Tamus (Orig.) 181/183. Tamus-KnoUen (Orig.) 181/183. Tamus-Samen und -Keimlinge (z. T. Orig.) 182. Teleosaurus (Orig.) 91. Telephon von Reis. 644. Temperatur und Niederschlags-Diagramme s. unter Diagr. Wetter-Monatsübersicht. Tillandsia bulbosa (Orig.) 829.'] Tradescantia virginica, alte Abb. 197. Terebratulakalk (Orig.) 693. Tsetse-Fliege , Kärtchen von Afrika mit Verbreitung der (Orig.) 148. Typhlomolge rathbuni. 34. Urwaldbilder aus Canada (Orig.) 241. Valee d'Anisclo (Orig.) 283. Vallee d'Arazas (Orig.) 283/284. Wälder, abgebrannte in Canada (Orig.) 232/233- Wasserharnisch aus dem 17. Jahrhundert. 617- W'hceleriella Santschii (Orig.) 401. Wirbeltierkopf, Schema seines ursprüng- lichen Baues. 109. Zelle, schematisch, zur Veranschaulichung ihres Stoffwechsels. 247. Zu Pferde durch den Kananaskis - Fluß (Orig.) 228. -*:-*I-»:^- r* Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Nene l-\.l};e Vlll. I'.aii,! ; iler 5;:in/eii Reihe XXIV l'iaiul. Sonntag, den 3. Januar igog. Nummer 1. „Die Ernährung der Wassertiere" und „der Stoffhaushalt des Meeres". Zwei Referate über Prof. A. Pütter's gleichnamige Arbeiten (Zeitschr. f. allg. Physiol. Bd. VII, 1907, p. 283 — 368) (Nachdruck vcrboten.l ^'OQ TJr. Friedrich von Möller, Schloß Sommerpahlen, Livland. „Die Ernährung der VVassertiere" und „der Stofthaushalt des Meeres" — unter dieser Bezeich- nung hat Prof. Pütter in Göttingen im siebenten Bande der Zeitschrift für allgemeine Physiologie (1907, p. 283 — 368) zwei Arbeiten veröffentlicht, die für die Planktonforschung und überhaupt für die Biologie der Lebewesen des Meeres vom größten Interesse sind. Sie begründen eine meines Wissens gänzlich neue Ansicht über die Nahrungsquellcn der Tiere und Pflanzen des „Plankton", und wahrscheinlich auch aller übrigen Meerestiere mit Ausnahme der P"isch- säugetiere, Fische und Cephalopoden (Tintenfische und Kraken). Da ich glaube, daß die Biologie des Meeres durch diese beiden Arbeiten Prof. Pütter's um einen großen Schritt vorwärtsgebracht worden ist , und überzeugt bin , daß weiteres Forschen in dieser Richtung auch der Süßwasser- biologie von größtem Nutzen sein wird, so habe ich es versucht über Prof. Pütter's Aufsätze aus- führlich zu berichten, denn in diesem Falle er- scheint mir die Kenntnis der Methoden des Ver- fassers fast so bemerkenswert wie die seiner Resultate. Es wird auffallen, daß ich mich so oft der eigenen Worte des Verfassers bedient habe — mir schienen aber die betreffenden Stellen zu wichtig, um sie zu kürzen, auch hätte die ange- strebte Klarheit der Darstellung darunter gelitten. Das Referat wird hoffentlich viele zum .Studium der Originalarbeit anregen. I. Die Ernährung der Wassertiere. I. Der Kohlenstoffgehalt des Seewassers. F"ür das Meer nimmt man die ernährungsphysio- logische Abhängigkeit der Tiere von den Pflanzen und zwar hauptsächlich den .\lgen an, diese „sollen in ihrer Körpersubstanz die gesamte Menge der organischen Stofife bilden, die den Tieren des Mikroplanktons, besonders den Copepoden als Nahrung dient, welche dann ihrerseits die Nahrung der Fische usw. abgeben. Man muß sich völlig darüber klar werden, daß diese Annahme z. Z. lediglich eine Hypothese ist, denn es liegen keine Versuche vor, den Nahrungsbedarf der niederen Tiere und die Größe der Produktion organischer Substanz durch die Algen in der Zeiteinheit experimentell zu ermitteln". Die vorhandenen ausgedehnten Planktonstudien zeigen nur den Zustand in bestimmten Zeit- momenten an, aber weder die Zeit, welche nötig war, um diesen Organismenbestand zu erneuern (Baustoft'wechsel) noch die Stofl'menge, die in der Zeiteinheit nötig war, um ihn zu ernähren und damit zu erhalten (Belriebsstoffwechsel). — Bisher hielt man die Organismenleiber für die einzige Ouelle der Nahrung der Meerestiere — der Autor will aber nachweisen, daß das Meer in beträcht- licher Menge Nährstoffe in Lösung hält, welche, im Gegensatz zu der bisher vertretenen Anschau- ung, den größten Teil der Nahrung der Meeres- tiere (ausgenommen P'ische und wahrscheinlich auch Cephalopoden) ausmachen. Durch Anwendung von Messinger's Me- thode der C-Bestimmung auf nassem Wege,') die generell alle komplexen C- Verbindungen als CO'- der Bestimmung zugänglich macht, und die sich auf Seewasser ohne jede Vorbehandlung anwenden läßt, wies Verf. nach, daß ein Liter Seewasser aus dem Golf von Neapel, an solchen Stellen ent- nommen, wo Verunreinigungen der Stadt schon unwirksam sind, 92 mg Gesamtkohlenstoff enthält. Davon sind 27 mg (kaum 30 "/g) in Form von CO'- nachgewiesen, so daß 65 mg (70 '7o) kom- plexer C -Verbindung im Liter, oder 65 g im Kubikmeter im Seewasser in Lösung sind. (Die Lösung hat also 0,0065 "l^. D. Ref.) Die chemische Natur dieser komplexen C- Ver- bindungen wurde nur insoweit aufgeklärt, als ge- zeigt werden konnte, daß die flüchtigen Säuren etwa 23 mg von diesen 65 mg C enthalten, also enthalten die flüchtigen Säuren im Seewasser fast ebensoviel C wie die Kohlensäure. Natterer ge- lang der Nachweis von höheren Fettsäuren (Palmitinsäure, Stearinsäure), und aus Proben, die dicht über dem Meeresboden entnommen waren, konnten Kohlenwasserstoffe schon durch den petroleumartigen Geruch des Wassers nachge- wiesen werden. Auch Glyzerin glaubte Natterer identifizieren zu können. Pütter vermutet auch noch die Möglichkeit des \"orkommens von Huminsubstanzen. Es ergibt sich als Sauerstoffkapazität der kom- plexen C-Verbindungen eines Liters Meerwasser 180 mg O'-, während aus 12 Proben ein Sauer- stoffgehalt von durchschnittlich nur 7,6 mg im Liter hervorgeht (0,00076%), also ca. V-ii des Sauerstoffes, der nötig wäre, um allen C zu CO'-, ') Eine Publikation über die Art der .\nwendung der Methode und ihre Fehlergrenzen will der Verfasser in den Publikationen d. Kgl. Ges.. der V/issensch. in (löttingen er- s-heinrn lassf-n. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII Nr. I allen II zu H'-'O zu oxydieren. Das Meer ist also relativ sehr sauerstoffarm, dafür sehr kohlen- stoffreich. 2. Der K ohlenstoffgehal t der Plankton- organisme n. Um nun den C-Gehalt der Planktonorganismen festzustellen, verwendet Verf. die Angaben Loh- mann's über das Plankton von Syrakus: Es ent- hielten looo 1 filtriertes Seewasser 53,63 cbmm an sog. „dichtem Volumen", d. h. bei einem spez. Gew. von 1,030 — 55,60 mg. Nach Brandt ent- halten 66 ccm gut abgesetzte Planktonfänge 0,57 g Trockensubstanz. Die „dichten" Volumina sind ca. 25 mal kleiner, so daß wir rechnen müssen: = 2,64 ccm dichtes Volumen, das sind 25 2,64 1,030 = 2,7192 g Lebendgewicht — geben 0,57 g Trockensubstanz, was 20,9 "/^ ent- spricht.') Der Kohlenstoffgehalt der Trocken- substanz beträgt im Mittel aus 10 Analysen, nach Brandt 33,39",,, so daß die Menge Kohlenstoff, die, nach Lohmann's Untersuchungen bei Syrakus, in P'orm von Organismen in 1000 1 enthalten ist, sich folgendermaßen verteilt: Protophyten: 1,22 mg Protozoen : 0,08 ,, Metazoen : 2,48 „ Bakterien : 0,06 „ Zusammen : 3,84 mg Der Stickstoftgehalt beträgt im Mittel also \|(| der Kohlenstoffmenge, so daß in Meerwasser 0,39 mg Stickstoff in Organismen ge- bunden sind. Da im Eiweiß 3,3 mal soviel C als N enthalten ist, so stammen von dem Ge- samtkohlenstoff der Organismen 1,29 mg aus Pliweiß (3,3 • 0,39= 1,29), folglich 3,84 — 1,29 = 2,55 mg aus Kohlehydraten und P'etten. Ein Liter Seewasser enthält also in Organismen 1. in Form von Eiweiß 0,00 1 29 mg C 2. in Form von Kohlehydra- ten u. Fetten 0,00255 „ , C im ganzen 3.4'',,, 1000 1 0,00384 mg C 0,00039 „ N dagegen in Lösung aller C davon CO'- 92 mg 27,, also an komplexen C-Verbindungen 65 mg Stickstoff'-') 0,74 „ Also 17000 mal soviel komplexe C-Verbin- dungen sind in Lösung wie in Organismen (und 1900 mal soviel ist N in Lösung wie in Organismen. D. Ref.) „Durch diese Gegenüberstellung wird schon '1 \'erf. gibt an = 2,()3 : und 2,"q anstatt 2,7192 g Lebendgewicht, daraus 20,7 "/q. D. Ref. ") Der Slofflianshalt des Meeres, vom gleichen Verfasser. Ebenda S. 329. ein gerechter Zweifel gegen die Annahme be- gründet, daß die Organismen selbst, in letzter Linie also die Algen, die einzige Quelle der Nahrung für die Wassertiere seien, aber der Nach- weis, daß die gelösten Stoft'e eine weit ausgiebigere Quelle der Nahrung für eine große Menge von Tieren sind, als jene, die in Organismen gebunden sind, läßt sich nur erbringen, sobald man quan- titative Daten über den Nahrungsbedarf der Tiere hat." 3. Der Na h r u n gs b e d a r f der Tiere. ,,Eine exakte Kenntnis des Bedarfs an aus- nutzbaren Nährstoffen in der Zeiteinheit ist nur durch vollständige Stoffwechselversuche zu er- langen, und solche liegen zurzeit nur für zwei Tiere vor, für Suberites domuncula und Cucu- maria grubei." (Suberites ist ein Schwamm, Cucumaria — eine Holothurie. D. Ref.) Bei Suberites beträgt der Kohlenstoffumsatz eines mittelgroßen Exemplares von ca. 6o g Lebendgewicht in einer Stunde 0,92 mg. Ein Liter Wasser enthält in Form von Organismen 0,00384 mg C. Suberites müßte also in einer Stunde — „ = 239 1, d. h. annähernd das 0,00384 ^^ 40000 fache seines Volumens vollkommen durch- fischen, um den Bedarf seines Betriebsstoftwechsels zu decken, und zwar unter der nicht sehr wahr- scheinlichen Voraussetzung, daß er den C der er- beuteten Organismen restlos auszunutzen im- stande sei. Verf. meint, in Wirklichkeit könne der Schwamm höchstens das Fünffache des eigenen Volumens, also 300 ccm in einer Stunde durch sein Kanalsystem pumpen, wobei der schwache und langsame Wasserstrom größere Organismen, etwa Copepoden, mitzureißen gar nicht imstande sei, so daß das durchgepumpte Wasser wesentlich nur Diatomeen, Protozoen und Bakterien enthalte, mit 35 "/o des C der Plankton- organismen, so daß der Wasserstrom dem Schwamm 2300 mal weniger (ca. 0,05 %) Kohlenstoff') in ge- formter Nahrung zuführen würde, wie er in der Zeiteinheit verbraucht. ,, Nehmen wir dagegen an, daß die komplexen Verbindungen, die im Seewasser gelöst sind, die Nahrung des Schwammes darstellen, so erhalten bereits 14,2 ccm (m. G. schon 13,3 ccm. D. Ref.) die für eine Stunde notwendigen 0,92 mg Kohlenstoff. Wenn auch viele dieser Kohlenstoffverbindungen für Suberites nicht ausnutzbar sein sollten, so ent- halten doch schon die 300 ccm bereits 19,5 mg C, also 21 mal soviel wie der Schwamm braucht, er würde also auskommen, wenn er auch kaum 5 % der gebotenen C-Verbindung ausnutzen könnte. Außerdem sind die Bedingungen für Aufnahme gelöster Nährstoffe weit günstiger als solche für den Fang geformter Nahrung. Ohne Bewegungen zu machen und Wasserströme zu erzeugen, kann ') M. E. 1965 mal weniger = ca. 0,05 "/„. I). Ref. N. F. VIII Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 3 ein Tier an geformter Nahrung nur das erhalten, was seine Oberfläche zufällig berijhrt, und das wäre sehr wenig, denn trotz der Menge der Planktonorganismen wären in i ccm kaum zwei Diatomeen zu finden. Für die Aufnahme gelöster Nahrung liegen die Bedingungen viel günstiger — ständig mit der Oberfläche der Organismen in Berührung, herandift'undierend wenn resorbiert, fließt sie als ununterbrochener Stoffstrom dem Tiere zu. — Es nähren sich also wohl auch alle übrigen Schwämme von gelöster Nahrung ohne nennenswerten Anteil der geformten, „für Sube- rites domuncula ist jedenfalls der Nachweis er- bracht, daß auch unter den günstigsten Annahmen die geformte Nahrung, die ihm zugänglich ist, weniger als 0,05",, des gesamten Nahrungs- bedarfes zu decken imstande ist." ,,P'ür Cucu- maria grubei beträgt bei einem frisch gefangenen Tiere von ca. 14 g Lebendgewicht der Kohlen- stoffbedarf pro Stunde etwa 0,40 mg. Diese Menge C ist enthalten in den Planktonorganismen von 100 1, dagegen in Lösung in 6,2 ccm." — Cucumaria fängt freilich lebende Organismen auf seinen Tentakelbäumchen, auch nimmt sie Sand, der ja nicht ohne organischen Detritus sein wird, in den Darm auf, doch ergab auch hier der Stoff- wechselversuch eine starke Beteiligung gelöster Nährstoffe. Vernon's Untersuchungen haben für viele niedere Tiere den Sauerstoffverbrauch genügend genau festgestellt. Oxydationen machen aber nur einen Teil des gesamten Stoffwechsels aus, auch sind sie vielfach unvollständig. Wenn wir also ansetzen : .■\ller O, der verbraucht wurde, hat bestimmte Verbindungen vollständig oxydiert, andere Prozesse außer dieser Oxydation sind im Stoffwechsel nicht abgelaufen, so haben wir den Stoffbedarf jedenfalls nicht zu hoch, sondern vielmehr zu niedrig angeschlagen. Eine Reihe von Erfahrungen lehrt, daß die umgesetzten Stoffe hauptsächlich Kohlehydrate sind. Ihre Sauerstoffkapazität ist 1,23, d. h. A-Gramm Sauerstoff sind imstande ' s Zucker 1,23 ^ zu verbrennen, der Zucker hat 40% Kohlenstoff. Berechnet man aus dem Sauerstoffbedarf pro Tier und Stunde die minimale Menge des umge- setzten Zuckers, also auch den minimalen Kohlen- stoffbedarf, so „zeigen sich deutlich die Unmög- lichkeiten, auf die man geführt wird, wenn man an der Annahme festhalten will, daß für die Er- nährung der Wassertiere nur geformte Nahrung in Betracht käme". Von 10 der untersuchten Tiere, die zu vier verschiedenen Tierstämmen (7 verschiedenen Klassen) gehören, müßte ein jedes das Mehrhundertfache bis Mehrtausendfache seines Volumens an Meerwasser auf Piankton- wesen abfischen, um seinen Nahrungsbedarf in einer Stunde zu decken, während der nötige C in Gestalt komplexer Verbindungen in vielen Fällen in ' ,„ des Volumens des Tieres im Meer- wasser enthalten ist. (Tabelle III und IV des Originales.) 4. Der mindeste stündliche Lebensraum der Wassertiere. Das Volumen, Meerwasser, welches den für ein Tier pro Stunde notwendigen Sauerstoff ent- hält, ist sein „minimaler, stündlicher Lebensraum" in bezug auf Sauerstoff. Es zeigte sich, daß die gefundenen Werte hierfür zwischen 0,26 (Salpa tilesii) und 3,18 (Ciona intestinalis) des Tier- volumens schwanken, aber meist ein- oder zwei- mal das Volumen des Tieres betragen. „Es ent- steht die Frage, ob der Lebensraum, wie wir ihn bisher definiert haben, also das Volumen (an Meer- wasser. D. Ref) , das den Sauerstoffbedarf einer Stunde zu decken imstande ist, auch hinreicht, um den übrigen Stoff bedarf des Tieres zu decken." Diese Frage beantwortet Verf seinen Untersuchungen gemäß dahin, daß in dem auf Sauerstoff bezüg- lichen minimalen Lebensraum fast 30 mal mehr komplexe C-Verbindungen in Lösung sind, „als jene, die wir als Kohlenstoffbedarf der Tiere aus ihrem Sauerstoffbedarf berechneten." „Nur für zwei Tiere, für Suberites und Cucumaria können wir auf Grund der Untersuchung des Gesamt- stoffwechsels zeigen, um wieviel zu gering die Annahmen über den Kohlenstoffbedarf der Tiere waren, die oben gemacht wurden, wie sehr also alle Argumente, die dort vorgebracht wurden," hier um so mehr Geltung haben. „Für Suberites würden wir auf Grund seines Sauerstoffbedarfes von 0,67 mg pro Tier und Stunde einen C-Bedarf von 0,22 mg berechnen, während die direkte Be- stimmung einen Umsatz von 0,92 mg, also mehr als viermal soviel ergab. Bei Cucumaria würde aus dem Sauerstoffverbrauch von 0,14 mg pro Tier und Stunde auf 0,05 mg C-Bedarf geschlossen werden, während er in Wirklichkeit 0,4 mg be- trug, also sogar das Achtfache des angesetzten Wertes." „Nehmen wir aber auch für die übrigen Tiere an, daß ihr C-Bedarf um das Fünf- bis Sechs- fache höher wäre als wir angesetzt hatten, so bliebe trotzdem die im „Lebensraum" gebotene C-Menge noch fünf- bis sechsmal größer als nötig, d. h. schon wenn nur 17 — 20"(| der gebotenen Verbindungen von einem bestimmten Tier aus- genutzt werden können, reicht die Kohlenstoff- nienge zur Ernährung hin." 5. Beobachtungen über die geformte Nahrung der Tiere. Die Mehrzahl der nicht parasitisch lebenden Meerestiere nimmt sicherlich bei Gelegenheit ge- formte Nahrung auf — ob diese aber hinreicht, läßt sich mit Sicherheit nur durch Stoff- wechseluntersuchungen zeigen, wie sie für die in dieser Arbeit genannten Tiere vorliegen.') Die ') Es siml die außer den vom \"crr. .iiif ( )- und C-Ver- biauch untersuchten Suberites domuncula und Cucumaria (Jrubei noch folgende von \'erno)i iThe respiratory cxchange Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. I im folgenden angeführten Beobachtungen weisen aber darauf hin, daß die Beispiele dafür, daß die geformte Nahrung zur Deckung des Stoffbedarfes nicht ausreicht, sich noch in den verschiedensten Gruppen des Tierreiches werden vermehren lassen. Bei allen untersuchten Polykladen (mit Ausnahme von Prosthiostomum) fand Lang weder im Haupt- darm noch in den Darmästen Nahrungsstofte, deren Natur hätte erkannt werden können. Bürger fand im Darme der Nemertinen äußerst selten Nahrungsmassen oder Reste, nur einige Male Teile von Krusten (soll wohl heißen : Krustern. D. Ref.). „Am erstaunlichsten sind aber Dohrn's ^) Beob- achtungen am Darme der Pycnogoniden (Panto- poden)". „Im Inneren dieses Darmes, der seine langen Divertikel in die Extremitäten hineinsendet, schwimmen in großer Zahl eigenartige Körper, die nicht von außen aufgenommen sind, sondern offenbar in einer noch nicht ganz aufgeklärten Weise sich vom Darmepithel ableiten. Durch die Kontraktionen der Darmschläuche werden sie in beständigen unregelmäßigen Bewegungen erhalten." S. 57: „Was aber die Verhältnisse vollends sehr schwer verständlich macht, ist die Abwesenheit jedweder Fäkalmasse. Trotz der tausendfachen Beobachtung lebender Pyknogoniden unter dem Mikroskop habe ich nie den Austritt geformter Bestandteile aus dem After gesehen, auch nie ge- färbte Flüssigkeiten im Afterdarme bemerkt." Die Pantopoden haben nun einen ungemein dichten Reusenapparat, der geformten Bestandteilen den Eintritt in den Darm überhaupt verwehrt, so daß Dohrn zur Interpretation seiner Befunde sagt, S. 57 '■ „Es bleibt da eben nur die Vermutung übrig, daß feste Teile überhaupt nicht in den Darm gelangen, sondern von dem Reusenapparat entweder in solcher Weise zerkleinert werden, daß sie für die Verdauungssäfte ohne Rückstand auflösbar werden, oder aber schon vorher wieder entleert werden. Vielleicht auch dienen die Haare und Borsten der Lippen dazu, schon von vornherein derlei Stofte auszusondern." Bei den Wurmmollusken Chaeto- derma wird nach Simroth der Darm oft leer gefunden oder nur mit geringem Inhalt, und es scheinen keine Tatsachen dafür zu sprechen, daß er sich, etwa wie bei einem Seeigel, mit Schlick füllt. Bei den Chitonen fanden sich nur mikro- skopische Algen, besonders Diatomeen, im Darm. Diatomeen enthalten aber nur sehr wenig Nähr- stoffe. Auch im Darme von Dentalium fanden sich hauptsächlich P^oraminiferen und Infusorien. Rauschenplat fand bei nur wenigen Exem- of the lower marine Invertebratcs. Journ. of Physiology \'ol. 19, 1895 — 9ö' P- 18—70') allerdings nur auf iliren Sauer- stoiTverbrauch — aus dem Fütter aber ihren minimalen C-Ver- braucli berechnet — untersuchten Tiere: CoUozoum inernie, Adamsia rondeletii, Khizostoma pulmo, Carmarina hastata, Cestus veneris, Pterotrachea mutica, Tethys leporina, Ciona intestinalis, Salpa pinnata, Salpa tilesii. Also im ganzen liegen StolTwechseluntersuchungcn für zwölf niedere marine Wirbel- tiere vor, die zu sechs Tic-rstämmen gehören. D. Ref. ^) Dohrn, Pantopoden, in ,, Fauna imd Flora des (iolfes von Xeapel", Pd. 3, Leipzig t88i. plaren von Aurelia aurita aus der Kieler Bucht in den Radialkanälen kleine Klumpen, die von Ceratien und anderen Planktonorganismen gebildet waren. Bei sehr vielen Aurelia war die Untersuchung ergebnislos. Bei den Hydroidpolypen CordylophoralacustrisundGonohtyraea lovenii ist die Untersuchung ganz erfolglos ge- wesen. Ebenso bei dem Schwamm Amorphina panicea. „Gerade für diesen Schwamm zeigen die Stoffwechseluntersuchungen (an Subcrites domun- cula, d. Ref) völlig einwandfrei die Bedeutung der gelösten Stoffe für die Ernährung." 6. DieErnährungderTiefseeorganismen. Die Ernährung der überraschend reichen Tier- welt der Tiefsee glaubte man dem gewaltigen, von den Algen der Lichtzone produzierten Über- schuß von organischer Substanz zuschreiben zu müssen. Die absterbenden Algen sollten zur Er- nährung der Tiere der Dunkelzone ausreichen. Nun „ist zunächst durchaus nicht bewiesen, ja nicht einmal wahrscheinlich gemacht, daß die Algen der Licht- zone mehr organische Substanz produzieren, wie die Tiere des Bezirkes brauchen, vielmehr zeigen die vorangegangenen Kapitel, daß die Algen bei weitem nicht ausreichen, um auch nur einen ge- ringen Teil des Nahrungsbedarfes der Tiere ihres Lebensbezirkes durch ihre Leibessubstanz direkt oder indirekt auf dem Umwege über pflanzen- fressende Tiere zu decken." Außerdem würden diese absterbenden Organismen überhaupt in keine sehr große Tiefen kommen, da sie, als mikroskopische Wesen, nur äußerst langsam sinken, und unterwegs längst von Spaltpilzen (und Sproßpilzen), von denen in einem Kubikzentimeter Meerwasser durchschnittlich lOOO Keime sich finden, überwuchert und gelöst sein würden.') Viel plausibler erscheint die Annahme, daß auch die Tiefseeorganismen von gelösten C-Verbindunge'j leben. 7. Die Organe zur Aufnahme gelöster Stoffe. Besondere Organe zur Aufnahme gelöster Nahrung sind offenbar nicht nötig. „Die Fähig- keit gelöste Stofte aufzunehmen und im Stoff- wechsel zu verwerten, ist ja eine ganz allgemeine, die auch den höchst dift'erenzierten Zellen, z. B. im Nervensystem und den Sinnesorganen der Säugetiere ebenso zukommt, wie den primitiven Protozoen oder Bakterien. Freilich entnehmen die ersteren der genannten Zellen ihre Nahrung ') Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. VII, 190S, S. 95 heißt es in F. Römer's Referat über Karsten, das indische Pliyto- plankton, folgendermaßen: „Über die vertikale Verbreitung im Indischen Ozean ergaben die zahlreichen Schließnetzfänge, daß die Hauptmasse in den oberen 200 m enthalten ist; unterhalb von 400 m sind überall nur noch vereinzelt lebende Zellen zu finden, z. B. farblose Peridineen, und schließlicli bleibt nur noch der ständige, nach unten langsam dünner werdende (von mir gesperrt, d. Ref.) Regen von abgestorbenen, zu Boden fallenden Teilen aus der lebenden Pflanzemlerke der oberflächlichen Schichten übrig." I'. Ref. F. N. VIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 5 nur aus den umgebenden Körperflüssigkeiten, während Protozoen und Bakterien direkt aus dem umgebenden Medium die Nahrung schöpfen. In dieser letzteren primitiven Weise nehmen ja auch, wie im vorhergehenden gezeigt ist, eine große Menge von Tieren ihre gesamte Nahrung, oder doch deren überwiegenden Teil auf, es bildet für diese Wesen gewissermaßen das Meer die Lymphe, von der sie leben." Von der .Annahme, ,,daß die Aufnahme des Sauerstoftes von der Aufnahme anderer gelöster Stoffe stets getrennt sein müßte, wie es bei den Säugetieren in dem funktionellen Unterschied zwischen Darm- und Lungenresorp- tion der Fall ist, müssen wir uns gründlich frei machen" ') — wenn eine Fläche überhaupt resor- bieren kann, so steht physiologisch nichts im Wege, daß sie sowohl Sauerstoff als auch gelöste Nährstoft'e resorbiert. Solche Flächen müssen zwei Bedingungen erfüllen, erstens: „die Zellen, die in direkter Berührung mit dem Medium stehen, dürfen nicht durch kutikulare Bildungen bedeckt sein, sondern müssen freie, resorptionsfähige Ober- flächen haben," zweitens, ,,die Oberflächen müssen mit einem Wasserstrom in Berührung kommen, der dafür sorgt, daß immer neue Nährlösung zu- geführt wird". Bei den Schwämmen sorgen hier- für die Geißeln der Kragenzellen. Bei der Oktoko- ratte Alcyonium bleibt ,,bei sonst geschlossenem Ingestionsrohr" „dorsal und ventral je eine Öffnung, in denen durch Streifen von Flimmerepithel Strömungen erzeugt werden, deren eine in das Innere gerichtet ist, während die andere Wasser nach außen zurückbefördert." Actinien nehmen bedeutende Wassermengen in ihren Darm auf und entleeren sie bei Reizung. Bei den Rhizostomen können sicher nur wenig geformte Bestandteile die Mündungen des Gastrovaskularapparates passieren, dafür bietet aber die besonders durch die Mundkrause außerordentlich vergrößerte Ober- fläche hinreichend Gelegenheit zur Resorption ge- löster Nahrung. Bei jeder Strobilation der akraspeden Medusen, „wo die dauernde Produktion einer Menge Ephyren sicher sehr große Anforde- rungen an die Stoffzufuhr stellt, wird die sog. ,, Verdauungshöhle" verklebt und durchschnürt, um die Qualle abstoßen zu können. Wie könnte die Strobila sich in dieser Zeit durch Aufnahme ge- formter Nahrung erhalten und die geforderten Mengen organischer Substanz neu bilden, die ihre ursprüngliche Masse wohl um das Mehrfache über- treffen ?" „Bei Polykladen hat Lang im Gastro vaskular- system lebhaften Wasserwechsel beobachtet." „Bei Yungia und Cykloporus fand Lang, daß im Be- reiche des Netzwerkes der Darmäste eine große Anzahl von Darmdivertikeln gegen die Körper- oberfläche treten, wo sie sich frei öffnen" . . . „weshalb auch Lang (wie v. Graff für Rhabdo- ') Einij;c MitgliedL-r der Gruppe der ('ubitis-^Üartgruiidcl-) äliulichen Fische atmen durch Darm und Kiemen. Ilabak und Dedek, lüol. Cbl. 1907, p. 697 ff. D. Ref. coeliden) bei den Polykladen eine ,, respiratorische Funktion" des Darmes annimmt, was ja nur in anderen Worten dasselbe ist wie: der Darm ist hier dazu geeignet, gelöste Stoffe aus dem See- wasser aufzunehmen." Bei Capitella gibt es ein Kanalsystem am Darm, welches durch rhythmische Kontraktionen des Hinterdarmes mit Meerwasser gefüllt wird, so daß im Darm und Nebendarm Strömungen ent- stehen (Eisig). Ahnliche Einrichtungen sieht Eisig bei Gephyreen und Seeigeln. Bei Denta- lium beschreibt Simroth ein Organ am Enddarm, die sog. „Rektaldrüse", das keine Drüse ist, son- dern aus Schläuchen mit Flimmerepithel besteht, ,,das also gute Bedingungen zur Durchströmung mit Wasser bietet." Das verwickelte Kanalsystem des Schneckenfußes, welches z. B. bei Natica etwa das dreifache Volumen dieser Schnecke in wenigen Minuten aufnehmen kann (Schiemenz), könnte vermuten lassen, daß auch hier Resorption einer Nährlösung stattfindet. — Auch Kiemen brauchen natürlich nicht nur Sauerstoft" zu resorbieren. Die Ascidie Ciona, mit enorm entwickelter Kieme, braucht weniger Sauerstoff als die annähernd gleich schwere Ctenophore Forskalia, „die keine besonderen Kiemeneinrichtungen besitzt". „Die Größe des Sauerstoffbedarfes steht bei den Ascidien in gar keinem Verhältnis zu der ge- waltigen Entwicklung der Kiemen dieser Tiere." „Dasselbe gilt für den Vergleich zwischen Rhizo- stoma und Salpa tilesii." „Der Gehalt an Trockensubstanz stimmt bei beiden Tieren sehr nahe überein, und auch hier hat die Qualle ohne Kiemen mit 0,808 mg Sauerstoffverbrauch pro Tier ein wesentlich höheres O Bedürfnis als Salpa tilesii mit 0,159 ^^S O - Verbrauch pro Tier und Stunde." „Wenn wir aber Kiemen" oder kiemenartige Gebilde als Organe der Aufnahme gelöster Nährstoffe ansehen, so ist uns für viele Tiere verständlich, wie sie ihren hohen Stoff- bedarf decken, denn da die Menge gelöster or- ganischer Verbindungen in der Volumeneinheit des Meeres jene des gelösten Sauerstoffes so be- deutend übertrifft ('s. o.), so wird bei genügender Sauerstoffversorgung stets auch die genügende Menge gelöster Nahrung in der Natur geboten werden." 8. Die Bedeutung der geformten Nahrung und der Därme. Für die Ernährung derjenigen Wassertiere, die im allgemeinen von in Wasser gelöster Nahrung leben, könnte doch die Aufnahme geformter Nahrung, wenn auch in geringer Menge, von großer Bedeutung sein, da hierin vielleicht Stoffe in hoher Konzentration enthalten sind, die sich im Meerwasser sonst nur spärlich finden, z. B. N. (Man könnte auch an die Aufnahme von Enzymen denken, die wohl sicherlich in vielen Organismen des Meeres enthalten sind. D. Ref.) Die Därme der Wirbellosen, die vonMikroplankton leben, haben bei der Verdauung dieser Nahrung offenbar nur wenig Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VHI. Nr. i Arbeit, so daß Verf. vermutet, daß die Oberfläche der Därme nicht nur bestimmte Nährstoffe auf- nimmt, sondern auch Stoft'wechselprodukte aus- scheidet. 9. Die Ernährung aus Nährlösungen. Die Behauptung, daß viele wirbellose Tiere sich von den im Wasser des Meeres gelösten Stoften ernähren, verliert viel von ihrem Unge- wohnten, wenn wir uns erinnern, daß „bei den meisten Zellgattungen der Metazoen die Fähig- keit, geformte Nahrung aufzunehmen, überhaupt völlig verloren gegangen" ist und sie von den Nährlösungen der Körperfiüssigkeiten leben, während wir gewohnt sind den Organismus als Ganzes nur geformte Nahrung aufnehmen zu sehen. Aber die große und in den verschiedensten Tier- stämmen vertretene Gruppe der Parasiten hat die geformte Nahrung zugunsten der gelösten aufge- geben. Nahe Verwandte vieler dieser Parasiten leben frei. Sie zeigen, daß der Unterschied der Ernährung mehr graduell als fundamental ist, „indem die Parasiten aus einer konzentrierten, die freilebenden Formen aus einer verdünnten Nähr- lösung leben" . . . ,, womit wohl die außerordent- lich intensive Produktion von Leibessubstanz in Beziehung steht, die bei den Parasiten allgemein zu beobachten ist, und die sich teils in raschem Wachstum, teils in äußerst abundanter Produktion von Geschlechtszellen äußert." „Das Meer stellt also für sehr viele Tiere eine Nährlösung dar, aus deren unerschöpflichem Reservoir sie beständig ihre Nahrung entnehmen." ,.Die Frage, woher die großen Mengen ge- löster Stoft'e im Meere stammen . . . läßt sich nur im Zusammenhange mit der allgemeinen Lehre vom Stoft'haushalt des Meeres erörtern, was in der folgenden Abhandlung geschehen soll." Sammelreferate und Übersichten über die Fortschritte in Neues aus der organischen Chemie. ') — I. Die Zerlegung hoch komplizierter chemischer Verbindungen im schwan- kenden magnetischen Kraft felde. Bei Betrachtungen über das Wesen der enzj'matischen Wirkungen war J. Rose nthal - Erlangen zu der Ansicht gelangt, daß zwischen diesen Wirkungen und den photochemischen Prozessen Beziehungen beständen und daß es ferner möglich sein müsse, die durch Enzyme zerlegbaren hochkomplizierten organischen Stoffe wie die Proteine, die Glukoside und die Saccharosen, die bekanntlich, da sie alle asymmetrische Kohlenstoffatome enthalten, die Ebene des polarisierten Lichtes drehen, auch mit Hilfe von elektromagnetischen Schwingungen zu spalten. Er brachte daher die zu prüfenden Stoffe entweder in wäßriger Lösung, oder, falls sie in Wasser unlöslich waren, hierin aufgeschlämmt in ein Solenoid und leitete durch dessen Windungen elektrische Ströme. Wie zu erwarten war, blieben die Stoft'e, solange die Ströme kontinuierlich waren, unverändert; wurden aber die kontinuier- lichen Ströme fortwährend und regelmäßig unter- brochen oder wurden Wechselströme angewandt, so traten Spaltungen ein, und zwar erwiesen sich die Spaltungsprodukte als identisch mit denen, die durch die Tätigkeit der Enzyme erhalten werden. „Hauptbedingung für die Erzielung eines positiven Erfolges ist unter allen Umständen eine ganz bestimmte Zahl der Unterbrechungen oder Rieh tungs Wechsel. Ist diese nicht getroffen, so bleibt der Erfolg aus. Statt dessen tritt als Folge der Absorption der Schwingungen nur Erwärmung ein. Hat man aber die richtige ') Vgl. .\atu] w. Wnchijusclirill, N. F., )!il. \U, S. 27S, l'joS. den einzelnen Disziplinen. Frequenz getroft'en, so fällt bei gleicher Stärke des benutzten Stromes die Erwärmung auffallend gering aus . . . und es wird der größte Teil der zugeführten Energie in diejenige geordnete Be- wegung übergeführt, welche den Effekt hat, die Substanz zu zerlegen . . ." Eine Folge der un- vermeidlichen schwachen Erwärmung kann die Zerlegung, wie Kontrollversuche gezeigt haben, nicht sein; auch primäre oder sekundäre elektro- lytische Vorgänge können zur Erklärung der Er- scheinung nicht herangezogen werden, da „die Zerlegung eben nur bei einer ganz bestimmten Frequenz eintritt". Die aus Mangel an theore- tischen Anhaltspunkten nur experimentell, durch Probieren, festgestellten wirksamen Schwingungs- zahlen lagen bei den Proteinen zwischen 320 und 360, bei der Stärke zwischen 440 und 480 Wechseln in der Sekunde; alle anderen Stoft'e erforderten viel höhere Frequenzen. Die Stromstärken schwankten zwischen 5 und 10 Ampere. Die F"ortsetzung dieser Lhitersuchungen dürfte noch zu wertvollen Ergebnissen führen. (J. Rosenthal, Sitzungsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wissenschaften, 1908, S. 20—26. Die Abhand- lung ist auch als Separatabdruck zum Preise von 0,50 Mk. käuflich.) 2. DerThioindigounddie indigoiden P'arbstoffe. Als indigoide P^arbstoffe bezeichnet P. Friedlaender Substanzen mit dem für den Indigo I und das Indirubin II CO. I ^co \ /C=a I I NIF ^NH^X/ Indigo N. F. VIII. Nr. 1 NatLirwisscnschartliiiic Wochenschrift. ./ CO xo. ^c = c MI Indirubin \ _ / charaktcrisüscheü .Atomkomplex CO \ C = C CO der unter anderem auch in dem vor einigen Jah- ren von I.. Knorr entdeckten Pyrazolblau III und dem von Friedländer vor kurzem aufoefundenen Thioindigo IV vorkommt. ,CO, III CO. c,,n.-, -n; c = c I c = c-= I CH3 CH, Pyrazolblau N C„H, ,CO IV ~c=c co^ y \ '\s Tliioiiuligu '\/ Die Zahl der indigoiden Farbstoffe , die in ihrem physikalischen und chemischen \'erhalten dem Indigo nahestehen , ist in neuerer Zeit, dank den .Arbeiten von Friedlaender und seinen Schü- lern sehr wesentlich vermehrt worden , und da manche von ihnen auch technische Bedeutung haben, so ist ein kurzer Bericht über den wichtig- sten Vertreter der (iruppe, den Thioindigo, an dieser Stelle wohl gerechtfertigt. WieFriedländerin Gemeinschaft mit A.C h w a 1 a gefunden hat , vereinigen sich die aromatischen Diazoverbindungen ArN.jCl mit Thioglykolsäure CH.j(SH)-COOH in verdünnter wäßriger Lösung zu Verbindungen von der Zusammensetzung ArN., • S ■ CH.,COOH, die sich beim Erwärmen quan- titativ unter Stickstoffahspaltung in die entsprechen- den Arylthioglykolsäuren Ar-S-CH.j -COOH ver- wandeln. Aus der Anthranilsäure V, dem be- kannten Ausgangspunkt für die Indigogewinnung wird man also durch Diazotierung und Kuppelung mit der Thioglykolsäure die Phenylthioglykol-o- carbonsäure VI erhalten: CODII / ^COOH V -!- VI \ /NH2 \ y— S — CHj — COOH .-\ntliranilsäuie Phcnj'Uhioglykol-o-caibonsäurc. Durch Wasserentziehung geht die Phenylthio- glykol o-carbonsäure VI leicht in die Oxythio- naphtencarbonsäure VII und diese durch Abspal- tung von Kohlensäure in das Oxythionaphten ') VIII über; ') Das Oxythiunaphteii leitet sich vom Tliionaplileu ab, einem Stoffe, der zum Naplitalin in derselben Bezieliung stellt wie das Thiophen zum Benzol. I I \/ Benzol I 1 \s/ Thiophen I 1 I Naphtalin I I I \/\s/ Thionaplitcn / CO OH CH., VI \ ' et liienylthioglykol-o-carbonsäure -COQH — ILO VII C(OH) % "^C— COOK - Ci.i., / \. Oxythionaphtencarbonsäurc VIII "^CH \s/ O.sythionaiihtcii. Das Oxythionaphten VIII ist ganz analog dem tion in Indigo XI übergeht, so liefert jenes den Indoxyl X gebaut, und wie dieses durch Oxyda- Thioindigo IX. VI 11 CO. ,CII., Oxvthiona]ihten .CIL, -^1 NU Indoxyl Die Synthese des Thioindigos verläuft also, wie das Vorstehende zeigt, in ganz ähnlicher Weise wie die des Indigos aus demselben Aus- gangsmaterial, der Anthranilsäure. — Von den Kigenschaften des Thioindigos sei hier nur die Echtheit und Beständigkeit erwähnt, die er mit dem Indigo selbst teilt. Seine l'^arbe ist auffallendcr- co. l.\ ^ \ Thioindigo XI CO \/ ,Co .CO \ C = C, SS37" Indigo, weise rot, während man sonst in der Regel be- obachtet hat, daß bei Ersatz von Ringsauerstoff durch Schwefel eine Verschiebung nach dem violetten Ende des Spektrums hin erfolgt. (Bcr. d. D. Chem. Gesellsch., 39, 1060 1906:; Liebig's Annalen, 351, 390 1906:: Ber. d. D. Chem. Ge- sellsch., 41, 772 1I907]; IVIonatshefte f. Chemie, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. I 29, 285 [1907]; man vgl. auch Schmidt „Jahrbuch der organischen Chemie", I. Jahrgang, S. 285 [1908].) 3. Die Sabatier'schen Reaktionen. Die hohe Bedeutung katalytischer Reaktionen ist jedem Chemiker wohlbekannt, und doch ist die Zahl der auf katalytischen Vorgängen beruhenden Verfahren, die in mehr oder minder großem Maß- stabe zur Gewinnung von Stoffen praktische Ver- wendung finden, nicht allzu groß. Es ist daher von großem Interesse, daß neben die bereits be- kannten katalytischen Methoden, von denen vor allen Dingen die wichtigen Sandmeyer'schen Re- aktionen hier genannt sein mögen, in neuerer Zeit ein von Sabatier in Gemeinschaft mit Sen- derens und Maiihe ausgearbeitetes Verfahren ge- treten ist, das bereits jetzt dank seiner leichten und bequemen Durchführbarkeit und dank den schönen Ergebnissen, zu denen seine Anwendung bisher schon geführt hat, eine außerordentlich wichtige Stelle in der Methodik des organischen Chemikers einnimmt. Sabatier und seine Mitarbeiter haben gefunden, daß gewisse Metalle, in erster Linie das (durch Reduktion aus seinem Oxyd mittels Wasserstoff erhaltene, also sehr fein verteilte) Nickel die Addition von Wasserstoff an ungesättigte Ver- bindungen zu katalysieren imstande sind. So gehen Äthylen, Propylen, Trimethyläthylen usw., wenn man ein Gemisch ihrer Dämpfe mit Wasser- stoff bei nicht zu hohen Temperaturen über den Katalysator leitet, in die entsprechenden gesättigten Kohlenwasserstoffe über, eine bequeme Dar- stellungsmethode dieser Substanzen in reinstem Zustande : I. CH. ; CH., + H., = CH3 -CHg 2. CH.2 : CH — CH; -f H; = CH, • CH, • CH3. Der Allylalkohol liefert den Propylalkohol , ein wichtiger Übergang, der sich vorher nicht hatte verwirklichen lassen : CH., : CH . CH,OH + H, = CH, • CH,CH,OH. Das Benzol, ein Stoff, der nach der Formulierung von Kekule drei doppelte Bindungen hat, addiert sechs Wasserstoffatome unter Bildung von Hexa- methylen oder Cyklohexan : H lieh und vielleicht auch technisch wichtiges Er- gebnis. Die Hydroxylderivate des Benzols führen, sofern sie flüchtig genug sind, um die Leitung ihrer Dämpfe über das erhitzte Nickel zu gestatten, ebenfalls zu den entsprechenden Additionspro- dukten. So ergibt das Phenol I das zu ihm gehörige Cyklohexanol II, aber gleichzeitig entsteht neben dem Alkohol Cyklohexanol noch das Keton Cyklohexanon III H H., Hj ^\. II H.OH \ / lt. H» n/\u H' H H H..I ,Hj, Ih., H, Viele Benzolabkömmlinge, z. B. Toluol und Xylol verhalten sich analog, und es ist daher möglich gewesen, eine große Reihe der redu- zierten Produkte, zu deren Gewinnung man bis- her auf den mühsamen Weg der fraktionierten Destillation aus der kaukasischen Naphta ange- wiesen war und deren Reindarstellung früher viel- fach auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß, ohne große Schwierigkeiten im Zustande voll- kommener Reinheit zu erlangen, ein wissenschaft- H- H •OH H.,l ^H., Ho H, 111 vH, ,0 H H,. Um diesen Übergang zu verstehen, müssen wir uns einen Augenblick dem Verhalten der Alkohole bei der Sabatier'schen Reaktion zuwenden. Daß sich die Alkohole bei höherer Tempe- ratur teils mit, teils ohne katalytische Beteiligung von Metallen (z. B. Zinkstaub, Eisen, Platin usw.) zersetzen, ist eine seit langem bekannte Tatsache. Über den Einfluß feinverteilten Nickels stellten Sabatier und seine Mitarbeiter folgendes fest: Leitet man die Dämpfe eines primären Alkohols, z. B. des Äthylalkohols, bei einer unterhalb 230" gelegenen Temperatur über feinverteiltes Nickel, so findet eine doppelte Reaktion statt: Zunächst wird der Alkohol in Aldehyd und Wasserstoff gespalten : CH, -CH, OH = CH3CHO + H,, und dann wird der Aldehyd weiter in einen ge- sättigten Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd zerlegt : ') CH3.CH0 = CH, +C0. Die anderen primären Alkohole verhalten sich ebenso wie der Äthylalkohol, nur nimmt mit steigendem Molekulargewicht die Leichtigkeit der Wasserstoffabspaltung ab und die der Kohlen- säureabspaltung aus dem Keton zu. Die sekundären Alkohole liefern unter Verlust von Wasserstoff Ketone CH, ■ CH(OH) . CH, = CH, ■ CO • CH, -f- H„ jedoch tritt insofern noch eine Nebenreaktion ein, als der frei werdende Wasserstoff einen Teil des noch nicht verbrauchten Alkohols spaltet, z. B. : CH,-CH(OH).CH3 + 2H2 = CH3.CH, + H,0 + CH,. Die Umwandlung des sekundären Alkohols Methylcyklohexanol in das Keton Methylcyklo- hexanon ist also eine ganz normale Reaktion. Das Verhalten der primären und sekundären Alkohole und noch mehr das der tertiären, welche von Nickel vollkommen zerstört werden, zeigt uns Beispiele für die andere Wirkungsweise des Katalysators, für seine zersetzenden Kräfte. Das ') Oberhalb 230" verwandelt sich bei Anwesenheit von Nickel das Kohlenoxyd unter Abscheidung von Kohle in l-voblensäure : 2CO = C + COj. N. F. VIll. Nr. 1 Niiturwissenschaftlichc Wochenschrift. Nickel kann chemische Stoffe aufbauen und auch zerstören , und welche Reaktion in einem be- stimmten Falle eintritt, hängt von der Temperatur ab. So wird das Äthan, das sich, wie wir wissen, unterhalb 230" aus Wasserstofi' und Äthylen bildet, oberhalb 325" in Methan und Kohlenstoff 2CH,-CH3 = C + 3CH, und bei noch höherer Temperatur das Methan in ähnlicher Weise in Wasserstofif und Kohlenstoff gespalten ; CH, = C + 2H.,. Das Anilin, das sich bei Anwesenheit von Nickel durch Reduktion von Nitrobenzol mit Wasserstoff bei 200" bildet, wird bei 300" bereits in Ammoniak und Benzol — dieses wird unter den Versuchsbedingungen natürlich z. T. hydriert — übergeführt. In diesem F"alle sind also die Bildungs- und die Zersetzungstemperatur noch durch ein Intervall von 100" getrennt; es sind aber auch Fälle bekannt, wo die beiden Tempe- raturen einander sehr viel näher kommen, ja sogar praktisch zusammenfallen, d. h. die in Betracht kommenden Substanzen können nur als labile Zwischenprodukte auftreten. Hin Beispiel für das Gesagte stellen die Nitrile dar. Sie liefern bei der Reduktion, wie ja zu erwarten ist, primäre Amine R.C.N->R.CH..-NHj, aber diese werden unter dem Einflüsse des Kataly- sators sofort weiter umgesetzt, indem unter Ammoniakabspaltung teils sekundäre und tertiäre Amine, teils sogar die Kohlenwasserstoffe selbst entstehen : RCH., • NH., ->(R- CH.,)., NH -> (R • CH,)., N -vR-CHg. Die Reduktion der halogenhaltigen Stoffe nach dem Sabatier'schen Verfahren bietet Schwierig- keiten, da der Katalysator bei niedrigen Tempe- raturen durch Übergang des Nickels in seine Halogenide „vergiftet" wird und bei höheren Temperaturen, wo das Nickelhalogenid wieder zum Metall reduziert wird, in der Regel Zer- setzungen eintreten. Die anderen Metalle, von denen Sabatier und seine Mitarbeiter besonders das Kupfer und das Kobalt in den Kreis ihrer Untersuchungen gezogen haben, wirken im allgemeinen ähnlich , aber schwächer als das Nickel, aber gerade der Umstand, daß sie schwächer wirken, macht ihre Anwen- dung manchmal besonders zweckmäßig; jedoch sei der Leser wegen dieser und aller weiteren Einzelheiten auf die Originalliteratur (Comptes Rendus, von Bd. 124 an) sowie auf die recht vollständige Zusammenstellung von A. Mailhe (Chem. Zeitung, 1907, S. 1083, 1096, 11 17, 1146 und 1158, und 1908, S. 229 und 244) verwiesen. 4. Das Burserazin. Daß das Myrrhenharz im .^Itertume vielfache Verwendung zur Wund- heilung fand und daß es ferner auch bei der Ein- balsamierung der Leichen zur Veriiütung der Fäulnis, also als Sterilisierungsmittel gebraucht wurde, ist bekannt. Der Bestandteil des Harzes, dem diese wertvollen Eigenschaften zukommen, das „Burserazin", das im Myrrhenharz zu 1,5 — 2"',, enthalten ist, ist neuerdings von Werner von Bolton isoliert und genauer untersucht worden. Das Burserazin, ein bei 78" schmelzendes, hell gräulich-braunes, in heißem Wasser ziemlich leicht lösliches Pulver, selbst ein äußerst merkwürdiger Stoff, liefert bei der Oxydation mit Wasserstoff- superoxyd einen rein weißen , im Laufe von Wochen gelb werdenden, an feuchter Luft zer- fließlichen Körper von eigentümlichem Geruch und ohne bestimmten Schmelzpunkt, das Oxy- burserazin, das die sonderbaren Eigenschaften der Muttersubstanz in noch sehr erhöhtem Maße be- sitzt : ') Das Oxyburserazin und , wenn auch schwächer, das Burserazin sind radioaktiv;') beide zeigen rJ- und y-Stralilung. Nach neun Monaten geht das Oxyburserazin in einen anderen Stoff über, der nicht mehr radioaktiv ist, ,,es ist also während etwa •' j Jahren ein Körper mit gewisser- maßen künstlich erzeugter Radioaktivität" (?); Metallfolie wird, so weit bis jetzt bekannt ist, von den Oxyburserazinstrahlen nicht durchdrungen. Wird eine wäßrige Oxyburserazinlösung mit ver- dünntem, frischem Schweineblut vermischt und die Mischung auf Körperwärme gebracht, „so scheiden sich aus dem Blut braune Flocken aus, die, auf einem Filter gesammelt und einige Male ausge- waschen, beim Trocknen an der Luft eine völlig zusammenhängende elastische, durchsichtige, in Wasser unlösliche Membran hinterlassen , die durchaus wie eine porenlose Haut aussieht. Viel- leicht ist das eine besondere Koagulationsform des Eiweiß. Mit keinem anderen koagulierenden Mittel, wie verdünnten Säuren, Wasserstoffsuper- oxyd und Formaldehyd, war ein gleiches Resultat zu erzielen : es schieden sich allerdings stets ähn- liche Plocken, wie durch das Oxyburserazin, aus, sie bildeten aber nach dem Trocknen niemals eine Membran, sondern nur spröde, pulverisierbare Krusten. Ein Stückchen solch einer Haut wurde auf eine kleine Fingerwunde transplantiert und verwuchs vollkommen mit der Haut des Fingers." Bei Abschluß von Luft erzeugt das Oxyburserazin im Blute keine Flockenbildung; Anwesenheit von Luft ist für diesen Vorgang erforderlich. Wird also in den Blutkreislauf Oxyburserazin eingeführt, das bei der subkutanen Injektion keine giftige Wirkung erkennen läßt, so muß es, sowie es auf seinem Wege durch den Körper an eine offene Wunde gelangt, die beschriebene Haut bilden, was besonders bei inneren Wunden, etwa bei der ') Die Gewinnung des Oxyburserazins aus dem Burserazin muß mit größter Vorsicht geschehen, da sonst leicht äußerst heftige E.xplosionen auftreten können. -) Ob und inwieweit es sich hier um wirkliclie Radio- aktivität handelt, mag dahingestellt bleiben, Stralilung allein ist noch keine Radioaktivität, vielmehr haben wir nach Stark nur solche Phänomene als radioaktiv zu bezeichnen, die mit dem Zerfall von Atomen kausal verknüpft sind. lO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. I Lungentuberkulose, von großer Wichtigkeit werden kann. Flechtenerkrankungen werden, wenn die erkrankten Stellen mit Oxyburserazinlösung ge- waschen werden, in kurzer Zeit vollkommen be- hoben. Vielleicht hängen diese medizinischen Eigenschaften des Oxyburserazins mit seiner „Radioaktivität" zusammen (Zeitschr. f. Elektro- chem., Bd. 14, S. 211, 1908). 5. Über kristallisiertes Chlorophyll. Das eingehende Studium des grünen Fflanzenfarb- stoffes, des Chlorophylls, hat Richard Willstätter in Zürich zu seiner Aufgabe gemacht. Einen be- sonders schönen Erfolg hat er nun neuerdings auf diesem Gebiete errungen, indem es ihm, Angaben von J. Borodin und N. A. Monteverde folgend, in Gemeinschaft mit Max Benz gelungen ist, aus ge- trockneten Blättern in einer Ausbeute von 2 bis 2,4 g auf ein Kilogramm des genannten Ausgangs- materials reines Chlorophyll in kristallisiertem Zu- stande zu gewinnen und zu analysieren. Das reine Chlorophyll, das der Formel C.;^Hj.,0;N,Mg entspricht, bildet gewöhnlich scharfbegrenzte, sechseckige und gleichseitig dreieckige Täfelchen von 0,1 bis 0,2 mm Durchmesser. Die Kristalle zeigen blauschwarze oder, bei kleinerer Ausbil- dung, grünschwarze Farbe; im durchfallenden Lichte sind sie grün, jedoch sind nur sehr dünne Blättchen überhaupt durchsichtig. Beim Erhitzen zersetzt sich das Chlorophyll, wobei schwer ver- brennliche Kohle entsteht; beim Glühen hinter- bleibt reine, weiße Magnesia. Es zeigt schwach basische Eigenschaften. Beim Verseifen mit Alkalien bilden sich die Alkahsalze zweier „Chloro- phylline"; ^j ob ein Säureanhydrid oder die Ester eines niedrigen, wasserlöslichen Alkohols vorliegen, ist noch nicht ermittelt. Bei der Einwirkung von Oxalsäure wird das Magnesium eliminiert, und es entsteht ein vollkommen aschefreies, gut kristalli- sierendes Produkt, das Phaeophorbin. Das kristallisierende Chlorophyll ist keineswegs das einzige in den Pflanzen vorkommende grüne Pigment. Von den anderen Komponenten des Gemisches von grünen Pigmenten ist besonders noch eine amorphe Substanz zu nennen , das Phytoleslerchlorophyll, das sich früher von dem kristallisierten Chlorophyll nicht hatte trennen lassen und daher zu der irrigen Ansicht geführt hatte, daß „das Chlorophyll" bei der Verseifung einen Alkohol C.,„II,„0, das Phytol, liefere, während das kristallisierte Chlorophyll, worauf besonders hinzuweisen ist, mit diesem Alkohol nichts zu tun hat (R. Willstätter und Max Benz, Liebig's Annalen, Bd. 358, S. 267; eine gute Übersicht über die äUeren Arbeiten findet sich in Schmidt's „Jahrbuch der organischen Chemie" Bd. I, S. 359 u. f.). 6. Die Waiden 'sehe Umkehrung. Im Jahre 1897 hat I'- Waiden die wichtige Beobach- ') Mit ilcr Kiidunj; „phyllin" worden die magncsiiim- haltigen Produkte der alkalischen Hydrolyse des ChlorciphylN bezeichnet, z. B. Chlorophyllin, (ilaukophyllin usw. tung gemacht, daß es möglich ist, optisch-aktive Substanzen, ohne den Umweg über den Razem- körper einzuschlagen, direkt in ihre optischen Antipoden zu verwandeln. Geht man z. B. von der 1 - Chlorbernsteinsäure aus und behandelt sie mit Silberoxyd, so gelangt man zur 1-Äpfel- säure; diese bildet bei der Einwirkung von Phos- phorpentachlorid wieder Chlorbernsteinsäure, aber nicht die links, sondern die rechtsdrehende F"orm. Die d-Clilorbernsteinsäure liefert ihrerseits mit .Silberoxyd d-Apfelsäure und diese läßt sich mit Phosphorpentachlorid wieder in die als Ausgangs- material des Kreises von Reaktionen dienende 1-Chlorbernsteinsäure überführen. Eliminiert man hingegen das Chlor der 1-Chlorberiisteinsäure an- statt mit Silberoxyd mit Kalilauge, so kommt man zur Rechtsform und in analoger Weise von der d-Chlorbernsteinsäure zur Linksform der Äpfelsäure; es besteht also ein vollkommener Gegensatz in der Wirkung von Silberoxyd und Kalilauge. Das nebenstehende Schema I läßt das Gesagte deutlich hervortreten. (Vgl. Ber. d. Deutsch. Chem. Gesellsch., 30, S151 [1897^ ""^ 32, 1833 u. 1855^1899].) Das Studium dieser eigentümlichen Erschei- nungen, der „Walden'schcn Umkehrung", hat Emil I""ischer neuerdings wiederaufgenommen. Erfand zunächst das nebenstehende Beispiel II der Be- ziehungen zwischen dem Alanin und der Brom- propionsäure. Der Wechsel in derKonfiguration konnte entweder bei der Einwirkung von Ammoniak auf die Brom- fettsäure oder bei der von Nitrosylbromid auf das Alanin erfolgen. Der Versuch entschied zugunsten des Nitrosylbromids. Während nämlich Fischer aus dem Alanin selbst durch Nitrosylbromid die 1-Brompropionsäure erhielt, entstand bei der Ein- wirkung desselben Reagens auf den Ester des Alanins der Ester der d -Brom Propionsäure. In einem Pralle muß also unbedingt eine Umkehrung der Konfiguration eintreten, d. h. dasselbe Reagens kann bei Stoffen, die sich so nahe stehen wie eine Säure und ihr Ester, einmal optisch normal, das andere Mal optisch anomal wirken. Die Umkehrung, die P'ischer ^in analoger Weise auch beim 1-Leucin, beim 1-Phenylalanin und bei der 1-Asparaginsäure beobachtet hat, findet vermutlich bei der freien Säure statt. Je- doch spielt sich die Kreisreaktion nicht bei allen «■Aminosäuren in gleichem Sinne ab. Wird das aktive ,,Valin" (((-Aminoisovaleriansäure) in die ent- sprechende Bromvaleriansäure und diese mit Hilfe von Ammoniak wieder in «-Aminoisovaleriansäure verwandelt, so erhält man nicht den optischen Anti- poden des Valins, sondern dieses selbst. Nach den neuesten Untersuchungen dürfte in diesem Pralle eine doppelte Umkehriing vorliegen (Ber. d. Deutsch. Chem. Gesellsch., 40, 489 [\<)0J\ 41, 889 und 2891 [1908] ; man vgl. auch Schmidt's ,, Jahr- buch der organischen Chemie", Bd. I, S. 7 u. f.). 7. Über A 1 k y 1 i e r u n g s g e s c h w i n d i g - keiten sprach Prof. H. Goldschmidt-Christiania N. F. VIII Nr. 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 1 1 I > (KOH) I-Chlorbcrnstcinsäurc A y (pn ) -t d-A[)felsäurc A (Ag,0) V (PC\ ) (Ag,0) A lAptelsäurc Y d Chlorbernstein (KOH) < W'alden'sche Umkehrung. II d-.Alaiiin -< (NOBr) Y 1-Bronipropionsäure (NH,) ^- > (NH3) VValden'sche Umkehrung. d-Brompropionsäure (NOBr) Y — >■ r-Alanin auf der diesjährigen Hauptversammlung der Deut- schen Bunsengesellschaft in Wien. Goldschmidts Versuche, die sich hauptsächlich auf die beiden Klassen der stereoisomeren aromatischen Aldoxime, die fetten i\ldoxime, die Ketoxime sowie auf eine Reihe von Thioverbindungen erstrecken, haben zu recht interessanten Ergebnissen geführt. Die .■\lkylierung geschieht bekanntlich durch Behand- lung des betreffenden Stoffes in alkoholischer Lösung mit Natriumalkoholat und Halogenalkyl, z. B. nach der Gleichung QH5CH ; NOH + NaOCoH, + CH-,I = CaHäCH : NOQH5 -f Nal '+ C,H,ÖH. Eine Lösung zur Alkylierung von Benzaldoxim, um bei dem gewählten Beispiele zu bleiben, ent- hält nun das O.vim in drei Formen, als freies Benzaldoxim, als Natriumsalz C|;H-,CH :X0 Na und als Ion C,;H-CH:NO , und es entsteht daher die Frage, welche von diesen drei Formen der rea- gierende Stoff ist. Diese F~rage läßt sich durch Messung der Reaktionsgeschwindigkeit mit syste- matischer \^eränderung der Konzentration des Oxims und des Alkoholats dahin beantworten, daß das Ion der eigentlich wirksame Bestandteil ist. Man könnte sich nun den Alkylicrungsvor- gang so denken, daß das Oximion sich direkt mit dem C.jH-.-Ion des zum kleinen Teile zer- fallenen Jodäthyls vereinige. Diese Auffassung ist iedoch nicht richtig, da die Alkylierungsgeschwin- digkeit der Konzentration des Jodäthyls direkt proportional ist; entspräche nämlich die ange- deutete Hypothese der Wirklichkeit, so müßte die Geschwindigkeit anfänglich der Quadratwurzel der Konzentration und erst nach der Abscheidung von Jodnatrium der Konzentration des Jodäthyls selbst direkt und ferner der Jodionen-Konzentra- tion umgekehrt proi>ortional sein, was nicht der F^all ist. Es muß also zunächst ein Additions- produkt des Oximions und des neutralen Jod- äthylmoleküls, also ein Komplexion entstehen, welches schließlich durch Abspaltung von Jodion das Produkt der Alkylierung liefert. Die Addi- tion des Jodäthyls erfolgt bei den Antialdoximen am Sauerstoff i., bei den Synoximen am Stick- stoff 2., da jene Sauerstoff-, diese Stickstoffestcr liefern. I. C,.H-, CH . ■ II / NO- C,H, 2. C,,H-, CH ' II NO- /\ C,R I Die Alkylierungsgeschwindigkeit, die man bei den Versuchen wirklich mißt, kommt vermutlich dem Zerfall des Komplexions zu, da im allgemeinen die Bildung von Komplexionen mit sehr großer Geschwindigkeit zu verlaufen pflegt. Die Ge- schwindigkeitskonstanten sind für die Stoffgruppen, aber nicht für die einzelnen Glieder charakte- ristisch. Alle Synaldoxime z. B. haben, unter gleichen Bedingungen beobachtet, annähernd die- selbe Konstante, welche von der gemeinsamen Konstante der Antialdoxime beträchtlich abweicht. Analoges gilt für die fetten Aldoxime, die Ketoxime und die Thioverbindungen. (Zeitschrift für Elektrochemie, Bd. 14, S. 581 jiQoS].) 8. F'luoreszenz und Konstitution der organischen Stoffe. Unter Fluoreszenz ver- steht man bekanntlich die Erscheinung, daß ge- wisse Stoffe bei und während der Belichtung ge- wissermaßen selbstleuchtend werden, indem sie das absorbierte Licht nicht vollständig in Wärme umwandeln, sondern zum Teil als Licht anderer Brechbarkeit wieder abgeben. Von der Phospho- reszenz unterscheidet sich die Fluoreszenz dadurch, daß sie nur so lange dauert, wie belichtet wird, während bei jener das Leuchten nach der Be- lichtung auch im Dunkeln noch fortdauert. Bei- 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. I spiele für F'luoreszenz bietet das farblose oder fast farblose Petroleum, das mit blauem, das gelbe Uranglas, das mit grünem, und ein alkoholischer Auszug grüner, d. h. chlorophyllhaltiger Blätter, der mit blutrotem Fluoreszenzlichte leuchtet. Die Beziehungen zwischen dem erregenden und dem Fluoreszenzlicht folgen im allgemeinen der bereits seit mehr als einem halben Jalirhundert bekannten, jedoch nicht in aller Strenge gültigen Stokes'schen Regel, nach der die Wellenlänge des Fluoreszenz- lichtes größer als die des erregenden Lichtes ist. Die Fluoreszenz, die im sichtbaren oder im un- sichtbaren Teile des Spektrums auftreten kann, setzt ähnlich wie jede photochemische Wirkung vorangehende Absorption des erregenden Lichtes voraus, und zwar besitzt, wie Stark gezeigt hat (Physik. Zeitschrift VIII, 8i \\90f) jeder fluores- zierende Stoff Absorpt ion sbande n. Die ein- fachste mögliche Erklärung des Mechanismus der Fluoreszenz, nach der diese auf eine direkte Über- tragung der Energie der erregenden Strahlung auf die fluoreszenzfähigen Moleküle zurückzuführen und somit als einfache Resonanzerscheinung aufzufassen wäre, hat sich bei näherer Untersuchung nicht aufrecht erhalten lassen, da die Wellenlänge maxi- maler Intensität beim Fluoreszenzlicht entgegen den Forderungen der Theorie von der Schwingungs- zahl des erregenden Lichtes unabhängig ist (Ni- chols und Merritt, Phys. Review, 19, 18 [1904]). Die Wirkung des erregenden Lichtes muß somit eine indirekte sein , indem durch das erregende Licht zunächst eine chemische Substanz erzeugt wird, die spontan unter Abgabe der empfangenen Energie in Form von Fluoreszenzlicht unter Rückbildung des Ausgangsstofi'es wieder zerfällt. Für die Fluoreszenz würde also dasselbe Schema gelten, das Luther und Percy Waentig (Zeitschr. f physikal. Chemie, 51, 435, oder Percy Waentig, Zum Chemismus phosphoreszierender Erdalkalisnlfide, Dissertation, Leipzig 1905J für die Erscheinungen der Phosphoreszenz aufgestellt haben : Stoff A -j- erregendes Licht = StoffB Stoff B = Stoff A -\- Phosphoreszenz od. Fluoreszenz, und in der Tat hat Wiedemann (Wiedem. .^nna- len, 34, 448) durch Einbettung fluoreszierender Stoffe in Gelatine die Abgabe des Fluoreszenz- lichtes so verlangsamen können, daß das Leuch- ten, auch nachdem die Wirkung des erregenden Lichtes aufgehört hatte, noch sichtbar war, d. h. er hat die Fluoreszenz in Phosphoreszenz verwan- delt und damit die prinzipielle Gleicliheit beider Erscheinungen dargetan. Unsere Kenntnisse über die Beziehungen zwi- schen der Fluoreszenz und der chemischen Kon- stitution der organischen Verbindungen ist durch eine Reihe von neueren Untersuchungen, von denen in erster Linie diejenigen von J o h. Stark zu nennen sind, beträchtlich erweitert und vertieft worden. Stark hat gezeigt, daß (sichtbare oder unsichtbare) Muoreszenz besonders bei dem Benzol und allen seinen Derivaten mit nichtreduziertem Kern auftritt. Das Benzol selbst besitzt kräftige Fluoreszenz im Ultraviolett; durch Kondensation mehrerer Benzolkerne wird die Fluoreszenz immer mehr in der Richtung zum sichtbaren Teile des Spektrums hin verschoben. Diese Verschiebung kann auch durch Einführung von auxofloren, d. h. von gewissen substituierenden Gruppen in den Benzolkern bewirkt werden. ,,Die Verschiebung wächst mit der Zahl der Substitutionen , aber langsamer, als die Proportionalität ergeben würde. Die ver- schiebende Wirkung verschiedener substituierender Atome oder Atomgruppen ist ungleich groß. Von den untersuchten Gruppen verschiebt am wenig- sten die Methylgruppe, am meisten die Amido- gruppe, in der Mitte zwischen beiden steht die Hydroxylgruppe. Die drei Halogene Cl, Br und J verschieben das Fluoreszenzspektrum des Benzol- ringes um so weiter, je größer ihr .«Atomgewicht ist". Außer den auxofloren kennt man auch ,,hypsoflore" Gruppen, durch die die Fluoreszenz geschwächt oder vernichtet werden kann ; hypsoflor wirken z. B. die Nitro- und die Acylgruppen. .Auch hängt die Fluoreszenz, wie leicht begreiflich, von der Natur des Lösungsmittels sowie von der Temperatur ab. Die Absorptionsbanden der fluoreszenzfähigen aromatischen Verbindungen sind ausnahmslos ,,in der Richtung von kürzeren nach längeren Wellen abschattiert". Stark hat nun gefunden, daß auch Stoffe, die den Benzolkern nicht enthalten, fluores- zenzfähig sind, sobald sie einen Chromophor ent- halten und ihre Absorptionsbanden ebenfalls nach den längeren Wellen hin abschattiert sind. So fluoreszieren Aceton, Methyläthylketon und Kam- pher blau- violett, Brenztraubensäure, Kampher- chinon,Diacetyl u.a. blaugrün bisgelbgrün. Enthalten Stoffe gleichzeitig den Benzolring und einen frem- den Chromophor, so treten je nach der relativen Lage der .Absorptions- und der Fluoreszenzbanden verschiedene Erscheinungen ein. „Schon seit ziemlich langer Zeit," schreibt Stark am Schlüsse seines Berichtes über den von ihm auf der diesjährigen Naturforscherversammlung gehaltenen Vortrages „Über die Fluoreszenz orga- nischer Substanzen" (Chem.-Zcit. 1908, S. 953 — 954), „nimmt man an, daß die Chromophore und auch der Benzolring ungesättigte Valenzen ent- halten. Die Valenzkräfte des Chemikers sind nun als identisch mit den elektrischen Kraftlinien an- zusehen, welche von negativen Elektronen an der Atomoberflächc ausgehen. Andererseits hat man heutzutage erkannt, daß die Zentren der Absorp- tion und Emission des Lichtes negative Elektronen sind. Beide Anschauungen kombinierend, kann man theoretisch folgern, daß die Lichtwellen, wenn sie die ungesättigten oder gelockerten Valenzelektronen der Chromophore zum syn- chronen Mitschwingen veranlassen und an sie Energie abgeben, sie zum Teil von ihrem Molekül lossprengen und in P'orm langsamer Kathoden- strahlen aus der belichteten fluoreszierenden Sub- stanz herausschleudern werden. Die Theorie for- N. F. VIII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13 dert also, daß die Fluoreszenz organischer Sub- stanzen von einem lichtelektrischen Eftekt be- gleitet sei, denn dieser besteht ja in der Emission langsamer Kathodenstrahlen. In der Tat zeigten nun alle Substanzen, welche den Benzolring ent- halten und somit entweder nachweisbar oder latent fluoreszieren, den lichtelektrischcn Eftekt in einer Stärke, die annähernd parallel geht der Intensität der Fluoreszenz". Diesem kurzen Bericht ist im wesentlichen die Stark'sche Theorie (I.e.) zugrunde gelegt. Wegen alles Weiteren seien unsere Leser auf die ausge- zeichnete Übersicht von H. Ley Leipzig „Beziehun- gen zwischen Fluoreszenz und organischer Chemie" (Zcitschr. (. angew. Chemie 1908, S. 2027 — 2038), sowie auf die Abhandlung von Kauffmann „Die Beziehungen zwischen Fluoreszenz und chemischer Konstitution" (Ahrens' Sammlung chemischer und chemisch-technischer Vorträge, Stuttgart 1902) hingewiesen. Werner Mecklenburg. Kleinere Mitteilungen. Jan G r och m a 1 ic k i , Über die Linsen- regeneration bei den Knochenfischen. (Zeitschr. f wiss. Zoologie Bd. 89, Heft i, ausführl. poln. Archivum naukowe 1908). — Das Problem der Linsenregeneration ist von so großem theoreti- schem Interesse, daß v. Kupffer als Vorsitzen- der auf der X. X'ersammlung der anatomischen Gesellschaft im Jahre 1896 die Ergebnisse von G.Wolf für die bedeutsamste auf experimentellem Wege gewonnene Entdeckung bezeichnete. Die Versuche Wolfs sowie zahlreicher anderer For- scher beziehen sich fast ausschließlich auf Triton- und Salamandralarven, zum Teile auf erwachsene Tritonen und Kaulquappen. Über die Regenera- tion der Linse bei den Plschen , die in entwick- lungsgeschichtlicher Hinsicht von den Tritonen und Salamandern niedriger stehen , sind bisher keine überzeugenden Beweise erbracht worden. Es liegen nur sehr unbefriedigende Resultate von Röthig vor, da R. nur in einem F'alle „ein kleines linsenförmiges Gebilde bemerkte". Seine Befunde machen, wie er sich selbst ausdrückt, ,,die Rege- neration der Linse (bei den Fischen) zwar wahr- scheinlich, aber nicht sicher". In der vorliegenden Arbeit von G. haben wir daher eigentlich den ersten Beweis, daß die exstir- pierte Linse auch bei den Fischen wieder ansetzt und im Bau sowie im Aussehen der bei normalem Entwicklungsgang entstandenen Linse gleicht. Die Versuche hat Verf an 500 Forellen 5 — 15 Tage nach dem Ausschlüpfen aus der Eihülle angestellt. „Durch einen Linearschnitt an der Cornea wurde das Auge geöffnet und durch einen leichten seit- lichen Druck auf den Bulbus die Linse hervor- zugleiten gezwungen." Die mikroskopische Unter- suchung von Zeit zu Zeit fixierter Tiere ergab, daß der Regenerationsprozeß der Linse bei den r'ischen dem bei anderen Tieren konstatierten sehr ähnlich ist; schon am 5. — 7. Tage nach der Operation trat die Wundheilung ein und erst am 20. — 30. Tage erschienen die ersten Anzeichen der Regeneration: die Entpigmentierung der Iris durch Leukocyten, Spaltung ihrer beiden Lamellen und Wucherung ihrer Zellen am Pupillarrande. An einer Stelle des Pupillarrandes ordnen sich die Zellen der Iris faltenförmig und bilden eine in die Pupille hineinragende Verdickung (Fig. i). Diese knospenförmige Verdickung entsteht meisten- teils wie bei anderen Tieren am oberen Irisrande, manchmal aber, was der Verfasser besonders her- vorhebt, ,,auch irgendwo seitlich am Pupillarrande". In manchen Fällen bilden sich die Linsenanlagen weit von der Pupillaröfifnung, ja selbst aus den Zellen der Basis der Pars ciliaris, wenn die Iris gänzlich ausgerissen wurde, was schon Fischel in seinen Arbeiten beschrieben hat. Die ver- schiedenen Arten der Entstehung der Linsen- anlage werden sehr genau vom Verf beschrieben und durch photographischc Aufnahmen mikro- skopischer Präparate illustriert. Unter den bei- liegenden Bildern der regenerierten Linse fällt be- sonders ein Gebilde auf, welches an die Zwillings- linse der Salamanderlarve von Fischel erinnert; neben der regenerierten Linse ist eine in Verbin- dung mit derselben stehende Zellmasse von spindelförmigen Zellen durch(]uert zu sehen, wel- che G. aber wegen des Mangels der Linsenkapsel als eine Ansammlung in Degeneration begriffener Zellen deutet. Fig. 1. Ein Horizontalschnitt durch ein Forellenauge 6S Tage nach der Operation. Photographische /Vufnahme. (Nach Grochmalicki.) L Linsenanlage. Nach größerer Beschädigung des Auges ent- stehen auch in der Netzhaut kugelförmige oder ovale Gebilde von konzentrisch gelagerten Zellen, welche der Verf im Anhange der polnischen Arbeit sehr genau beschreibt. Diese Neubildungen erinnern an die Lentomen oder Lentoiden Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VKI. Nr. i F"ischel's, da sie auch von der verwundeten Retina stammen, weisen aber im Bau keine Über- gänge von Zellen in I'^asern auf. Ein anderes cystenartiges Gebilde in der vorderen Kammer des .Auges, welches allseits von der Cornea um- schlossen war, betrachtet der Verf. für ein patho- logisches Gebilde, das durch eine Gruppe von der Cornea abgelöster Zellen entstanden ist. Eine vollständig regenerierte Linse hat G. in drei l'^ällen , in sehr verschiedenen Zeitabständen 70, 106, 187 Tage nach der Operation erhalten. Die Linse erreichte gegen -',\j der normalen Größe, sonst wies sie keine Unterschiede im Bau auf (Fipr- 2). Kig. 2. Frontalschuilt durch ein Auge mit vollständig regene- rierter Linse nach 1S7 Tagen. Photographische Aufnahme. (Nach Grochmalicki.) Den langsamen Verlauf des Regenerations- prozesses der Linse bei den Fischen erklärt der Verf. durch die geringe Regenerationsfähigkeit der Fische im allgemeinen und das Verweilen der Fische im Wasser, welches der Wundheilung im Wege steht. Wie aus dem Vorausgegangenen zu ersehen ist, bildet sich die Linse während der Regenera- tion aus der Iris, also aus einem Gewebe, aus welchem sie embr\-onal nicht entsteht, da sie in der Ontogenie aus dem ektodermalen Teile der Haut sich bildet. Zahlreiche Forscher haben diese merkwürdige Erscheinung zu erklären ver- sucht, wie uns G. im geschichtlichen Teile am Anfang seiner Arbeit schildert. Wolf, auf dem teleologischen Standpunkt stehend, sieht in der Linsenregeneration den Beweis, daß der Organis- mus auf eine künstliche Veränderung imstande ist, in zweckmäßiger Weise zu reagieren. R e i n k e und Schimke witsch sehen in der Linsenregene- ration nur eine atavistische Rückkehr zum blasen- förmigen Auge, wo die Linse sich \om Rande der Augenblase bildet. Fisch el und andere Forscher, denen sich auch der Verf. anschließt, halten die Reizung der Irisränder für die Haupt- ursache der Linsenregeneration, da in allen Fällen die Entfärbung der Iris und eine Wucherung ihrer Zellen zu beobachten ist. Karoline Reis. Speisezettel des Frosches. — Gelegentlich einer Sektionsübung fiel mir der ungemein stark und straff gefüllte Magen eines über 9 cm großen Exemplares des Seefrosches (Varietät vom grünen Teichfrosche, Rana escu- lenta) auf. Als auf mein Geheiß der Magen ge- öffnet wurde, zog der betreffende Schüler eine Maus hervor, die ausgestreckt rund 8 cm lang (ohne Schwanz) war. Es ist mir beinahe uner- klärlich, wie der Frosch diesen gewalligen Bissen hat hinunterwürgen können. Die Maus war noch sehr wenig verändert, also wohl kurz vor dem Fang am Nachmittage vom Frosche aufgenommen. Ob er sie lebend verspeist hat, läßt sich natürlich nicht entscheiden , obgleich gerade diese F"rage sehr interessant ist, doch erinnere ich mich noch nirgends gelesen zu haben, daß ein Frosch Mäuse fängt oder auch nur frißt. \'erdächtigend für ähnliche Räubereien ist aber noch der Befund in einem anderen F"roschmagen , der einige Vogel- federn betrifft. — Eine weitere Revision der übri- gen Froschmagen ergab noch eine bunte Folge von Kerbtieren und Schnecken, nämlich: Spanner- raupen, Wasserskorpione, Wespen, Libellen, Flie- gen, Blattkäfer, 2 Nacktschnecken. Alle diese Tiere waren vollständig verschluckt, auch die ziemlich großen, langbauchigen Libellen. Magdeburg. Dr. O. Rabes. Bücherbesprechungen. E. Zschimmer, Eine Untersuchung über Raum, Zeit und Begriffe vom Stand- punkte des Positivismus. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1906. 54 S. — Preis 1,20 Mk. Es ist erfreulich , daß sich die Versuche , die Dinge und Vorgänge von positivistischem Standpunkte aus zu betrachten und das Vorgefundene eingehend zu beschreiben, trotz starker Gegenströmungen mehren. Auch die vorliegende Schrift ist in kritisch - empiri- schem Sinne gehalten und behandelt das Wesentliche des Gestalt- und des Zeittatsächlichen, insbesondere den Begrifl^ der Zeit und der .\nderung, hebt die Eigentümlichkeiten von Sinnlichkeit, Erinnerung und Vorstellung und deren Verknüpfungen hervor, um zum Schlüsse das Charakteristische des Begriffes und der Begriffsbildung zu untersuchen. Im Gegensatze zu F. Dreyer, der die drei- dimensionale Gestalttatsächlichkeit durch eine zwei- fach-mannigfaltige Gesichtstatsächlichkeit und durch eine hinzutretende hypothetische, metageometrische Auffassung zustande kommen läßt, sucht Zschimmer nachzuweisen, daß man auch direkt zum Begrift' einer Dreidimensionalität geführt werde. Indes dürfte der Verfasser die Dreyer'sche Auffassung nicht wider- legt haben. Auch mit der Einteilung der Tatsäch- lichkeit als eines Ganzen in das , .gegebene Sein", das „Neue" und die „.Änderung" wird man schwerlich sich befreunden. Der zweite Teil des Werkchens, der sich auf Sinnlichkeit, Erinnerung, Vorstellung und deren Ver- N. F. VHI. Nr. i Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 15 knUpfung, sowie auf das Eigentümliche des liegriffes und der Hegriftsbildung bezieht, verdient volle An- crkenninig. Gut sind ferner die eingeflochtenen kri- tischen Bemerkungen, in denen sich Z schimnuM- rait Kant auseinandersetzt. .^ngersbacll. Dannenberg, (". eologie der Steinkohlen- lager. ]. Teil. Gebr. Bornträger in IIlmIIu. kioS. — Preis 6,50 Mk. Es ist sehr verdienstlich, daß sich Verfasser der Mühe unterzogen hat, eine Geologie der Steinkohlen- lager zu sclirelben, und zwar sei gleich von vornherein betont , daß es sich im wesentlichen um eine rein stratigraphische Steinkohlengeologie handelt. In bciiuemer und zuverlässiger Weise findet man dies- bezüglich alles zusammengestellt, und zwar werden in dem vorliegenden I. Teil besprochen : das Ruhrkohlen- revier, die .Ablagerungen von Ibbenbüren und Osna- brück, das Aachener Revier 1 natürlich mit Einschluß der neuerdings bekannt gewordenen Fortsetzungen desselben z. B. bei Limburg), das Pfalz-Saarbrücken- i,othringer Revier, das niederschlesisch- böhmische Revier und das oberschlesisch - mährisch - polnische Revier. Verfasser hat sich bei der Fülle von Tat- sachen, die in Frage kommen und bei der auch hier, wie in den meisten anderen Disziplinen unermeßlichen Literatur, eine ganz gewaltige Aufgabe gestellt und, wie gesagt, hinsichtlich der rein stratigraphischen Dar- stellung ist das Buch, soweit es bis jetzt vorliegt, sehr wertvoll. Es ist für den Einzelnen gar nicht mehr möglich alles das, was für die Behandlung einer Geologie der Steinkohlenlager in Betracht kommt, vollständig zu beherrschen. Das zeigt sich namentlich in der Einleitung des Buches, die sich mit der Klassifikation der Steinkohlen und ihrer Bildung und mit damit Zusammenhängendem beschäftigt. Die Paleobotanik, die hierbei mit in Rücksicht zu ziehen ist, ist eine dermaßen schreibfreudige Disziplin, daß es da wahrhaftig kein Wunder ist, wenn selbst ein gewissenhafter .Autor wie Dannenberg hier gelegentlich die wichtigsten und wertvollsten Literaturerscheinungen nicht kennt, die ja auch leicht in der Fülle der wert- losen Masse untergehen, jedoch äußerlich bemerkens- werterere Erscheinungen von Dilettanten auf paleo- botanischem Gebiet zitiert, vor denen man geradezu warnen müßte. Wir befinden uns jetzt in der Periode der Kompendien, d. h. der Zusammenfassung wichtiger Wissensgebiete, und wer ein solches Kompendium hefert, wie dies Dannenberg durch seine Geologie der Steinkohlenlager tut, der erwirbt sich den Dank derjenigen, die diese Disziplin zu berücksichtigen haben und dadurch viele Zeit, die beim Studium von Spezial- literatur darauf gehen würde , ersparen. Ich glaube aber, daß wir in einer späteren Zukunft doch bei der Bearbeitung solcher Kompendien, soweit es sich um so schwierige Gebiete handelt wie das vorliegende, dazu kommen werden, eine gemeinsame Bearbeitung verschiedener in Betracht kommender Fachleute zu erreichen. Da hierbei eine sehr kenntnisreiche, ver- ständige, ausfeilende Redaktion notwendig wird, be- gegnet solch ein Plan allerdings recht großen Schwierig- keiten, und vorläufig wird es d.iher wohl noch lange dabei bleiben, daß Einzelne sich der Mühe unterziehen und das Wagnis unternehmen, die Gesamtgegenstände in zusammenfassender Form zu behandeln. Was da- bei einem Einzelnen möglich ist, das hat Dannenberg in dem ersten Teile seines Werkes erreicht. P. Prof Dr. Konrad Keilhack, Lehrbuch der prak- tisch e n Geologie. .Arbeits- und Untersuchungs- nuthoden auf dem Gebiete der Geologie, Minera- logie und Paläontologie. 2. völlig neu bearbeitete .Auflage. Mit 2 Doppeltafeln und 348 Abbildungen im Text. Stuttgart, Ferdinand Encke, 1908. — Preis 20 Mk. Die zweite Auflage enthält Beiträge verschiedener anderer Autoren, so von E. v. Drygalski, E. Kaiser, P. Krusch, S. Passarge, Ä. Rothpletz, K. Sapper und A. Sieberg. Das Werk ist inhaltlich um etwa die Hälfte um- fangreicher geworden als die erste Auflage. Wir haben seinerzeit auf das Buch hingewiesen und die Wichtigkeit desselben für jeden , der mit der Praxis der Geologie zu tun hat, hervorgehoben ; aber auch derjenige, den wesentlich nur die theoretische Geo- logie interessiert, muß in dem Falle, daß er sich ein Urteil über die Zuverlässigkeit gewonnener Resultate bilden will , von der Methodik , durch welche die Resultate gewonnen wurden, Kenntnis nehmen. Auch nach dieser Richtung hin hat das vorliegende Buch einen Wert. Es ist so ausführlich und umfassend, daß derjenige, der in ihm einen Rat sucht, sich wohl kaum vergebens an das Buch wenden wird. Es zer- fällt in 3 große Teile, nämlich in I. Arbeiten im Felde, II. Arbeiten im Hause, III. Paläontologische Methoden. Jeder dieser Abschnitte zerfällt in eine Anzahl Kapitel, die in den beiden ersten Abschnitten unter folgende Gruppen zusammengefaßt sind : I. A. Die geologische Kartenaufnahme , B. Besondere geo- logische Beobachtungen , C. Aufsuchung und Unter- suchung technisch nutzbarer Ablagerungen, D. Unter- suchungsmethoden das Wasser betreftend. Der II. Ab- schnitt zerfällt in : A. Methoden der Bodenunter- suchung, und B. Mineralogisch-petrographische Me- thoden. i) Prof H. Klingelhöffer, Leitfaden der Phy- sik. 187 Seiten mit 334 Abbildgn. Gießen, E. Roth, 1908. — Preis geb. 2 Mk. 2) K. Fufs und G. Hensold, Lehrbuch der Physik. 55S S. mit 448 .Abbild, und Spektral- tafel. Freiburg i. B., Herder, 1908. — Preis 5,30 Mk., geb. 6 Mk. 3) Prof Dr. Breitfeld, L e i t f a d e n für den Unter- richt in der Xat urlehre. 128 Seiten. Dazu I Heft mit Abbildungen (29 Seiten). Leipzig, Degener, 1908. — Preis 1,50 Mk. -|- i Mk. i) Dieser Leitfaden enthält nur das Wichtigste, er ist für die Unterstufe bestimmt. Die Figuren sind vielfach nicht ganz einwandfrei. So fehlt bei der Feuerspritze der Stützpunkt des Hebels, ebenso der Scheibe der Elektrisiermaschine das Achsenlager, bei den Thermometern sind die Lumina der Röhren fast so dick wie die Kugeln, der gezeichnete Phonograph i6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. vin. N. I könnte nie funktionieren, die perspektivischen Ellipsen sind durchgängig viel zu spitz gezeichnet. Im Text sind uns keine Stellen aufgefallen, die zu beanstanden wären. 2 ) Das klar und elementar geschriebene Buch von Fuß und Hensold ist sehr reichhaltig und eignet sich namentlich für Seminare und höhere Töchter- schulen. Die neue Auflage tragt dem Fortschritt der Wissenschaft im allgemeinen Rechnung, doch sollte unseres F.rachtens die Radioaktivität ausführlicher be- sprochen werden. 3) Der kurze I-eitfaden von Breitfeld faßt die wichtigsten Unterrichtsergebnisse der Physik und Chemie mit wenigen Worten zusammen und ist daher für Wiederholungen seitens des Schülers "gut geeignet. Ursprünglich war diese Ausarbeitung für die Bau- gewerkschule in .Münster bestimmt, demgemäß ist die Auswahl den Bedürfnissen dieser Schulgattung ange- paßt. So wird z. B. die Spektralanalyse nicht er- wähnt. In dem Leitfaden befinden sich keine Ab- bildungen. Das die Abbildungen enthaltende Heft gibt eine Reihe von Vorlagen zu Tafelzeichnungen, die zumeist von Oberlehrer Wohlgeboren stammen. Auch diese geschickt entworfenen Zeichnungen können dem Schüler einen guten Anhalt für Wiederholungen bieten. Kbr. Anregungen und Ant\vorten. Zur Nachricht an die Leser. — Um mehr Platz zu gewinnen, wurde der Titelkopl' des redaktionellen Teiles durch VVeglassung der Vignette usw. wesentlich verkleinert, während der Umschlag diesbezüglich seine bisherige Form bewahrt liat. — Red. Herrn Seh. in Kr. — Rotfärbung der Hölzer kommt wiederholt vor. Unter unseren einheimischen Hölzern zeichnet sich das Erlenholz (von Aliiiis glutiiwsn L.) da- durch aus, daß es im frischen Zustande gelbrot, nach dem 'i'rocknen hell rostrot wird. Auch das Kirschbaumholz zeigt im Splint eine rötliche Färbung. — In den Tropen gibt es eine ganze Reihe von Rothölzern, die eine mehr oder minder intensive rötliche Farbe zeigen. Sic stammen gröl3ten- leils von Arten der Leguminosen-Gattung Caesalpinia ab, und dienen zum Färben, zur Fabrikation von Lack und Tinte oder werden in der Kunsttischlerei verwendet. Solche Hölzer sind z.B. das Fe r nam b uk-H olz (von C ifc/(/»(7.'rt aus Brasilien), das Sappan-Holz (von C. sappan L, aus dem tropischen Asien), von hellroter Farbe. Die Rotfärbung rührt in diesem . Falle von dem sogenannten Brasil in her, das sich in dem inneren älteren Teile des HolzUörpers (dem Kernholz) ab- lagert. Außer Caesalpinia gibt es noch einige andere Gattungen der Leguminosen , die rote Hölzer liefern. So besonders .■\rten der Gattung Pterocat pus ; Pt. lialbcrgioides Ro.\b. von den -Xndamanen liefert das sog. Andaman-Rotholz (oder An da man Padouk). Mehrere afrikanische Arten der Gattung besitzen rotes Holz. Von Bapliia nitida , einer in Westafrika (Sierra Leone) heimischen Leguminose, stammt das Cam-Wood (afrikanisches Rotholz); es soll ursprüng- lich weiß sein und erst an der Luft die rote Färbung anneh- men. Es ist eine weit verbeitete Erscheinung, daß die Fär- bungen bei Einwirkung von Licht und Luft sich verliefen oder überhaupt erst dann auftreten. 11. Harms. Herrn H. — Geologische Anfänger- Literatur und geologische Vereine. — Ein sehr empfehlenswertes Buch, das wohl allen lliren .Ansprüchen genügen dürfte, ist die , .Vorschule der Geologie" von Joh. Wallher, die kürzlich in 3. Auflage (Jena 190S) zum Preise von 2,50 Mk. erschienen ist. Dort finden Sie auch eine Zusammenstellung aller guten geologischen Führer und Karten. Eine wesentliche Förderung in Ihrem geologi- schen Interesse würden Sie sicherlich durch den Anschluß an einen der bestehenden geologischen \'ereine gewinnen. Es sind deren im Deutschen Reiche zurzeit vier vorhanden : I)ic Deutsche geologische Gesellschaft, der Oberrheinische geologische Verein, der iN'iederrheinische geologische Verein, der Niedersächsische geologische Verein. A^on allen vier Gesellschaften werden namentlich die geologischen Exkur- sionen lebhaft gepflegt. Die Deutsche geologische Gesell- schaft mit dem Sitze in Berlin , eine Vereinigung aller deut- schen Fachgenossen , hält regelmäßige Monalsversanmilungen in Berlin und jährlich eine große allgemeine Versammlung an wechselnden Orten ab. An die letztere schließen sich etwa 14 Tage dauernde Exkursionen an. Jedes Mitglied erhält die wissenschaftlich bedeutende Zeitschrift, jährlich einen starken Band. Die drei anderen V'ereine besitzen entsprechend ihrem wesentlich geringeren Jahresbeiträge kleinere Publikations- organe. Alle il>re jährlich niehrfacli wiederholten Tagungen wechseln mit dem Orte und sind stets mit ein- oder mehr- tägigen E.\kursionen unter fachmännischer Leitung verbunden. Die derzeitigen Vorsitzenden der vier Vereine sind der Reihe nach : Prof. Dr. H. Rauff, Berlin (Bergakademie) ; Geh. Ober- bergrat Prof. Dr. Lepsius, Darmstadt ; Geheimrat Prof. Dr. Seinmann, Bonn ; Prof Dr. H. Stille, Hannover. Str. Herrn K. L., llalver i. W. — Ihr Ofenrohr ist in diesem Sommer stark gerostet. Sie schreiben, durch den Lack seien viele mehr oder weniger große, rotbraune Tropfen durchge- brochen. Es scheint sich, soweit man dies nach Ihren Schil- derungen zu beurteilen vermag, lediglich um eigentümliche Kosterscheinungen zu handeln. Ist der Lacküberzug an einer Stelle, die nicht größer zu sein braucht, als eine Stecknadel- spitze, beschädigt, sei es nun infolge ungenügenden Anstrichs oder durch Abspringen — stets wird sich unter den hierzu günstigen Bedingungen (Luft und Feuchtigkeit) Rost bilden. Nach der Gleichung Fe. -f O3 + HjO = Fe2(OH)„ ent- stehen aus 56 g Eisen 107 g Oxydhydrat (Rost), also rund das doppelle Gewicht Rost. Da nun außerdem das spezifische Volumen der letzteren größer ist als das des Eisens, so nimmt der aus einer gewissen Menge Eisen entstehende Rost einen viel größeren Raum ein. Nun kann sich diese entstehende Rostmasse nur rückwärts durch die kleine Öffnung hindurch ausbreiten , wächst also hier heraus und setzt sich an der Oberfläche des Lacks rund um die Öffnung in Form eines Tropfens an. Hat die Einwirkung lange genug stattgefunden, ist das Eisen an der betreffenden Stelle durchgefressen , so bricht natürlich auch der Rost im Inneren des Ofenrohrs durch. Von einer Einwirkung im Heizstoff enthaltenen Schwefels kann nicht die Rede sein, da nur glühendes Metall Gase diffundieren läßt, und der Angriff, wie Sie schreiben, von außen vor sich geht. Je nach dem Grade der Luftfeuchtigkeit ent- hält der Rost natürlich mehr oder weniger Wasser. Heizen Sie also den Ofen, so verdampft dieses und der Rost bäckt fest an. Wenn Sie die Tropfen mit einem feuchten Lappen abwischen, werden Sie ebenfalls die schadhafte Stelle im Lacküberzug sehen. Sie haben beobachtet, daß der An- griff dann wieder beginnt, wenn Sie das Rohr einsetzten. Das ist ganz richtig. Durch den Zug wird durch bereits schad- hafte Stellen des Eisens die Luft angesaugt, und mit ihr Feuchtigkeit, und so geht die Rosterscheinung weiter. Auch wenn das Rohr unten nicht verstopft war, findet dies statt, weil dann besonders innen viel Feuchtigkeit mitgerissen wird. Lb. Inhalt: Prof .\. Pütt er: ,,Die Ernährung der Wasserticre" und ,,der Stoffhaushall des Meeres". — Sammelreferate und Übersichten: Werner Mecklenburg: Neues aus der organischen Chemie. — Kleinere Mitteilungen: Jan G r o r h ra ali c ki: Über die Linsenregeneration bei den Knochenfischen. — Dr. O. Rabcs: Speisezettel des Frosches. — Bücherbesprecbungen : E. Zschimmer; Eine LTntersuchung über Raum, Zeit und Begriffe vom Stand- punkte des Positivisnius. — fiannenberg; Geologie der Steinkohlenlager. — Prof. Dr. Konrad Keilhark: Lehr- IukIi der praktischen Geologie. — Sammel-Referat über physikalische Lehrbücher. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Polo nie, Groß-LichterfeldeWest b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pälz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Nene h'uli;e VIII. Hau,!; der gan/eii Reihe XXIV li.md. Sonntag, den lo. Januar igog. Nummer 3. ,,Die Ernährung der Wassertiere" und „der Stoffhaushalt des Meeres". Zwei Referate über Prof. A. Püttei's gleichnamige Arbeiten (Zeitschr. f. allg. Physiol. Bd. VlI, 1907, p. 283—368) [Nachdruck veiboten.] von Dr. Friedrich von Möller, Schlofl Sommerpahlen, Livland. nämlich die im Meervvasser gelösten komplexen C- Verbindungen, von denen bereits in Pütter's „Ernährung der Wassertiere" (a. a. O.) die Rede war, und die hier sehr ausführlich behandelt wer- den, nachdem zuvor die chemische Zusammen- II. Der Stoffhaushalt des Meeres. Vom „Haushalt der Natur", von dem so oft in der biologischen Literatur die Rede ist, können uns nur quantitative Untersuchungen einen rich- tigen Begriff verschaffen. Mensen und seiner Schule verdanken wir eine generelle Orientierung über den Organismenbestand der verschiedensten Meere zu den verschiedensten Jahreszeiten. ,,Was dagegen noch vollständig fehlt, ist die Kenntnis des Stoffumsatzes dieser Organismen in der Z e i t e i n h e i t." I. Der Stoffbestand des Meeres. Über die geformten Stoffe der Meere haben wir also eine zur allgemeinen Übersicht genügende Kunde, über eine Reihe der gelösten Stoffe gleichfalls, aber eine höchst wichtige Stoffgruppe ist der Bestimmung bisher völlig entgangen, Setzung der Meeresorganismen erörtert worden ist. a) Die Meeresorganismen. Die folgenden Angaben sind umgerechnet aus Lohmann's Zahlen für das Plankton von Syrakus, welche, da L o h m a n n das Wasser durch Papier oder Seide filtrierte, auch die dem Plank- tonnetz entgehenden winzigen Organismen be- treffen. „Von dem Volumen ist auf das Lebend- gewicht geschlossen unter Annahme eines spezifi- schen Gewichtes von 1,030." Die (aschehaltige d. Ref.) Trockensubstanz wurde zu 20,7"/,, des Lebendgewichtes angesetzt. „Tabelle I (auf 1000 1 Meerwasser bezogen d. Ref.) Zalil der Volumen Lebendgewicht Trockensubstanz mg Individuen cmm mg (aschehaltig d. Ref.) Diatomeen i,ioo,;oo 10,2 10,60 2,20 i Pyrocysteen 65 0,9 0,93 0,19 Peridineen Gymnodineen 404,250 0,66 0,68 0,14 Peridiniaceen 37,450 0,7 0,72 0,1.5 .andere Flagellaten 38,680 0,04 0,04 0,08 0,00828 d. Ref.) Halosphacra 7,760 0,7 0,72 0,15 Protophyten unsiclicrer Stellung 494,100 3,8 3,92 0,81 Rhizopoden 5.9S5 0,8 0,83 0,17 Flagellaten 264,400 0,27 0,28 0,06 ( Tintinnen Cihaten [ [ andere Ciliaten 19,830 0,06 0,06 0,01 35.295 ) — — -Metazoen 17,325 34,7 36,00 7,50 (7,45 d. Ref.) Bakterien 785,000,000 0,8 0,83 0,17" „Es beträgt dann die Menge der Trockensubstanz (aschehaltig d. Ref.) in 1000 1 aus Protophyten 3,70 mg ( 3,648 mg d. Ref.) ,, Protozoen 0,24 ,, ( 0,24 ,, ,, ,, ) ,, Bakterien o, 17 ,, (0,17 ,, ,, ,, ) ,, Metazoen 7,48 ,, ( 7,45 ,, ,, ,, j Summa: 11,59 mg (11,508 mg d. Ref.)" „Für die Hauptvertreter der großen Gruppen der Planktonorganismen gibt" Brandt ,, zusammen- fassend den Gehalt der Trockensubstanz an Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Chitin und Asche. Von Diatomeen wurde Chaetoceras, von den Peridineen Ceratium tripos untersucht, als Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 2 Vertreter der Metazoen gelangten Copepoden zur Analyse." „Tabelle II. ■) Zusammensetzung der häufigsten Planktonorga- nismen nach Brandt. a) auf loo Teile (aschehaltige d. Ref.) Trockensubstanz Diatomeae I'eridineae Copepoda Chaetoceras Ceratium Iripos spec. Eiweiß 10,7 '3.° 59'° Kohlehydrate 21,5 So,6 20,o Fette 7,0 1,5 7i7 Chitin — — 5>3 Asche 6^,3 5,0 9,3 Summa: 100,0 100,0 100,0 bl auf 100 Teile aschefreie Trockensubstanz C ; N = I : 9,5 C : N = I ; 20,0 C : N ^ i : 4,8 (N : C = I : 9,6 (N : C = I : 20,5 (N : C = I : 4,8 d. Ref) d. Ref.) d. Ref.) Eiweiß 31,0 13,5 65,0 Kohle- hydrate 62,0 85,0 22,0 Fette 7,0 1,5 7,7 Chitin -— — 5,3 Summa: 100,0 100,0 100,0" Aus Tabelle II und der vorhin angegebenen Menge der aschehaltigen Trockensubstanz in 1000 1 berechnet Verf. annähernd die Zusammensetzung der aschefreien Trockensubstanz aus 1000 1 Meer- wasser und ihre Verteilung auf die Gruppen des Plankton und erhält : „Tabelle III.-) Die Flanktonorganismen aus 1000 Litern ent- halten : ') Am Kopfe der Tabelle IIb, wie auch auf p. 330 und 331, sind m. E. die Symbole C und N verwechselt worden, ich erhalte außerdem bei Diatomeen und Peridineen ein etwas anderes Verhältnis von N und C. Bei dieser Kontrollberech- nung ergab sich folgende prozentische Zusammensetzung der aschefreien Trockensubstanz der Diatomeen Peridineen Copepoden C SP °/o C 47,2 o/„ c 53,8 «/„ H 6,7 „ H 6,2 „ H 7,1 „ N i;,2 „ N 2,3 „ N 11,4 ,, O 38.9 .. O 45,5 „ O 29,5 ,. S 0,7 ,, S 0,3 „ S 1,6 „ 101,5 »/o 101,5 7o 103,4 "/o Die Fehler in der Prozentberechnung sind absichtlich nicht ausgeglichen. Zugrunde gelegt wurden dieser Berechnung folgende Werte und Formeln : Eiweiß enthält 55 »/„ C, 7 »/„ H, 17 »/„ N, 24% O, 2,4 <•/„ S (Summa: 105,4) (Landois Physiologie, 9. Aufl., 1896, p. 12) mit Fortlassung der ersten Dezimalstelle bei H und N.) — Die Kolilehydrate von der Zusammensetzung CoHioOs enthalten: 45.5% C, 6% H, 49,5"/,, O (Summa: 101,0). — Die Fette enthalten 76,5 "/„ C, 12,0% H, 11,5% O (Summa: 100,0) (Landois, a. a. O.). — Das Chitin, ein N- haltiges Glykosid von der Formel C,5 Hog N.^ 0,„ enthält 45,6 »/„ C, 6,5''/„ H, 7,3 7o N, 40,6 o/„ O" (Summa: 100,0.) (Landois, a. a. O. p. 491). D. Ref. ^) Ich bemerke hierzu, dali die Summe der in Tabelle 111 verteilten Stoffe 9,84 mg beträgt, während vorhin für die Menge der aschehaltigen Trockensubstanz aus looo 1 11,59 mg an- gegeben war. Die Differenz beträgt 1,75 mg und stellt offenbar den Aschengehalt dar. Davon haben dann die Pro- tophyten 1,03 mg, Protozoen und Bakterien 0,01 mg und die Metazoen 0,71 mg .Aschengehalt. D. Ref. mg mg mg mg Protophylen 0,40 2,20 0,07 — Protozoen u. Bakterien 0,05 0,34 0,01 — Metazoen 4.40 1,50 0,52 0,35 Summa 4,^5 4,04 0,60 0,35' ... ... Kühle- „ ,, ,,,.,. C:N(N:C Liweiß , , . Fette Lhitin , „ /■% hvdrate d. Ref.) 1:4,6 b) Die gelösten Stoffe. I. Der Sauerstoffgehalt. DerSauerstoft'gehaltdesMeerwassersimGolfvon Neapel unterliegt sehr bedeutenden Schwankungen. ,,Bei gleicher Temperatur wurden an derselben Stelle im Meere zu gleicher Tageszeit an verschiedenen Tagen" folgende Werte beobachtet (im Liter): bei 12,8" — 6,8 mg; 7,0 mg; 8,0 mg, „also Unterschiede von 17— iS^n des ganzen Wertes. Bei 13,1" fanden sich folgende Zahlen: 5,8; 7,3; 7,8; 7,8; also noch bedeutendere Schwankungen (34 "/^ !)" ,,Es wurde stets Oberflächenwasser untersucht." (Mittelzahlen , Der Kohlenstoffgehalt. „Tabelle VI. pro Liter Meerwasser. D. Ref.) Kohlensäure flüchtige Säuren andere höhere Säuren, Kohlen- wasserstoffe usw. Menge Kolilenstoff- Sauerstoffkapazität gehalt in mg in mg in mg 99 27 o 36 23 43 70 4-' 137 (Summa : 205 92 iSod. Ref.y 3. Der Stickstoffgehalt. ,,Bei den geringen Mengen, in denen der Stickstoff im Meerwasser enthalten ist, liegen die Werte, die man erhält, gerade an der Grenze des Bestimmbaren und können daher nur die Kenntnis der Größenordnung vermitteln, während der prozentuale Fehler sehr hoch ist." Es beträgt in einem Liter Meerwasser der Stickstoffgehalt: Kjeldahl-Stickstoff . 0,56 mg Nitrit- und Xitrat-Stickstoff 0,1 !S mg Gesamtstickstoff 0,74 mg Es kann aber nach Ansicht des Verf dieser Wert um etwa die Hälfte zu niedrig sein. 4. Das Verhältnis von Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff im Meerwasser. Im Liter Meerwasser ist das Verhältnis von N: C :0 ^ 0,74 : 92 : 7,6 (= i : 125 : 10,25 d. Ref.). Dagegen ist im Plankton C : N (N : C d. Ref.) = I : 10 (bei Diatomeen i :9,6, bei Peridineen 1:20,5, bei Copepoden 1:4,8, vgl. Tabelle IIb d. Ref). „In höchst auffälligem Mißverhältnis zur Menge des Kohlenstoffs steht jene des gelösten Sauerstoffs, der im Mittel der Bestimmungen 7,6 mg beträgt (pro Liter d. Ref)." Die Zahlen der angeführten Tabelle VI zeigen, „daß die Mengen Sauerstoff, die die organischen Verbin- dungen eines Liters zur vollständigen Oxydation N. F. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 verbrauchen würden , viel größer sind als der disponible Sauerstoff". „Die Sauerstoffkapazität der unvollständig oxydierten Verbindungen beträgt pro I 1 180 mg, während nur 7,6 mg oder nur wenig über 4 "'„ dieser Menge verfügbar sind." c) Vergleich dergelösten und geformten Stoffe im Meere. „Kin Vergleich der Stoffmengen, die im Meere gelöst sind, mit jenen, die in Form von Organis- men darin leben, zeigt, wie außerordentlich ge- ring die Masse der geformten Stoffe denen der ungeformten gegenüber ist." „In looo 1 sind an gelöstem C 92,000 mg, an gebundenem in Orga- nismen nur 4 mg, d. h. in Lösung befindet sich 23,000 mal mehr wie in den Leibern der Plankton- wcsen. Für den .Stickstoff beträgt die Menge in Lösung, 740 mg, in Organismen 0,4 (ca. ' jq der C-Menge d. Ref.), so daß 1850 mal mehr" im Meerwasser gelöst ist als in den Organismen vor- handen. „Es wird also auch für C und N nicht be- hauptet werden können, daß sie im gewöhnlichen Sinne ,im Minimum' vorhanden wären, und damit wird die Frage von den Grenzen der Produktion im Meere von neuem einer Diskussion bedürftig, nachdem Brandt sie dadurch zu lösen versuchte, daß er annahm, der Stickstoff wäre im Minimum vorhanden." „Die Planktonmengen, mit denen hier gerechnet wird, beziehen sich auf einen relativ sehr planktonarmen Meeresteil, die Fänge der Ostsee sind um das Vielfache reicher, und hier würden die Zahlen des Überschusses der gelösten über die geformten Stoffe sehr viel ge- ringer ausfallen, aber auch hier würden die Plank- tonorganismen insgesamt immer noch viel weniger Stickstoff enthalten, als in Form von NH., und Nitrat (im Meerwasser d. Ref) vorhanden ist. Die Menge des Kjeldahl -Stickstoffes ist für die Ostsee unbekannt, und ebenso jene des komplex gebundenen Kohlenstoffs. Es ist- daher nicht zweckmäßig , die Planktonmengen der Kieler Bucht mit den Mengen gelöster Stoffe im Golf von Neapel zu vergleichen, während das Plankton von Syrakus als gut zum Vergleich brauchbar erscheint." II. Der Stoffumsatz im Meere. „Die bisher gegebenen Daten bezogen sich nur auf den Stoffbestand in einem gegebenen Augenblick, oder auf die Änderung von Tag zu Tag oder mit den Jahreszeiten bei ungehindertem Stoffaiistausch des untersuchten Wasservolumens mit dem übrigen Meerwasser und mit der Atmo- sphäre. Was wir auf diesem Wege kennen lernen", „sind die Schwankungen um einen Gleich- gewichtszustand", „in dem die Summe' aller Prozesse, die im entgegengesetzten Sinne verlaufen, etwa gleich Null wird, oder doch nur sehr gering und zwar periodisch wechselnd, bald positiv bald negativ ist, so daß der Zustand in einem gegebenen Moment sich nur wenig ändert." Bei Erhaltung dieser natürlichen Bedingungen des Gleichgewichtes lassen sich Schlüsse nur auf das Verhältnis der einzelnen Partialprozesse ziehen, nicht aber auf die absolute Intensität eines jeden von ihnen. Um nun einen Einblick in die Umsatzgeschwindigkeit zu erhalten, muß man die Bedingungen für das Gleichgewicht stören, „und nun die Änderung des Zustandes in der Zeiteinheit beobachten", „wobei für das unter- suchte Wasserquantum der Austausch mit der Umgebung ausgeschlossen werden muß". Nachl, ohmann kann man durch ein Papier- filter, das von den Bakterien fast quantitativ passiert wird, diese vom übrigen Plankton trennen. „In einer mit dem Glase von der Oberfläche ge- schöpften Wasserprobe sind Metazoen meist über- haupt nicht vorhanden, so daß der Organismen- bestand zusammengesetzt ist aus Algen, Protozoen und Bakterien. Da die Protozoen, wie gezeigt werden wird, nur einen sehr geringen Anteil am Gesamtumsatz nehmen, so können wir sagen: In den beiden Proben haben wir 1. unfiltriert: Algen -}- Bakterien 2. filtriert: Bakterien." „Von jeder Probe werden zwei Versuche an- gesetzt um den Sauerstoffverbrauch zu ermitteln, von denen der eine im Dunkeln, der andere im Licht gehalten wird." „Während in der Probe, die unfiltriert im Licht aufgehoben wird, die Bedingungen für ein Gleich- gewicht nicht prinzipiell gestört sind, ist in den beiden filtrierten Proben durch Entfernung der Algen die Hauptbedingung des Gleichgewichtes aufgehoben. In der unfiltrierten Probe im Dunkeln ist durch den Lichtabschluß ein zweifellos für das Stoffwechselgleichgewicht im Meere sehr bedeu- tungsvoller Faktor ausgeschaltet." a) Die Größe der Sauerstoffzehrung im Meerwasser. I. Sauerstoffverbrauch der Planktonbakterien. Aus 12 Beobachtungen erhält Verf. folgende Werte für den Sauerstoffverbrauch der Bakterien in einem Liter Meerwasser in 24 Stunden im Dunkeln: bei 11,0° (Mittel aus 0,15 mg bis 1,20 mg, fünf Bestimmungen) — 0,87 mg bei 13,2" (^Mittel aus 0,30 mg bis 1,42 mg, fünf Bestimmungen) — 1,38 mg bei 14,1" (Mittel aus 1,24 mg bis 2,15 mg, zwei Bestimmungen) — I.7S "lg (1.695 d. Ref.). Trotz großer Schwankungen ergibt sich also hier eine bedeutende Steigerung des Sauerstoff- verbrauches mit der Temperatur. Die Wirkung des Bakterienstoffwechsels in den Tropen wird also bedeutend größer sein als in kühleren oder gar kalten Meeren. Im Lichte beträgt der Sauer- stoffverbrauch der Bakterien weniger. — Verf. fand schließlich folgende Werte für den 0-Verbrauch der Bakterien unabhängig vom Licht: 20 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 2 bei 11,6° - 0,78 mg „ 12,2« — 1,17 „ „ 13,2° — 1,22 „ also im Mittel: bei 13,1 verbrauch. bei 13,3» — 1,23 mg „ I3>9" — i>74 .. „ 14,1° — i,5.S „ 1,29 mg- Sauerstoff- 2. Der Sauerstoffumsatz der Planktonalgen. .,Um die Größe der Sauerstoffproduktion der Planktonalgen kennen zu lernen, muß man die Sauerstoffzehrung (m. E. wäre Sauerstoff u m s a t z richtiger d. Ref) des unfiltrierten Wassers im Licht untersuchen, und mit dem gleichzeitigen Sauerstoff konsum der Planktonbakterien vergleichen. Es ist in allen Fällen eine deutliche Sauerstofif- produktion zu konstatieren, die mit steigender Temperatur steigt." „Die Werte schwanken zu sehr, als daß es Zweck hätte, die Einzelheiten zu verfolgen, es ist vielmehr das Beste, lediglich den Mittelwert aus allen vierzehn Bestimmungen zu ziehen und zu sagen: bei 13,0" beträgt die Pro- duktion von Sauerstoff pro Liter und Tag 0,98 mg." „Es stellt diese Sauerstoffmenge das Maß für die Überproduktion der Algen dar, denn sie (und die Bakterien d. Ref.) verbrauchen in ihrem Stoff- wechsel Sauerstoff, decken nicht nur diesen ganzen Bedarf, sondern liefern noch die angegebene Menge mehr." Aber auch „im Dunkeln haben die Planktonalgen nicht nur ihren Sauerstoffbedarf gedeckt", sondern es sind pro Liter in 24 Stunden noch 0,18 mg freigemacht worden. Dieser Prozeß ist seiner Natur nach unbekannt, ist aber wahr- scheinlich auf die zahlreichen Bakterien zurück- zuführen, welche in der Schleimhülle der Diato- meen ihren Sitz haben, und auf keine Art von den Diatomeen getrennt werden können. Es ist ja bekannt, daß z. B. Nitrobakterien CO'- im Dun- keln zu spalten vermögen. 3. Methodische Fehler in der Bestimmung des Sauerstoffumsatzes. Die der Titrationsmethode zur Last zu legen- den Fehler sind sehr gering, etwa i "/„. Trotzdem ist der Sauerstoffgehalt bei gleicher Temperatur an verschiedenen Stellen sehr verschieden, z. B. betrug der Sauerstoff verbrauch der Bak- terien im Dunkeln am 1 8. F'eb. 06 — 1,24 mg, am 28. nur 0,30 mg — im Licht am 18. 0,94 mg, am 28. 0,53 mg; die Sauerstoffproduktion der Algen im Licht am 18. 0,19 mg, am 28. 0,87 mg — im Dunkeln am 18. 0,75 mg, am 28. nur 0,04 mg. Solche bedeutende Unterschiede können mit der Verschiedenheit der Zusammen- setzung des Plankton an diesen Tagen zusammen- hängen, ,, besonders die Menge der Bakterien, die einen so bedeutenden Anteil am Stoffumsatz im Meere nehmen, kann sicher in kurzer Zeit enormen Schwankungen unterliegen, wenn aus irgend- welchen Gründen die Vermehrung plötzlich an- steigt oder absinkt." „Es ist aber auch gar nicht notwendig, daß der Planktonbestand eines be- stimmten Raumteiles des Meeres sich derart ver- ändert hat, denn infolge der permanenten Meeres- strömungen untersucht man je an zwei aufein- anderfolgenden Tagen niemals Proben aus dem- selben Kubikmeter Wasser, sondern es sind stets Proben von anderen Stellen, die am nächsten Tage schon wieder irgendwo andershin transportiert sind." „Den vollen Nutzen wird man aus derartigen Be- stimmungen des Stoffwechsels erst ziehen können, wenn stets gleichzeitig die Menge und Art der Planktonorganismen gezählt, und vor allem auch der Bakteriengehalt festgestellt wird, eine Aufgabe, die allerdings die Kräfte eines einzelnen über- steigt." b) Die Intensität des Stoffumsatzes der einzelnen Komponenten des Planktons. Bei 13, 1 " verbrauchen die Bakterien aus einem Liter am Tage (innerhalb 24 Stunden) 1,29 mg Sauerstoff. Diese Leistung vollbringen etwa 1,000,000,000 Bakterien, welche 0,00016 mg asche- freie Trockensubstanz besitzen. In 24 Stunden wird 1,29 mg Sauerstoff verbraucht von 0,00016 mg aschefreier organischer Trockensubstanz, um also in einer Stunde die gleiche Menge Sauerstoff (1,29 mg) zu verbrauchen, dazu gehören 0,00016 X 24 =^ 0,0039 nig aschefreier organischer Trockensubstanz. Die aschefreie organische Trockensubstanz der Bakterien verbraucht also in einer Stunde mehr als das 300 fache ihres eigenen Gewichtes für ihren Stoffwechsel und zwar ist das nur ihr Sauerstoffverbrauch. Das heißt pro kg aschefreier organischer Trockensubstanz und Stunde mehr wie 300,000,000 mg. Der Mensch ver- braucht für I kg aschefreier organischer Trocken- substanz und Stunde ca. 1400 mg, d. h. die Bak- terien verbrauchen relativ 200,000 mal mehr. Dies erscheint nicht mehr so sehr erstaunlich, wenn wir nicht nach Gewichtseinheiten, sondern nach Oberflächeneinheiten vergleichen. „Die Oberfläche, mit der ein Organismus an sein umgebendes Medium grenzt, nimmt bei abnehmender Größe mit dem Quadrat des Radius ab, während die Masse nach der dritten Potenz (des Radius d. Ref) abnimmt, so daß das Verhältnis von Oberfläche zur Masse" sich mit abnehmendem Radius immer mehr zugunsten der Oberfläche verschiebt. „Es r'^ I handelt sich ja um das Verhältnis von -^ = - ." Wenn die Oberfläche eines einzelnen (als kugelförmig mit 0,282 /( Radius angenommenen d. Ref.) Bakteriums zu 10 ,<('' gesetzt wird, so be- trägt die Oberfläche der Bakterieimienge, deren aschefreie organische Trockensubstanz gleich 1 kg ist, 62,500 qml I^eini Menschen kommt auf 1 kg aschefreie organische Trockensubstanz eine Ober- fläche von 0,168 qm, d. h. die Oberflächenent- wicklung der Bakterien ist eine 370,000 mal so starke als die des Menschen.') ') Der Referent möclite hierzu bemerlien, daß es ihm richtiger erscheint, nicht nur die Flächenentwicklung der äußeren Haut des Menschen (ca. 1,59 qm) hier zum Vergleiche heranzuziehen, sondern auch seine sonstigen, Gase und Nähr- N. F. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 In gewissem Sinne ist also die Intensität des Stoffwechsels der Oberfläche proportional. „Eine derartige Erkenntnis ist, wie ohne weiteres ein- zusehen, von grundlegender Bedeutung bei der Beurteilung des Anteils, den irgendwelche Organis- men am Gesamtumsatz einer Biocönose nehmen. Wenn wirklich die Intensität des Stoffwechsels nicht der Masse, sondern der Oberfläche propor- tional ist, so liegt gerade in der Erforschung der winzigsten und meist in größler Menge vorhan- denen Organismen die Hauptaufgabe der Plankton- forschung, da diese vermöge ihrer immensen Oberfläche viel mehr bedeuten, als die größeren, der Erforschung leichter zugänglichen Wesen, deren Oberfläche sehr viel geringer ist." Immerhin ist maß- gebend für die Intensität des Umsatzes stets die spezifische Eigenart der untersuchten Organismen. Nach welchem Gesetz ändert sich nun die Zu- nahme der Intensität des Stoffwechsels (d. h. die in der Zeiteinheit von der Flächeneinheit ver- brauchte Menge von Nährstoffen) bei abnehmender Masse, oder, was dasselbe ist, bei zunehmender relativer Größe der Oberfläche? Theoretisch be- trachtet wahrscheinlich proportional der Abnahme des Radius, d. h. also : nur soviel mal wie der zweite Radius kleiner ist als der erste, um soviel mehr Masse des Organismus kommt mit dessen Oberfläche in Berührung und um soviel mal ist daher die zweite Intensität des Stoffwechsels größer als die erste. Die Erfahrungen, welche Driesch mit isolierten Blastomeren von Seeigeln machte, deutet Verf. in diesem Sinne. „Die zwei Halbblastomeren liefern zwei Blastulae, die zu- sammen nicht das Volumen der Vollblastula haben, sondern kleiner sind (Driesch). Es ist also bei den Halbblastomeren, die eine relativ größere freie Oberfläche haben, mehr Material in gleicher Zeit umgesetzt worden." ,,Man kann sich nach den Zahlen, die Driesch gibt, leicht überzeugen, daß das Mehr an Substanz, das die kleineren Blastomeren verarbeitet haben, proportional der Abnahme des Radius ist, was Driesch auch ge- funden, aber nicht in dieser Weise ausgedrückt hat." ,,Daß in diesem Falle die Steigerung des Umsatzes gerade so groß ist, wie wir theoretisch postulieren müssen , nämlich umgekehrt propor- tional dem Radius, gibt uns einen sicheren Hin- weis, daß wir mit der Annahme auf dem richtigen Wege sind, und daß für die Vergleichung der lösungen resorbierenden Oberflächen, vor allem die Oberfläche der Lungenbläschen (ca. 8l qm, Landois, Physiol., 9. Aufl., 1896, p. 206) und des Darmes; für letztere nehme ich, da mir Angaben fehlen, nur I qm an. Es ergeben sich dann 83,5 qm resorbierender Oberflächen. Das macht (bei 8,9 kg aschefreier organischer Trockensubstanz) 9,38 qm auf das kg aschefreier organischer Trockensubstanz — anstatt 0,168 qm wie der Verf. will. Die Oberflächenentwicklung der Bakterien, bezogen auf das Kilogramm aschefreier organischer Trocken- substanz, wäre dann nicht mehr 370000 mal stärker als die des Menschen, sondern nur 6663 mal. Es will mir aber scheinen, daß auch dieses Größenverhältnis schon vollkommen ausreicht, um die furchtbaren Wirkungen der winzigen patho- genen Bakterien auf den Menschen dem Verständnis näher zu rücken. D. Ref. Stoffwechselintensitäten verschiedener Organismen als Maß der Umsatz pro Flächeneinheit gewählt werden muß." ,, Unter der ersten rohen Voraus- setzung", daß alle Planktonorganismen Kugel- gestalt hätten, berechnet Verf die Gesamtober- fläche aller in looo 1 enthaltenen Glieder der Schwebefauna zu 9030 qmm, also pro Liter 9 qmm. Die einzelnen Gruppen des Plankton zeigen nun folgende Anteile an der Oberflächenentwicklung, also nach unserer Annahme auch am Stoffumsatz: „Tabelle X. Volumen Oberfläche \'olunien , '" |? Oberfläche in "/„ der des Gc- . „ "• in cmm , m qmm Gesamt- samt- ' i, j- u , obernache Volumens in Prulophyla 17,0 31.8 3>^2" 42,3 Protozoa 1,1 2,1 263 2,9 Bakteria 0,8 I■^ 3600 40,0 Metazoa 34,7 64,6 1340 14,8 Summa: 53,6 100,0 9030 100,0" „Das ist eine ganz andere Verteilung der Be- deutung, als diesen Gruppen auf Grund der Volumbestimmung zuerkannt werden konnte." „Die Bakterien machen nur etwa 1,5 "/(, des Ge Samtvolumens, aber 40"/,, der Gesamtoberfläche aus, dagegen beträgt das Volumen der Metazoen 64,6 "/ij des Gesamtvolumens, die Oberfläche nur 14,8%! III. Der Stoffwechsel des Plankton in den Seewasseraquarien der Zoologischen Station zu Neapel. Die Seewasseraquarien haben 120 mg Gesamt- kohlenstoff im Liter (gegen 92 mg C des Wassers im Golfl. Davon sind 38 mg CO'- (27 mg im Golf), 10 mg flüchtige Säuren (23 mg im Golf), und ganze 72 mg Kohlenstoffe in anderen Bin- dungen (gegen 42 im Golf). Das „Mehr an organischen Stoffen kommt vor allem in der Frak- tion jener Kohlenstoffverbindungen zum Ausdruck, die nicht CO^ und nicht flüchtige Säuren, also höhere Säuren und wohl Huminsubstanzen usw. sind, d. h. typische Fäulnisprodukte." „In bezug auf den Sauerstoffgehalt war kein Unterschied des Wassers im Aquarium und im Golf festzustellen, woraus allerdings bei den geringen Werten und hohen Fehlern der Bestimmung nichts geschlossen werden kann. Infolge der guten Durchlüftungs- einrichtungen ist das Aquarienwasser stets sehr reich an Sauerstoff, bei 10,9" betrug der Gehalt pro Liter etwa 8,5 mg, also jedenfalls nicht weniger wie im Golf." „Wir haben also eine mit Sauer- stoff stets sehr reichlich versehene Wassermenge, die in bezug auf Licht wohl einer Probe aus 50 oder mehr Metern Tiefe entspricht und reich an Fäulnisprodukten ist." ,,Der Sauerstoffumsatz dieser Biocönose ergänzt in interessanter Weise das Bild vom Umsatz im Meere, das wir uns auf Grund von Studien am Wasser des Golfes ge- macht haben." Die Sauerstoffzehrung der Bak- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 2 terien betrug im Mittel aus 8 Bestimmungen — im Licht bei 10,9" — 0,79 mg, im Dunkeln bei 11,0" — 0,87 mg, also durchschnittlich bei 11,0" pro Tag und Liter , .unabhängig vom Licht ge- dacht" 0,83 mg. „Für den Golf betrug bei 11,6" der entsprechende Wert 0,78 mg und wenn man mit den Werten für Temperaturein Wirkung, die oben ermittelt wurden, von 1 1,6" auf 11, o" extra- poliert beträgt der Verbrauch etwa 0,53 g. Die Sauerstoffzehrung der Bakterien ist also im Aquarium um ".^ höher (öo"/,,) als im Golf" Die Algen des Aquariums produzierten im Licht bei 10,9'^ im Mittel 0,33 mg Sauerstoff und im Dunkeln bei 11,0 im Mittel 0,13 mg. Merkwürdigerweise produzieren die Algen des Golfes (ebenfalls auf 11" umgerechnet) im Lichte 0,66 mg, also doppelt soviel wie die des Aquariums, während sie im Dunkeln gleichfalls 0,13 mg produzieren.') IV. Die Sauerstoffzehrung bei längerem Verweilen im Dunkeln. Trotz der bedeutenden Sauerstoffzehrung in den ersten 24 Stunden der Verdunkelung gelingt es nicht einmal mit dem Wasser des Aquariums ein wirkliches Ausfaulen zu erzielen. In einem Falle wurden nach 16 Tagen 5,8 mg Sauerstoff gefunden, während die Anfangsmenge 8,5 mg betrug, „und daß noch Prozesse abliefen, die Sauerstoff ohne Beihilfe des Lichtes freimachten, zeigten die Veränderungen zwischen dem 12. und 14. Tage, wo der Sauerstoffgehalt von 5,6 mg auf 6,3 mg zunahm." Auch im filtrierten Golfwasser trat nach dem Sauerstoffminimum des dritten Tages wieder ein steigender Sauerstoffgehalt auf. Es kommen also Prozesse vor, „die ohne Hilfe von Licht Sauerstoff freimachen, Prozesse, für die wir Bakterien verantwortlich machen müssen." Diese Prozesse sind aber offenbar sehr verwickelt und es zeigt sich, „daß eine große Zahl von Variabein zusammenwirken, die man durch einen Indikator", den Sauerstoff, „nicht voneinander differenzieren kann". Übrigens ergab sich das für die Versuchs- technik wichtige Resultat, daß es einerlei ist, ob man 2 1 oder 250 ccm Wasser untersucht, die Werte für den Sauerstoffumsatz, die man erhält, sind in beiden Fällen dieselben, nämlich gute Mittelwerte, wie auch Loh mann es für die Er- mittlung der Zahl der Planktonorganismen betonte. V. Die Herkunft der gelösten organischen Stoffe im Meere. „Die Entdeckung der erstaunlichen Kohlenstoff- mengen, die gelöst im Meere vorhanden sind und durch Messin ger's Kohlenstoffbestimmung auf nassem Wege der Untersuchung zugänglich wurden, hat das ganze Bild, das wir uns von den Stoffwechsel- prozessen im Meere zu machen gewohnt waren, in fundamentaler Weise umgestaltet." Diese gelösten ') Der Versuch einer Erklärung hierfür ist im Original nachzulesen (S. 352). D. Ref. komplexen C-Verbindungen wurden vom Verfasser als Nahrungsquelle der Wassertiere erkannt und nach- gewiesen („Die Ernährung der Wassertiere"). „Aber es blieb die F"rage offen, woher die große Masse der bezeichneten Nährstoffe stammt." „Man kann nun einmal nicht über die Tatsache hinweg, daß für die Verluste an verwertbarer Energie, die bei jedem Lebensbetrieb unvermeidlich sind, in letzter Linie nur die Sonnenenergie genügenden Ersatz schaffen kann" und „daß nicht mehr or- ganische Verbindungen umgesetzt werden können, als in photosynthetischen Prozessen entstehen". Eine ausschlaggebende Rolle bei der Photosyn- these organischer Verbindungen spielen im Meere jedenfalls nur die Planktonalgen. Die Planktonforschung nahm bisher an, daß ,,die Leibessubstanz der Plankton- pflanzen, die in der Zeiteinheit produ- ziert wird, denselben (oder einen höheren) Nährwert repräsentieren müsse, wie die Leibessubstanz der sämtlichen Konsumenten." (Vom Ref gesperrt.) Verf. dagegen weist diese übermäßige Betonung des Baustoffwechsels, als prinzipiell jeder Begründung entbehrend zurück, und stellt seinerseits folgendes Postulat auf: ,,Daß in der Zeiteinheit (Zeitiichkeit ist wohl ein Druckfehler d. Ref) im Stoffwechsel der Produzenten soviel organische Verbindungen (gelöst oder in Organismen gebunden) produziert werden sollen, wie die Konsumenten brauchen, um einerseits ihren Bedarf an Nahrung zu decken (Betriebsstoffwechsel) und anderer- seits ihre Leibessubstanz aufzubauen (Bau Stoff- wechsel)" (vgl. Pütter's „Ernährung der Wasser- tiere" d. Ref.). Die Planktonalgen liefern im Licht 0,8 mg Sauerstoffüberschuß pro Tag und Liter, was der Zerlegung von 1,1 mg CO., mit 0,3 mg C entspricht (p. 384 des Originales). Ihre aschefreie organische Trockensubstanz beträgt pro Liter 0,003 mg, mit etwa 4270 C- Gehalt = 0,0013 ^S Kohlenstoff. Aus dem Sauerstoffüberschuß von 0,8 mg pro Tag und Liter entsprechend der Zerlegung von 03 nig C ist also auf einen Betriebsstoffwechsel 0,3 zu schließen von — ' =230 mal so groß wie 0,0013 ' die Leibessubstanz, soweit sie aus Kohlenstoff besteht. Nehmen wir als Teilungsgeschwindigkeit 12 Stun- den an, also vervierfachte Algenmasse am Ende der 24. Stunde (d. h. 4 >, 0,0013 mg C = 0,0052 mg C), so bleibt der Betriebsstoffwechsel immer noch ca. 60 mal größer als der Baustoffwechsel. (Für diesen haben wir aber hiermit stillschweigend die ganz unwahrscheinliche Annahme gemacht, daß ihm von einer Teilung bis zur anderen die gesamte Leibessubstanz der Algen unterliegt. D. Ref.) Für die Bakterien erhält Verfasser bei Annahme noch größerer Teilungsgeschwindigkeit, 8 Stun- den von einer Teilung bis zur nächsten, also in 24 Stunden 3 Generationen (d. h. 2'' = 8 fache Massenvermehrung) und bei gleich unwahrschein- N. F. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 23 lieh hoch antrenommenem Bausloffwechsel sogar den Wert : Betriebsstoffwechsel = Baustoffwechsel X 780. Nun ist aber der Betriebsstoffwechsel auch noch aus dem Grunde viel zu niedrig an- gesetzt, weil nur der Sauerstoffverbrauch als Maß für den Stoffumsatz verwertet worden ist. Der vorhandene Sauerstoff (7,6 mg im Liter) steht aber einer Sauerstoffkapazität der noch oxydierbaren Substanzen von 180 mg im Liter gegenüber. Wenn also wirklich, wie an- genommen wird, alle Stoffe sich am Stoffumsatz beteiligen, „so muß dieser ca. 24 mal so groß sein wie er aus dem Sauerstoffverbrauch erschlossen wurde". Verf gelangt schließlich dazu, das mittlere Verhältnis von Bau- und Betriebsstoffwechsel im Meere auf i : 6000 bis i : 27000 zu schätzen, und er schließt diesen Abschnitt mit den folgenden Worten : „Wenn wir berücksichtigen, daß der Betriebsstoff- wechsel (im Meere d. Ref.) als mehrtausendmal intensiver wie der Baustofifwechsel angesehen werden muß ... so können wir die Frage, wo- her die gelösten organischen Stoffe im Meere stammen, mit großer Wahrscheinlichkeit dahin beantworten : die gelösten Kohlenstoffverbindungen des Meeres sind die Produkte des Betriebsstoff- wechsels der Meeresorganismen, speziell der Algen und Bakterien." VI. Die Grenzen der Produktion des Meeres an Organismen. Für die Grenze der Produktion der Erde an Pflanzen fand Liebig im sogenannten Gesetz des Minimum den folgenden Ausdruck: die Produktion an Pfianzensubstanz kann nur bis zu dem Punkt gehen, an dem irgendein notwendiger Stoff völlig aufgebraucht ist, d. h. völlig in Verbindungen im Pflan- zenkörper übergeführt ist. Hierbei ist das Material des Betriebsstoffwechsels der Pflanze, nämlich der CO., der Luft, nicht berücksichtigt. Brandt versucht dieses Gesetz des Minimum auch auf die Produk- tion von Meeresorganismen anzuwenden und zu zeigen, daß der Stickstoff, als im Minimum vor- handen, die Produktion regele. Aber abgesehen davon, daß er den sogenannten Kjeldahl-Stickstoff (außer NH.;) unberücksichtigt läßt und daher die Menge Stickstoff im Meerwasser prinzipiell unter- schätzt, geht nach Ansicht des Verf auch aus Brand t 's eigenen Zahlen hervor, „daß noch mehr Stickstoff im Wasser gelöst enthalten, wie in Form von Organismen gebunden ist." Verf. gibt nun nach seinen Untersuchungen das Verhältnis von dem im Meere gelösten Stickstoff zu dem in den Meeresorganismen gebundenen als 1850: i an, (auf 740 mg gelösten Stickstoff in looo 1 Meer- wasser nur etwa 0,4 mg Stickstoff in Organismen) — der Stickstoff ist also nicht in Brandts Sinne im Minimum vorhanden. Verf. stellt nun den Satz auf, daß „alle Fragen des Stoffhaushaltes im Meere in erster Linie als Fragen des Betriebs- stoffwechsels behandelt werden" müssen. Er findet, daß das 1850 fache der Stickstoffmenge und das 20,000 fache der Kohlenstoffmenge der Or- ganismen im Meerwasser gelöst sind, und zeigte ferner, daß höchstwahrscheinlich die Plankton- organismen diese gelösten Kohlenstofifverbindungen und Stickstoffverbindungen produzieren „da ihr Betriebsstofifwechsel auf etwa das 16,000 fache (6000—27,000) des Baustoffwechsels angeschlagen werden mußte". „So unsicher diese Zahlen sind, zeigen sie doch die Möglichkeit, daß der Betriebs- stofifwechsel so außerordentlich den Baustofif- wechsel an Intensität übertrifft, wie es der Fall sein müßte, wenn das Verhältnis von gelösten zu geformten Stoffen im Meere einen Ausdruck für einen Gleichgewichtszustand darstellt." Dieser Gleichgewichtszustand regelt den Anteil ,,der in Form von Organismen gebunden werden kann , während der Rest für den Betriebsstofif- wechsel übrig bleiben muß" — mit der Er- reichung dieses Gleichgewichtszu- standes ist also zugleich auch die Grenze der Produktionsfähigkeit des Meeres erreicht.^) VII. Zusammenfassung. ,,Nach allem dem gestaltet sich das Bild der Stoffumsetzungen im Meere folgendermaßen: Im Stoffwechsel der Algen werden in großer Menge lösliche Kohlenstofifverbindungen gebildet und an das Meerwasser abgegeben, vielleicht nachdem ein erheblicher Teil schon durch die den Algen an- haftenden Bakterien Veränderungen erfahren hat. Bedeutende Mengen Sauerstoff werden hierbei im Lichte frei, während die Bakterien (vielleicht Nitro- bakterien) auch im Dunkeln Sauerstoff entbinden können. Von den gelösten Kohlenstofifverbin- dungen, sowie zum sehr geringen Teil von den Leibern der Planktonalgen lebt die ganze Masse der Meerestiere, d. h. sie baut einerseits ihre ge- samte Körpersubstanz aus diesen Stoffen auf, und verwendet sie außerdem als Nahrung im Betriebs- stofifwechsel, und diese letztere Verwendung stellt vieltausendmal höhere Anforderungen an die Stofif- zufuhr als der Baustofifwechsel." ') Was die Frage nach der Ursache der Armut der 'l'ropenmeere an Planktonorganismen anlangt, will Verf. zu ihrer Erklärung annehmen, daß mit steigender Temperatur der Betriebsstofl'wechsel eine stärkere Zunahme erfährt wie der Baustoffwechsel, für diesen also weniger Material verfügbar bleibt. Kleinere Mitteilungen. Irrlichter. — Das „närrische F'euer", der „ignis fatuus", wie die mittelalterlichen Physiker das Irrlicht nannten, hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Man hätte in der Tat keinen besseren lateinischen Ausdruck wählen können. Hat doch jahrhundertelang dieses ,, einfältige" Licht höhn- 24 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vm. Nr. 2 lachend sein Spiel mit dem Menschen getrieben. Im Volke waren diese gespensterhaften ,, Tücke- boten" nicht wenig gefürchtet. Für verwünschte oder unselige Seelen hielt man sie, die weder im Himmel noch in der Hölle ihren Platz finden könnten, weil sie eines unnatürlichen Todes ge- storben wären. Hier und da erblickte man auch in ihnen höllische Geister, tückische Abgesandte des Teufels (wie noch Daniel Sennertus um 1650 in seiner „Fpitome Naturalis Scientiae", Bd. 14, Kap. 2). Solche Unholde suchte man dann nicht etwa durch Gebete, wie die anderen Geister, son- dern durch dreistes Fluchen und Schimpfen zu vertreiben: „denn der Donner der Flüche treibt die Luft ungemein schnell vom Munde fort und bringt die Irrlichter so zum Erlischen", wie die drastische Erklärung der ,, ökonomischen Ency- klopädie" (von Dr. Krünitz, Berlin 1784) hierfür lautet. Auch in vielen gruseligen Spukgeschichten, die den Irrlichtern so manche Schandtaten nach- sagten, bekundet sich deutlich die Furcht des Volkes vor dieser geheimnisvollen Lichterscheinung. Und wie ist es heute? Nichts von alledem. Es scheint, als wollten die Irrlichter dem Men- schen zum Ärger von der Erde gänzlich ver- schwinden, bevor man noch mit Bestimmtheit über ihre wahre Natur etwas erfahren hat; und durch ihr immer selteneres und spärlicheres Auf- treten haben sie es verstanden, den Menschen von neuem in die Irre zu führen — diesmal aber nicht den müden Wanderer, sondern so manchen eifrigen Forscher, der da glaubt, es hätte „eigent- liche" Irrlichter niemals gegeben. Nun ist freilich nicht zu leugnen, daß das Wort ,, Irrlicht" im Laufe der Zeit zu einem Sammelbegriff für die verschiedenartigsten nächt- lichen Leuchtphänomene geworden ist. Die zahl- reichen Berichte über Irrlichter-Beobachtungen (H. Steinvorth bringt ein sehr umfangreiches Material in den ,, Jahresheften des naturwissen- schaftlichen Vereins für das Fürstentum Lüne- burg", Heft 13 u. 14) beweisen deutlich, daß viel- fach nur eine Verwechslung mit bekannten Er- scheinungen der Luftelektrizität vorliegt, so namentlich mit dem St. Elmsfeuer, bisweilen auch wohl mit dem Kugelblitz, dessen Entstehungs- weise freilich bis auf den heutigen Tag nicht mit Sicherheit aufgeklärt ist. Sehr oft waren auch die „Irrlichter" nichts anderes als eine Phosphores- zenzerscheinung an verwesenden organischen Stoffen, an Fleisch- oder Fischüberresten, an faulenden Pflanzen oder Baumstämmen u. dgl. Ebenso häufig entpuppten sich auch die selt- samen „Elflichter" als harmlose Insekten mit Leuchtorganen, wie die bekannten Johannis- würmchen (Lampyris noctiluca u. splendidula). Wie oft mag auch das Irrlicht, die „Trugfackel" nur ein „Trugbild" einer allzu leicht erregbaren Phantasie, eines allzu furchtsamen oder aber- gläubischen Gemüts gewesen sein ! All dies muß ohne weiteres zugegeben werden. Nur darf man nicht so weit gehen, daß man die Existenz aller anderen sog. Irrlichter, die nicht auf die eben angeführten oder andere bekannte Tatsachen zurückzuführen sind, schlechthin be- streitet. Obwohl die Zahl derer nicht gering ist, denen es trotz wiederholter, sorgfältiger Nach- forschungen niemals gelungen ist, ein Irrlicht zu beobachten, so muß es doch heute als ganz sicher erwiesen gelten und es ist hinreichend verbürgt, daß es neben diesen ,,Pseudoirrlichtern" auch ,, eigentliche" Irrlichter gibt, die eine beson- dere, für sich bestehende Gruppe der nächtlichen Lichterscheinungen bilden. Wenn man das kurz zusammenfaßt, worin die Aussagen glaubwürdiger und urteilsfähiger Zeugen (so in erster Linie des Astronomen Fr. Wilhelm Bessel in Poggendorfs Annalen Bd. 44, pag 366) übereinstimmen, so ergibt sich folgendes Bild. Irrlichter sind kleine, etwa der Größe einer Kerzenflamme entsprechende Flämmchen von relativ niedriger Temperatur und geringer Licht- stärke. Ihre Farbe wird — zum Teil wohl wegen der verschiedenen Beleuchtung und des verschie- denen Hintergrundes bei den einzelnen Beob- achtungen — verschieden angegeben: meist er- scheint sie bläulich rot, selten grünlichgelb, aber nie rein weiß. Sie schweben in einiger Entfer- nung über dem Erdboden (bzw. der Wasserfläche), scheinen auf jeden Lufthauch zu reagieren und zeigen in der Regel eine unruhige, hüpfende Be- wegung. Es ist aber anzunehmen, daß diese Ortsveränderung nur eine scheinbare ist, daß in Wahrheit das plötzliche Erlöschen eines Irrlichts und das gleichzeitige Aufleuchten eines anderen in nächster Nähe jenen Eindruck der Bewegung hervorruft (dies stimmt u. a. mit Vogel's Beob- achtung überein, Pogg. Ann., Bd. 82, pag. 595). Der eigentliche ,, Tanzplatz", die eigentliche Heim- stätte des Irrlichts ist jedes an stehenden Wassern reiches, modriges Sumpfgeläiide, vornehmlich das teilweise abgetorfte, aber noch nicht entwässerte Hochmoor. Nicht selten zeigen sie sich auch auf feuchten Wiesen oder bruchigem Waldboden. Hier und da sollen sie auch auf Kirchhöfen zum Vorschein kommen, doch bleibt es sehr zweifel- haft, ob die hier wahrgenommenen Irrlichter nicht durchweg mit Eimslichteiitladungen zu identifi- zieren sind, was keineswegs unwahrscheinlich ist, da sich hier an den vielen eisernen Grabum- zäunungen und Grabkreuzen die Spitzenaus- strahlung in hohem Grade geltend machen kann. Zu allen Jahreszeiten hat man Irrlichter beob- achtet : am häufigsten im Spätsommer und Herbst, auch im Winter hat man sie oft gesehen, dagegen treten sie im I'rühjahr in Deutschland so gut wie gar nicht in die Erscheinung. Daß man sie nur zur Dämmerungs- oder, wie meistens, zur Nacht- zeit aufleuchten sieht, ist leicht erklärlich, da sie eben nur schwaches Licht aussenden. Voll- kommene oder doch annähernd vollkommene Windstille scheint in allen Fällen die conditio sine qua non zu sein. Außerdem pflegen sie nebliges, und vor allem schwüles Wetter zu be- N. F. Viri. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 25 Vorzügen. Hiermit dürfte die Hesclireibung der charakteristischen Merkmale der eigentlichen Irr- lichter erschöpft sein. Eine solche war vielleicht um so mehr am Platze, da die allgemeinen An- sichten über das Irrlicht sich oft in den wesent- lichsten Punkten nicht wenig widerstreiten, was einer definitiven Lösung der ganzen heikleti Frage natürlich sehr im Wege war. Nun existiert aber noch eine zweite, viel seltenere Gruppe von Irrlichtern, die bisher ab- sichtlich unerwähnt blieb, die „großen Irrlichter", wie wir sie nennen wollen. Von ihnen gilt ganz das nämliche wie von den oben beschriebenen, nur durch ihre Größe sind sie von ihnen unter- schieden. Denn haben jene annähernd die Größe einer Kerzenflamme, so sind diese etwa manns- hoch. Von glaubwürdiger Seite werden sogar einige von ihnen erwähnt (vgl. H. Steinvorth a.a.O., Heft 13, S. 32, 36, 47), deren Höhe durchschnitt- lich gar auf 4 — 5 m geschätzt wird. Diese „großen Irrlichter" sind es, die im Volke „Irr- wische", ,,gleunige Keerls", ,, feurige Männer", „Lüchtemänneken" und ähnlich genannt werden, was aus der oben genannten Krünitz'schen Ency- klopädie hervorgeht. Hier heißt es (30. Teil, pag. 792) ;,,... Daher nimmt man sehr oft sehr große F"lammen auf den Wiesen wahr, welche zuweilen die Größe einer Schütte Stroh und eines Mannes erreichen. Ein solches großes Licht nennt der gemeine Mann den großen Leuchter, die brennende Schütte, den Feuermann usw. . . ." Es sind demnach alle diese Namen nicht, wie man gewöhnlich liest, Bezeichnungen für das Irr- licht y.aT lt,oyJ]Y. Heutzutage gehört diese Art von Irrlichtern zu den größten Seltenheiten. Früher ist sie jedenfalls häufiger gewesen; zu Musschenbroek's Zeiten (um 1750) soll der Bolonnais, das steinkohlenreiche Gebiet in der Nähe von Boulogne surMer (der ehemalige pagus Bononiensis) an diesen „großen Irrlichtern" so reich gewesen sein, daß sie das ganze Jahr hin- durch in jeder dunklen Nacht sichtbar gewesen sind (vgl. M.'s „Introductio ad Philos. nat." Vol. 2, pag. 1061, Leyden 1762). Musschenbroek war wohl der erste Natur- forscher, der eine wissenschaftliche, heute aller- dings nicht mehr haltbare, Erklärung des Irrlicht- phänomens zu geben versuchte, die sich frei hielt von den abergläubischen Vorstellungen jener Zeit. Viele Theorien sind seitdem über die Entstehung der Irrlichter aufgestellt, aber noch heute ver- mögen wir keine befriedigende Antwort auf die Frage zu geben. Die Erscheinung ist eben so selten; und Zeit, Ort und Umstände lassen in den meisten Fällen eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung nicht zu. Zwei Ansichten stehen sich heute gegenüber. Nach der einen liegt eine elektrische Lichterschei- nung vor, die andere behauptet, man hätte es hier mit irgendeinem Gase oder Gasgemisch zu tun. Für die letzte Annahme spricht die Wahrschein- lichkeit in hohem Maße. Denn die Irrlichter sind, wie schon erwähnt, stets auf solchem Boden beobachtet worden, in dem viele organische Sub- stanzen aufgespeichert sind. Wenn diese nun durch die Vermittlung von Mikroorganismen in Fäulnis übergehen, finden die verschiedensten chemischen Reaktionen statt, bei denen nachweis- lich mehrere Gase entstehen, z. B. Wasserstoff, Schwefelwasserstoff und andere. Man hat hier aber vor allem an zwei Gase gedacht : an das brennbare Sumpfgas (Methan, CH,) und den selbstentzündlichen flüssigen Phosphorwasserstoft' (P2H4). Doch wie es einerseits rätselhaft ist, wo- durch das Sumpfgas sollte entzündet werden, müßte andererseits bei der Verbrennung von Phosphorwasserstoff ein weißer, meist ringförmiger Rauch, sowie ein widriger, an faule Fische er- innernder Geruch entstehen, was man jedoch bei Irrlichtern niemals wahrgenommen hat. Auch kennen wir bisher keinen, in der Natur sich ab- spielenden, chemischen Vorgang, bei dem der in Frage kommende Phosphorwasserstoff gebildet wird. Die zweite, neuere Ansicht, daß das Irrlicht eine besondere Erscheinungsform der Luftelektri- zität ist, wird dadurch gerechtfertigt, daß es mit Vorliebe sich zeigt, wenn die Luft mit Elektri- zität außergewöhnlich stark geschwängert ist, so vor allem bei nebligem Wetter oder an schwülen Abenden vor Gewitterausbrüchen. Im übrigen ist die elektrische Natur der Irrlichter noch zu wenig erwiesen, als daß man berechtigt wäre, sichere Schlüsse daraus zu ziehen. Einstweilen hat sicher- lich die „Gastheorie" den größeren Anspruch auf Wahrscheinlichkeit, auch aus folgendem Grunde. Bekanntlich hat die fortgesetzt in großem Maß- stabe betriebene Drainage und Moordammkultur des Sumpf- und Moorgeländes, des Haupttummel- platzes der Irrlichter, bewirkt, daß diese von Jahr zu Jahr seltener werden. Der tiefere Grund hier- für ist nun darin zu suchen, daß infolge der Ur- barmachung entweder die chemischen oder die elektrischen Bedingungen für die Entstehung des Irrlichts nicht mehr in dem Maße wie früher vor- handen sind. Das erstere ist aber weit einleuchten- der, denn es ist nicht recht einzusehen, inwiefern eine Änderung der Bodenbeschaft'enheit die Luft- elektrizität so empfindlich beeinflussen könnte. Und daß die Lufielektrizität als solche nicht im Abnehmen begriffen ist, beweist die jährliche Zu- nahme der Gewitter. Mehr Aussicht auf Be- stätigung hätte vielleicht noch eine Vereinigung beider Theorien. Danach hätte man sich die Entstehung des Irrlichts so vorzustellen, daß das erfahrungsmäßig sich bildende Sumpfgas durch eine dem St. Elmsfeuer verwandte elektrische Er- scheinung zur Entzündung gebracht wird. Immer- hin ist es fraglich, ob bei der, unseres Wissens noch nicht festgestellten, aber allem Anscheine nach sehr niedrigen Normaltemperatur des Elms- lichtes eine solche Entzündung möglich ist. Es mangelt nicht an Vorschlägen für Irrlicht- Untersuchungen: man solle die Lichtstärke, sowie 26 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 2 den Wärmezustand bestimmen, man solle die etwaigen, das Licht ausstrahlenden Gase in Reagenzgläsern aufsammeln, man solle versuchen, das Irrlicht auf die photographische Platte zu bannen; doch alle diese Untersuchungsmethoden dürften — falls sie überhaupt zu einwandfreien Resultaten führen — wenig aussichtsvoll sein. Ein anderer, so nahe liegender Weg, auf den merkwürdigerweise nur selten hingewiesen worden ist, könnte schon eher zum Ziele führen : die spektroskopische Untersuchung. Jener Wunder- apparat, dem die Wissenschaft schon soviele wichtige Entdeckungen verdankt, das Spektroskop, würde auch hier vortreftliche Dienste leisten. Dureh eine einzige exakte Analyse des Irrlicht- spektrums würde die Streitfrage so gut wie ge- löst sein. Und eine solche wäre um so mehr zu wünschen, als man schon heute mit Gewißheit sagen kann, daß, wenn die nächsten Jahrzehnte keine wissenschaftlich unwiderlegbare Erklärung des Irrlichts bringen, auch der Glaube an ihre jemalige Existenz gänzlich dahinschwinden wird. Und wenn der alte Kampf mit dieser Niederlage der Wissenschaft endigen sollte, dann hätte der „ignis fatuus" seine Narrenrolle wahrlich vortreft- lich ausgespielt. Hjalmae Sander. Biologische Beobachtungen an einem deutschen Myriapoden, Polydesmus com- planatus. — Die Lebensgeschichte der deutschen Myriapoden ist bisher nur sehr wenig zum Gegen- stande eingehenderer Untersuchungen gemacht worden. Es liegen zwar eine Reihe von Beob- achtungen vor, so die von Fahre (1855), vomRath, Verhoeff, von Schlecht endal u. a., aber eine systematische Durcharbeitung ist bisher noch nicht geliefert worden. Vielleicht regen diese Zeilen zu weiteren Studien in dieser Richtung an. Ich habe mich selbst längere Zeit mit vorwiegend anatomisch-histologischen Unter- suchungen an Polydesmus befaßt, dabei aber auch vielfach biologische Beobachtungen gemacht, von denen hier einige mitgeteilt seien. Die Gattung Polydesmus gehört zu den Diplopoden, ist also verwandt mit den be- kanntesten Tausendfüßern lul us und Gl omeris (= Rollassel); auch der merkwürdige kleine Polyxenus gehört hierher. Polydesmus er- reicht im erwachsenen Zustande eine Länge von ungefähr 2 cm. Sein Körper besteht aus dem Kopfe und 20 hintereinander liegenden Segmenten, von denen die mittleren, vom 5. bis zum iS. Seg- ment, sich fast vollkommen gleichen und sich durch den Besitz von je zwei Beinpaaren aus- zeichnen, während die vier vorderen und die beiden letzten Segmente von ihnen mehr oder weniger verschieden sind. Während wir am I. Segment ein Beinpaar vorfinden, ist das 2. Segment ein einfacher beinloser Ring. Am 3. und 4. Segment finden wir dann wieder nur je ein Beinpaar angebracht. Das 3. Segment trägt in beiden Geschlechtern die Genitalöfifnung. Beim Männchen sind es zwei Löcher, die an der Unter- seite der Coxen der Beine liegen. Beim Weibchen finden wir einen sehr komplizierten Apparat vor, die paarigen sog. ,, Vulven", die in einer tiefen Grube des 3. Segmentes liegen. Sie können weit über die Körperoberfläche vorgestreckt werden und dienen bei der Kopulation zur Aufnahme der männlichen Begattungsorgane und weiterhin auch zur Eiablage (s. Fig. i). Neben den weib- lichen .'\usführungsgängen befinden sich in den Vulven auch noch je ein Receptaculum seminis. cht' Fig. I. Polydesmus spcc. Vulva in der Ansicht von vorn- oben. (Original.^ chl = Chilinleisten, recs = Receptaculum seminis. Die Männchen besitzen besondere Kopulations- organe am 7. Segment ihres Körpers und zwar sind dies umgewandelte Beine, die aus zwei Ästen an einem gemeinsamen Stamm bestehen. Daran befindet sich auch ein kleines Bläschen, dessen Eingang von zarten Borsten umstellt ist. Das Bläschen dient zur Aufnahme des Spermas (s. Fig. 2). Erwähnt sei, daß die Spermatozoen nicht die all- bekannte Form haben, sondern einfache, kugelige Zellen sind. — Es wurde schon gesagt, daß die beiden letzten Segmente des Körpers, das 19. und 20., abweichend gebaut sind. Das 19. Seg- ment nämlich ist ein beinloser Ring und das 20. ebenfalls beinlose „Analsegment" ist durch zwei Klappen ausgezeichnet, die den After seitlich be- grenzen, die „Analklappen". Bemerkenswert ist am Analsegment noch ein mit feinen Sinnesborsten versehenes Schwänzchen. — Nach dieser kurzen anatomischen Einleitung können wir zu den Lebenserscheinungen übergehen. Polydesmus complanatus führt einsehr verstecktes Leben. Man findet das blinde Tier- chen unter feuchtem Laub, Steinchen, Holz, in alten hohlen Weiden usf Hauptbedingungen für F. N. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 sein Gedeihen sind Dunkelheit und kühle, feuchte Beschaffenheit seines Wohnortes. Vor hellem Lichte zieht sich das Tierchen sofort zurück, in- dem es lebhaft rückwärts kriecht. Dabei machen die 31 (resp. 30 beim S) Beinpaare eine wellen- förmige Bewegung-, indem sie nacheinander in Tätigkeit treten. Gelingt es dem Tierchen nicht, sich aus dem Bereiche der Sonnenstrahlen zu retten oder hält man es so in Gefangenschaft, daß es der Besonnung ausgesetzt bleibt, so geht es in sehr kurzer Zeit zugrunde und zwar an voll- ständiger Austrocknung des Körpers. Kälte und Feuchtigkeit sind unserem Polydesmus sehr zuträglich, sogar im Winter kann man die Tier- chen an geschützten Stellen unter altem, modern- den Laube usf. mit ziemlicher Sicherheit finden iy-^^--,- nha Fig. 2. Polydesmus spec. Kopuhitioiisfuß. (Origioal.) m = Muskulatur, hk = Chitinliakcn, hpt = Hauptast, nba = Nebenast, sbl = Samenblase, cisbl = Eingang zur Samcnblase. Der Myriapode kann weiter nur an solchen Stellen sein Leben fristen, wo sich kohlensaurer Kalk in reichlichen Mengen findet. Die chemische Untersuchung des Chitinpanzers gibt uns die Er- klärung dafür, er enthält nämlich ganz beträcht- liche Mengen von Kalksalz eingelagert. Die Nahrung des Poly desmiden ist rein vegetarisch. Wenn man den Darminhalt einer mikroskopischen Untersuchung unterzieht, so findet man darin neben zahlreichen feinen Erd- teilchen Reste von allerhand pflanzlichen Produkten — Blättern, Holzstückchen usf. Die versteckte Lebensweise der Poly des- miden sichert sie in hohem Maße vor Nach- stellungen vonseiten größerer Tiere, ja, man weiß noch gar nicht einmal, ob sie überhaupt von irgendwelchen Tieren gefressen werden. Wenn man auf den Fang von Polydesmus ausgeht und das feuchte Laub umwendet, unter dem er lebt, so sieht man ihn sich fluchtartig in dunklere Regionen zurückziehen. Und wenn man das Tierchen mit den Plngern fassen will, so rollt es sich meist spiralig zusammen und verbleibt längere Zeit in dieser Stellung, die man als Totstellen auffassen kann. Aber noch eine andere Einrich- tung sichert die Polydesmiden vor Feinden. Wir finden nämlich in einer Anzahl von Segmenten in den Seitenkielen Drüsen, die sog. Stink- oder Wehrdrüsen, Glandulae odoriferae, die einen übel- riechenden Saft ausscheiden, der wahrscheinlich ein wirksames Schreckmittel ist. Die Drüsen selbst habe ich genau untersucht und fand sie aus einem ansehnlichen Säckchen bestehend, das sich nach der Peripherie des Körpers zu flaschen- halsförmig verengt. Der Hals ist von ganz zarten Muskelchen sphinkterartig umgeben und mündet dann in einen Vorraum, in dem das Sekret, be- vor es durch die Saftlöcher (Foramina repugna- toria) ausfließt, gesammelt wird. Die chemische Untersuchung des Saftes ergab bei Paradesmus gracilis, daß es sich dort um Blausäure handelt (Guldensteeden-Egeling). Während man, wie erwähnt, von äußeren Feinden von Polydesmus nichts Bestimmtes weiß, kennt man hingegen eine Reihe von Para- siten, die ihn befallen. Von Ektoparasiten sei eine kleine Milbe erwähnt, die nicht einmal die Größe der Kuppe einer Insektennadel erreicht. Das Tierchen klammert sich an die Beine seines Wirtes fest und erscheint bei der Betrachtung als Beulchen. Von Entoparasiten kennt man beson- ders G r e g a r i n e n , die im Darmkanal schmarotzen, einige Nematoden und endlich Mer'mis (vom Rath). Pflanzliche Parasiten, die das befallene Tier fast stets zugrunde richten, sind die Schimmelpilze. Besonders interessant sind die Fortpflanzungs- erscheinungen, die ich mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatte, wenn auch nicht lückenlos in ihrem ganzen Verlaufe. Es liegen aber mehrfach Beobachtungen der Autoren vor, so daß sich un- gefähr folgendes Bild ergibt. — Zweimal im Jahre findet die Begattung statt, im Frühling und im Herbste. Auch dieser Vorgang spielt sich wie das ganze Leben des Tieres überhaupt im Dunkeln ab. — Wie wir erwähnten, münden die männ- lichen Geschlechtsdrüsen an der Basis der Beine des 3. Segmentes nach außen ohne einen Penis zu bilden. Dagegen finden wir am 7. Segment die merkwürdigen Kopulationsfüße, deren Samen- bläschen vor der Begattung mit Sperma gefüllt werden müssen. Diesen Vorgang und die darauf folgende Kopulation schildert uns Fabre mit folgenden Worten: „Bevor das Männchen zu einer Paarung schreitet, erhebt es den vorderen Teil seines Körpers und indem es ihn S-förmig krümmt, nähert es das 2. Segment (das 3. Segment! — d. Verf.) dem 7., d. h. es stellt eine Verbindung her zwischen seinen Geschlechtsöffnungen und dem Kopulationsorgane. Ich habe sogar bei Polydesmus, wo die Beobachtung leichter ist. 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 2 den Augenblick erfassen können , in dem ein Spermatröpfchen aus jeder Geschlechtsöft'nung austrat und alsbald von den Chitinpinselchen auf- genommen wurde, welche die inneren Aste der Kopulationsfüße tragen. Alsdann dringt ohne Zweifel das durch das Kürstchen festgehaltene Tröpfchen durch die in der Mitte des Haarkranzes liegende Öffnung und gelangt so in den darunter- liegenden bläschenförmigen Hohlraum. Dieser Hohlraum spielt also die Rolle eines Recepta- culum seminis. Nach diesen unerläßlichen Vor- bereitungen begibt sich das Männchen auf die Suche nach einem Weibchen. Die Vorbereitungen werden wahrscheinlich nicht 7,u jeder Paarung von neuem getroffen. Nach mehreren vergeh liehen Versuchen des Männchens, auf den Rücken des Weibchens zu steigen, gelingt dies schließlich doch. Das Männchen ergreift das Weibchen mit seinen Kiefern beim Nacken. Es kippt dann seit- lich um und läßt sich so herabgleiten, daß es Bauch gegen Bauch mit dem Weibchen zu liegen kommt. In dieser Stellung ragt es dann ein wenig über das Weibchen hervor, sein Mund liegt über dem Nacken des Weibchens, während dieses das Männchen mit seinen Kiefern erfaßt. Der Zwischenraum zwischen dem 6. und 7. Segment des Männchens schwillt dann an, läßt den Apparat, den es birgt, hervortreten und stellt ihn den Vulven gegenüber, die endlich die Kopulations- füße aufnehmen. Während dieses Aktes ist das Hinterende des Körpers in vollständiger Ruhe, während die Antennen und die den Kopulations- organen benachbarten Beine in fortwährender Be- wegung sich befinden, so daß man sich über die Wichtigkeit des Vorganges, der sich da abspielt, nicht täuschen kann." — Über die Dauer der Kopulation gehen die Beobachtungen auseinander. Während vom Rath angibt, sie dauere zwei Tage, sagt Fahre, sie sei schon nach einer Viertelstunde beendet. Fr fügt noch hinzu : ,,Peu apres la Separation le male se met ä la recherche d'une autre femelle, en meme temps sa premiere compagne est loin d'etre insensible aux caresses d'un second male." Nach etwa 30 Tagen legt das Weibchen seine Fier ab und zwar in ein eigens zu diesem Zwecke verfertigtes kunstvolles Nestchen, dessen Bau ich in diesem Frühjahr beobachtet habe. Das Nest hat etwa die Gestalt eines Kohlenmeilers, dem oben ein zierlicher Hohlzj'linder aufgesetzt ist, durch den der Luftwechsel stattfinden kann (s. Fig. 3). Kurz vor der Eiablage beginnt das Weibchen mit dem Bau. Es fertigt zunächst einen feinen Ringwall an, auf dem es zusammen- gerollt liegt so, daß der Kopf das Hinterende be- rührt. Der Umfang des Ringwalles entspricht also der Länge des Tierchens, d. h. beträgt ungefähr 2 cm. Wenn man sich Zeit und Mühe nimmt, das Bauen weiter zu verfolgen, so macht man eine merkwürdige Entdeckung. Das Hinterende des Tierchens bleibt beständig auf dem Ringwall, während Kopf und Vorderkörper die Umgebung des Nestchens absuchen. Das Weibchen befühlt dabei mit seinen Antennen lebhaft das Material und man kann deutlich wahrnehmen, wie es davon mit dem Munde aufnimmt. Wenn es sich ge- nügende Mengen von Erde usf. einverleibt hat, so steigt es wieder vollständig auf sein Nestchen und haut weiter. Man sieht dann ab und zu, wie der Endahschnitt des Enddarmes zwischen den chitinigen Analklappen ausgestülpt wird und wie kugelige Kotbailen aus ihm austreten, untermischt mit einem glashellen Sekret. Die Kotballen dienen zum Nestbau, während das Sekret den Mörtel darstellt, der das Baumaterial, die Erd- und Holzteilchen in den Kotballen, bindet. Mit der Lupe kann man deutlich sehen, wie Stück für Stück dem Rande der Glocke angefügt wird, wie das Tierchen die Stelle des Bauens mit dem aus- gestülpten Enddarm betupft, wie es diesen dann wieder zurückzieht, einige Male auf dem Nestchen herumkreist und das Fertige mit den Antennen befühlt, wie um die Güte des Nestes zu prüfen. Das genannte Sekret wird aus einer Drüse ab- geschieden, die im Hinterende des Tieres über und zu den Seiten des Enddarmes sich ausdehnt und vermittels paariger Gänge in die Afterhöhle mündet. Meine Beobachtungen stimmen mit denen überein, die von Schlechtendal über den Nestbau veröffentlicht hat. — Wenn das Nest eine gewisse Größe, etwa 7.. der Höhe erreicht hat, legt das Weibchen seine Eier hinein, etwa 100 an der Zahl, was ^ ^ Stunden dauert. Die Fig- 3- ^cst von Polydesmus complanatus. (Originat) Eier treten durch die Vulven nach außen und werden durch ein klebriges Sekret zusammen- gehalten, das wahrscheinlich einer drüsigen Masse in den Vulven entstammt. Sicherheit darüber konnte ich leider nicht erzielen. Wenn die Eier abgelegt sind, wird das Häuschen geschlossen und durch den schon genannten Schornstein gekrönt. Den Bau dieses zierlichen Gebildes konnte ich nicht beobachten. Wird das Tierchen beim Nest- hau oder der Eiablage gestört, so zieht es sich zurück, um bald darauf wieder zur Stelle seiner Tätigkeit zurückzukehren und das unterbrochene Werk fortzuführen. Sicherlich wird es dabei durch seinen Geruchssinn geleitet, der an die Antennen gebunden ist. Eine Zeitlang nach der Fertigstellung des Nestes hält das Weibchen hei N. F. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 diesem Wache, um es dann seinem Schicksale zu überlassen. Nach etwa 12 — 15 Tagen schUipfen die jungen Polydesmiden aus. Es sind kleine weiße Larven mit nur drei Beinpaaren und 7 Segmenten. Wenn sie die Eihüllen durchbrochen haben, so fressen sie sich vermöge ihrer kräftigen Mandibeln durch die Wand des Nestchens durch, um eine Zeillang sich in seiner Nähe aufzuhalten und dann ihre eigenen Pfade zu wandeln. Bis zum ausgebildeten Zustande durchlaufen die Tiere sieben vorbereitende Stadien, während welcher die Zahl der Segmente und Reinpaare allmählich ergänzt wird. Die Kopulationsfüße kommen erst mit der letzten Häutung zum Vorschein. Die neugebildeten Ringe schieben sich stets zwischen dem vorletzten (19.) und dem Analsegment (20.) ein. — Wenn Polydesmus sich zur Häutung anschickt, so verkriecht er sich in die Erde, macht sich dort ein kunstloses Nestchen und verharrt darin lo— 12 Tage mit starr abstehenden Beinen und vorne umgeschlagenem Kopfe Endlich wird die Haut abgestreift. An der Exuvie kann man alle Chitiiiteile erkennen: die Ringe, Beine, An- tennen, Mundwerkzeuge, Kopulationsfüße, Vulven, die Auskleidungen von Vorder- und Enddarm usw. Pliysiologische Angaben über den Häutungsvor- gang verdanken wir Verhoefif. Es sei nur sein Autoreferat darüber wiedergegeben (Zool. Cen- tralblatt 1901, 89): „Betrachten wir eine abgelegte Exuvie mikroskopisch, so zeigt sie sich verdünnt im Verhältnis zum gewöhnlichen Hautskelett und dicht besetzt mit Körnern verschiedener Größe. Diese Körner sind ein Salz, das durch die Wirkung der Harnsäure erzeugt wird, indem dieselbe, auf das Hautskelett wirkend, das Chitin nicht, wohl aber den Kalk aufzulösen vermochte. Dieser Kalk bildet die Innenschicht, die Säure macht dieselbe verschwinden und erzeugt die Salzkörner. Das Hautskelett wird aber dadurch so geschmeidig gemacht, daß es von dem häutungsbedürftigen Tiere verlassen werden kann. Aus dem starren Panzer wird ein geschmeidiges Hemd." Dr. phil. W. Effenberger, Jena. Die Seismometer. — Einem aus dem Leser- kreise geäußerten Wunsche nachkommend geben wir heute in Ergänzung zu dem Aufsatz von A. Sieberg über Erdbeben (Bd. VI, Seite 785) eine Beschreibung der Prinzipien, welche dem Bau der Seismometer zugrunde liegen, wobei wir uns den lichtvollen Auseinandersetzungen anschließen, wel- che Prof Wiechert auf der Dresdener Natur- forscherversammlung 1907 zu diesem Thema ge- geben hat. „Die vollständige Bestimmung der Erdboden- bewegungen verlangt die Kenntnis von drei Kom- ponenten : zweier horizontaler (etwa Nord-Süd und Ost-West) und der vertikalen Komponente. So ergibt sich eine natürliche Scheidung der Seismo- graphen in Horizontal- und in Vertikal-Seismo- grapheii. Die Seismologen pflegen die schwere Masse, deren Relativbewegungen gegen das Gestell durch das Schreibwerk aufgezeichnet werden, die „sta- tionäre Masse" zu nennen. — Bei den Horizontal- seismometern sind zur Aufhängung der sta- tionären Masse vornehmlich drei Prinzipien in Gebrauch (Fig. l): i. Das Prinzip des verti- kalen Pendels. Die stationäre Masse bildet dann den Körper eines gewöhnlichen, herabhängen- den Pendels. Je länger das Pendel gemacht wird, Vertikales HoiizonUilpendel. Verkehrtes Pendel. Pendel. Fig. 1. Horizontalseismometer. um SO empfindlicher wird die Aufhängung, denn um SO geringer wird die Kraft, welche die statio- näre Masse bei Ablenkungen in die Ruhelage zu- rückführt; man merkt die wachsende Empfindlich- keit an dem Größerwerden der Eigenperiode. — 2. Das Prinzip des Horizontalpendels. Den- ken Sie sich, um dessen Wesen einzusehen, ein gewöhnliches Pendel mit recht kräftiger, zunächst horizontal gelagerter Achse. Nun werde die Achse aufgerichtet. Je steiler man sie stellt, um so geringer wird die Kraft, mit der die Pendelmasse in die Ruhelage zurückgeführt wird, um so größer wird damit auch die Schwingungsperiode. Schließ- lich, wenn man die Achse hinten überneigt, kann man das Pendel sogar labil machen. In der Praxis der Erdbebenpendel wird die Achse nahezu ver- tikal gestellt, um die Empfindlichkeit recht hoch zu machen , so daß das Pendel in einer nahezu horizontalen Ebene schwingt; so erklärt sich der Name „Horizontalpendel". — 3. Das Prinzip des „umgekehrten Pendels". Hier ist das Pen- del sozusagen auf den Kopf gestellt, so daß es zunächst labil ist. Durch passend angebrachte Paedem wird es dann stabil gemacht. Indem man die Federkraft reguliert, hat man es in der Hand, die Eigenperiode, also die Empfindlichkeit, mehr oder weniger hoch zu legen. Bei Vertikalseismometern muß man die stationäre Masse von Federn tragen lassen, um die vertikale Beweglichkeit zu erzielen (Fig. 2). Da man die p-edern in der Regel nicht nachgiebig genug machen kann , um den Anforderungen an Empfindlichkeit der Aufhängung zu genügen, so sieht man sich genötigt, irgend einen Kunstgriff 30 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vni. Nr. 2 anzuwenden, um die Empfindlichkeit zu erhöhen, man muß ,,as lasieren". Das geschieht z. B., wenn man die stationäre Masse von der Feder nicht direkt, sondern durch Vermittlung eines hori- zontalen Hebels tragen läßt. Die Achse des Hebels sitzt dann an einem Ende des Hebels, das andere trägt die stationäre Masse; die Feder greift da- zwischen an. Noch mehr und beliebig hoch läßt sich die Empfindlichkeit steigern, wenn der An- griffspunkt der Feder nach unten, unter die Ebene durch Achse und Schwerpunkt gerückt wird. Es gibt noch eine Reihe anderer Methoden der Asta- sierung, doch ist es nicht nötig und nicht angäng- lich, hier näher darauf einzugehen. Für die Empfindlichkeit des Seismo- met ers ist die Empfindlichkeit der Aufhängung, die sich an der Höhe der Eigenperiode beurteilen Direkte Aufhängung. Einfacher Hebel. Hebel mit tiefgelegenem Angriffspunkt. Fig. 2. Vertikalseismometer. läßt, noch nicht allein entscheidend. Offenbar kommt es noch darauf an, in welcher Vergröße- rung die Bewegungen der stationären Masse auf- gezeichnet werden. Dies hat zur Folge, daß für die Empfindlichkeit eines Seismometers 2 Größen maßgebend sind. Als eine davon können wir die Vergrößerung annehmen, in der der Apparat Erd- erschütterungen aufzeichnet, die im Verhältnis zu seiner Eigenperiode sehr schnell verlaufen. Ich nenne sie die „I n d i k a t o r v e r g r ö ß e r u n g" und will sie mit V bezeichnen. Bei Erdbebenbewegun- gen, die langsam gegenüber der Eigenperiode verlaufen, kommt es auch auf diese Eigenperiode an, und zwar ergibt die mathematische Theorie, daß bei sehr langsamen Erdbodenbewegungen die Größe der Aufzeichnungen proportional mit dem Produkt VT'- ist, wenn 7" die Eigenperiode kennzeichnet. Statt T- kann man auch die Länge L eines mathematischen Pendels nehmen, welches die gleiche Eigenperiode haben würde, denn die Länge eines solchen Pendels ist proportional mit T-. Es gilt nämlich die P'ormel : /.: 47r- 7'-, in der g die F"allbeschleunigung bedeutet. Als Maß für die Empfindlichkeit bei sehr langsamen Bodenbewegungen hätten wir hiernach auch das Produkt VL. Es bedeutet eine Länge — ich will sie mit / bezeichnen : T-=VL und „In d i ka t o r 1 ä n ge" nennen — , die bei Horizontalseismometern eine sehr anschauliche Bedeutung hat: sie gibt die Länge eines einfach herabhängenden Zeigers an , der bei Neigungen des Gestelles eben dieselben Ausschläge geben würde wie das Seismometer. Demgemäß ist 7?= 1/206000 / der Ausschlag des Instrumentes für eine Bogensekunde Neigung. Ich möchte hier noch die Bemerkung einschal- ten , daß ein jedes Horizontalseismo- meter, wie kompliziert immer auch seine Ko nstrukt ion sein mag, sichdoch den Erdbodenbewegungen gegenüber geradeso wie ein einfaches Pendel von der Länge L verhält, das einen Zeiger von der Länge / besitzt (Fig. 3). — Sie werden vielleicht fragen, warum man dann die = Pendellänge. y I ^= Indikatorlänge. ^ = V ^ Indikatorvergrößerung. Achse, vom Uhrwerk gedreht und verschoben. Papierband für die Registrierung. Spannrolle. ^n^ Fig. 3. .Schema der Horizontalseismographen. komplizierten Konstruktionen überhaupt anwendet und nicht stets ein einfaches Pendel als Vorbild nimmt. Darauf ist zu antworten, daß dieses aus praktischen Gründen nicht angeht. Mein Hori- zontalseismograph mit einer stationären Masse von 1000 kg entspricht in der gewöhnlichen Re- gulierung einem einfachen Pendel von 36 Meter Länge mit einem Pendelkörper von lOOO kg und einem Zeiger von 7200 Meter Länge. Sie werden leicht begreifen, daß es unmöglich wäre, ein sol- ches Instrument herzustellen und mit ihm zu arbeiten, so einfach auch der zugrunde liegende mathematische Gedanke ist. Das Einfache ist eben nicht in allen Fällen auch das Praktische. Sind V und 7 oder — was auf dasselbe hin- ausläuft — V und /, oder V und E bekannt, und weiß man , wie groß die Reibung im Gehänge und wie groß die Dämpfung der Schwingungen ist, so sind alle Daten beisammen, um aus den Ausschlägen des Instrumentes durch die Rechnung auf die Bewegung des Bodens zu schließen. Der Zusammenhang wird durch eine Differential- gleichung 2. Ordnung vermittelt. Nach dem Ge- N. F. VIII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 31 sagten werden Sie erkennen, daß für sehr schnell verlaufende Bodenbewegungen die Indikatorver- größerung F, bei sehr langsamem Verlauf die Indikatorlänge / entscheidend ist; dazwischen kommen beide Größen zur Geltung. „Schnell" und „langsam" sind hier gegenüber der Eigen- periode des Instrumentes zu beurteilen. So wird verständlich , daß je nach der Lage der Eigen- periode das Instrument mehr die kleinen Perioden in dem Erdbeben oder mehr die großen bevor- zugt. Schwingt das Instrument ungedämpft, und liegt seine Eigenperiode im Bereich der Perioden bei dem Erdbeben, so wird es durch Resonanz besonders stark auf seine Eigenperiode reagieren. Das erhöht zwar unter Umständen sehr seine Empfindlichkeit, ist aber höchst störend, wenn ein klares Urteil über den Verlauf der Erderschütte- rungen gewünscht wird, denn das übermächtige Auftreten der Eigenperiode läßt nichts anderes deutlich zur Geltung kommen. Die Instrumente, welche zum Studium der Erdbebenwellen dienen sollen, müssen daher eine starke Dämpfung erhalten, wenn man nicht die Periode sehr hoch (i Minute und darüber) oder sehr niedrig (i Se- kunde und darunter) legen kann, was meist aus technischen Schwierigkeiten nicht angängig ist. — Ich sagte vorhin, daß die Registrierung der Erdbebenwellen sehr hohe instrumentelle Anfor- derungen stellt. Dies wird hervortreten, wenn ich nun einige Angaben über die Empfindlichkeit der Instrumente mache, die für den praktischen Gebrauch in Betracht kommen. Handelt es sich um die Aufzeichnung der großen V\' eltbeben, so ist eine Neigungsempfind- lichkeit £ = 1 mm für I Bogensekunde , ent- sprechend einer Indikatorlänge / von 200 Meter, nur noch in besonderen F"ällen hinreichend, man muß i; :=: 5 — 50 mm, entsprechend / ^= 1000 bis 10 000 Meter erstreben. Eine Indikatorver- größerung V von nur 10 ist nur noch bei ganz großen oder verhältnismäßig nahen Beben zu- reichend, man muß 50 oder lOO oder 200 erstre- ben. In den kleinen Erdbeben, wie sie in Mittel- europa auftreten, zeigen sich hauptsächlich sehr kurze Perioden (höchstens ein paar Sekunden) und sehr geringe Bewegungen. Will man diese in einigen Hundert Kilometer Entfernung noch re- gistrieren, so findet man, daß selbst eine 200 fache Vergrößerung noch wenig befriedigend oder ganz ungenügend ist. Ich habe deshalb in Göttingen für diese Erdbeben noch ein besonderes Instrument aufgestellt, das 2100 mal vergrößert." Natürlich ist bei photographischer Registrierung die Erzielung hoher Empfindlichkeit sehr viel leichter zu erreichen, als bei mechanischer, da der Lichtstrahl, auch wenn er noch so lang ist, nichts wiegt und beim Auftreffen auf photographisches Papier keine Reibung erzeugt. Ein photographieren- des Horizontalpendel kann daher in kleinen Di- mensionen und im Gewicht von 20 — lOO Gramm hergestellt werden; nur stellt sich der Betrieb sehr teuer und daher bleibt man auf den meisten Stationen auf die mechanische Registrierung an- gewiesen, bei der zur sicheren Überwindung der Reibungen die stationäre Masse sehr groß gemacht werden muß. Die Wiechert'schen Pendel haben Massen von 1000 kg bzw. 17000 kg. Die letztere, gewaltige Masse, welche durch einen mit Schwer- spat gefüllten Eisenzylinder von 2 m Höhe und 2 m Durchmesser dargestellt wird, gehört zu dem oben erwähnten Instrument mit 2 100 maliger Ver- größerung. Mit diesem Instrument konnte aber auch z. B. am 16. September 1906 die Explosion eines Forts in Besangon zu Göttingen deutlich wahrgenommen werden und die Maschinen des Göttinger Elektrizitätswerkes , das 2 V2 ^^ von der Erdbebenwarte entfernt liegt, bedingen eine feine Wellung der Seismogramme, vermöge deren der Betrieb des Elektrizitätswerkes genau kontrol- liert werden kann. Selbst in den unterirdischen Befestigungen der Insel Helgoland, wo das Instru- ment zeitweilig aufgestellt war und eine sonst nirgends erreichbare Ruhe zeigte, traten doch hin und wieder nervöse Zuckungen des Lichtpunktes und fortwährende leichte Bewegungen auf. Bis Mitte 1907 gab es auf der Erde im ganzen 126 Stationen mit registrierenden Erdbebenmessern. Fast die Hälfte davon entfällt auf das über die ganze Erde ausgedehnte englische Netz. Deutsch- land hat 15 inländische Stationen, denen sich neuerdings je eine in Apia (Samoa-Inseln), Dar- es - salam und Kiautschau zugesellt hat. Die meisten Stationen sind mit Horizontalpendeln aus- gestattet, während die Zahl der Vertikalseismo- meter noch sehr gering ist. — Mit Hilfe der Potsdamer, in 25 m Tiefe unter dem Erdboden aufgestellten Horizontalpendel hat O. Heck er kürzlich auch die Deformationen des Erdkörpers unter dem Einfluß von Sonne und Mond sehr deutlich nachweisen können. Aus dem Betrage dieser Gezeitenerscheinung am festen Erdkörper ergibt sich, daß diesem etwa die Starrheit des Stahles zukommt. Kbr. Bücherbesprechungen. Otto zur Strassen, Die neuere Tierpsycho- logie. Vortrag in der zweiten allgemeinen Sitzung der 79. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Dresden. Druck und Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1908. Der Verfasser macht uns in geschickter Weise mit den verbreitetLten Anschauungen der modernen Tierpsychologie bekannt. Als Vertreter des psycho- physischen Parallelismus behandelt er in erster Linie das rein ins Gebiet der Physik und Chemie fallende Problem des tierischen Bewegungsmechanismus, erst ganz am Schlüsse spricht er sich über die Zuordnung des Psychischen aus. Das für alle Wissenschaft obligatorische Prinzip der Ökonomie veranlaßt ihn, nicht nur dem Menschen, sondern auch den Tieren ein Bewußtsein zuzuschreiben. Bis zu welcher Stufe N.itur\vissonsoluirtlk"ho WooluMischrift. \. K. VUI Nr iti der Tierreihe er die F.iiilegung des Psychischen ausgodohnt wissen will, erfahren wir nicht. Ansicrsbach. Sammlung naturwissenschaftlich pädagogischer Abhandlungen. Hor.iusgegeben von Trof. Dr. l\ Sohnicil in M.irlnirg ;\. l,. und Trof. Or. W. B. Schmidt in l.eip/ig, /.weiter Hand. Mit .\b- hildungen im Texte. Leiprig und Berlin. Druck und Verlag von B. G. Teubner, looS. — Preis 13 Mk. Der umfangreiche Rmd, der eine reiche (Quelle nicht nur fvir die Methodik des Unterrichts ist. son- dern auch viel .tweckdienliches L'nterrichtsniaterial bringt. enthSlt die folgenden Abhandlungen : 1. Die Bedeutung des F.xpcr:mentes tiir den Ihiter- richt in der Chemie (von M. Wehner"!, 11. Sind Tiere und rtlan^en beseelt? Lehrstort" für den Unterricht in Prima im Anschluß an die philosophische Propä- deutik (^F. HiiokK 111. Beiträge lur Metliodik des botanischen l'nterrichts ^F. Schleichertl, IV. Der dy- niuuologische 1 ehrg-ang. Versuch einer geschlossenen Naturkunde ^K.. Renuisl, V. Beiträge zur Geschichte und Methode des chemischen Unterrichts in der Volksschule ^^R. Böttgert. VI. Die meteorologischen Elemente und ihre Beobachtung mit Ausblicken auf Witterungskunde und Klimalehre. Unterlagen tür schulgemäiSe Behandlung sowie nun Selbstunterricht l^O. Meit.Mier\ Vll. Der Lehrplan tur den Unterricht in Xaturkur.de, historisch und kritisch betrachtet (^P. HenklerK \"1U. Ph\-siologie und Anatomie des Menschen nüt Ausblicken auf den ganzen Kreis der Wirbeltiere in methodischer Behandlung (^F. Kienitz- Gerloftl Anregungen und Antworten. Herrn W. Z. u\ B. — i. Oie wicliügslen Werke über Pflantenbiologie siuJ folgende. .-Vn erster S'.cUe muli Siels das kUissische Werk A. von Kerner"s genannt »erden: Ptlantcnicben : 1 Bde. Leipiig iSoo — ot (antiq, clw.i 15 Mk.V — Zur F.inluhrung in d»s Studium dieses Wissenscliatlsiweiges sind folgende Lehrbüelier craptehlenswerl : Fr. Ludwig, Lelirbuoh der Biologie der Prtanien (Stuttgart 1805); und J. Wiesner, Biologie der Pflanien ^W\en 1SS9 und 1902, 2, .-Kutl. ; bildet Bd. HI von desselben Verf. Elemente der \vissenscliat\liolien Botanik ; mit vielen l.iter.itunitalenl ; ferner W. M i g u 1 a, riUnienbiologie 1 t^uelle v"ic Meyer, Leipzig ; S Mk.). — Ein g.mt ausgeicichneles Werk über Biologie der Blüten ist: E, L o e w . Einführung in die Blütenbiologie auf historischer Grundlage ^Berlin, K. Dümmlers Verl. lS95'>; dieses ist un- entbehrlich tvir jeden, der speziell in dieses reich entwickelte Gebiet eindringen will. Derselbe Verl", tchrivb: Blütenbio- logische Kloristik d, miulcrcn und nördlichen Eurojxx ^Stult- gatt 18041, und in IVlonio's Naturvv. Wochenschrift iSSo eine „.Vnleitnng «u bliitenbiologischen Beobachtungen", die jeder lesen muB. der selbst solche Studien treiben will. Ein kleineres Werk über Blütenbiologie ist: R. Knulh, Grund- rifi der Blütenbiologie (Kiel und Leipzig, l.ipsius u, Tischer, 1S94I. K. Knuth begrüiulele das umt'angreiche, verdienstvoUo Handbuch der Blütenbiologie (4 Bde., W. Engelmann, Leiptig, iSoS — tooö), das nach seinem Tode von O. .\ppel und E. U o e w vollendet wurde. Ein gutei .\bschnilt über Blüten- biologie tindet sich in W. 1. Behrens, l.ehibuch der .Mlg. Botanik, 5. .Xutl. iSo4. Hie Beziehungen »wischen Blumen und Insekten wird behandeln: O. Kirchner, Blumen und Insekten ^wird 1000 bei reubner-l.eiprig erscheinen!. — Es gibt natürlich wahllose -Vbhandhingeu über biologische The- mata ; von wichtigeren seien hier noch genannt ; (.>. K i r c h - ner, Bestäubungseinrichtungen der Blüten (Stuttgart, 1900 — IftOl) ; viele .\rbeiten von K, G oebel, besonders seine Pflanzen- biologischen Schilderungen (Marburg, iSSo— o,;; 3 Peile; etwa 15 Mk. antiii V — Die Beziehungen der Pflanzen Mittel- europas in ihrer l'mgebung behandelt das großangelegte, im Erscheinen begritVene Werk : Kirchner, L o e w und Schröter, Lcbensgcschichle der Blütenpflanien Mitteleuropas (Stuttgart, E. l'lmerV i. Da die Blütezeit tur jeden Ort eines größeren Gebietes wie Deutschland sehr verschieden ist. so ist es schwierig, tur ein so großes llebict einen sog, B 1 ü t e n k a 1 e n d e r auf- zustellen, d. h. ein chronologisches Verzeichnis, in dem die Pflanzen nach ihrer BUihperiode, dem Beginn und l'nde ihres Blühens angeordnet sind (E. Beiche, Blütenkaleuder der deutschen Phaaerogamenllora, J Bde., 1S73. 3Mk.l Dagegen kann man recht wohl für einen einzelnen Bezirk die verschie- denen Phasen des Blühens durch jahrelange Beobachtungen ermitteln und einen gewissen konstanten .Mi ttel t ermin lur einen bestimmten Beobaehtungsort festlegen. Der Blüten- kalender wird lur jeden Ort ein anderer sein (z. B. L. Beisse nberger, Beitrag tu einem Kalender der Elora von llermannsladt, in .\rohiv för Siebenbürgische Landeskunde, N. K. XXVI, 1S95. ^- 57^^- "• Hoffmann hat liir Gießen die Mittelwerte der Hauptphasen von über lioo Prtanzenarten in alphabetischer .\nordnung der .Vrten mitgeteilt (Berichte der Deutsch. Bot. Gesellschalt IV iiSSo] p. JiSo— 300I. E. Gohn schildert ^Dic Pflanze, 1SS2, S. 142) einen Pflanzen- kalender liir Breslau (vgl. Ludwig, Lehrbuch der Biologie der Pflanze, S. 147V — Man bezeichnet die Wissenschaft, die sieh mit der zeitliehen Entwicklung des Pflanzenlebens im Laufe eines Jahres (vornehiulich mit der Belaubung, dem .\uf- blühen, der Eruchtreife, der Laubvert^rbung, dem Laubfall^ und ihrer Beziehung zum Klima beschäftigt, als P h ä n o 1 o g i e. Untersuchungen dieser .\rt gehen bis auf Linne zurück. In seiner ,,Philosophia botanica" 1,1751! findet man p. 2'2 einen Blütenkaleuder für l'psala (beginnt mit 17 -Vpril: Hepatica). Ein eifriger Förderer phänologischer Bcoliachtungen aus neuerer Zeit ist besonders 11. Hoffmann in Gießen gewesen (vgl, seine ,,Phänologischen Mitteilungen" in den „Berichten der Oberhessischen Gesellschaft lur Xatur- und Heilkunde" und von 1000 an in den „.Abhandlungen der Naturforschen- den Gesellschall in Nürnberg"!. Seine Studien wurden auf- genommen und fortge>etzt von Ihne (vgl, dessen Geschichte der phänologischen Beobachtungen, in H o f f m a n n und Ihne, Beitr;ige zur Phänologie. Gießen 1SS4!. Drude (Deutschlands Pflanzengeographie. Stuttgart 1S95!, Knuth (für Holstein) u. a. Ihne l-li<-ii. Noch nicht ganz fünfzig Jahre sind vergangen, seit Darwin und Wallacc uns ihre Begrün- dung der Abstammungslehre gegeben haben. Jetzt erst fing diese Lehre an unsere Anschauungen über die lebende Welt zu beherrschen. Sic lehrte uns, daß jeder Organismus seine an Umbildungen oft reiche Stammesgeschichtc hat. So wie die Gesamtheit der Gesetze eines Staates sich erst verstehen und würdigen läßt, wenn man sich auf geschichtlichen Hoden stellt und die Verhältnisse und Bedürfnisse der Zeit berücksichtigt, in welcher jedes Gesetz entstanden i.st, so wird auch der Körperbau eines Tieres uns erst verständlich sein können, wenn wir seine Bildungsgcschichtc in den 1 lauptzügen ermittelt haben. Vieles im Bau der ricre, was uns sonst befremdend erscheinen müßte, hat schon dadurch eine Krklärung gefunden. h.s hat sich denn auch seit der .Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Keihc hervorragender Forscher darum bemüht, den Bau des men.sch- lichen Körpers, seine F!,ntwicklung und seine individuellen Abweichungen aus der Vergangen- heit zu erklären. Dieses Streben führte zur Auf- stellung einer Reihe von hypothetischen .Stamm- formen, deren Bau sich demjenigen bekannter Tiere mehr oder weniger genau anschloß. Man hat versucht, den Bau unserer Stammformen bis in die weiteste Vergangenheit zu rekonstruieren. Schien auch die Lösung dieses Problems im .Anfang nicht sehr schwierig, so hat doch eine mehr eingehende I'rüfung gezeigt, daß wir von der endgültigen Beantwortung vieler Fragen noch weit entfernt sind, (jar zu viele wichtige Tier- formen sind ausgestorben und uns entweder nicht oder nur unvollständig als I""ossiIien bekannt. F^s bleiben große Lücken im Stammbaum der Wirbel- tiere, zu deren Ausfüllung die Tatsachen nicht ausreichen. Da kann man vorläufig nur durch hypothetische F'ormen den .Stammbaum ergänzen, dadurch die verschiedenen Möglichkeiten be- leuchten und Anhaltspunkte finden für neue Untersuchungen. Es hat nun in der Entstehungsgeschichte der höheren Wirbeltiere eine sehr wichtige Zeit ge- geben, da unsere Stammformen vom Wasserleben zum Leben auf dem Lande übergegangen sind. Da wurde der Bauplan ausgebildet, der den Aus- gang gegeben hat für die Organisation aller höheren Landwirbeltiere. Manches schwierige Problem würde bei Kenntnis dieses Bauplans seiner Lösung näher gebracht werden. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben den Bau dieser ersten vierbeinigen I^ndwirbeltiere , der ersten Tetrapoden, zu ermitteln. Vergleichende Anatomen, F^mbryologen und Zoologen haben sich denn auch vielfach dem .Studium jener lebenden 'I'icrc zugewendet, welche den ersten Ictrapoden am näch-Stcn stehen. Das sind die Amphibien. Dabei hat man im Anfang bei stammes- gcschichtlichen Untersuchungen ziemlich allgemein angenommen, daß unter den lebenden Amphibien die Salamander oder Sc;hwanzlurche jenen ältesten Tetrapoden so nahe ständen, daß sie selbst wohl als Ausgangspunkt für den Bau aller anderen Land Wirbeltiere, besonders auch der Säugetiere, gelten dürften. Dieser Standpunkt hat viele Untersuchungen beherrscht. Ist er nicht richtig, dann ist Nachprüfung in mancher FVage erwünscht. Darin liegt die große Bedeutung einer richtigen Beurteilung der Organisation der Schwanzlurche. Ihre Ähnlichkeit mit den ersten Tetrapoden abzu- wägen, ihren Charakter als ursprüngliche Tiere zu prüfen, das ist eine wichtige Aufgabe. .Meine eigene Meinung geht dahin, daß die .Salamander in mancher Hin.sicht umgebildete Tiere sind, die weder den ersten 'Tetrapoden noch den .Stammformen der Reptilien und Säugetiere in jeder Hinsicht nahe stehen. Bei ihnen auf- tretende Organisationszustände dürfen erst nach sorgfältiger Prüfung als Ausgangspunkt für die Zustände höherer Wirbeltiere verwertet werden. Von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich hier einige Betrachtungen über die Organisation der Schwanzlurche oder Salamander geben. Dabei gliedert sich das 'Thema in zwei Abschnitte. F,rstens gibt es unter den .Salamandern einige Arten, die F'Lschlurche, welche so vollständig Wassertiere sind und einen so einfachen Bau auf- weisen, daß sie namentlich früher als sehr ur- sprüngliche Tiere betrachtet wurden, welche den Fischen noch sehr nahe ständen. Dies muß erst geprüft werden, denn wäre es richtig, so brauchten wir den Grundplan der ersten I^ndwirbeltiere nicht weiter zu suchen; er wäre uns in jenen Arten gegeben. Wir werden sehen, daß diese Ansicht nicht richtig ist. Die zweite Aufgabe meiner Aus- führungen wird es sein, darzulegen, daß auch die typischen Salamander, die Salamandrinen, in mancher Hinsicht umgebildete 'Tetrapoden sind. F'angen wir mit den Fischlurchen an, .Man unterscheidet dabei zwei kleine Gruppen von Arten, die Kiemenlurche oder Perenni- branchiata und die JJerotremen. Erstere ver- danken ihren Namen dem Besitze von äußeren Kiemen, welche in einem Büschel auf beiden -Seiten hinter dem Kopfe hervorragen ^Fig. i;. Es 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 3 gehört dazu der ziemlich bekannte 01m oder Proteus, der in einigen Höhlenseen Östeireichs lebt, dann Necturus und die Armmolche S i r e n und Pseudobranchus, alle aus Nord- Amerika. Erst 1894 wurde dann in Texas noch eine fünfte Gattung der Kiemenmolche entdeckt, Typhlo- molge rathbuni, die wie der 01m unterirdisch lebt. Alle bekannten Exemplare der Typhlo- molge, etwa ein Dutzend, wurden merkwürdiger- weise mit dem Wasser eines 188 Fuß tiefen artesischen Brunnens lebend heraufbefördert. Die Figur 1 bringt eine Abbildung dieser noch nicht allgemein bekannten Art. Fig. I. 'I'y p h lo m olge rathbuni, nach Black ford ,,Nature": ^j^ nat. Größe. Fig. 2. Amphiuma means, Aalmolch, nach Brehm's Tierleben; '/a nat. Größe. Der dunkle Fleck etwas nach vorne vom Vorderbeine ist der Kicmenspalt, der hier zeit- lebens offen bleibt. Den typischen Salamandern oder Salamandrinen etwas ähnlicher sind die Derotremen. Dazu ge- hören der japanische Riesensalamander (Mega- lobatrachus), der Hellbender (Crypto- branchus oder Menopoma) und der in Figur 2 abgebildete Aalmolch (Amphiuma). Es seien nun zuerst einige Merkmale der Kiemenlurche und Derotremen hervorgehoben, welche als ursprünglich gedeutet worden sind, indem diese Tiere hierin eine von den Fischen zu den Salamandrinen hinüberleitende Organisation zeigen sollten. Erstens besitzen alle Fischlurche, mit alleiniger Ausnahme des Riesensalamanders, zeitlebens offene Kiemenspalten wie die Fische (vgl. Fig. 2). Bei den übrigen Amphibien, auch bei den Salaman- drinen. kommen offene Kiemenspalten nur den Larven zu ; bei den Reptilien, Vögeln und Säugern treten dieselben nur während der Entwicklung auf. In der Kiemenregion liegen bei allen Fischen einige aus Knorpel oder Knochen bestehende paarige Skeletspangen, die Kiemenbogen ; es sind wenigstens 5 solche Spangen beiderseits vorhan- den. Die Salamandrinen besitzen nur 2 solche Bogen. Bei den Fischlurchen sind sowohl 4 wie 3 und 2 Bogen gefunden worden, also Zahlen, welche von den Fischen zu den Salamandrinen überleiten. Einen ähnlichen Übergang zeigen nach C. Rabl die Gliedmaßen. Es sollen die Fischlurche besonders in der geringen Zahl ihrer Zehen (es gibt Arten mit nur 2 und 3 Zehen) Zustände darbieten, welche von den Flossen der Lungenfische zu den 4- und 5 -zehigen Füßen der Salamandrinen ^ , überleiten. Auch das Geruchsorgan einiger Kiemen- TfT- molche zeigt einen sehr einfachen Bau. =^~ Namentlich fehlt beim Olm und bei ~ Necturus ein Jacobson'sches Organ, die- ses rätselhafte Nebensinnesorgan der Nasen- höhle, welches den anderenSchwanzlurchen zukommt, allen Fischen aber fehlt und welches sich, soweit jetzt ersichtlich, erst bei den Stammformen der Landwirbeltiere entwickelt haben muß. Da die Tatsachen darauf hinweisen, daß Larven oft ursprünglichere Verhältnisse aufweisen als die erwachsenen Tiere, so war es wichtig, als für ver- schiedene Organe der Fischlurche nachgewiesen wurde, daß ihr Bau demjenigen der Larven der Salamandrinen ähnlich ist. Dies konnte damals nur als ein Zeichen der primitiven Organisation der Fischlurche gedeutet werden. Wir sehen aus diesen Beispielen, die ich noch vermehren könnte, daß die Fischlurche wirklich im Bau verschiedener Organe sich mehr als die Salamandrinen den F"ischen nähern. Und es ist sehr erklärlich, daß im Anfang der von der Ab- stammungslehre beherrschten Untersuchungs- periode den Fischlurchen eine sehr tiefe Stellung im Stammbaum der Tetrapoden zugewiesen wurde ; diese Auffassung schien sehr gut begründet. Und dennoch kommt diese tiefe Stellung im System den Fischlurchen nicht zu. Die Fisch- lurche sind nicht die ursprünglichsten Salamander, welche auf niedrigerer Entwicklungshöhe stehen geblieben sind, während die typischen Salamander eine höhere Entwicklungsstufe erreichten und jetzt nur noch als Larven das ursprüngliche Fisch- lurchstadium durchleben. Die sehr große Ähn- lichkeit namentlich der Kiemenlurche mit den Salamanderlarven ist nur eine Folge davon, daß erstere auch Larven sind, aber Larven, die sich nicht mehr, wie ihre Stammformen das getan haben müssen, zu vollkommenen Salamandriden entwickeln. Der Übergang der Larve zum er- N. F. VIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 wachsenen Salamander, die Verwandlung oder Metamorphose, ist bei ihnen unvollständig ge- worden oder unterbleibt gänzlich. Boas hat zuerst betont, daß die Kiemenlurche Salamandcrlarven sind, welche die Fähigkeit, sich umzuwandeln, verloren haben, aber dennoch ge- schlechtsreif wurden und sich dann im Laufe der Zeit in Anpassung an ihr beständiges VVasserleben in mehrfacher Hinsicht umbildeten. Die Dero- tremen sind nach Boas Salamander, die im Übergangsstadium von der Larve zum Erwachsenen, also in der Verwandlung, stehen geblieben sind. Der Gedankengang der von Boas gegebenen Beweisführung ist etwa folgender; Während die erwachsenen Salamander nach dem Grundplan eines Landtieres gebaut sind, leben ihre Larven im Wasser und haben sich im An einem Beispiele, welches ich Unter- suchungen von Boas entlehne, möchte ich dies erläutern. Die erwachsenen Salamander atmen durch Lungen, wenigstens soweit nicht Verkümmerung derselben eingetreten ist. Die gut entwickelten Lungenarterien (Fig. 3A: 4 und /) führen den Lungen aus dem Herzen (durch den aus letzterem hervorgehenden Arterienstamm st) sauerstoffarmes Blut zu, welches in den Lungen aus der Luft Sauerstoff aufnimmt. Der Salamanderzustand schließt an denjenigen der Lungenfische, beson- ders Ceratodus, an und dürfte demjenigen der Stammformen der Tetrapoden nahe stehen. Fig. 3. Arterienbogen der Salamander, schematisch, aus Boas, Lehrbuch der Zoologie, 4. Auflage. A erwachsenes Tier, B Larve, ao Aorta, br Kieme (abgeschnitten, am zweiten und dritten Bogen fortgelassen ; der vierte Bogen hat keine Kieme), ca Kopfarterie, / Lungenarterie, sl aus dem Herzen nach vorne führender Arterienstamm; I — '' erster, 2 — 2' zweiter, 3 — 3' dritter, 4 — 4' vierter Arterienbogen; la — 3« erste bis dritte zuführende Kiemenarterie; ib—Z/i erste bis dritte abführende Kiemenarterie. Das Blut strömt vom Herzen durch das Gefäß st und die Arterienbogen (1-3 Fig. A) oder die zu- und abführenden Kiemengefäße (1(7-30 und id—zb Fig. B) zur großen Körperarterie, zur AorV^iio. Laufe der Zeit dem Wasserleben immer mehr angepaßt. So haben sie Unterschiede gegenüber den erwachsenen Tieren erworben, welche bei der Verwandlung ausgeglichen werden. Es haben sich larvale Organisationszustände ausgebildet, von denen sich nachweisen läßt, daß sie keine ursprünglichen sind und daß sie den erwachsenen Stammformen der Salamander nicht zukamen. Es zeigen nun die Fischlurche auch solche larvale Anpassungen; ja, diese Anpassungen gehen noch weiter. Es bleiben die Tiere ja zeitlebens Wasserbewohner, es entwickelt sich aus ihnen kein Landtier mehr. Und dadurch ist es möglich geworden, daß einige Organe Llmbildungen zeigen, welche derart sind, daß sich niemals mehr ein erwachsener, landbewohnender Salamander aus ihnen entwickeln könnte. Die Anlage des Baues der erwachsenen Salamander, die den Larven immer zukommen muß, zeigt bei den Fisch- lurchen Verkümmerungen. Während des Larvenlebens aber herrschen in Anpassung an das Wasserleben andere Zustände. Die Lungen funktionieren dann nicht als Atmungs- organe, denn die Larven sind Wasserbewohner, welche durch Kiemen atmen (Fig. 3 B, br). Wenn die Lungen nun durch die Lungenarterien (4 und/) wie bei den Erwachsenen sauerstoffarmes Blut zugeführt bekämen, so würde in den Lungen, da jene noch nicht funktionieren , Sauerstoffmangel eintreten. Diese Schwierigkeit, eine Folge des Fehlens einer Kieme im Verlauf des 4. Arterien- bogens (Fig. 3B: 4), ist durch eine Änderung des Kreislaufs während des Larvenlebens in folgender Weise beseitigt. Durch ein Verbindungs- gefäß jeder Lungenarierie mit einem der abführen- den Kiemengefäße (Fig. 3B: 4' mit ib) wird den Lungen sauerstoffreiches Blut aus einer der äußeren Kiemen der Larve zugeführt. Das Blut strömt also vom Herzen durch das Gefäß 3 a zur Kieme und dann durch 3/', 4' und / zur Lunge. 36 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 3 Das Verbindungsgefäß 4' kommt auch den er- wachsenen Salamandrinen (Fig. 3 A) und dem Lungenfisch Ceratodus zu, aber bei diesen Tieren strömt das Blut darin von der Lunge ab, indem ein kleiner Teil des durch Gefäß 4 aus dem Herzen kommenden Blutes nicht durch p zur Lunge, sondern durch 4' zur Aorta geht. Bei den Larven folgt das Blut in Gefäß 4' nicht dieser ursprüng- lichen Richtung, sondern strömt der Lunge zu. Der Abschnitt der Lungenarterien aber, der sich vom Herzen bis zu diesem Verbindungsgefäß er- streckt (Fig. 3B: 4) ist bei den Larven sehr zart, so daß nur sehr wenig oder kein sauerstoffarmes Blut aus dem Herzen unmittelbar den Lungen zu- geführt wird. Wir haben hier also eine An- passung der Larve an ihre Lebensbedingungen. Die Kiemenlurche nun schließen sich im Bau dieser Gefäße (4, 4' und p) entweder ganz den Salamandrinenlarven an , oder es ist bei ihnen Rückbildung eingetreten. So fehlt bei einigen Arten der Anfangsabschnitt der Lungenarterien (4 der Figur 3), der bei den Larven wegen der späteren Lungenatmung der Erwachsenen vorhan- den sein muß. Schon dadurch kann bei diesen Kiemenlurchen sich niemals mehr der Kreislauf der erwachsenen Salamandrinen ausbilden. Die Kreislaufzustände der Kiemenlurche entfernen sich weiter vom ursprünglicheren Zustande des Lungen- fisches Gerat odus , als dies beim typischen Zu- stande der erwachsenen Salamandrinen der Fall ist. Es kann der Kreislauf der Kiemenlurche nur von dem der Salamandrinenlarven abgeleitet werden; die Kiemenlurche zeigen in dieser Be- ziehung keine ursprünglichen Verhältnisse, aus denen sich die Kreislaufszustände der erwachsenen Salamandrinen entwickelt haben könnten. Von den Derotremen zeigt der Hellbender (Cryptobranchus oder Menopoma) durch- aus larvale Verhältnisse der Lungenarterien (wie in Figur 3 B ist Gefäß 4 sehr schwach ; das Blut geht durch 4' und p zur Lunge) ; Riesensalamander und Aalmolch schließen sich mit ihrer gut ent- wickelten Lungenarterie (Fig. 3 A, 4 und p) mehr den erwachsenen Salamandrinen an. Die vor- liegenden Zustände sind nicht leicht zu deuten; ich kann hier darauf nicht näher eingehen. Auch andere Organe der Fischlurche, beson- ders der Kiemenlurche, zeigen einen Bau, der demjenigen der Salamandrinenlarven ähnlich ist, der aber in mehreren F"ällen den Stammformen der Salamandrinen anscheinend nicht zukam. Die ganze Organisation der Kiemenlurche ist eine larvale. Dies läßt sich nur erklären durch die Annahme, daß die Kiemenlurche sich entwickelt haben aus Salamandrinenlarven, deren Verwandlung ausblieb. Daß dies möglich ist, läßt sich sicher begründen, denn man kennt bei den typischen Salamandern alle Übergänge einer etwas unvollkommenen Ver- wandlung bis zu einer vollständigen Unterdrückung derselben. Man nennt diese Erscheinung Neotenie und spricht von neotenischen Larven, wenn das Larvenleben sich über die normale Zeitdauer aus- dehnt, so daß die Verwandlung viel später als gewöhnlich stattfindet oder gänzlich unterbleibt. Solche Larven, welche man auch von den in Deutschland einheimischen Wassermolchen her kennt, können sich fortpflanzen. Bei der Sala- mandrinengattung Amblystoma pflanzen bei- nahe alle Arten sich nur in der gewöhnlichen Weise als erwachsene Tiere fort. Bei einer Art aber, Amblystoma tigrinum, nähert sich die Geschlechtsreife bei vielen Arten sehr der Ver- wandlung und kann unmittelbar nach derselben eintreten. Nicht selten aber pflanzen schon die Larven dieser Art sich fort, und dann findet die Verwandlung, jedenfalls oft, nicht mehr statt. In bestimmten Gegenden findet man Larven, die Axolotl, die regelmäßig als solche geschlechtsreif werden und bei denen die Verwandlung so selten ist, daß man die Larven als einen Kiemenlurch unter dem Namen Siredon beschrieben hat. Genau so muß man sich die Stammformen der Kiemenlurche entstanden denken. Eine will- kommene Bestätigung dieser von Boas zuerst vertretenen Ableitung der Kiemenlurche hat die Untersuchung des Kiemenlurches Typhlomolge rathbuni durch Fräulein E. T. Emerson ge- bracht. Dieselbe hat ergeben, daß diese Art sich in ihrem Bau, auch in einigen Details, den Larven eines nordamerikanischen Salamandrinen, Speler- pes ruber, sehr nahe anschließt. Daneben zeigt sie schon einige Anpassung an ihr unter- irdisches Wasserleben. Es ist demnach kaum zweifelhaft, daß dieser Kiemenlurch sich entwickelt hat aus der neotenischen Larve eines Salamanders der F"amilie Plethodontidae , der auch Speler- pes ruber angehört. Denkt man sich Salamandrinen, bei denen die Neotenie fixiert wurde, wie das ja beim Axolotl nahezu schon der Fall ist, so würden diese Tiere allen Anforderungen entsprechen, die an die Stamm- formen der Kiemenlurche gestellt werden müssen. Seit ihrer Entstehung haben dieselben sich dem Wasserleben mehr anpassen können, als es sonst die Salamandrinenlarven tun können. Denn sie brauchten sich niemals mehr zu Landtieren um- zuändern, während bei den Larven die Anpassung ans Wasserleben doch immer in gewissen Grenzen gehalten wird durch die Anforderungen des späteren Landlebens und die beschränkte Um- bildungsmöglichkeit bei der im Freien stattfinden- den IVIetamorphose. So zeigen einige Kiemen- lurche eine erhebliche Streckung des Körpers, auch des Rumpfes, wodurch die Gestalt mehr aalartig wird. Diese Streckung ist eine Anpassung ans Wasserleben. Aber aus einem Tiere mit er- heblich verlängertem Rumpfe konnte bei der Verwandlung kaum mehr ein Tier sich entwickeln, das imstande wäre, wie die typischen Salamander, sich mit seinen Gliedmaßen auf dem Lande fort- zubewegen; dazu wäre die Entfernung von vor- deren und hinteren Gliedmaßen zu groß. Ob- gleich dieselbe Streckung des Körpers auch für N. F. Vin. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 37 die Larven der Salamandrinen vorteilhaft sein dürfte, da ja die Lebensweise ähnlich ist, findet diese Streckung dennoch nicht statt; durch die Bedingungen des späteren Landlebens erscheint sie ausgeschlossen. Ich hoffe, daß es jetzt klar sein wird, wie wir die Organisation der Kiemenlurche beurteilen und weshalb wir das so tun. Sie sind aus neoteni- schen Larven entstanden \ denn ihre Organisation ist annähernd dieselbe wie diejenige der Larven und kann nur aus dieser abgeleitet werden, nicht umgekehrt. Ein direkter .Anschluß der Kiemen- lurche an die Fische besteht nicht, und anderer- seits können die Salamandrinen sich nicht aus den Kiemenlurchen entwickelt haben. Über den Bau der ursprünglichsten Tetrapoden lehren die Kiemenlurche uns also nicht mehr, als die typischen Salamander und deren Larven. Etwas anders, als die Organisation der Kiemen- lurche, muß diejenige der Derotremen beurteilt werden. Auch sie sind keine ursprünglichen Salamander. Aber von typischen Larven kann man sie nicht ableiten, denn sie zeigen eine Mischung von Charakteren erwachsener Salaman- der und Larven. Die einfachste Erklärung dieser eigentümlichen Erscheinung ist wohl folgende. Die Deortremen stammen ab von typischen Sala- mandern, welche vollständig zum Wasserleben zu- rückgekehrt waren. Die Verwandlung, welche dazu dient, im Bau der Larven die für das Land- leben notwendigen LTmänderungen herzustellen, verlor dabei größtenteils ihre Bedeutung, sie dehnte sich über eine immer längere Zeit aus, und schließlich trat dann bei den noch unvoll- kommen umgebildeten Tieren schon Geschlechts- reife ein. Einige Organe behielten die ursprüng- liche Umwandlung beinahe vollständig bei, andere gaben sie ganz oder größtenteils auf, behielten den larvalen Bau. So schließt M e n o p o m a sich im Schädel den erwachsenen Salamandern an, in seinem Kreislauf herrschen aber noch larvale Ver- hältnisse vor. Größtenteils vollendet wird die X'erwandlung beim Riesensalamander. Dagegen bleibt Meno- p o m a auf mehr larvaler Entwicklungshöhe stehen ; der Riesensalamander ist also von diesen nahe verwandten Gattungen diejenige, die den gemein- samen Stammformen am nächsten steht. Eine ähnliche Rückbildung der Verwandlung dürfte der Aalmolch durchgemacht haben. Für die Kiemenlurche Siren und Pseudo- branchus wird vielleicht die Ableitung von neotenischen Larven zur Erklärung ihres Baues nicht ganz ausreichen: auch für sie muß möglicher- weise eine allmähliche Verkümmerung der Ver- wandlung, wie für Riesensalamander und Meno- p o m a , angenommen werden. Aber wie steht es dann mit den vielen Merk- malen der Fischlurche, welche von so manchem Forscher als sehr ursprünglich gedeutet wurden, welche an die Stammformen der Tetrapoden er- innern sollten ? Darauf muß an erster Stelle geantwortet werden, daß zwar ein Organisationszustand, der bei den Fischlurchen auftritt, nicht mehr deshalb als ursprünglich betrachtet werden darf, daß aber doch bei Larven so oft während der Entwicklung primitive Zustände mehr oder weniger vollkommen wiederholt werden, daß diese auch bei den Sala- mandrinenlarven und dann auch bei den Fisch- lurchen auftreten können. Der eigentümliche Ur- sprung der Fischlurche schließt also das Auftreten sehr ursprünglicher Verhältnisse nicht aus, läßt diese im Gegenteil erwarten, aber nur insoweit diese auch den Larven der Salamandrinen, deren Organisation sie ja wieder erworben haben, zu- kommen. Vielleicht stammen die Fischlurche auch teilweise von sehr ursprünglichen Salaman- dern ab, und können dadurch ursprüngliche Merk- male zeigen, welche bei allen anderen Salaman- dern und auch bei deren Larven verloren ge- gangen sind. Allein es stellt sich doch heraus, daß mit dem neu erworbenen Einblick in die Stammesgeschichte der Fischlurche mehrere der- jenigen Eigenschaften, welche als ursprüngliche betrachtet worden sind, das nicht sein können. So wird es klar, daß die schon erwähnte, von Rabl versuchte Ableitung der Szehigen Glied- maßen der Tetrapoden aus den Flossen der Lungenfische, wobei er die 2- und 3-zehigen Gliedmaßen einiger Fischlurche als Etappen des Entwicklungsganges verwertet hat, nicht haltbar ist. Sie ist schon von M. Fürbringer wider- legt worden, und auch ich kann die geringe Ent- wicklung der Extremitäten und die niedrigere Zehenzahl bei einigen Fischlurchen nur einer Ver- kümmerung zuschreiben. Mir scheint, daß hier zweifellos die Folgen einer Rückkehr zum Wasser- leben hervortreten. Während bei den Larven der Salamandrinen im allgemeinen die Gliedmaßen, wenn auch spät, eine kräftige Ausbildung erreichen, da ja die erwachsenen Tiere beinahe immer ans Land gehen, ist bei den Fischlurchen im An- schluß an ihr ständiges Wasserleben eine Rück- bildung der Gliedmaßen möglich geworden und bei allen auch eingetreten. Denn im Wasser ist das Körpergewicht äußerst gering; es genügen viel weniger kräftige Gliedmaßen, es zu tragen. Wollen die Tiere sich schneller fortbewegen, dann schwimmen sie, ohne sich dazu ihrer Glied- maßen zu bedienen. Dabei finden wir die am wenigsten entwickelten Gliedmaßen bei denjenigen .Arten, welche sich in der Streckung des Rumpfes am meisten der schwimmenden und gleitenden F'ortbewegung angepaßt haben. Auch tritt bei verschiedenen Exemplaren derselben Art eine große Variabilität auf, wie man das öfters findet, wenn Rückbildung vorliegt. Bei ein und derselben Art, dem .Aalmolch, kennt man Exemplare, deren Füße I, 2 und 3 Zehen besitzen; es kommt sogar vor, daß bei einem Tiere die Zahl der Zehen links und rechts verschieden ist. Schwieriger ist es, für die einfachen Zustände der Nasenhöhle, namentlich für das Fehlen des 38 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 3 Jacobson'schen Organes beiNecturus und beim Olm EU entscheiden, ob Rückbildung vorliegt und ob sich diese dann mit dem VVasserleben in Zu- sammenhang bringen läßt. Seydel, dem wir wesentlich unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete verdanken, glaubt letzteres nicht annehmen zu dürfen. Er weist darauf hin, daß das Jacobson'sche Organ sich bei den Larven der Salamandrinen schon ziemlich frühzeitig anlegt und noch vor der Verwandlung seine vollkommene Ausbildung er- reicht. Seydel schließt hieraus, daß dieses Organ schon funktioniert bei den älteren Larven, welche doch ausschließlich Wasserbewohner sind, und dann kann auch, meint er, im Wasserleben des 01ms und Necturus kein Grund für eine Verkümmerung liegen. Demgegenüber möchte ich nun aber hervor- heben, daß ein Organ, auch wenn es erst beim erwachsenen Tiere in Tätigkeit tritt, bei der Larve doch schon gut entwickelt sein kann. Es er- scheint durchaus nicht notwendig, daß die voll- kommene Ausbildung aller derjenigen Organe, welche nur beim Landleben von Bedeutung sind, bis zur Verwandlung aufgeschoben wird. Letzteres erscheint nur notwendig für diejenigen Organe, deren vollkommener Zustand für das Wasserleben der Larven nicht geeignet ist, wie z. B. die Kreis- laufsorgane. Aber für andere Organe darf man das nicht immer erwarten. Denn es läßt sich verstehen, daß die Verwandlung, wegen der Ge- fahr, welche sie für das Leben der Tiere mit sich bringt, eine so geringe ist, wie die Verhältnisse es nur erlauben. Dementsprechend ist es nicht befremdend, wenn einige Organe schon während des Larvenlebens, wenn auch spät, die voll- kommene Ausbildung erreichen, welche erst für die höheren Ansprüche des Landlebens notwendig ist. So sind ja die Gliedmaßen bei den Larven doch auch schon einige Zeit vor der Verwand- lung viel besser ausgebildet, als für ihre geringen Leistungen während des Wasserlebens erforderlich ist; diese Entwicklung wird wohl nur erreicht, weil sie später notwendig ist für die Fortbe- wegung auf dem Lande, welche ja an die Glied- maßen viel höhere Ansprüche stellt. Die vollständige Ausbildung eines Organes bei den Larven einige Zeit vor der Verwandlung bedeutet also nicht, daß dieses Organ schon beim Wasserleben in vollem Maße funktioniert. Ich kann denn auch dem von Seydel hervorge- hobenen Grund für den ursprünglichen Charakter der Nasenhöhle beim Olm und Necturus nicht beipflichten und glaube, daß Rückbildung vor- liegen muß. Nachdem wir über die Fischlurche erfahren haben, daß sie von Salamanderlarven ab- stammen, könnte das Fehlen des Jacobson'schen Organes hier nur ursprünglich sein, wenn dieses Organ auch den Larven der Salamander abginge, oder doch, als neu entstanden, bei diesen Larven erst sehr spät angelegt wurde. Wir haben aber gesehen, daß es dort, so weit bekannt, schon früh auftritt und gut entwickelt ist. Auch hier dürfte also bei den Fischlurchen, namentlich beim Olm und Necturus, kein ursprünglicher Zustand vorliegen, und Seydel's Anschauung, daß das Jacobson'sche Organ sich bei den Kiemenlurchen zu bilden anfängt, scheint mir nicht mehr haltbar. Wir sehen aus diesen Betrachtungen, wie der richtigere Einblick in die Stammesgeschichte der Fischlurche von großer Bedeutung sein kann für unsere Anschauungen über die Entstehung ver- schiedener Organisationsverhältnisse der Tetra- poden. Sie zeigen uns, wie die Fischlurche von typischen Salamandern abstammen, den Fischen nicht näher stehen als diese und uns also über den Bau der ersten Landwirbeltiere oder Tetra- poden nicht mehr Auskunft geben können, als die übrigen Salamander. Bevor ich von den Fischlurchen Abschied nehme, möchte ich noch kurz einiges hervorheben. Bei der neuen Boas 'sehen Ansicht über die Stammesgeschichte der Kiemenlurche ist es klar, daß die dazu gehörigen Arten sich unabhängig voneinander aus neotenischen Larven verschiedener Salamanderarten entwickelt haben können. Das scheint auch wirklich der Fall gewesen zu sein. Denn die Kiemenlurche weisen untereinander so viele Unterschiede auf, daß eine allen gemeinsame Entwicklung nicht wahrscheinlich ist. Und das- selbe trifft auch für die Derotremen zu, wo der Aalmolch sich unabhängig von den untereinander näher verwandten Formen, dem Riesensalamander und Menopoma, also aus einer anderen Sala- manderform, entwickelt haben dürfte. Nur für wenige der zugehörigen Arten können wir die nächsten Verwandten unter den Sala- mandrinen schon jetzt angeben. Für Typhlo- molge ist die Abstammung von einer Art aus der Familie Plethodontidae näher begründet worden. Für den Riesensalamander und Meno- poma glaube ich eine Entstehung aus den Amblystomatidae annehmen zu müssen und zwar aus Formen, welche mit den Gattungen Raniceps undHynobius verwandt waren, mit denen nach Wiedersheim und Drüner im Kopfskelett und Kiemenbogenapparat auffallende Ähnlichkeiten vorliegen. Diese Formen müssen demnach der Familie Amblystomatidae an- geschlossen werden. Dagegen darf man sie nicht, wie dies vielfach noch geschieht, mit dem Aal- molch (Amphiuma) in einer Familie .^m- phiumidae vereinigen, denn die gemeinsamen Derotremen-Charaktere haben sie wahrscheinlich unabhängig voneinander erworben. Ich komme jetzt zum zweiten Teil meines Themas, auf die Frage, inwieweit die Organisation der typischen Salamander denjenigen der Stamm- formen der Tetrapoden nahe stehen diirfte. Solange man die Fischlurche als Übergangs- formen von den Fischen zu den Tetrapoden be- trachten konnte, erschien auch eine sehr tiefe Stellung der Salamandrinen wahrscheinlich. Jetzt, N. F. Vin. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 wo wir über die Abstammung der P'ischlurche genauer unterrichtet sind, ist aber einer der wich- tigsten Gründe hinfällig geworden, welcher für die Deutung der Salamander als F"ormen, die den Stammformen der übrigen Tetrapoden sehr nahe stehen, herangezogen werden könnte. Aber hier- aus geht nicht hervor, daß die typischen Sala- mander keine ursprünglichen Tiere sind. Denn wir haben nur erfahren, daß die Fischlurche uns über die Stammesgeschichte der Salamandrinen nicht unterrichten können . weil sie nicht die ur- sprünglichsten Salamander sind. Es bleibt demnach möglich, daß die Sala- mander doch den Stammformen der anderen Tetrapoden sehr nahe stehen. Dafür spricht ihre sehr einfache Organisation, die für viele Organe einen Bau aufweist, der ursprünglicher sein kann als bei irgendeinem anderen lebenden Tetrapoden. Es muß noch ermittelt werden, inwieweit die Salamander sich den ursprünglichsten Tetrapoden nähern und inwieweit ihre Organe als Ausgang genommen werden dürfen für unsere stammes- geschichtlichen Betrachtungen über die Organ- systeme der höheren Wirbeltiere. Dazu verfügen wir über mehrere Hilfsmittel, welche es uns ermöglichen, uns vom Bau der Stammformen der Landwirbeltiere ein Bild zu entwerfen. So kennen wir viele Skelette ausge- storbener Landwirbeltiere aus der Steinkohlen- formation und der sich anschließenden permischen Periode, das ist aus einer Zeit, wo die Entstehung der Tetrapoden aus Fischen noch nicht weit zu- rücklag. Diese Skelette erlauben auch Schlüsse auf den Bau des Muskelsystems sowie auf die Lebensweise jener ausgestorbenen Tiere. Aber es läßt sich nicht ohne weiteres ablesen, welche Arten darunter den Stammformen aller Tetra- poden am nächsten stehen und ob es überhaupt darunter Arten gibt, welche diesen Stammformen so nahe kommen, daß sie mit diesen vereinigt werden dürfen. Hier kann nur ein sorgfliltiger Vergleich uns den Weg zeigen. Wenn ein Orga- nisationszustand auftritt, der ungezwungen die .Ableitung anderer Zustände desselben Organes bei verschiedenen Abteilungen der Tetrapoden erlaubt , wenn Anschluß an den Bau der Fische möglich ist, dann kann ein ursprünglicher Zustand vorliegen. Namentlich auch eine weite Verbreitung eines Organisationszustandes kann wichtige An- deutungen geben. Wenn wir z. B. bei denjenigen Fischen, welche für die Ableitung der Tetrapoden am ersten in Betracht kommen, den Kopf bedeckt finden mit einer ziemlichen Zahl von Knochen- platten, welche nur Öffnungen für die Sinnes- organe lassen, sonst aber eine geschlossene Decke des Kopfes bilden, und wir finden diese Knochen in ähnlicher Anordnung auch bei karbonischen und permischen Amphibien, bei den sogenannten Stegocephalcn, und dann wieder bei den ältesten bekannten fossilen Reptilien, dann wird es wahr- scheinlich, daß diese geschlossene Schädeldecke auch den Stammformen der Landwirbeltiere zu- gekommen ist. Und da sich herausgestellt hat, daß die in dieser Beziehung sehr wechselnden Zustände der Reptilien sich ungezwungen auf jenen Zustand, und nur auf jenen , zurückführen lassen, so wird dies beinahe zur Gewißheit. So sehen wir, daß es doch möglich ist, man- ches über den Bau der allerersten Tetrapoden zu ermitteln, über den Bau von Tieren, die wir nie- mals lebend gesehen haben und auch fossil viel- leicht niemals finden werden. Dann können wir versuchen, die ältesten Tetrapoden zu rekonstru- ieren. Und wenn wir dann die Salamander mit diesen ältesten Tetrapoden vergleichen, so können wir wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit an- geben, inwieweit erstere von den Stammformen aller Landwirbeltiere abweichen und ob sie sich davon entfernt haben in einer Richtung, welche zu den höheren Landwirbeltieren überleitet, oder ob sie einen selbständigen, eigenen Entwicklungs- weg gegangen sind. Und dann glaube ich, daß wir tatsächlich bei den Salamandern wichtige Abweichungen gegen- über den ersten Tetrapoden konstatieren können. Ich will mich wieder auf einige Beispiele be- schränken. Den Salamandern fehlt jene vollständige knöcherne Kopfbedeckung, von der wir soeben erfahren haben, daß sie den ältesten Tetrapoden zukam. Hier müssen wir den Verlust vieler Knochen bei den Salamandern annehmen. Auch sonst dürfte ihr Schädel noch wesentlich abweichen von jenem ursprünglichen Schädeltypus, von dem wir den Reptilienschädel ableiten können. Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich auch nachweisen, daß den ersten Tetrapoden eine voll- ständige Hautbedeckung von kleinen, in regel- mäßigen Reihen angeordneten Knochenschuppen zukam. Diese Hautbedeckung zeigen diejenigen Fische, an welche wir die Landwirbeltiere an- knüpfen müssen; und einige der ältesten Stego- cephalcn zeigen diesen Panzer noch in vollkom- mener Ausbildung. In Figur 4 ist ein beinahe vollständig beschuppter Stegocephale abgebildet. Bei den meisten ausgestorbenen Amphibien war der Panzer nur an der Bauchseite erhalten und dort findet man auch noch Überbleibsel jener Körperbedeckung bei vielen Reptilien. Die Bauch- rippen der Crocodilier, des altertümlichen Reptils Sphenodon, einiger vereinzelten Eidechsen (Tili- (|ua und Trachysaurus), sowie der Bauch- schild der Schildkröten sind aus jenem Haut- skelette hervorgegangen. Bei den jetzt lebenden Amphibien kommt nur unter den Blindwühlen dieser Hautpanzer noch vor, und zwar in ver- kümmertem Zustande. Die Salamander müssen diese Körperbedeckung verloren haben. Ich wage es nicht zu versuchen, eine Erklärung für die Rückbildung dieses Hautpanzers bei den Amphibien zu geben. Es läßt sich aber wenig- stens der Nutzen der Erhaltung des Panzers an der Bauchseite vieler Stegocephalcn angeben. Bei den älteren Tetrapoden, mit ihren nur kurzen 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vin. Nr. 3 Gliedmaßen (vgl. Fig. 4) und ziemlich langem Rumpfe, war bei der kriechenden Fortbewegung auf dem Lande zweifellos die Bauchseite in fort- währender Berührung mit dem Boden. Eine be- sondere Hautbedeckung muß hier wichtig gewesen sein. Der Schuppenpanzer bedeckt denn auch noch manchmal teilweise die nach unten gewen- dete Haut der Oberarme und Schenkel, wie z. B. bei dem in Fig. 5 abgebildeten Panzer von Bran- chiosaurus, einem permischen Stegocephalen, der keinen Rückenpanzer mehr besitzt. Bei der Kriechbewegung dürfte auch die Bauchmuskulatur mitgearbeitet haben, und diese mag dann am Hautskelett einen erwünschten Ansatz gefunden haben. Beim Leben im Wasser aber besteht eine be- sondere Bedeutung des Bauchpanzers nicht. Denn Fig. 4. Ricnodoncopei, ein Stegocephale der peimischen Periode, vom Rücken gesehen, restauriert nach Fritsch, etwas umgeändert ; '^/^ nat. Gröfle. Die Bedeckung des Kopfes mit Knochenplatten ist bei dieser Art ungenügend bekannt und deshalb nicht vollständig angegeben. 3?- Fig. 5. Bauchpanzer von Bran chi os aurus, au; liegenden von Sachsen; aus Smi th Wood ward , Palaeontology, nach Credner; nat. Gröl aus dem Rot- . Vertebrate Größe. erstens können die Beine dann viel leichter das Körpergewicht tragen und den Rumpf heben, und zweitens sind die Tiere dann gar nicht an den Boden gebunden , sondern bewegen sich vielfach auch schwimmend und kriechend zwischen Wasser- pflanzen umher. Wenn also bei den meisten Stegocephalen der Schuppenpanzer auf dem Rücken und den Seitenflächen des Körpers verloren geht, aber an der Hauchfläche gut erhalten bleibt, so deutet dies darauf hin, daß alle diese Stegocephalen nicht ausschließlich Wasserbewohner waren, son- dern daß für sie das Landleben sehr wichtig war; denn nur dann könnte diese Lebensweise die Er- haltung des Bauchpanzers bedingen. Eine Bestätigung findet diese Ansicht, daß zwischen Erhaltung des Bauchpanzers und dem Landleben ein Zusammenhang besteht , in dem, was über den Bauchpanzer des Stegocephalen Branchiosaurus durch Credner bekannt geworden ist. Bei diesem Tiere tritt der gut entwickelte Bauchpanzer erst kurz vor oder wäh- rend der Verwandlung auf. Seinen Larven, welche als ausschließliche Wasserbewohner nach obiger Auffassung den Bauchpanzer nicht brauchen, kommt derselbe noch nicht zu. — Daß den Fröschen ein Bauchpanzer abgeht, kann uns in- soweit nicht wundern . als bei der hüpfenden Fortbewegung eine Reibung der Bauchfläche mit dem Boden weniger häufig ist und diese Fläche daher eines besonderen Schutzes nicht bedarf. Daß den Salamandern der Bauchpanzer auch fehlt , verdient aber besondere Beachtung. Für sehr viele Salamander, welche sich vorwiegend kriechend auf dem Lande fortbewegen , müßte diese Schutzvorrichtung doch anscheinend ihren Nutzen haben. So kommt die Frage auf, inwie- weit sich bei ihnen der Verlust des Bauchpanzers mit der Lebensweise in Verbindung bringen läßt. Ich glaube, daß dieser Verlust für eine abnehmende Bedeutung des Landlebens bei den nächsten Stammformen der Salamander spricht. Jetzt könnte dann bei einem Teil der Salamander das Landleben wieder von größerer Wichtigkeit ge- worden sein. Der Nachweis, daß den ersten Tetrapoden ein gut entwickeltes knöchernes Hautskelett zukam, erlaubt uns noch einen Schluß zu ziehen. Es darf daraus nämlich gefolgert werden , daß bei diesen Tieren die Hautatmung nicht von großer Bedeutung gewesen ist. Wenn wir jetzt bei den Fröschen und Salamandern eine sehr entwickelte Hautatmung finden, so kann dies nur etwas neu erworbenes sein, und zwar etwas äußerst wichtiges. Sie übt auf die Mischung von sauerstoftVeichem und sauerstoffarmem Blut einen großen Einfluß aus. Die Trennung des Körper- und Lungen- kreislaufs verlor durch die Hautatmung an Be- deutung. Zusammen mit der Schlundatmung mag die Hautatmung die vollständige Verkümmerung der Lungen und die damit Hand in Hand gehen- den Rückbildungen am Herzen ermöglicht haben, welche viele Salamander aufweisen. Die neu er- worbene Hautatmung übt einen umgestaltenden Einfluß auf die anderen Atmungsorgane und auf die Kreislaufsorgane aus, der das Ende seiner Wirkung noch nicht erreicht haben dürfte. Die- selben Umbildungen und Verkümmerungen der Atmungs- und Kreislaufsorgane finden wir inner- halb verschiedener Familien der Salamander, bei denen sie dann aber unabhängig voneinander er- worben sind und fortschreiten. Nicht nahe ver- wandte Gattungen bilden hier gemeinsame neue Merkmale und Organisationszustände an wichtigen Organsystemen aus, welche nur scheinbar ein Zeichen engerer Verwandtschaft sind. Aber bei einer so eingreifenden L^mbildung muß man sich fragen, welche Einflüsse hier tätig gewesen sein können. Weshalb verkümmert hier F. N. VIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 41 die Lungenatniung, welche sich bei den höheren Tetrapoden so vorzüglich bewährt hat ' Und dann glaube ich, daß auch hier ein Grund in der Lebensweise gesucht werden muß. Denn für Tiere, welche sowohl im Wasser wie auf dem Lande leben, hat die Hautatmung einen sehr großen Wert. Weder die Kiemen- noch die Lungenatmung sind im Wasser und auf dem Lande gleich brauchbar, die Hautatmung aber leistet ihre Dienste unter allen Umständen. Ihre kräftige Ausbildung bei den Amphibien schreibe ich dem Einfluß des Wasserlebens zu. Hier liegt eine Anpassung an diese Lebensweise vor, welche den ältesten, vollständig beschuppten Tetrapoden nicht zugekommen und erst innerhalb der Klasse der Amphibien, vielleicht schon bei den Stegocephalen, erworben worden ist. Fassen wir zusammen, was wir jetzt über den Bau der Salamander und der ersten Tetrapoden erfahren haben , so geht aus den Beispielen her- vor, daß sehr wesentliche Unterschiede im Kopf- skelett, in der Haut, in den Kreislaufsorganen und in der Atmung vorliegen. Dieselben sprechen dafür, daß wichtige Differenzierungen die jetzt lebenden Salamander von den ersten Landwirbel- tieren trennen. Die Organisation der Salamander gibt uns nur ein unvollkommenes Bild vom Bau der ältesten Tetrapoden. Aber diese Beispiele lehren uns noch etwas mehr. Die erörterten Unterschiede weisen nach einer bestimmten Richtung. Das Fehlen eines Bauchpanzers, die geringe Bedeutung der Lungen- atmung, die in den Vordergrund gerückte Haut- atmung, sie weisen darauf hin, daß bei den Stammformen der • Salamander das Wasserleben von neuem das Übergewicht über das Landleben errungen hat. Während die von den ältesten Tetrapoden ab immer fortschreitende Anpassung ans Landleben in der Ausbildung der Eidechsen, Vögel und Säuger gipfelt, haben die Salamander diesen Weg frühzeitig verlassen. Ihre Stamm- formen haben wieder mehr und mehr das Wasser aufgesucht, und ihre Organisation ist davon wesent- lich beeinflußt worden. Die Umbildung der Salamander hat doppelten Charakter. Sie äußert sich erstens in der Aus- bildung neuer Zustände, andererseits in der Ver- kümmerung von Vorrichtungen , welche für das Wasserleben weniger geeignet waren oder doch dabei ihre Bedeutung verloren. Es scheint mir sehr erwünscht, daß wir ver- suchen, uns über die Ausdehnung dieser Ver- kümmerungen und neuen Anpassungen Klaiheit zu schaffen. Wenn wir bei unseren vergleichend- anatomischen Untersuchungen immer wieder auf den Bau der Salamander, als in mancher Hinsicht ursprünglich, zurückgreifen, dann müssen wir diesen ursprünglichen Charakter genau abwägen. Namentlich für die Sinnesorgane, welche von den Unterschieden in den Bedingungen des Land- und Wasserlebens so sehr beeinflußt werden, scheinen mir neue Untersuchungen er- wünscht. Mir ist es wahrscheinlich, daß in den herrschenden Auffassungen über den schalleitenden Apparat, Trommelfell und Gehörknöchelchen, vieles nicht richtig ist, weil sie mit Unrecht davon ausgehen, daß hierin die Verhältnisse der Sala- mander ursprünglichen Zuständen nahe stehen. Ich glaube vielmehr, daß auch hierin der Bau der Salamander sich nur durch weitgehende Ver- kümmerung erklären läßt. Und dabei verdient besondere Beachtung, daß ein schalleitender Apparat beim Wasserleben ohne jede Bedeutung ist, so daß auch hier die Rückbildung eine ein- fache Erklärung finden würde in einem Zurück- treten des Landlebens bei den Stammformen der jetzigen Salamander. Bei der großen Bedeutung aber, welche man dem schalleitenden Apparate bei stammesgeschichtlichen Betrachtungen über die Säugetiere zugeschrieben hat, liegt hier eine Frage von großer Tragweite vor. Wenn ich aber auf die Umbildungen bei den Salamandern einen besonderen Nachdruck gelegt habe, so soll damit nicht behauptet sein, daß daneben bei diesen Tieren nicht recht ursprüng- liche Verhältnisse auftreten. Im Gegenteil ! Wenn die Salamander wieder mehr zum Wasserleben zurückgekehrt sind, dann mag dies für viele Or- gane die weitere Entwicklung gehemmt haben, so daß sie auf ursprünglicher Entwicklungsstufe stehen geblieben sind. Denn diese genügte oft den vom Wasserleben gestellten Anforderungen, während bei den typischen Landwirbeltieren die- selben Organe immer höheren Ansprüchen ge- nügen mußten und sich dementsprechend immer mehr vom ursprünglichen Zustande entfernt haben. Die Ausbildung der Rumpfmuskulatur und des Gliedmaßenskeietts bei den typischen Salamandern einerseits, den Reptilien und Säugetieren anderer- seits gibt hierfür gute Beispiele. Allerdings muß auch hier auf Rückbildung, wenn auch nur in geringem Maße, geachtet werden, wie sie ja das Gliedmaßenskelett mehrerer Fischlurche und der Schultergürtel der Salamander aufweisen. Ich habe versucht, in diesen Ausführungen zu zeigen, wie sich gewichtige Gründe beibringen lassen für die Auffassung, daß die Salamander, wenn sie auch den ersten Landwirbeltieren unter allen lebenden Tetrapoden am nächsten kommen dürften, doch in mancher Hinsicht stark umge- bildete Landtiere sind. Ich habe versucht, dar- zulegen, in welcher Richtung sich die stammes- geschichtliche Entwicklung der Salamander, so- wohl der mehr typischen Salamandrinen als der Fischlurche, bewegt hat. Aber ich hoffe in diesen Erörterungen noch mehr gezeigt zu haben. Wenn ich hier versucht habe, eines unserer stammesgeschichtlichen Pro- bleme zu behandeln, so lag mir daneben auch daran, einen Einblick zu geben in die Art, wie der Zoologe oder Anatom in diesen stammes- geschichtlichen Fragen arbeitet, wie er versucht, weiter zu kommen. 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vm. Nr. 3 Der Widerspruch der Meinungen in diesen Fragen mag zeigen, wie verwickelt sie sind, und eine Entschuldigung bieten für manchen Fehler, der uns im Lichte seiner Zeit sehr begreiflich wird. Kann es uns wundern, wenn man sich im .'\nfang der vielen Schwierigkeiten noch nicht be- wußt gewesen ist. Wer hätte erwarten dürfen, daß uns in den offenen Kiemenspalten der Fisch- lurche von neuem bei erwachsenen Tieren Bildun- gen vorgeführt worden sind, welche während langer Reihen von Generationen ihren erwachsenen Stammformen nicht mehr zukamen? Schon bei den permischen Tetrapoden dürften die Kiemen- spalten bei den erwachsenen Tieren alle ge- schlossen gewesen sein. Wie schwierig muß es dann aber sein, bei nur fossil erhaltenen Arten immer Klarheit zu bringen ! So dürfen wir überzeugt sein, daß das Tatsachenmaterial noch nicht ausreicht, um den Stammbaum der Landwirbeltiere zu rekonstruieren. Unsere Kenntnisse müssen noch nach mancher Richtung vermehrt werden; dann erst können wir mit mehr Aussicht auf eine richtige Antwort manchen phylogenetischen Fragen nähertreten. Doch dürfen wir deshalb diese Fragen nicht ruhen lassen. Denn, wie so oft, zeigt auch hier erst mancher verfehlte Versuch den richtigen Weg zur Beantwortung. — Und was in 50 Jahren er- reicht worden ist, gibt uns schöne Hoffnung für die Zukunft. Kleinere Mitteilungen. Gerücht und Wunder. — In der vorurteils- losen Wissenschaft ist es seit langer Zeit bekannt, daß eine Legion von Wundergeschichten und mystischen Erlebnissen aller Art ihre Entstehung lediglich den Übertreibungen und Entstellungen des Gerüchts verdankt, jener Fama, die schon dem Altertum als größte aller Lügnerinnen er- schien. Angesichts des nicht unbedenklichen Un- heils, das eine kritiklos weitergegebene und dann auch vielfach bedingungslos geglaubte, sensationelle Wundererzählung in vielen Köpfen anzurichten vermag, erscheint es dringend geboten, besonders eklatante Fälle dieser Art aufzuklären und dann als warnendes Beispiel für die Unzuverlässigkeit der im Volk umgehenden mystischen Geschichten vor der breiten Öffentlichkeit in ihrem wahren Zusammenhang darzulegen. — So sei es mir ge- stattet, auch heute wieder ein Schulbeispiel dieser Art, das vor einigen Monaten ziemliches .'\ufsehen erregte, zu diskutieren. Am 26. September 1908, mittags etwa um 2 Uhr, ereignete sich in Berlin das furchtbare Hochbahnunglück auf dem Gleisdreieck. In dem Bericht, den der Berliner Lokal- Anzeiger am Morgen des 27. September darüber brachte, fand sich nun u. a. folgender aufsehenerregende Passus: ,,Ein Herr, Bruder des schwerverletzten Tape- zierers Schumacher, erzählte uns: ,Ich bin Reisen- der für ein hiesiges Haus, und befand mich seit vierzehn Tagen auf der Tour. Heute war ich in Swinemünde und wollte nach Kolberg. Da, es ist so etwa gegen 2 Uhr, überkommt mich eine namenlose Unruhe. Etwas in mir sagt mir un- ablässig, daß etwas geschehen sei. Kurz ent- schlossen gebe ich die Fahrt nach Kolberg auf und fahre nach Berlin zurück. Bei meiner An- kunft auf dem Stettiner Bahnhof sagen mir die Extrablätter, was vorgefallen ist, und jetzt finde ich hier meinen Bruder schwer verletzt.'" Hatte der Fall sich wirklich so zugetragen, wie es hier behauptet wurde, so lag eine ein- wandfreie Fernahnung vor, wie deren Hunderte und Tausende immer wieder und wieder von den verschiedensten Seiten berichtet werden, ohne daß es bisher gelungen wäre, einen absolut einwand- freien und wissenschaftlich unangreifbaren Beweis für das wirkliche Vorkommen solcher Ferngefühle, Ahnungen, hellseherischer Begabungen usw. zu erbringen. Der Fall schien daher einer sorgsamen Nachprüfung wert zu sein; durfte man doch von einer solchen unter allen Umständen, wie auch das schließliche Resultat sein mochte, wertvolle Aufklärungen für die psychologische Wissenschaft erhoffen. Da ich überdies Mitglied der Kom- mission war, welche die ,, Psychologische Gesell- schaft" in Berlin zur Veranstaltung ihrer „Okkul- tismus-Enquete" eingesetzt hatte, mußte ich um so lebhafter den Wunsch hegen, volles Licht über einen Fall von Ahnung zu verbreiten, der auf den ersten Moment von einer geradezu frappanten Beweiskraft zu sein schien , der überdies in weiten Teilen der Berliner Bevölkerung bekannt geworden war und viel besprochen wurde. Nachdem ich die Zustimmung der beiden an- deren Mitglieder unserer Okkultismus-Kommission eingeholt hatte, suchte ich mich mit dem Herrn, der die Ahnung gehabt haben sollte, in Verbin- dung zu setzen. Es war dies nicht ganz einfach, da der Name und die Wohnung des verunglückten Tapezierers in den verschiedenen Tageszeitungen ganz verschieden angegeben worden waren. Schließlich gelang es mir, den Gesuchten aus- findig zu machen: es war der Kaufmann Johannes Schumann (nicht Schumacher), Berlin, Bromberger Straße 12, wohnhaft. Ich richtete an Herrn Schumann einen eingehenden Brief, in dem ich ihn über die Bedeutung einer genauen Fest- stellung der Tatsachen und über das Interesse, das unsere Okkultismus-Enquete an dem Fall nahm, aufklärte. Im Anschluß daran richtete ich eine größere Reihe von genau präzisierten Fragen an ihn, die ich nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten bat. Herr Schumann hatte die große Liebenswürdigkeit, auf meine Anregung ein- zugehen, und richtete am 16. Oktober 1908 aus Königsberg i. Fr., wohin er wieder verreist war, N. F. VIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 einen 4 Seiten langen Brief an mich, für den ich ihm auch an dieser Stelle herzlichen Dank sagen möchte. Ich kann es mir versagen, hier die von mir gestellten Fragen und den Schumann'schen Brief im ganzen Umfang ungekürzt wiederzugeben. Für die Beurteilung des Vorfalls genügt voll- kommen der nachfolgende, dem Brief entnommene Abschnitt : „Sonnabend den 26. September Vormittag er- ledigte ich meine geschäftlichen Angelegenheiten in Swinemünde. Hierauf überlegte ich, ob ich den kommenden Sonntag in Swinemünde ver- bleiben soll oder noch denselben Tag nach Kol- berg fahre. Bald darauf erwog ich auch, ob ich wohl meine Frau in Berlin mit meinem Besuch überraschen soll; ich verwarf jedoch letzteren Plan, da er mir zu kostspielig und zeitraubend erschien. Ich beschloß nun, Nachmittag nach Kolberg zu fahren. Bevor ich mich noch zur Weiterreise nach Kolberg rüstete, sagte mir plötz- lich etwas unbestimmtes, fahre sofort nach Berlin. Ich bekam eine ungewöhnliche Unruhe, dachte an meine Frau und Kind (i Jahr alt) und nichts hätte mich von der Reise mehr abhalten können. Nachmittag I Uhr 18 Minuten fuhr ich von Swinemünde nach Berlin, also bereits vor der Katastrophe. Während der Fahrt verlor sich die innere Unruhe, wozu jedenfalls die Zeitungslektüre beitrug. Erst beim Eintreffen in Berlin erfuhr ich von der furchtbaren Katastrophe." Das Wunderbare , das dem Ereignis in der Schilderung des „Berliner Lokal-Anzeigers" an- haftete, zerfließt also — wieder einmal ! — bei näherer Betrachtung in wesenlosen Schein. Wir sehen, daß Herr Schumann schon am Vormittag des verhängnisvollen Tages in Swinemünde ernst- haft den Gedanken erwog, den darauffolgenden Sonntag in Berlin in Gesellschaft von Frau und Kind zu verbringen, die er für mehrere Wochen nicht wieder sehen sollte. Er verwarf zwar zu- nächst den Plan wegen der damit verbundenen Kosten, nahm ihn aber auf, weil er einen Anfall von jener weitverbreiteten und wohlbekannten Unruhe erlitt, die einen von seinen Lieben ge- trennten Menschen gelegentlich beim Gedanken an die Entfernten ergreift und ihn nicht selten dazu treibt, sich rasch in irgendeiner Weise, durch telegraphische oder telephonische Anfrage oder auch durch persönlichen Augenschein, von ihrem Wohlbefinden zu überzeugen. Herr Schu- mann nun entschloß sich, im Hinblick auf den bevorstehenden freien Tag, zur Reise nach Berlin, worin wahrlich niemand etwas Wunderbares sehen kann. Da er schon um i Uhr 18 Minuten, also zu einer Zeit, wo das Hochbahn-Unglück noch gar nicht geschehen war, von Swinemünde abfuhr, ist deutlich bewiesen, daß keine psychische Fern- wirkung des verunglückten Bruders das Gefühl der Unruhe auslöste, daß also von einer Ahnung in die Ferne unter keinen Um- ständen die Rede sein konnte! Es kommt hinzu, daß Herr Schumann ausdrücklich betont, seine Unruhe habe sich nur auf Frau und Kind — also nicht auf den Bruder! — bezogen, und das unbehagliche Gefühl sei während der Fahrt — also gerade zur Zeit der Katastrophe! — wieder verloren gegangen. Lag hier, wie mystisch veranlagte Gemüter natürlich nach wie vor als erwiesen erachten werden, wirklich eine Ahnung vor, so stimmte sie demnach weder in bezug auf die Zeit, zu der sie eintrat, noch in bezug auf das Objekt. Die F"ahrt nach Berlin, die in der Schilderung des Berliner Lokal-Anzeigers als etwas ganz Unvorher- gesehenes und als eine ausschließliche Folge der inneren Unruhe erscheint, war mehrfach und gründlich vorher erwogen worden, und die „innere Unruhe" war weder ,, namenlos" noch trat sie „gegen 2 Uhr" ein ; vielmehr stellte sie sich über eine Stunde früher ein und beruhte auf ganz all- täglichen und wohlbekannten psychischen Vor- gängen, als F'olge eines zu besonderer Lebhaftig- keit gesteigerten Gedankens an Frau und Kind, die in der Ferne weilen. Der Fall selbst wie auch seine Aufklärung sind typisch in ihrer Art. Sie enthalten für die wissenschaftliche F'orschung wie auch für jeden, der sich ein unbefangenes und ungetrübtes Urteil zu bewahren wünscht, aufs neue die eindringliche Mahnung, jede scheinbar noch so gut beglaubigte, angebliche Wundergeschichte nicht eher für bare Münze zu nehmen, bis nicht alle in Erwägung zu ziehenden Fehlerquellen zuverlässig ausgeschaltet und alle vom Gerücht aufgestellten Behauptungen bis in die kleinsten Einzelheiten hinein gründlich nachgeprüft worden sind. Dr. Richard Hennig. Auftreten der Raupe von Aglossa pinqui- nalis im Darm. — Vielen Krankheiten ist so- wohl der tierische wie menschliche Körper unter- worfen, deren Ursachen in erster Linie auf das Vorhandensein tierischer oder pflanzlicher Organis- men zurückzuführen sind. Unter letzteren sind es besonders die Bakterien, die zu den gefürch- tetsten Epidemien Veranlassung geben können. Von den tierischen Lebewesen finden wir unter den Protozoen, Würmern und Gliedertieren zahl- reiche Vertreter, welche teils auf, teils in dem Menschen ihre Nahrung suchen. In letzterem Falle kommt es hierbei zu mehr oder minder schweren Erkrankungen des heimgesuchten Or- ganismus. Während die genaue Kenntnis der- artiger Erkrankungen erst neueren Datums ist, so das Malariafieber, die Schlafkrankheit u. a. m., reicht die Kenntnis mancher durch Insekten oder Würmer hervorgerufenen Krankheiten auf viel frühere Zeiten zurück. Durch weitgehende Unter- suchungen sind wir heutzutage über die meisten Erkrankungen, welche sich auf die Anwesenheit von Würmern bei dem Menschen — sei es im Darm, oder anderen Körperteilen — zurückführen 44 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 3 lassen, vollständig im klaren. Neben den Würmern sind es die Gliedertiere, und unter diesen wieder die Dipteren, welche in mannigfacher Weise dem Menschen gefährlich werden können. So die Larven der ()striden (Biesfliegen) und Museiden (Fliegen), welche als gelegentliche Schmarotzer sich auf und unter der Haut des Menschen, im Gehörgang, in der Conjunctiva, in der Urethra und Vagina, im Magen und Darm aufhalten können. Nicht häufig sind bis jetzt die Fälle , wo Museiden im Darme gefunden wurden. Und doch wird das Auftreten derselben im Darme ein viel häufigeres sein müssen, als bis jetzt bekannt ist. Denken wir nur an die Gewohnheit zahlreicher Fliegen, ihre Eier auch auf Eßwaren wie Fleisch, Brot, Käse usw. abzulegen, so ist es leicht ver- ständlich, wie oft wir nicht nur Übertragungen schädlicher Krankheitskeime, sondern auch Infek- tionen durch die Larven selbst ausgesetzt sind. Im Magen oder Darm geben diese Larven bei zahlreicher Einwanderung Veranlassung zum Er- brechen, zur Übelkeit und Kolik. Viele kolik- artige Fälle dürften wohl mitunter- auf die Gegen- wart von Fliegenlarven im Darme zurückzuführen sein. Fig. I. Die Raupe von Aglossa pinquinalis in l'/a" Fächer Vergrößerung. Am Vorder- und Hinterende ist bei der Konservierung der Darm etwas herausgetreten. Abkürzungen: v Vorderende; h Hinterende. Aber auch andere Larvenformen als gerade Muscidenlarven können gelegentlich in den Darm des Menschen gelangen. So wurde mir vor kurzem von einem befreundeten Arzte ein Tier zur Be- stimmung zugesandt, mit der Angabe, daß sich dasselbe im Stuhlgange seines 3V'., -jährigen Jungen befunden hätte. Es wäre nicht tot, sondern noch lebend gewesen, was durch Zuckungen des Tieres kenntlich gemacht worden sei. Die Zustellung geschah in Alkohol. Meine erste Vermutung, daß es eine Muscidenlarve sei, wurde bei genauerer Untersuchung des Tieres dahin berichtigt, daß es sich um die Raupe des Schmetterlinges Aglossa pinquinalis handelte. In Fig. 1 ist das Tier in i'/.^-facher Vergrößerung photographisch wieder- gegeben. Man erkennt die den Schmetterlings- raupen eigentümlichen vorderen und die fünf hinteren sog. falschen Beinpaare. Während die vorderen Beinpaare keinen wesentlichen Unter- schied mit denen der übrigen Raupen aufweisen (s. Fig. 2 b), lassen die falschen Beinpaare in der Nähe der Fußsohle einen deutlichen Kranz von Chitinhaken erkennen, deren Spitzen nach außen gerichtet sind (s. Fig. 2 a). Man wird unwillkür- lich an den Hakenkranz bei Taenia solium (Haken- bandwurm) erinnert, wo die Stellung und Form der Haken fast eine ähnliche ist. Schon diese eigentümliche Bewaft'nung der falschen Beinpaare läßt darauf schließen, daß die Raupe von A. p. auf einem schlüpfrigen Substrate leben muß, wo- bei ihr die Beine als gute Haftorgane vortreffliche Dienste leisten müssen. Was weiterhin das Tier als Raupe kenntlich macht, ist das Auftreten von Stigmen an jedem Leibesringe, während bei den Muscidenlarven nur 2 Stigmen am hinteren Körper- ende vorhanden sind. Die Farbe des Tieres war schmutzigweiß mit häufig auftretender bräunlicher Punktierung. Der Kopf war dunkelbraun. Fig. 2. a Hinterfuß mit Hakenkranz ; b Vorderes Bein. Es lag nun die Frage nahe, auf welche Weise die Raupe in den Darm des Kindes gelangte. Es sei zunächst vorweggenommen, daß weitere Raupen bis jetzt nicht mehr in dem angeführten Falle zutage traten, wir es also nur mit einem vereinzelten und daher ausnahmsweisen Auftreten der Raupen zu tun haben müssen. Ferner sei zugleich an dieser Stelle bemerkt, daß ein Irrtum in bezug auf den Befund völlig auszuschließen ist, da der betreffende Arzt jeden Morgen den Stuhl des Knaben genau untersuchte, weil in letzter Zeit der Junge an der bekannten Kinderwurm- krankheit (Oxyuris vermicularis) litt. Sehen wir uns einmal in der Literatur um, was über A. p. angegeben wird. Dieser Schmetterling gehört zu der Familie der Kleinschmetterlinge und unter diesen wieder zu der Gruppe der Pyraliden, der Zünsler oder Lichtmotten. Zünsler ist ein bayri- scher Provinzialname für Lichtmotten. In Spuler's Schmetterlingswerk finden wir ferner folgende Angabe : „Die Raupe von A. p. ist dunkelgrau mit schwarzem Kopf. Sie lebt besonders in Ställen in seidenen Röhren unter Streu und er- nährt sich von vegetabilischen .Abfällen." In der Synopsis von Leunis wird die Raupe als dunkel- braun angegeben, in bezug auf ihre Lebensweise gesagt, daß sie sich von Fett, Schmalz nnd ähn- lichen Stoffen ernährt. Demnach haben wir uns N. F. VIII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 45 von der Lebensweise des Tieres folgende Vor- stellung zu machen : Die Falter setzen ihre Eier an den Stellen ab, wo die jungen Raupen sofort entsprechende Nahrung finden werden. Solcher Stellen gibt es viele, besonders auf dem Lande, so z. B. Holzgefäße zum Aufbewahren von Butter, Fett u. a. m. Den Raupen dienen hierbei die Haken der Beine in geeigneter Weise zum Fest- halten und Fortbewegen an den eingefetteten Wänden der Gefäße. Hat die Raupe ihre volle Größe erreicht, so verläßt sie ihren ursprünglichen ."Xufenthaltsort, um sich in passenden Schlupf- winkeln zu verpuppen. In unserem Falle wird sich nun vielleicht in der Butter eine noch junge Raupe von A. p. be- funden haben — ungefähr 2 bis 3 mm groß — und mit dem Essen in den Magen, bzw. Darm des Kindes gelangt sein. Trotz des außergewöhn- lichen Aufenthaltes entwickelte sich die Raupe weiter, wobei sie in ihren Beinen passende Werk- zeuge zum F"esthalten an der glatten Darmwand besaß. Die Ausbildung des Pigmentes wurde nunmehr bei der Raupe gehemmt, oder schon vorhandenes Pigment zerstört , daher die ab- weichende helle Färbung des Tieres. Der ev. Einwand, daß der Magen- und Darmsaft das Tier zum Absterben hätte bringen müssen, läßt sich dadurch beseitigen, daß wir an zahlreichen an- deren Beispielen eine große Lebenszähigkeit von im Darm lebenden Larven beobachtet haben. Unsere in Fig. i abgebildete Raupe ist fast aus- gewachsen, ihr Alter auf 8 bis 10 Tage zu be- messen, von der Zeit des Auskriechens ab ge- rechnet. Es ergibt sich daher im Darm ein Aufenthalt von 6 Tagen, wenn wir annehmen, daß die Raupe bei ihrer Einwanderung 3 mm groß war. Es könnte aber die Raupe in ihrer abgebildeten Größe eingewandert sein ! Dagegen spricht wohl aber der Umstand, daß das Tier ab- gesehen von dem ev-. ,, Gesehenwerden", durch die kauende Tätigkeit des Kindes hätte getötet oder wenigstens gequetscht werden müssen. Wie schon eingangs erwähnt, lebte jedoch das Tier beim Austritt aus dem Darm. Es war auch sonst an der Raupe nichts zu bemerken, was auf voraus- gegangene Verletzungen hätte hinweisen können. Ferner hätte ein kurzes Verweilen im Darm das Pigment nicht so zum Verschwinden bringen können, wie es bei dem gefundenen Tiere zu be- obachten war. Der ganze Befund spricht demnach dafür, daß wir es hier mit einem zufälligen Auftreten und zeitweiligen Verweilen einer Schmetterlingsraupe im Darme des Menschen zu tun haben, bedingt durch die eigenartige Lebensweise der Raupe von A. p. Zu besonderen Erkrankungen scheint eine solche Einwanderung keine Veranlassung zu geben. Vielleicht sind derartige rasch vorübergehende Infektionen viel häufiger, als man denkt, entziehen sich aber wohl in den meisten Fällen den Beob- achtungen. Mögen daher beigegebene Abbildungen dazu dienen , dem Arzte gelegentlich die Er- kennung solcher zutage tretenden Larven zu er- leichtern, dann wäre der Zweck dieser kurzen Abhandlung vollständig erfüllt. Dr. August Ackermann, Bonn. Bücherbesprechungen. Ernst Haeckel, Unsere Ahnenreihe (Progo- nota.xis Hominis). Kritische Studien über ])hyletische Anthropologie. Festschrift zur 350- jährigen Jubelfeier der Thüringer Universität Jena und der damit verbundenen Übergabe des phyle- tischen Museums am 30. Juli 1 908. Mit 6 Tafeln. Jena. Gustav Fischer. 1908. — Preis 7 Mk. Vor 50 Jahren, am i. Juli 1S58, machte Darwin die ersten Mitteilungen über seine neue Entwicklungs- lehre. Ihre wichtigste Konsei|uenz, nämlich die Ab- stammung des Menschen von -Säugetieren, zog 1863 Thomas Huxley in seinen drei berühmten Abhand- handlungen: I. Über die Naturgeschichte der menschen- ähnlichen Affen, 2. Über die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen Tieren und 3. Über einige fossile menschliche Überreste. In diesen Schriften wird der Nachweis erbracht, daß der Mensch zu- sammen mit den .Affen und Halbaffen, zu den Herren- tieren (Primates) gehört. Übrigens finden wir schon bei Carl von Linne (1735) den Menschen mit den Affen und Halbaffen vereinigt zur Ordnung der Anthropomorpha. In Deutschland fand Darwin's Lehre Eingang durch Carl Vogt (1S63) und besonders durch Haeckel. Er versuchte schon 1866 in seiner „Gene- rellen Morphologie" den Stammbaum des Tierreiches aufzustellen und die Keimesgeschichte der Organismen aus ihrer Stammesgeschichte heraus zu erklären (biogenetisches Grundgesetz). Später, 1872, zeigte der Verfasser in seiner Gastraea-Theorie, daß alle Metazoen von einem einfachen, zweischichtigen, becherförmigen Urdarmtier, seiner ,,Gastraea", abzuleiten sind. Erst 1895 fand Monticelli in Neapel das Urbild der hypo- thetischen Gastraea, das er Pemmatodiscus gastrulaceus nannte. — Die wichtigste Aufgabe der Phylogenie, die Abstammung des Menschen bis hinab zu den Protozoen zu verfolgen, suchte Haeckel 1874 in seiner „Anthropogenie" zu lösen. Trotzdem diese Wissen- schaft der Anthropogenie die historische Grundlage für die Anthropologie bildet, ist sie doch von dieser lange Zeit — besonders unter Virchow's großem Ein- fluß — bekämpft worden. Erst in neuester Zeit bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die „Anthropo- genie das Fundament der Anthropologie ist". Das Interesse der Forscher, die sich mit der Ahnenreihe des Menschen befaßten, wandte sich zunächst seinen nächsten Verwandten, den Affen, zu. Von großer Wichtigkeit wurde hier die Auffindung des „missing link", des fehlenden Gliedes zwischen Affen und Mensch. Eugen Dubois fand es 1891 auf Java und nannte es Pithecanthropus erectus. — Nachdem nun durch die Auffindung des „missing link" die Ab- stammung des Menschen von den Affen als bewiesen zu betrachten ist, wendet sich die Forschung neuer- dings zu den älteren Ahnen des Menschen. Die ge- 46 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vin. Nr. 3 samte Vorfahrenreihe des iMenschen sicher festzustellen, dürfte niemals gelingen. Aber eine ganze Anzahl typischer und wichtiger Stammformen läßt sich fest- stellen, die zwischen ihnen liegende „phyletische Strecken" begrenzen. — Die Progonotaxis des Menschen zerfällt in zwei große Abschnitte. Der erste .Abschnitt umfaßt die Ahnen, die fossil nicht bekannt sind. Die ältere Hälfte ist vom historisch geologischen Gesichts- punkte aus betrachtet präsilurisch, die jüngere Hälfte reicht vom Silur bis zur Gegenwart. Wenn also in der ersten Hälfte unserer Progonota.xis fossile Doku- mente fehlen, so können die dahingehörigen Ahnen nur durch die Methoden der vergleichenden Anatomie und der Ontogenie erschlossen werden, wobei uns das biogenetische Grundgesetz die wichtigsten Direk- tiven gibt. Was die Urkunden unserer Progonotaxis anbetrifft, so lassen sie sich aus dem Vorhergehenden z. T. schon ersehen. Sie sind i. die Paläontologie, die uns in den Fossilien wertvollste positive Kennt- nisse vermittelt, aber auch zahlreiche störende Lücken aufweist, 2. die Ontogenie, die insofern sehr wichtig ist, als sie ja eine kurze Rekapitulation der Phylogenie ist, und endlich 3. die Morphologie, die, vergleichend betrieben, wichtige Aufschlüsse über Verwandtschafts- verhältnisse u. s. f. gibt. Diese drei Wissenszweige müssen bei den Studien über unsere Progonotaxis in gleicher Weise berücksichtigt und kritisch angewendet werden. — Die erste der sechs Strecken unserer Progonotaxis umfaßt die Protisten-Ahnen. Der Lehrsatz, daß alle Wirbeltiere, somit auch der Mensch, wie überhaupt alle Histonen {=^ Gewebetiere) von Protisten ab- stammen, ist jetzt wohl allgemein angenommen. Es ist sichergestellt, daß jedes Individuum von einer Stammzelle aus, der Cytula, seinen Ursprung nimmt. Nach dem biogenetischen Grundgesetz muß daher jede Tierform mit einer Urstammzelle in seiner Ahnenreihe beginnen , der Cytaea. Unter den Protisten sind wiederum die Piasmodomen , die Protophyten , die älteren Formen , aus denen erst später die plas- mophagen Protozoen hervorgegangen sind. Die Proto- zoen gingen aus den Protophyten durch Umkehr des Stoffwechsels, durch „Metasitismus" hervor. Bei den Protisten unterscheidet man zwischen Urzellen oder Archicyten und Kernzellen. Zu den Urzellen , die kernlos sind, rechnet man die Moneren. Zu diesen gehören die Chromaceen und Bakterien, die keine Kerne , manchmal nur Chromidien besitzen. Die Chromaceae (^ Cyanophyceae) sieht Haeckel als die „Urorganismen" an, die den Übergang von der an- organischen zur organischen Welt vermitteln. Ihre einfachsten Formen, z. B. Chroococcus, Gloeocapsa etc. sind mit den Chromatophoren der Metaphyten ver- gleichbar. Das Protoplasmakügelchen dieser Organis- men ist von einer Gallerthülle umgeben, einem Schutz- organ des nackten Zellleibes. Denken wir uns diese Hülle weg, so haben wir die einfachsten Organismen vor uns, die hypothetischen „Probionten" des lauren- tinischen Zeitalters. Diese müssen wir uns als durch Urzeugung entstanden denken. — Die nächste Ahnen- stufe sind die „Algarien", besonders die Palmellaceen und Xanthellaceen. Diese sind einzellige Algen mit Zellkernen, aber noch ohne Flimmerbewegung. Aus diesen .'\lgarien entstanden durch Metasitismus die Amöben, die die älteste Stammform der Protozoen bilden. Die einfache Organisation der Amöben und die Tatsache, daß amöboide Zellen im Tierreich viel- fach vorkommen (z. B. Leukocyten) sprechen dafür, daß sie .Ahnen der Menschen sind. Auf die Amöben folgen in der Progonotaxis durch Vermittlung der Mastigamöba die Flagellata, bestimmt geformte, mit einer oder mehreren Geißeln schwimmende , teils plasmodome, teils plasmophage Formen. Besonders die einfachen Zoomonaden und Monadinen geben uns ein ungefähres Bild dieser Progonen. Die 5. Stufe unserer Progonen bilden die Blastaeaden, die Über- gangsgruppe zu den Metazoen. Es sind dies Hohl- kugeln, aus einer Schicht gleichartiger Zellen gebildet. In der Ontogenie der Histonen entspricht diese Ahnen- form der wichtigen Blastula. Noch heute gibt es einige Organismen, die auf der Stufe der Blastula stehen, so die plasmodomen Volvocineen | Volvox, Pandorina) und die plasmophagen Catalacten (z. B. Magosphaera ). Die zweite Strecke unserer Progonotaxis umfaßt die Invertebraten-Ahnen. Unter diesen Metazoa invertebrata unterscheidet man zwei große Gruppen, die Niedertiere oder Cölenteria und die Obertiere oder Cölomaria nach dem Fehlen oder Vorhandensein einer Leibeshöhle (= Cölom). Die gemeinsame Ausgangsform der Cölenterien ist die hypothetische Gastraea, die sich als Abbild infolge strenger Ver- erbung noch heute bei allen Metazoen in Gestalt der Gastrula erhält. Von der Gastraea leiten sich ab : I. die Spongien, 2. die Cnidarier und 3. die Platoden. Nur die letzteren finden sich unter den Progonen des Menschen. Von den Gastraeaden- Ahnen leben in der heutigen Fauna Olynthus und Hydra. Dem Urbilde der Gastraea soll der von Monticelli entdeckte Pemmatodiscus gastrulaceus vöUig entsprechen. Aus den beiden Keimblättern der Gastraea haben sich alle Gewebe entwickelt. An diese Gastraeaden schließen sich die Piatodarien, eine kleine Gruppe einfach gebauter Tiere, die von den Platoden ab- getrennt werden. Hypothetisch sind unter ihnen die Archelminthes, denen sich die .'\coela, die niedrigsten Turbellarien anschließen. Sie besitzen an Stelle des Urdarmes der Archelminthes ein verdauendes Paren- chym. Haeckel faßt sie als Reste der Übergangs- formen von den Gastraeaden zu den Rhabdocölen auf. An diese einfachen, diploblastischen Cryptocölen schließen sich in unserer .■\hnenreihe die triploblasti- schen Platodinien an, deren Nachkommen die heute lebenden Rhabdocölen sind und die sich auch durch ein Exkretionssystem und die Sonderung des Gehirnes von den Cryptocöliern unterscheiden. Mit diesen Rhabdocölen-Vorfahren, eben den Platodinien, ver- lassen wir die Niedertiere oder Cölenterien und ge- langen zu den Cölomarien, den Tieren, die sich durch den Besitz einer Leibeshöhle auszeichnen. Mit dem Erwerb der Leibeshöhle gehen Hand in Hand die Entstehung einer zweiten Darmöfthung und des Blut- gefäßsystems. Damit kommen wir zu den Vermalien Haeckel's, jener Gruppe, die übrig bleibt, wenn wir N. F. Vtll. Nr. Naturwissenschaflliche Wochenschrift. 47 von den „Würmern" (im alten Sinne) die Platoden und .'\nneliden abziehen. Am klarsten treten uns die hypothetischen Provermalien in den Gastrotrichen ent- gegen, die noch zahlreiche Pladoten-Merkmale zeigen, aber einen After besitzen. Von der 9. Etappe unserer Progonotaxis, den Provermalien, bis zu den Pro- chordoniern führt der allerdunkelste Weg. Als Ziel des Weges sieht man nur die „Chordaea", eine ebenso wichtige Stammform wie die Gastraea. Sie ist die gemeinsame Stammform der Tunicaten und der Vertebrata. Wie sie aus den Frontoniern entstanden ist, darüber läßt sich nichts Bestimmtes angeben. Die Chordaea ist längst ausgestorben und dürfte in der präsilurischen Zeit gelebt haben. Näheres über die Chordaea- Theorie findet man in : Haeckel, Anthropo- genie, Kap. 10. Die dritte Strecke unserer Progonotaxis umfaßt die Monorrhinen-Ahnen. Zu diesen gehören vor allem die Acranier, die heute nur durch den Amphioxus (Branchiostoma) vertreten sind, den einzigen Über- lebenden einer großen Gruppe aus dem präsilurischen Zeitalter. Die große Bedeutung dieses Tieres ist durch die klassischen Untersuchungen von Johannes Müller, Kowalevsky und Hatschek klargelegt worden. So sehr einfach auch der Bau und die Entwicklungs- geschichte dieses niedersten rezenten Vertebraten sein mögen, so zeigt er doch eine Reihe sekundärer, erst später erworbener Merkmale. Daraus ergibt sich, daß er nicht als direkter Vorfahre des Menschen auf- zufassen ist. Dagegen dürften seine präsilurischen Stammformen, die hypothetischen „Urwirbeltiere" oder Prospondylia, in die Ahnenreihe des Menschen zu rechnen sein. Auf diese uralten Prospondylien-Ahnen folgt ein dunkles Wegestück in unserer Progonotaxis, wo wir nur auf mehr oder minder wahrscheinliche Schlüsse angewiesen sind. Festen Boden gewinnen wir erst wieder, wenn wir zu den Cyclostomen ge- langen. Diese Tiere sind schon Schädeltiere (Cranioten) und als solche weit höher organisiert als der schädel- lose Amphioxus. Die beiden sehr voneinander ab- weichenden Ordnungen der C}clostomen, die Myxi- noiden und die Petromyzonten , sind höchst wahr- scheinlich divergente Abkömmlinge einer älteren Stammgrappe, die Haeckel als Urschädeltiere (= Archi- crania) bezeichnet. Von ihnen sind fossile Reste nicht erhalten und wir können uns nur durch das Studium der Larve von Petromyzon ein ungefähres Bild jener alten Urschädeltiere machen. Diese „Archicranier" nun sind in unserer Ahnenreihe sicherlich vertreten ge- wesen. — Mit diesen Archicranier-Ahnen schließt der erste große Abschnitt unserer Progonotaxis ab und wir gelangen nun in ein Gebiet, wo wir infolge des Vorhandenseins paläontologischer Urkunden sicherer gehen. Die hier beginnende vierte Strecke unserer Progonotaxis umfaßt die Anamnien-Ahnen, also solche Tierformen, denen im embryonalen Leben ein Amnion noch fehlt. Sie beginnen mit den Fischen , der untersten Abteilung der Gnathostomen. Von den Fischen (Pisces) kommen nur die Selachier und Ganoiden für unsere Ahnenreihe in Betracht, während die Teleostier oder Knochenfische nicht als Vorfahren des Menschen zu betrachten sind. Die Selachier werden als Stammform aller Gnathostomen ange- sprochen. Die heute lebenden Selachier freilich zeigen auch wieder sekundäre Merkmale. Nach deren Ab- zug gelangte Haeckel zu seinem hypothetischen ältesten Stammfisch, dem Ichthygonus primordialis, dem die fossilen obersilurischen Proselachier sehr nahe ge- standen haben dürften. Diese Proselachier dürften also zu unseren Progonen zu rechnen sein. An die Selachier, und mit ihnen durch Übergänge verbunden, schließen sich die Ganoiden oder Schmelzschupper. Die ältesten Ganoiden sind die Proganoiden, von denen spärliche Reste schon im oberen Silur vertreten sind. Von diesen Proganoiden führt die Entwick- lungslinie zu den noch heute in Afrika lebenden Crossopterygiern und weiter zu den Dipneusten oder Lurchfischen. Diese Dipneusten sind besonders in- sofern höher organisiert als sie neben den Kiemen bereits Lungen besitzen , die ihnen den Aufenthalt außerhalb des Wassers gestatten. Sie bilden aus diesem Grunde den Übergang zu den Amphibien und eine besondere Stufe unserer Ahnenreihe. Die ältesten Dipneusten sind die Paladipneusten des Devon und Carbon, aus denen sich die Progonamphibien ent- wickelten , die Ausgangsformen aller Vierfüßer. — Es folgen nun die Amphibien-Ahnen, die eine sehr wichtige und durch alle drei Urkunden gestützte Vor- fahrengruppe bilden. Die Paläontologie lehrt uns die uralten, sehr primitiven Stegocephalen kennen. Dann zeigt uns die vergleichende Anatomie, daß die Am- phibien in der Mitte zwischen den älteren Fischen und den Amnioten stehen und endlich zeigt uns die Ontogenie, wie sich der Übergang vom Wasser- zum Landleben gestaltet hat. Diese alten Stegocephalen waren noch mit dem pentadactylen Kriechbein ver- sehen. Ihr salamanderähnlicher Körper war mit einem festen Panzer bedeckt. Die rezenten Nacktlurche (Lissamphibia) gehören nicht in die Ahnenreihe. Von den Stegocephalen gelargen wir zu den Proreptilien, den Ausgangsformen der Amnioten, deren Hauptmerk- male Amnion und Allantois sind. Die Amnioten um- fassen die Sauropsiden (Reptilien -f- Vögel) und die Säugetiere. Zuerst treten primitive Reptilien auf, die permischen Tocosaurier, Proreptilien, die einen letzten Überrest in der Hatteria punctata hinterlassen haben. Zwischen den Reptilien-Ahnen und den niedersten Säugern sind uns gar keine fossilen Reste erhalten. Man hat daher eine Übergangsgruppe angenommen, die Sauromammalien. Aus dieser hypothetischen Gruppe entwickelten sich parallel die riesigen Thero- morphen und die Säugetiere. — Somit betreten wir die fünfte Strecke unserer Ahnenreihe, die der Säuge- tiere. Die Säugetiere bilden eine morphologisch wie phyletisch einheitliche Gruppe, die durch 8 sehr wichtige Merkmale charakterisiert ist. Deshalb müssen die gesamten Säugetiere eine einzige Stammform haben, die eines unbekannten Promammale. Von diesem hypothetischen Promammale führt der Weg zu den Monotremen. Wahrscheinlich haben wir in den mesozoischen Pantotherien Progonen des Menschen zu suchen. Sicher sind auch unter den Marsupialiern oder Beuteltieren verschiedene Stufen unserer Pro- gonotaxis zu suchen , besonders ihre gemeinsame 48 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 3 Stammform, die Prodidelphier. Die höchst entwickeUe Subklasse der Säugetiere ist die der Zottentiere = Placentalia. An der Wurzel hängen alle die ver- schiedenen, weit auseinandergehenden Placentalier zu- sammen. Sie haben die gemeinsame Stammform der Urzottentiere. Im Tertiär fand die große EntfaUung der Säugetiere statt. Aus den IMallotherien (Urzotten- tieren) entwickelten sich wahrscheinlich in der Kreide die Lemuraviden, die älteren Halbaffen, mit der Zalin- formel ^ ' ' ' -^ An sie schließen sich die jüngeren 3 ■ I • 4- 3 Halbaffen an, unter denen Tarsius sehr primitive Merkmale zeigt. Mit diesen Prosimien-Ahnen haben wir übrigens die sechste Strecke unserer Progonotaxis beschritten. An die Prosimien schließen sich die pithekoiden Ahnen an. Da sind zu nennen i. Platyr- rhinen und 2. Katarrhinen. Unter den letzteren Ost- affen treffen wir heute die niederen Hundsaffen und die höheren Menschenaffen oder Anthropomorpha, die den unmittelbaren Übergang zum Menschen bilden. Nach dem Pithecometra-Satz Huxley's sind wir zu der Annahme berechtigt, daß der Mensch zusammen mit dem Gibbon, Orang, Schimpansen und Gorilla von geschwänzten Hundsaft'en abstammt. Wir haben also in der letzten Strecke unserer Progonotaxis folgende Stufen: i. ältere Hundsaffen, 2. jüngere Hundsaffen, 3. ältere Menschenaffen, 4. jüngere Menschenaffen, 5. Affenmenschen (den Pithecanthropus erectus), 6. Urmenschen (Homo primigenius) und 7. Vernunfts- menschen (Homo sapiens). Darüber findet man näheres in Haeckel: Syst. Phylogenie III, ^;^ 444 — 460. In der vorliegenden Schrift Haeckel's finden sich noch 2 Abschnitte über i. phyletische Beiträge zur Kraniologie und 2. phyletische Studien über Menschen- rassen. Die Besprechung dieser Abschnitte würde hier zu weit führen und es muß daher auf das Original verwiesen werden. Dr. phil. Effenberger, Jena. Afrika und die Charakterpflanzen Afrikas. II. Bd." Cha- rakterpfianzcn .\frikas {insbesondere des trop.). Die Fami- lien der afrikan. Pflanzenwelt u. ilire Bedeutg. in derselben. I. Die Pteridophyten, Gymnospermen u. monokotyledonen Angiospermen. iVIit 16 Vollbildern u. 316 Textfig. ;(XI, 460 S.) Leipzig '08, W. Engelmann. — Subskr.-Pr. 18 Mk., geb. in Leinw. 19,50 Mk., Einzelpr. 27 Mk., geb. in Leinw. 28,50 Mk. Der I. Band ist noch nicht erschienen. Fischer, Prof. Emil : Anleitung zur Darstellung organischer Präparate. 8. neu durc-hgeseh. Aufl. (XVI, 98 S. ra. 19 Ab- bildgn.) 8". Braunschweig '08 , F. Vieweg & Sohn. — Geb. in Leinw. 3,20 Mk., u. durchsch. 3,60 Mk. Klein , F. ; Elementarmatiiematik vom höheren Standpunkte aus. I. Tl.: .Arithmetik, Algebra, Analysis. Vorlesung, geh. im Wintersem. 1907 — 08. Ausgearb. v. E. Hellinger. (VIII S. u. 590 autogr. S. m. Fig.) gr. 8 ". Leipzig '08 , B. G. Teubner. ~ 7,50 Mk. Klut, Dr. Hartwig: Untersuchung des Wassers an Ort und Stelle. (VII, 159 S. m. 29 Fig.) 8°. Berlin '08, J.Springer. — Geb. in Leinw. 3,60 Mk. Ratr.say, Prof. Sir William: Die edlen u. die radioaktiven Gase. Vortrag. (39 S. m. Abbildgn ) gr. 8". Leipzig '08, Akadem. Verlagsgesellschaft. — 1,40 Mk., kart. 1,80 Mk. Anregungen und Antworten. Herrn Sl. R. in Krakau. — Nur allgemein interessierende Fragen können wir an dieser Stelle beantworten. Einen An- spruch auf ."Antwort können wir daher unseren Lesern nicht immer gewähren, es sei denn, dal3 sie das Porto für briefliche Ant- wort mitsenden. — Die Geschäftsstelle des deutschen Monisten- bundes befindet sich in Berlin W, Kurfiirstenstr. 167. In Nr. 46 (1908) der Naturw. Wochenschr. erschien ein Artikel von Dr. S. Killermann über den ,,K ann ibal is mus bei Menschen und Tieren". Dazu kann ich nach per- sönlicher Beobachtung hinzufügen, daß auch bei den Kanarien- vögeln, also nicht Fleischfressern, dieselbe Erscheinung zu konstatieren ist. Ich habe mehrmals beobachtet, daß die Eltern, besonders oder ausschließlich junge Eltern, ihren kaum gefederten Jungen erst die Federn auszogen und dann schlieiSlich die Brust durchstachen , wobei sie die Eingeweide verzehrten. Ob sie dabei nach einer weichen Unterlage für ein neues Nest suchten, ist fraglich ; sie haben wenigstens zu dieser Zeit keinen Mangel an den von den Kanarienvögel- züchtern verwendeten weichen Spinnfasern gehabt. Dr. E. V. Budkewicz. Literatur. Bartels, Dr. Walth. : Die Gestalt der deutschen Ustseeküste. (XI, 12S S.) Stuttgart 'oS, Strecker & Schröder. — 4,50 Mk. Cook, des Kapit. James, Weltumseglungsfahrten Ein Auszug aus seinen Tagebüchern. Bearb. u. übers, v. Dr. Edwin Hennig. Mit 8 Bildern u. i (färb.) Karte, i.— 4. Taus. (554 S.) Hamburg '08, Gutenberg-Verlag. — 6 Mk. , geb. 7 Mk. Darmstaedter's Ludw., Handbuch zur Geschichte der Natur- wissenschaften u. der Technik. In chronolog. Darstellung. 2., umgearb. u. verm. Aufl. Unter Mitwirkg. v. Prof. Dr. R. du Bois-Reymond u. Oberst z. D. C. Schaefer hrsg. v. Prof. Dr. L. Datmstaedter. (X, 1263 S.) gr. 8". Berlin '08, J. Springer. — Geb. in Leinw. 16 Mk. Dircks, Gust. : Das moderne Spanien. (III, 376 S. m. 96 Ab. bildgn.) Le.\. S». Berlin 'oS, H. Pactel. — 9 Mk., geb. in Leinw. 10 Mk. Engler, A.: Die Pflanzenwelt Afrikas, insbesondere seiner tropischen Gebiete. Grundzüge der Pflanzenverbreitung in Berichtigung zu der Antwort betreffend ,,v er- kannte Fremde" (Nr. 47, Seite 752). — Herr Dr. Graebner macht mich darauf aufmerksam, daß die bisher als Bidens frondosus L. angesehene Adventivpflanze jetzt zu Bidens melanocarpus Wiegand gerechnet wird; Wiegand hat (in Bull. Torrey Bot. Club X.KVI. (1899) 405) die Unterschiede seiner neuen Art gegenüber dem echten B. frondosus L. festgelegt. Vgl. auch .Ascherson in Verh. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg XLII. (1900) 293. — Die ausführlichste Zusammenstellung über Adventivpflanzen gab F. Hock I Ankömmlinge in der Pflanzenwelt Mitteleuropas während des letzten halben Jahrhunderts) in: Beihefte zum Botan. Central- blatt IX. (1900) 241, X. (1901) 284, XI. (1902) 261, XII. (1902) 41, XIII. (1902) 211, XV. (igoj) 387, XVIII. (1905) 79; 1. c. XI. (1902) 277 findet man Literatur über Bidens melanocarpus. H. Harms. Herrn Dr. E. B. in Wien. — Wir kennen nur das Buch von Ebert, ,, .Anleitung zum Glasblasen". Leipzig, J. A. Barth, 2. Aufl. 1895. Preis 2 Mk. Inhalt: Dr. J. Versluys: Die Salamander und die ursprünglichsten vierbeinigen Landwirbeltiere. — Kleinere Mitteilungen : Dr. Richard Hennig: Gerücht und Wunder. — Dr. August Ackermann: Auftreten der Raupe von Aglossa pinquinalis im Darm. — Bücherbesprechungen: Ernst Haeckel: Unsere Ahnenreihe (Progonotaxis Hominis). — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buclidr.), Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Koli;e VIII. Band ; der ganzen Reihe XXIV. B.-ind. Sonntag, den 24. Januar 1909. Nummer 4. [Nachdruck verboten.] Vogelschutz in den Vereinigten Staaten. \'on Dr. Ernst Schultze, Hamburg-Großborstel. Die ungeheuren Naturschätze, die noch vor hundert Jahren auf dem Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten vorhanden waren, sind durch unkluge und unvorsichtige Maßnahmen auf ein zum Teil recht bescheidenes Maß zurückgeführt worden. Es gibt wenige Länder, in denen man mit den Schätzen der Natur so große Verschwendung getrieben hat wie in Nord- amerika. Am bekanntesten ist die unsägliche Waldverwüstung, die riesige Waldungen nicht nur dort ohne weiteres vernichtet hat, wo an Stelle der niedergebrannten Wälder Ackerbau möglich ist, sondern die sogar weite Strecken Landes jedes Baumwuchses beraubt hat, selbst wenn sie von der Natur gar nicht zum Ackerbau, sondern eben zum Waldbestand bestimmt sind. Man hat berechnet, daß in manchen Jahren der Schaden durch Waldbrände mehr als 100 Millionen Dollars (400 Millionen Mk.) betragen hat. Der Raubbau, den ein großer Teil der amerikanischen Farmer treibt, bringt ähnliche Folgen mit sich ; ohne dem Boden durch zeitweiligen Anbau von Hackfrüchten oder durch anderen F"ruchtwechsel Erholung zu gönnen, wird Jahr für Jahr dasselbe Getreide oder dieselbe Frucht darauf gezogen. Die gewaltigen Kohlenlager, die unter der Erdoberfläche in den Vereinigten Staaten liegen, sind bereits so stark angegriffen worden, daß be- rechnet worden ist, dal3 z. B. der Anthrazit nur noch höchstens 75 Jahre ausreichen wird. Und obwohl die übrigen Kohlenlager der Vereinigten Staaten noch gegen 1500 Milliarden Tonnen aus- machen, so warnt doch das Geologische Landes- amt in Washington ernstlich davor, den Abbau der Kohlenfelder in so verschwenderischer Art weiter zu betreiben wie bis jetzt: so nämlich, daß den Kohlenbergwerken vielfach nur der vierte Teil der Mächtigkeit eines Kohlelagers entnommen wird. Und ebenso geht es mit der Tierwelt. Die prächtigen Büffelherden der Vereinigten Staaten sind vernichtet — nicht durch allmähliches Ab- schießen der Büfifel, um ihr Fleisch als Nahrung zu verwenden, vielmehr weil sich in den 1870 er Jahren Aktiengesellschaften bildeten, die lediglich die Häute und Hörner der Büfifel verwenden wollten und die den echten amerikanischen Groß- betrieb einführten. Die Büfifel wurden nicht ein- zeln mit dem Gewehr erlegt, sondern die Büfifel- herden wurden mit Kugelspritzen beschossen, und den gefallenen Tieren wurden nur die Häute ab- gezogen, während man das Fleisch größtenteils verwesen ließ, so daß die Luft meilenweit ver- pestet war. 4V0 Millionen Büffel sind in den Jahren 1872 — 1874 getötet worden, über 3 Millionen nur der Häute wegen. Auch die V o g e 1 w e 1 1 der Vereinigten Staaten ist von dieser unsäglichen Verschwendung be- troffen worden, obwohl sie sich wirtschaftlich viel weniger ausnutzen läßt wie etwa die Säugetiere. Im Gegenteil ist das Bestehen zahlreicher Vogel- arten für den Menschen von größtem Nutzen, soweit diese Vögel zu den Insektenvertilgern ge- hören — von den ästhetischen Reizen, die die gefiederten Sänger der Luft auf uns ausüben, ganz zu schweigen. Dennoch ist man in den Ver- einigten Staaten selbst gegen die Vögel mit einer Zerstörungswut vorgegangen, die sich zum Teil schon bitter gerächt hat. Klagen doch die Farmer schon seit langem über die geringe Zahl der in- sektenfressenden Vögel. Ein Beispiel für den riesigen Vogelreichtum früherer Zeiten : es gab in den Vereinigten Staaten so ungeheure Mengen der Wandertaube, die in jedem Frühjahr in großen Schwärmen erschien, daß diese Vögel an ihren Brutstätten in den Wäldern nicht zu Tausenden, sondern zu Hunderttausenden beieinander saßen. Damals mästeten die Farmer ihre Schweine mit den Eiern und den jungen Vögeln, die aus den Nestern der Wandertauben fielen. Der Mensch hätte in den Vereinigten Staaten um so mehr Anlaß gehabt, die Vogelwelt zu schonen und zu schützen, als ihr neben den über- all vorhandenen Vogelfeinden, als da sind Katzen, Marder usw., Tod und Vernichtung durch die großen Stürme drolien, denen die gewaltige Flach- mulde zwischen den .'Mleghanies und dem Felsen- gebirge so häufig ausgesetzt ist. Unzählige kleine Vögel finden bei diesen heftigen Stürmen ihren Tod. Auch hat die Vernichtung der Wälder in den Vereinigten Staaten natürlich in hohem Maße dazu beigetragen, daß die Zahl der Vögel reißend schnell abnahm. Das Waldgebiet der Vereinigten Staaten umfaßt heute nur noch einen kleinen Bruchteil der großen Landfläche , die vor hundert Jahren mit Wäldern bedeckt war, und noch immer schmilzt das Waldgebiet weiter zusammen. Der größte Feind der Vogelwelt ist indessen doch wohl menschlicher Unverstand und Eigen- nutz. Gegen diese aber hat eine gemein- nützige Gesellschaft einen lebhaften und tatkräftigen Kampf eröffnet, die im Jahre 1886 in New York begründet wurde, schon 2 Jahre später fast 25000 iVIitglieder besaß und sich in der Zwischenzeit zu einer der größten gemeinnützigen Gesellschaften in den Vereinigten Staaten ausge- so Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 wachsen hat. Der Mitgliedsbeitrag zu der „Audubon Society" beträgt 5 Dollars (20 Mk.) jährlich. Sie verwendet ihre IVIitgliedsbeiträge und die Zinsen eines ihr durch die letztwillige Verfügung von Mr. Albert Wilcox zugeflossenen Kapitals von etwa i 200 000 Mk. dazu, die Vogel- schutz-Bestrebungen in den Vereinigten Staaten nach allen Kräften zu fördern. Nur 9 Staaten der nordamerikanischen Union besitzen keine Zweig- vereine der Audubon Society. Alle anderen ziehen aus ihrer Tätigkeit Nutzen. In zwei Staaten haben sogar die Parlamente in Übereinstimmung mit dem Gouverneur beschlossen, daß die dortigen Zweigvereine der Audubon Society als Staats- organe anzusehen seien; man hat ihnen dort klugerweise die Aufgaben und die Befugnisse der Ausschüsse für Wildschutz (State Game Commissions) übertragen. Übrigens beschränkt sich die Audubon Society nicht auf den Vogelschutz allein, sondern nimmt sich der Erhaltung der Tierwelt der Ver- einigten Staaten und ihrer Kolonien ganz im allgemeinen an. So hat sie z. B. die Vögel der Sandwichinseln vor den japanischen Federjägern gerettet. Das Abschießen der Elche, nur um ihre Geweihe als Schmuckstücke ver- wenden zu können , wird von ihr verhindert. Wildschützen, die trotz der bestehenden Gesetze Wildarten abschießen, die nicht geschossen wer- den dürfen, werden von ihr unbarmherzig ver- folgt und vor die Gerichte gezogen. Die Audubon Society hat dazu beigetragen, daß die Union Ge- setze zum Schutze der letzten Büffel erließ, ferner daß bessere Wildschutzgesetze für Alaska ge- schaffen wurden. Auf den Bahamainseln hat die Audubon Society die Flamingos vor der Vernich- tung bewahrt, indem sie den Erlaß eines beson- deren Gesetzes veranlaßte. Sie hat den weißen Reiher, den schönsten Watvogel Amerikas, vor Vernichtung bewahrt, und sie hat den Schutz auch der anderen Vogelarten, wie wir noch sehen werden, in erfolgreichster Weise betrieben. Der Name der Audubon Society konnte nicht schöner und ^treffender gewählt werden. John James Audubon war der bedeutendste Orni- thologe Nordamerikas. Trotz seines französischen Blutes war er, wie schon seine Vornamen zeigen, ganz amerikanisiert. Er wurde am 4. Mai 1780 in der Nähe von New Orleans geboren, ging in sehr jungen Jahren nach Paris, um sich dort unter David in der Malerei auszubilden, und lebte seit 1798 als Farmer an den Ufern des Schuylkill in Pennsylvanien. Zwölf Jahre später ging er nach Kentucky, damals noch eine völlige Wildnis, und durchstreifte hier die Wälder und befuhr die Ströme, um das Leben der Vögel zu erforschen und ihre Arten zu zeichnen. 1826 begab ersieh nach Europa, um hier die Herausgabe eines vier- bändigen Werkes über die Vögel Amerikas zu beginnen, das sich durch außerordentlich sorg- fältige Beobachtungen, durch die lebensvollsten Schilderungen und durch vorzügliche Abbildungen auszeichnete. Drei Jahre später kehrte Audubon wieder nach Amerika zurück. Hier schrieb er noch eine ganze Reihe von Büchern über die amerikanische Vogelwelt. In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete er viel mit einem deutsch- amerikanischen Pfarrer und Naturforscher, John Bachmann, zusammen. Mit ihm gemeinschaftlich schrieb er zwei Werke über die Vierfüßer Amerikas, von denen das eine, wie sein großes Vogelwerk, mehrfache Auflagen erlebte. Audubon starb am 27. Januar 185 1 in New "\'ork. Über die gegenwärtige Wirksamkeit der Audubon Society gibt ein Aufsatz von Mr. T. Gilbert Pearson in der amerikanischen Zeitschrift ,,The Worlds Work" Näheres an, aus dem die wichtigsten Tatsachen im folgenden berichtet seien. Die Audubon Society sucht die Vernichtung; der Sing- vögel und ebenso das massenhafte Abschießen wilder Vögel zu verhindern. Wo Gesetze für den Vogelschutz noch fehlen, sucht sie sie vorzubereiten und durchzusetzen. Wo sie dagegen schon geschaffen sind, bemüht sie sich — was in den Vereinigten Staaten noch wichtiger ist wie in manchem anderen Lande — zu veranlassen, daß sie auch wirklich durchgeführt werden. Ferner strebt sie dahin, daß in jedem einzelnen Staate der amerikanischen Union ein Ausschuß für Wild- schutz eingesetzt werde und daß dieser Ausschuß möglichst ein sog. unpolitischer sei, d. h. daß er nicht ausschließlich mit den Anhängern und Günstlingen der gegenwärtig gerade am Ruder befindlichen Partei besetzt werde. Ihre wichtigste Aufgabe sieht die Audubon Society in der Erziehung des Publikums und in der Einwirkung auf die öffentliche Meinung. Schon die Schulkinder sollen lernen, daß der Mensch den Vögeln Schutz gewähren soll. Der Junge soll dahin gebracht werden, ein- zusehen, daß der Vogel für uns auch dann Inter- esse haben kann, wenn wir ihm sein Nest nicht fortnehmen. Und das Mädchen soll erkennen lernen, daß ein lebender Vogel schöner ist, als sein Flügelpaar, wenn es zum Schmucke eines Damenhutes verwendet ist. Da die Amerikaner ihre Kinder fast wie erwachsene Leute behandeln, hat die Audubon Society Hunderte von „Junior Secretaries" (was erheblich respektvoller klingt, als wenn man es einfach mit „Kindersekretäre" übersetzt) ernannt, die unter ihren Kameraden, also unter der Schuljugend, die Vogelschutz- bestrebungen fördern. Auch auf die Schulbehörden und die Lehrer und Lehrerinnen wirkt die Audubon Society ein, und ihre Broschüren werden Jahr für Jahr in Zehntausenden von Exemplaren verteilt und verkauft. Sie sind mit farbigen Abbildungen versehen, die die Amerikaner ja prächtig herzu- stellen wissen. Außerdem veröffentlicht die Audubon Society eine Zeitschrift „Bird Lore", die von Mr. Frank M. Chapman von dem amerikani- schen Museum für Naturgeschichte herausgegeben wird. In den landwirtschaftlichen Unterrichts- anstalten treibt die Audubon Society eine aus- N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 51 gedehnte Propaganda. Die Jägerklubs werden von ihr beeinflußt und aufgeklärt. Ihre Vortragen- den durchziehen das Land, um Lehrerversamm- lungen, P'armerkongresse usw. zu besuchen und dort die Wichtigkeit des Vogelschutzes darzutun. Die Presse wird beständig mit Nachrichten ver- sehen. Natürlich wird auch von der Kunst der Interviews ein reichlicher Gebrauch gemacht; insbesondere hochstehende Beamte und offizielle Persönlichkeiten müssen daran glauben. Wenn ein Vogelschutzgesetz in Vorbereitung ist, so stehen ein oder mehrere Vertreter der Gesell- schaft stets zur Verfügung, um das Gesetz zu vertreten. Häufig hat sich schon der Fall er- eignet, daß die gesetzgebenden Körperschaften die betreffenden Vertreter ersucht haben, ihnen einen größeren Vortrag über Vogelschutz zu halten. Übrigens hat sich die Audubon Society ge- sagt, daß es unmöglich sein würde, die Vogel- Schutzbestrebungen in Nordamerika erfolgreich durchzuführen, wenn die Vögel zwar in be- stimmten Staaten der Union geschützt sind, in anderen aber nicht. Das würde nur bedeuten, daß die Schutzmaßnahmen des einen Staates den Vogeljägern des anderen zugute kommen. Keine Tierklasse wandert ja so gern und regelmäßig und über so große Gebiete wie gerade die Vögel. Die Audubon Society hat daher den brennen- den Wunsch, daß ein einheitliches Vogel- schutzgesetz für die ganzen Vereinigten Staaten geschaffen werde, das den Vögeln, die als Jagd- wild betrachtet werden, in allen Jahreszeiten und in allen Staaten der Union Schutz verleiht. Über 200 Arten solcher Vögel sind gegenwärtig noch in jedem Staate der Union zu finden, und sie machen mehr als vier Fünftel aller nordameri- kanischen Vögel aus. Aber die Verfassung der Vereinigten Staaten wird allgemein so ausgelegt, daß nur diejenigen Dinge, die ausdrücklich darin genannt sind, der amerikanischen Bundesregierung zustehen, während alle anderen zur Machtvoll- kommenheit der Kinzelstaaten gehören. Da die Begründer der nordamerikanischen Union nicht daran gedacht haben, daß das Wild eines beson- deren Schutzes bedürfen könnte, und auch nicht daran zu denken brauchten — denn zu ihrer Zeit war es außerordentlich zahlreich und sie gingen nicht so verschwenderisch damit um, wie dies später ihre Nachkommen taten — , so ist in der amerikanischen Verfassung nicht von Wildschutz die Rede. Die strenge Auslegung der Verfassung macht es daher unmöglich, daß von der Bundes- regierung ein entsprechendes Gesetz geschaffen wird. So hat die Audubon Society denn die riesige Arbeit in Angriff nehmen müssen, die Gesetzgebungsmaschinen aller Einzelstaaten in Be- wegung zu setzen, soweit sie sich in Bewegung setzen ließen ! In nicht weniger als 37 unter den 46 Staaten der Union hat sie das erwähnte Vogel- schutzgesetz durchgesetzt, das allgemein unter dem Namen ,, Audubon Law" bekannt ist. Auch die Mehr- zahl der 9 Provinzen Kanadas haben es angenommen. Am erfolgreichsten ist das Vorgehen der Audubon Society im Staate Nordkarolina ge- wesen. Dort haben die gesetzgebenden Körper- schaften im März 1903 beschlossen, den Zweig- verein der Audubon Society mit allen Rechten eines Regierungsamtes für Wildschutz auszustatten. Und da dieser Zweigverein sich ebenso wie die Hauptgesellschaft von rein politischen Einflüssen freihält, so ist seine Wirksamkeit besonders er- folgreich gewesen. Von allen Seiten wird ihr große Achtung entgegengebracht. Im Jahre 1907 brachten im Staate Nordkarolina die Angestellten der Audubon Society 245 Fälle der Verletzung der Wildschutzgesetze vor Gericht, und durch diese strenge Verfolgung sind natürlich viele an- dere Versuche, sie zu verletzen, im Keime er- stickt worden. Das Wildschutzgesetz, das in Nordkarolina am meisten verletzt wird, ist das Verbot der Verschickung von Wachteln. Die amerikanische Wachtel , Quail genannt (Ortyx virginianus), ist als Delikatesse gerade in den Nord- staaten besonders geschätzt ; sie ist kleiner als das europäische Rebhuhn, aber größer als unsere Wachtel und besitzt ein vorzügliches Fleisch. Um die Versendung von Wachteln nach Norden zu verhindern, ist in der Jagdzeit einer der Inspek- toren der Audubon Society beständig auf den Beinen, und er fängt namentlich in Greensboro immer wieder solche Sendungen ab. Die wich- tigste Hilfe leistet ihm dabei sein Hund, der mit untrüglicher Sicherheit festzustellen vermag, ob in dem Inhalt eines großen Koffers oder eines Hutkoffers, eines Korbes oder eines Whiskeyfasses Wachteln versteckt sind. In all diesen und anderen Behältern werden sie mit Vorliebe ge- schmuggelt. Die Tätigkeit der Audubon Society nach dieser Richtung hin wird nicht nur von all den Tausen- den gern unterstützt, denen die Erhaltung der Singvögel am Herzen liegt, sondern auch von den Besitzern und Pächtern vieler großer Jagdgebiete. Dem Staate Nordkarolina folgte im P'ebruar 1907 der Nachbarstaat Südkarolina, indem er den dortigen Zweigverein der Audubon Society mit den Pflichten und Rechten eines Fischerei- und Wildschutz-Ausschusses bekleidete. Verlassene Reisfelder dieses Staates werden nun in große Entenbrutstätten umgewandelt. Besonderen Schutzes bedarf das Rotkehlchen. In den Südstaaten gilt es allgemein als jagdbarer Vogel. Wenn das Rotkehlchen im Winter nach Süden wandert, findet man in den Städten der nordamerikanischen Südstaaten große Reihen von toten Rotkehlchen zum Verkauf ausgestellt. Ins- besondere des Nachts werden sie abgeschossen oder anders getötet. Sie pflegen auf den Asten einer Zeder oder Fichte zu schlafen. Dort sitzen die Rotkehlchen so dicht auf den Zweigen, daß das Abschießen einer einzigen Schrotladung zu- weilen 20 — 30 tote Vögelchen herunterbringt. Die dortigen Neger und ebenso die bösen Buben von weißer Hautfarbe brauchen indessen nicht 52 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 einmal ein Gewehr, um die Vögel zu töten, da sie eine noch einfachere Jagdart befolgen. Sie gehen nachts zu zweien in die Wälder. Einer von ihnen trägt ein Licht und klettert auf einen Baum, während der andere auf die Zweige der umstehenden Bäume mit einer Stange losschlägt. Die erschreckten Vögel fliegen dann dem Lichte zu, und der Neger oder der weiße Junge, der das Licht trägt, ergreift die Vögel, die ängstlich um das Licht flattern, drückt ihnen den Kopf ein und wirft sie zu Boden. Zuweilen soll man in den Südstaaten nachts bis zu 20 solcher Lichter auf kleinem Räume nebeneinander sehen können. Die Zahl der Rotkehlchen, die dann ihr Leben lassen müssen, geht in die Tausende. Durch die Be- mühungen der Audubon Society sind nun in den verschiedenen Staaten Schutzgesetze für das Rot- kehlchen angenommen worden. In Nordkarolina hat man nur ihre Tötung zwischen Sonnenunter- gang und Sonnenaufgang verboten, in Südkarolina, in Alabama und Texas z. B. ist es dagegen über- haupt strafbar, ein Rotkehlchen zu töten. Die ärgsten Feinde der Vogelwelt sind aber vielleicht nicht die Leidenschaften der Lecker- mäuler, die sich an dem zarten Fleisch von Sing- vögeln gütlich tun wollen, sondern die Mode- torheiten, die das weibliche Geschlecht von Zeit zu Zeit befallen. Vor einigen Jahren wurde es bei den Damen wieder einmal modern, auf den Hüten statt der sonst so beliebten hängen- den Gärten einen riesigen Aufbau von Federn von Meerschwalben, Möwen oder anderen See- vögeln zu führen. Die Folge war — da für die Mode nichts zu teuer ist — daß überall auf den kleinen Inseln an der Ostküste Nordamerikas die Federjäger abschössen, was sie von Seevögeln nur erreichen konnten, natürlich ohne Rücksicht auf die Erhaltung der betreffenden Vogelarten. Man rüstete Schiffe aus, die Vorräte für mehrere Monate an Bord führten, und betrieb das Ab- tötungsgeschäft als Großbetrieb. Um die in den Nestern liegenden Eier und kleinen Vögel kümmerte man sich nicht. Diese unmenschlichen Vogel- jagden haben damals die Atlantische Küste der Vereinigten Staaten und ihre Golfküste einer un- geheuren Zahl von Seevögeln beraubt. Allein in den beiden Staaten Nordkarolina und .Südkarolina wurden damals im Laufe von 8 Jahren eine halbe Million Flügelpaare an die Modegeschäfte verkauft. Und auf Cobbs Island im Staate Virginia wurden in einem einzigen Jahre loooo Vögel abgeschossen. Die Audubon Society hat auch diesem Unfug einen Riegel vorgeschoben. Sie hat für die Verbesse- rung der Gesetzgebung gesorgt, und sie besoldet eine Anzahl von Wärtern, die eine große Zahl von Brutstätten der Seevögel an der ganzen öst- lichen und südlichen Küste, also auf der riesigen Strecke zwischen dem Staate Maine und dem Rio Grande, regelmäßig überwachen. Ebenso wird die ganze Küste des Stillen Meeres, soweit sie den Vereinigten Staaten gehört, überwacht. Infolgedessen nimmt die Zahl der Seevögel wieder stark zu, und man hoft't, daß sie die Zahl wieder erreichen, die sie vor 20 Jahren aufwiesen. Ins- besondere ist die Zunahme der Möwen bemerkens- wert, wie man in den Seestädten beobachten kann. Die Seevögel sind auch nicht mehr so scheu wie in den Jahren, in denen sie so erbarmungslos ab- geschossen wurden. Präsident Roosevelt, der große Naturfreund, hat seinerseits dazu beigetragen, den Vogelschutz zu pflegen. Er hat durch eine Exekutivorder eine Anzahl kleiner Inseln an den Küsten und im Inneren dazu bestimmt, den Vögeln als Brutstätten und Ruheplätze zu dienen. Sie dürfen daher von Menschen ohne besondere Erlaubnis nicht betreten werden. Nur die Beamten der Audubon Society haben dort Zutritt, um die Vermehrung der Vögel zu beobachten und ihnen Schutz gegen die Unbilden der Witterung zu ver.schaffen. Die bedeutendsten dieser Vogelbrut- stätten liegen in den Staaten Louisiana und Florida (je vier), ferner zwei in Michigan, eine in Norddakota, eine in Oregon, eine in Nebraska (wo man überhaupt dem Vogelschutz große Auf- merksamkeit zuwendet) und endlich drei an der Küste des nordwestlichsten Staates, Washington. Aber auch in den anderen Staaten finden sich manche Vogelbrutstätten, die von der Audubon Society überwacht werden. Man hofft, daß infolge dieser Maßnahmen auch solche Abarten, deren Zahl bereits arg zusammen- geschmolzen war, sich wieder vermeliren werden. So waren z. B. einige .Abarten der Meerschwalbe bereits soweit abgeschossen, daß nur noch weniger als looo Vögel davon am Leben waren. Jetzt hat sich ihre Zahl bereits wieder gehoben. Die Tätigkeit der Audubon Society ist somit von unschätzbarem Werte für die ganzen Vereinigten Staaten. Ein Land ohne Vögel entbehrt eines der schönsten Reize, mit denen die Natur uns umgibt. Der Wälder haben sich die Vereinigten Staaten bereits zum größten Teile beraubt. Ließen sie nun auch noch die .Singvögel aussterben, so würden die Nachkommen des heutigen Geschlechtes es diesem niemals ver- geben können, daß es mit dem von der Natur verschwenderisch gespendeten Reichtum so un- bedacht umging. Die Audubon Society hat der öffentlichen Meinung Amerikas diese schlimmen Folgen klar vor Augen geführt, und sie hat dafür gesorgt, daß man der Gefahr mit tatkräftigen Maßnahmen begegnete. Ihr gebührt hoher Dank, und ihrer Tätigkeit ist auch für die Zukunft der allerbeste F>folg zu wünschen. N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 Sammelreferate und Übersichten tische m en" recht über die Fortschritte in Neues aus der Bakteriologie. — Seit der Erfindung des Ultramikroskopes ist auch hier und da die Behauptung von der Exi- stenz bestimmter Ultramikroorganismen aufge- taucht. So hatten namentlich E. Raehlmann (Münch. medizin. Wochenschr. 51. Jg., 1904, und Berliner klin. Wochenschr. 41. Jg., 1905) sowie N. Gaiduko w (Centralbl. f Bakteriol, IL Abtlg., Bd. 16, 1906, und Verhandl. Deutsch. Zool. Gesellsch., 1906) solche ultramikroskopische Wesen als leicht zu beobachtende, überaus häufige Erscheinung be- schrieben; ja der letztgenannte spricht sogar von solchen, die er teils außer-, teils innerhalb(!) von Algen-, Pilz- u. a. Zellen gesehen haben wollte. Nun veröfi"entlicht H. IMol isch in Botan. Zeitg. 66. Jg, 1908, I. Abtlg., S. 131, eine kri- Studie „Über Ultramikroorgan is - nach welcher das Vorkommen solcher doch zweifelhaft erscheint. Mo lisch hat mit der gleichen optischen .Ausrüstung und an dem gleichen Material wie jene, in Faulflüssigkeiten, in algenhaltigem Teich- und Grabenwasser usw., nach Ultramikroben gesucht, aber durchweg mit nega- tivem Resultat, und das vier Monate lang fast täglich ! Was an nachweislichen Mikroorganismen in der Dunkelfeldbeleuchtung erschien, konnte bei genauem Zusehen mit stärksten Objektiven (Zeiß hom. Imm. 2 mm, Oc. 18) auch im durchfallenden Licht wahrgenommen werden. In siebzehnjähriger Praxis als Bakteriologe hat M. (wie sehr viele Andere mit ihm) niemals auf irgendwelcher Kultur- platte eine Kolonie gefunden, die nicht aus mikroskopisch definierbaren Organismen bestanden hätte. Ultramikroskopische Krankheits- erreger hatte man vermutet für die Lungen- seuche der Rinder, für die Maul- und Klauen- seuche, für die „Mosaikkrankheit" des Tabaks, für die „infektiöse Chlorose" der Malvaceen. Die Erreger der erstgenannten Krankheit stehen eben noch diesseits der Grenze gewöhnlicher mikro- skopischer Sichtbarkeit, für die Maul- und Klauen- seuche ist ein organischer Erreger nicht nach- gewiesen, und daß ein solcher nicht mit Not- wendigkeit durch indirekten Beweis gefolgert werden kann, das lehren die beiden erwähnten Pflanzenphänomene (vgl. über die Mosaikkrankheit F. W. Hunger, Ber. Deutsch. Botan. Gesellsch. 23. Bd., 1905, über die infektiöse Chlorose E. Baur, Sitzber. d. k. preuß. Akad. d. Wissensch. Bot. Gesellsch. 22. Bd., 1904, von welchen beiden wohl mit daß sie, trotz ihres infektiösen durch Organismen , sondern durch Stoffwechselprodukte hervorgerufen werden, die autokatalytisch die Krankheit übertragen. Durch die durchweg negativen Befunde von M o 1 i s c h verliert auch die X ä g e 1 i 'sehe Hypothese^) von den Probien, primitiven Organismen von 1906, Ber. Deutsch, und 24. Bd., 1906), Sicherheit feststeht, Charakters nicht den einzelnen Disziplinen. kleinsten Dimensionen, die noch in der Gegen- wart jederzeit durch Urzeugung sollten entstehen können, sehr an Glaubhaftigkeit — da die mole- kulare Größe gewisser Eiweißkörper schon inner- halb der ultramikroskopischen Sichtbarkeit liegt, so ist die Existenz weit verbreiteter Organismen, die im Ultramikroskop nicht sichtbar sein sollten, recht unwahrscheinlich geworden. Über Fortbewegungsgeschwindigkeit und Bewegungskurven einiger Bakterien veröffentlicht R. Stigell im Centralbl. f. Bakteriol., I. Abt., 45, einige interessante Berechnungen und Skizzen. Die bei 1500-facher Vergrößerung beobachteten Höchstmaße der Geschwindigkeit, auf /t in i Sek. bezogen, waren für: Bac. subtiüs 5,55 Bac. typhi 2,50 „ proteus 2,90 „ megatherium 2,08 „ butyricus 4,47 Vibrio cholerae 4,38 mesentericus 4,08 „ proteus 3,34 „ pyocyaneus 2,70 „ aquatilis 6,66 Diese Höchstmaße dürften charakteristischer sein als die von St. aus je 10 Messungen berech- neten Durchschnittswerte; die lo Parallelbestim- mungen zeigen sehr starke Differenzen, augen- scheinlich beruhen sie z. T. auf Beobachtungen an Individuen, deren Beweglichkeit schon im Ab- nehmen begriffen war. Recht eigenartig sind die Skizzen von Be- wegungskurven; während die einen sich annähernd geradlinig oder in schwacher Schlängelung fort- bewegen, beschreiben andere ziemlich enge Win- dungen, die bei Bac. pyocyaneus etwa an orien- talische Schriftzeichen erinnern. Die Nitrifikation ist eine der interessantesten Erscheinungen in der ganzen belebten Natur, als die absonderliche Lebensäußerung von Organismen, die nicht Kohlenstoffverbindungen veratmen, son- dern an deren Stelle Ammoniakverbindungen zu Nitriten und Nitraten oxydieren. Nach Wino- gradsky's grundlegenden Arbeiten wissen wir, daß es zweierlei Gruppen von Organismen sind, deren die einen (Nitrosobakterien) aus Ammoniaksalzen Nitrite, die anderen (Nitrobakterien i. e. S.) aus Nitriten Nitrate bilden, stets unter Verbrauch von atmosphärischem Sauerstoff. Während nun die Oxydation der salpetrigen Säure zu Salpetersäure ein exothermischer Vorgang ist, würde die Oxy- dation von Stickstoff zu salpetriger Säure einen Energieverbrauch bedingen; da aber einerseits auch der Wasserstoff des Ammoniaks zu Wasser verbrannt wird, andererseits die Nitritation nur in Gegenwart freier Basen oder kohlensaurer Salze stattfindet, welch letztere die entstehende freie Säure binden, so ist ein Energiegewinn der Er- folg auch dieses Vorganges. Der chemische Prozeß, der bei der Nitritbildung aus schwefel- ') C. V. Nägeli, Mechanisch physiologische Theorie der .Abstammungslehre. München-Leipzig 1884. 54 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 saurem Ammoniak in kalkhaltigem Boden sich abspielt, findet also etwa in folgender F'ormel seinen Ausdruck: (NHJ„SO, + 2CaC03 + 3O, - Ca(NO,)., + Ca SO^ -f 2 CO., + 4 H.,0. Bezüglich der Art, wie die betreffenden Vor- gänge sich im normalen Boden abspielen, ist noch vieles dunkel; erst in neuester Zeit ist es ge- lungen, einige schwerwiegende Irrtümer zu be- richtigen, welche sich an die sonst so überaus wichtigen Arbeiten von Winogradsky an- knüpften. Seine Untersuchungen waren nämlich durchweg in Lösungen angestellt, und es hat sich hier, wie anderwärts, wieder gezeigt, daß es grundfalsch sein kann, Ergebnisse dieser Her- kunft auf die Vorgänge im Erdboden zu über- tragen. Nach Winogradsky sollten die Nitroso- und Nitrobakterien äußerst empfindlich sein gegen lösliche organische Substanzen, sie sollten durch mehr als 0,2 % Ammonsulfat bereits in ihrer Tätigkeit gehemmt werden, auch sollte Nitrit- und Nitratbildung niemals gleichzeitig nebeneinander erfolgen können, vielmehr die Nitratbakterien selbst durch Spuren von Ammoniaksalz gehindert werden, ihre Tätigkeit zu entfalten, die erst be- ginnen könnte, nachdem alles Ammoniak in Nitrit umgewandelt wäre. Wenn nun auch an der Richtigkeit jener Beobachtungen an sich nicht zu zweifeln ist, so liegen denn doch im natürlichen Boden ') die Dinge wesentlich anders, und müssen obige Sätze als durchaus ungültig bezeichnet werden. Daß dem so ist, dafür bringt eine Arbeit von L. C. Coleman, Untersuchungen über Nitrifikation (in Centralbl. f. Bakteriol., II. Abt., 20, S. 401 ff., 1908), eine Reihe von Beweisen, durch zahlreiche analytische Belege unterstützt. Die auffallendsten und auch am besten durch- geführten Resultate erhielt C. bei Verwendung von Dextrose, die bis zu 0,5 "j^ des Bodenge- wichtes nicht nur ertragen wurde, sondern sogar eine deutliche und regelmäßige Beschleunigung der Nitrifikation bewirkte; auch war die Nitrifikation keineswegs dadurch verhindert, daß an Ammonsulfat i "i„ des Bodengewichtes gegeben wurde, was, auf die beigefügte Wassermenge be- rechnet, eine 7,5-prozentige Lösung ergab — also das 37V2-fache der von Winogradsky ange- gebenen Höchstkonzentration. Eine später, nach der dritten Woche, eintretende scheinbare Hemmung ist auf Rechnung einer Denitrifikation zu setzen, welche durch die Anwesenheit organi- scher Substanz im Boden naturgemäß begünstigt wurde. Rohrzucker, Milchzucker, Glyzerin wirkten kaum merklich, ebenso buttersaurer Kalk, während ') Hierin verhalten sich nun verschiedenartige Böden durchaus verschieden : ganz leichter Sand ändert wenig an den für wäflrige Lösungen gültigen Thesen Winogradsky's; je reicher ein Boden aber an absorptionsfähiger Sub- stanz, an Humus- und Tonpartikelchen ist, um so weiter entfernen sich die tatsächlichen Vorgänge von jenen Sätzen. essigsaurer Kalk hemmend wirkte; sehr stark war letzteres der Fall mit Pepton und Harnstoft'. Das Feuchtigkeitsoptimum für die Nitrifikation liegt um i6°/|, herum; stärkere Befeuchtung hemmt mehr als größere Trockenheit, weil sie den unbedingt notwendigen Luftzutritt erschwert. In zu feuchtem Boden wirkt auch Dextrose nicht fördernd, sondern hemmend auf die Nitrifikation. Das Optimum der Temperatur liegt nach früheren Untersuchungen, die Verfasser bestätigt fand, bei etwa 26" C. Sehr auffallend erscheint das weitere Schicksal der beigefügten Dextrose, die in reinem sterilen Sand, in Mengen von 0,02 bis 0,05 "/oi i" Rein- kulturen ebenfalls vielleicht eine Beschleunigung bewirken kann; dabei verschwindet aber die Dextrose allmählich, und wenn die Kulturen des Verfassers wirklich rein waren (für den Nitrit- bildner gibt er selbst Unreinheit zu), dann würden wir das überraschende Ergebnis vor uns sehen, daß — wieder entgegen Winogradsky — die Nitrobakterien nicht so ausgesprochen prototroph wären, wie man lange angenommen hat. Zur Assimilation von Kohlensäure sind Nitrit- wie Nitratbildner befähigt, auch ist die Dextrose nicht imstande, fehlende Kohlensäure zu ersetzen, auch eine Reizwirkung kommt kaum in Frage, die Rolle des Zuckers ist also noch recht fraglich und der Aufklärung bedürftig. Über Anaerobiose liegt eine neue Arbeit vor: Ein experimenteller Beitrag zur Kenntnis der Bedeutung des Sauerstoff- entzuges für die Entwicklung obligat anaerober Bakterien, von R. Burri und J. Kürsteiner, in Centralbl. f Bakteriol. usw., II. Abtlg., 21, 1908, S. 289. An Kulturen von Bacillus putrificus, eines obligat anaeroben Spalt- pilzes, wurde die neue und auffallende Tatsache beobachtet, daß nach der von Kürst einer (vgl. Naturw. Wochenschr., Bd. 8, S. 406 u. S. 551) früher beschriebenen Methode streng anaerob ver- schlossene Bouillonröhrchen auch dann lebhaftes Wachstum zeigten, wenn nach relativ kurzer Zeit der Verschluß geöfthet und die Zuchten bei vollem (d. h. nur durch den gewöhnlichen Watte- pfropfbehindertem) Lu ft zu t ritt gehalten wurden. Das gelang ganz besonders auch bei solchen Röhrchen, die bisher noch keine Spur von Trübung hatten erkennen lassen, aber trotzdem unter genannten Bedingungen nach kurzer Zeit, infolge lebhafter Bakterienvermehrung, sich stark trübten. Ja. die Trübung war ganz regelmäßig in den geöffneten Röhrchen stärker, als in den verschlossen gebliebenen, vielleicht infolge einer Reizwirkung des eindringenden Sauerstoffes. Die Grenze der Entwicklungsmöglichkeit lag ziemlich genau bei 13 — 14 Stunden anaeroben Aufent- haltes im Thermostaten bei 37". Zuweilen ent- wickelten sich aber im Luftzutritt auch Kulturen, die nach kürzerer Zeit, bis herab zu 6 Stunden, geöffnet wurden, andererseits blieben ältere manch- mal im Wachstum zurück, zeigten erst nach N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 5S mehreren Tagen langsame Zunahme der Trübung, welche nun entweder doch noch normale Inten- sität erreichte, oder aber wieder unter anaeroben Verschluß gebracht werden mußte, um sich nor- mal zu entwickeln ; das Kxtrem stellten solche Zuchten dar, deren bereits sehr merkliche Trübung nach Entfernen des Verschlusses keine Spur von Zunahme mehr zeigte, und erst nach Neumon- tierung des Burri 'sehen Verschlusses normal weiterwuchsen. Die Erklärung des Hauptergebnisses ist im folgen- den zu suchen: Die bereits entwickelte Anaeroben- kultur ist imstande, zutretenden Sauerstoff un- schädlich zu machen; doch ist ausgeschlossen, daß letzterer etwa veratme t würde; Anaerobier können eben nicht normal atmen. Vielmehr müssen es reduzierende Substanzen sein (Anaerobier entbinden z. B. fast durchgehends freien Wasserstoff), welche den Sauerstoff so weit absorbieren, daß er an die Spaltspitze nicht mehr herantreten kann, außer in minimaler Menge, in welcher er nun vielleicht sogar als Reizstoff wirkt (vgl. o.). Die sog. anaeroben Züchtungs- verfahren würden nur der Bestimmung dienen, den allerersten Generationen das im Sauerstoft liegende Entwicklungshemmnis zu beseitigen. Dann geht eine normal kräftige Kultur auch bei Luftzutritt ihren Weg, selbst wenn (vgl. o.) im Beginn des Luftzutrittes die Bakterienvermehrung noch zu keiner sichtbaren Trübung fortgeschritten war. Die oben kurz skizzierten Ausnahmefälle schwächeren Wachstums, bzw. geringerer Wider- standsfähigkeit gegen molekularen Sauerstoft deuten einerseits auf eine gewisse Variabilität der Bakterien auch in dieser Hinsicht, andererseits aut einen Existenzkampf, der nicht von allen Zuchten glücklich bestanden wird. Die Untersuchungen erstreckten sich nur auf die eine, obengenannte Art; ob das Ergebnis — was an sich nicht un- wahrscheinlich ist — zu verallgemeinern sein wird, mag die Zukunft lehren. Übrigens hat schon vor 2 Jahren Hans Pringsheim (Über ein Stickstoff assimi- lierendes Clostridium, in Centralbl. f. Bak- teriol., II. Abtlg.. 16, 1906, S. 795) ein dem Clostridium butyricum Prazmowski und dem Cl. Pasteurianum Winogradsky naheverwandtes Butter- säurebakterium beschrieben , das „im offenen Kolben Zuckerlösung vergärt", unter gleichzeitiger Bindung von Luftstickstoft", wenn eine geringe, unzureichende Menge Stickstoff als Ammonsulfat gegeben wird. Es dürfte sich auch hier um eine von Haus aus anaerobische Form handeln, welche leichter als andere in hoher Schicht zu kultivieren ist. Man kann sich den Vorgang wohl so vor- stellen, daß die Bakterienvermehrung zuerst in der -j- sauerstofffreien Bodenschicht einsetzt, und daß die hier alsbald erzeugten reduzierenden Stoffe die weitere Entwicklung durch die ganze Flüssigkeitssäule ermöglichen. Über einen extrem verkürzten Ent- wicklungsgang bei zwei Bakterien- spezies ist eine Arbeit von L. Garbowskiim Biolog. Centralbl. 27, 1907, S. 717 betitelt. Der Verfasser beobachtete an frisch isoliertem Bacillus tumescens Zopf eine überaus rasche Auskeimung der soeben aus den Mutterzellen freigewordenen Sporen, andererseits eine sehr rasche Sporen- bildung in den soeben der Spore entkeimten Stäbchen, die sich gar nicht erst teilten, sondern sofort zur .Sporu lation schritten, wobei bisweilen die neue Spore das Keimstäbchen vollständig ausfüllt. (Bei Bac. asterosporus A. Meyer wurde Sporenbildung im Keimstäbchen ebenfalls beobachtet.) Die Sporen werden unter solchen Bedingungen immer kleiner, von durch- schnittlich 2,2 /< ging ihre Länge in drei Monaten bis auf 1,4 bis 1,6 // zurück. Die Erscheinung kam nur auf einem mit i "/„ Dextrose versetzten Nähragar zum Vorschein, auf einer Mischung von i Teil dieses Agars mit 2 Teilen wäßriger Agarlösung trat sie sehr vereinzelt auf, und behielten die Sporen auch ihre Größe bei. Andere Nährböden ergaben ebenfalls teils sehr zahlreiche, teils sehr spärliche Beispiele dieser Abkürzung des Ent- wicklungsganges. Ein halbes Jahr später, nach weiterer Kultur des Stammes, hatte sich die Sporengröße auf 1,6 /( verringert, jedoch trat die oben beschriebene Erscheinung bei weitem weniger charakteristisch zutage. Über Entwicklungszyklen bei Bakterien schreibt F". Fuhrmann in den Beiheften zum Botan. Centralbl., Bd. 23, 1. Abt., 1907. Eine von ihm aus Flaschenbier isolierte Art, Pseudo- monas cerevisiae, ein durch ein endständiges Geißelbüschel lebhaft bewegliches Stäbchen, war im wesentlichen der Gegenstand seiner Unter- suchungen. Interessant und nachahmenswert ist die Methode, deren er sich bediente, um einzelne Zellen in ihrer Entwicklung einige Zeit zu ver- folgen : er fing die Zellen in den Maschen von dünn geschnittenen Scheiben (die selbstredend sterilisiert wurden) von Sambucus- oder Helian- thus-Mark, die dann in die feuchte Kammer und mit dieser unters Mikroskop gebracht wurden. Hier spielten sich die zu beschreibenden Er- scheinungen sogar sehr rasch ab , beschleunigt wohl durch beginnenden Sauerstoft'mangel. Das lebhafte Schwärmen der Stäbchen ver- langsamt sich vor jeder Zweiteilung, allmählich wird aber überhaupt die Bewegung träger und hört zuletzt ganz auf, während zugleich die Zellen sich niclit mehr trennen, sondern zu P'äden ver- einigt bleiben; die kürzeren Fäden führen noch schlängelnde Bewegungen aus, die längeren sind unbeweglich und zeigen kaum noch eine Gliede- rung in Zellen. Innerhalb der Zellen treten unter- dessen winzige, stark lichtbrechende Körnchen auf, welche mehr und mehr zu größeren verschmelzen, die Konturen 'der" Fäden beginnen zu verschwin- den, und zuletzt findet man nur einen ,, Detritus", aus jenen Körnchen bestehend, die, mit alter Methylenblaulösung tingiert, die charakteristische „metachromatische", d, h. rote Färbung annehmen. 56 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vni. Nr. 4 und den jene Bei erhöhter Temperatur findet diese Entwicklung unter einer geringen Vergrößerung der Zellen statt, die sich z. T. kolbig aufgetrieben zeigen; das ist noch mehr der Fall in Lösungen mit I — 2 Ammoniumchlorid als Stickstoftquelle 0,5% Saccharose als Kohlenstoffquelle;') in kolbigen Anschwellungen sind hauptsächlich Körnchen enthalten. Dieselben sind nun sicherlich keine Sporen, trotzdem aber noch lebensfähige Dauer- zustände, die zu neuen Kulturen aus- keimen können — ein höchst auffallender, wohl aber nicht für alle analogen Bildungen all- gemeingültiger Befund. (Ref. wenigstens hat sehr oft vergeblich versucht, solche Bakterienkolonien weiterzuzüchten, die, auf Agarplatten aufgegangen, der Weiterzüchtung wert schienen, sich aber unter dem Mikroskop nur noch als aus Körnchen bestehend erwiesen; obwohl die Platten oft nur 8 — 14 Tage alt waren, ist in keinem Fall die Aussaat von Erfolg gewesen — verschiedene Arten verhalten sich also wohl verschieden.) Werden kolbige Zellen mit Körncheninhalt in frisches Nährsubstrat gebracht, so treten die Körn- chen zu kurzen Ketten geordnet heraus, ein jedes wächst zu einem Stäbchen heran, und nun erst trennen sich die Zellen, um jetzt selbstbeweglich davon zu schwärmen. Zwischenstufen, die erst auf dem Wege zum Kolbenstadium waren, gehen dagegen den beschriebenen Gang zu- rück, in gleicher, nur umgekehrter Reihenfolge: die Körnchen verteilen sich zu immer winziger werdenden Pünktchen, dadurch wird der Zellen- inhalt immer homogener, und die Fäden teilen sich in schwärmende Kurzstäbchen. (Diese Er- scheinung ist eine interessante Illustration zu der Behauptung mancher Vitalisten , es bestehe zwischen Lebensvorgängen und solchen in unbe- lebter Substanz ein fundamentaler Unterschied darin, daß die ersteren nur in einer Richtung verlaufen könnten, die letzteren aber reversibel wären. Hier haben wir wieder einmal ein Beispiel für Umkehrung eines unleugbaren Lebens- vorganges; ebenso gibt es zur Genüge Vorgänge in der unbelebten Weh, die nicht umkehrbar sind: Gewitter, Wasserfälle und vieles andere.) Bringt man die Dauerzustände in konzentrier- tere, 5 — lo-prozentige Chlorammoniumlösung, so findet zwar keine Entwicklung statt, die Aus- keimung erfolgt aber prompt nach Übertragung in eine normale Nährlösung; frischlebende Kulturen aber ertragen die konzentrierte Lösung nicht, son- dern gehen zugrunde. Die beschriebene Körn- chenbildung ist also als eine der Sporulation analoge Bildung von Dauerzuständen, zur Über- windung ungünstiger Außenbedingungen, anzu- ') Als ,,Nähr"lösung enthält dieselbe übrigens viel zu viel Stickstoff. Dem natürlichen Bedürfnis der Bakterien an Kolilenstoff und Stickstoff würde es ungefähr entsprechen, wenn man Kohlenhydrat und Ammoniaksalz im Verhältnis von 20 : I darreichte. Die übergroße Salmiakgabe erklärt wohl hinreichend die Deformation (Anm. d. Ref.). sehen. Die Körnchen sind, gleich den Sporen, austrocknungsfähig, aber bei weitem nicht im gleichen Grade hitzebeständig. Vom Diphtherie- Bazillus ist es lange bekannt, daß er Austrock- nung überdauert, obwohl auch er keine Sporen erzeugt; doch bildet gerade er sehr leicht und intensiv die „metachromatischen" Körnchen aus. Es sind höchst auffallende Gebilde bakterieller Herkunft, die Herm. IVIüller-Thurgau (Cen- trale, f. Bakteriol., IL Abt., 20. Bd., S. 353 ff.) als Bakterienblasen oder Bacteriocysten beschreibt. .Ähnliche, aber meist weit weniger charakteristische Bildungen haben so manchen Autor veranlaßt, wunderliche Theorien aufzustellen, wonach die Spaltpilze gar keine selbständigen Zellen bzw. Organismen, sondern nur Bestandteile, Bruch- stücke bzw. Bausteine höherer Zellen sein sollten, welch letztere aus Bakterien entstehen und wieder in solche zerfallen könnten. Müller-Thurgau steht auf diesem Standpunkte nicht, er beschreibt die Dinge als das , was sie sind, als Gebilde eigener Art, die mit Zellen wohl einige Ähnlich- keiten aufweisen, aber selbst etwas ganz anderes sind. In Obst-, besonders Birnweinen fand Verfasser nach abgelaufener Hauptgärung oft zahlreiche blasenförmige Gebilde, von mikroskopischer Klein- heit bis zu mehreren mm, in Ausnahmefällen selbst von 10 — 20 mm Durchmesser. Den ein- zigen Inhalt der Blasen bildeten Bakterien, niemals wurden Fremdkörper darin gefunden; junge Blasen sind mit Bakterien innerlich ganz erfüllt, ältere nur noch teilweise, die Bakterienmasse bildet dann ungefähr ein Kugelsegment, der übrige, oft weit größere Raum ist mit Flüssigkeit gefüllt. Die Blasen entwickelten sich nur in Birnsäften von einem mittleren Gerbstoffgehalt; ein solcher dürfte für die Entstehung der Blasenhaut von Wichtigkeit sein, ein Mehr an Gerbstoff hemmt die Entwicklung derselben. Die Haut ist an normalen Blasen durchaus glatt, von mäßiger F"estigkeit, sie kann durch Wasserverlust schrumpfen, um bei Wasserzutritt wieder ganz das vorige Aussehen anzunehmen. Häufig fanden sich entleerte Häute; die Bakterien hatten , obwohl nicht selbstbeweglich , die schützende Hülle wohl durch einen Spalt verlassen. Die Bakterien sind in den Cysten bald mehr in Form von Kurzstäbchen oder selbst Kokken, bald als Langstäbchen oder als lange Fäden ent- halten , die alle als Entwicklungsstufen einer Art auftreten können, insofern die Fäden zu kokken- artigen Kurzstäbchen zerfallen. Es sind durchweg Milchsäurebakterien, die als neue Arten: Bacterium mannitopoeum, B. gracile, Micrococcus cystipoeus, beschrieben werden. In günstigen Fällen konnten in Obstmosten schon in der vierten Woche mit bloßem Auge sichtbare Bacteriocysten auftreten ; da sie sich erst nach der Hauptgärung entwickelten, und diese 14 Tage beanspruchte, so bleiben also 10 — 14 Tage N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 für die Entwicklung der Blasen. Die Entstehung der Blasen konnte einwandfrei an Reinkulturen verfolgt werden. Es bilden sich zunächst Fäden der in Frage kommenden Bakterien aus, die sich zu kleinen Knäueln verschlingen, deren oft mehrere, zuweilen viele aus einem Faden hervorgehen und so miteinander zusammenhängen, woraus dann auch Gruppen von Blasen entstehen. Die Knäuel nämlich werden durch reichliche Absonderung von Schleim, der die Zellen auch dann noch zu- sammenhält, wenn sie als Zellen sich voneinander getrennt haben, zu Zoogloeen geballt, und diese Zoogloeen sind es, die durch Abscheidung einer leidlich resistenten Haut zu den Bacterio- cysten werden. Die gruppenweise Entstehung führt zur Bildung eines kleinen Nabels, der an den Blasen auch dann noch wahrnehmbar ist, wenn sie sich voneinander losgelöst haben. Wie in der Entstehungsweise, so zeigt sich auch in der Beschaffenheit der Zoogloeen in den Obst- weinen eine große MannigfaUigkeit. Oft finden sich in einem Obstweintrub fast nur einzelne Zoogloeen verschiedener Größe, während in an- deren Fällen die meisten in mehr oder weniger losen Gruppen, von oft bis über loo Stück, zu- sammenhängen. Die größte der beobachteten Zoogloeen besaß einen Durchmesser von 2,6 mm. Die Zoogloeen können sich nun mit einer Membran umgeben, sie tun dies aber nur in gerb- stoffreicheren Medien; so konnten unbehäutete Zoogloeen, die in einem gerbstoffarmen Birnsaft gewachsen waren, durch Übertragung in gerbstoff- reicheres Substrat zur Blasenbildung übergehen. Die Haut zeigt manche Ähnlichkeiten mit einer Zellmembran, aber auch wichtige Unterschiede : sie ist nicht doppelbrechend, unlöslich in Kupfer- oxydammoniak, färbt sich nicht mit Jod -\- Schwefelsäure. Auch Pilzcellulose dürfte nicht in Frage kommen. Die Haut löst sich in gesättigter Kalilauge in i — 2 Tagen vollständig auf, in 25-prozentiger Chromsäure schon in 30 — 60 Min.; in starker Salzsäure unlöslich, färbt sie sich beim Kochen in dieser rötlich, was auf Gerbstoff schließen läßt. Sie dürfte ihrem Wesen nach eine echte Niederschlagsmembran sein, ent- standen infolge der Berührung der kolloidalen Kittmasse der Zoogloeen mit dem Gerbstoff des Nährmediums, wenn sie auch mit den nach Pfeffer's Anweisung aus Leim und Tannin- lösung erzeugten „künstlichen Zellen" nicht in allen Punkten übereinstimmt. Letztere nämlich zeigen unter dem Mikroskop eine Menge Unregel- mäßigkeiten, entstanden durch Risse, welche durch erneute Niederschläge verschlossen wurden ; solche fanden sich nicht in den Häuten der Bacterio- cysten, die vielmehr stets glatt und gleichmäßig erschienen, was auf ein sehr langsames und regel- mäßiges Wachstum schließen läßt. Die ,, künst- lichen Zellen" sind in heißem Wasser leicht lös- lich, die Bakterienblasen aber unlöslich. Zuweilen fanden sich an den Blasen oder an sonst unbe- häuteten Zoogloeen lange Schläuche, manchmal schraubig gewunden, meist von unregelmäßiger Form, von dergleichen Membransubstanz gebildet; solche Schläuche (wohl an Rißstellen der Cyste gebildet) konnten während ihres Wachstums be- obachtet werden, es zeigte sich dann der Schlauch an der Spitze offen, an der Öffnung stets von einem feinen Gerinnsel umgeben, und verlängerte sich rasch, indem am freien Ende stets neue Wandpartien sich ansetzten. Bei starker Ver- größerung erschienen die Schläuche wie aus lauter kleinen Ansatzstücken aufgebaut. (Ganz dieselben Erscheinungen kann man beobachten, wenn man die Entstehung der bekannten Perrocyankupfer- membranen unter Deckglas mit dem Mikroskop verfolgt; Ref.) Die Blasenhaut zeigt übrigens nachweislich Flächenwachstum und scheint auch in die Dicke wachsen zu können; jedenfalls be- ruht das allmähliche Größerwerden der Blasen nicht auf bloßer Dehnung der Membran. Die „biologische Bedeutung" der Bak- terienblasen sieht Verfasser darin, daß sie eine Schutzhaut darstellen. Da sie aber, wie der Ver- fasser ausdrücklich feststellt, nur unter den künst- lichen Bedingungen der Mostgärung überhaupt zustande kommen, in natürlichem Substrat, in faulenden Birnen, aber gar nicht zur Entwicklung gelangen, so dürfte wohl die rein kausale Auffassung die zu treffendere sein. Viel- leicht haben wir gerade hier wieder einmal ein Beispiel dafür, daß recht eigenartige Gebilde ent- stehen können, obwohl sie keine biolo- gische Bedeutung haben. Wichtige Untersuchungen über Bienenkrank- heiten veröffentlicht A. Maassen: Zur Ätio- logie der sog. Faulbrut der Honig- bienen, in Heft i, p. 53 des 6. Bandes der Arbeiten der Kaiserl. Biolog. Anstalt für Land- und Forstwirtschaft. Seit Jahrzehnten haben die Imker zweierlei Seuchen ihrer Pfleglinge beobachtet: die „gut- artige" und die „bösartige P'aulbrut" oder „Brutpest". Die gutartige Faulbrut befällt die unge- deckelten Larven, die nach dem Tode breiartige Beschaftenheit und einen starken Geruch nach Kapronsäure annehmen, übrigens aber rasch ein- trocknen. Die Bienen können die vertrockneten Kadaver fortschaffen, worauf oft die Seuche von selbst zurückgeht. Der bösartigen Faulbrut erliegen die gedeckelten Larven, die eine stark schleimige Konsistenz annehmen, bei schwachem Faulgeruch; die Krankheit ist nur durch energisches Eingreifen zu bekämpfen, meist geht das ganze Volk oder gar der ganze Bienenstand zugrunde. Als Erreger der ersteren Infektion ist der seit 1885 bekannte Bacillus alvei anzusehen, der sehr widerstandsfähige, jahrzehntelang keimkräftige Sporen bildet, in Kulturen aber leicht degeneriert. Sein Hauptsitz ist der Darmkanal der Bienen- larven. Mit dem B. alvei gemeinsam findet sich oft ein Streptokokkus von lanzettförmiger Gestalt, 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 Str.'apis, dem Str. pneumoniae und Str. lactis verwandt, mit einem Temperaturoptimum von 36—39''. In den toten Maden sterben sie rasch ab, wohl infolge selbst erzeugter freier Säure. Die gegenseitigen Beziehungen der beiden Spalt- pilze sind noch nicht völlig aufgeklärt; der Streptokokkus scheint für sich allein zur Infektion untauglich zu sein. Die bösartige Erkrankung, die in fast 90 "/(, der beobachteten Fälle festgestellt wurde . wird durch Bacillus Brandenburgiensis n. sp., einen beweglichen, sporenbildenden Spaltpilz, her- vorgerufen. Er findet seine üppigste Entwicklung nicht im Darm, sondern im Fettkörper der Larven. Seine Sporen sind über 20 Jahre lang haltbar, aber weniger hitzebeständig als die von B. alvei. Sehr charakteristisch und darum diagnostisch ver- wertbar ist seine Eigenschaft, die Geißeln in Menge abzuwerfen und dieselben zu ,, Geißel- zöpfen" zu verflechten, die mit größter Ähnlich- keit das Bild einer Spi roch acte (!) vortäuschen. Bekanntlich ist von den Pathologen schon für eine ganze Reihe sog. Spirochaeten nachgewiesen worden, daß es sich nicht um solche , sondern um Kunstprodukte oder Gebilde anderweiten Ursprungs handelte. In zahlreichen Fällen wurden auch Misch- infektionen von Bac. alvei und Brandenbur- giensis gefunden; dann war aber der erstere durch den letzteren in seiner Entwicklung stark gehemmt oder unterdrückt, und das Krankheitsbild war ganz das der bösartigen Epidemie. Nur durch ein besonderes Verfahren war es dann möglich, neben dem Bac. Brandenburgiensis auch den Bac. alvei herauszuzüchten. Dr. Hugo Fischer. Kleinere Mitteilungen. Die Wiederkehr des Halley'schen Kometen. — Der erste Komet, dessen Umlaufszeit erkannt wurde und der daher einen Wendepunkt in der Erforschung dieser Himmelskörper brachte, ist der Halley'sche Komet. Er ist zugleich derjenige, dessen Periodizität am weitesten zurückverfolgt werden kann und von dem, obwohl seine Um- laufszeit größer als die der übrigen periodischen Kometen ist, die meisten Erscheinungen vorliegen. Dies kommt wohl hauptsächlich daher, daß dieser Komet bei jeder Wiederkehr eine außergewöhn- liche Helligkeit hatte und daher stets die allge- meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, so daß es selbst für sehr frühe Zeiten gelingt, sein Auftreten nachzuweisen. Freilich wird dieser Nachweis immer schwieriger, je weiter die Erscheinung zurückliegt, weil man im Altertum und auch noch lange Zeit im Mittelalter die Kometen nicht für Himmelskörper, sondern für irdische Lichterschei- nungen hielt, die von Ausdünstungen der Erde herrühren und daher nur ganz oberflächliche An- gaben über ihren Ort und ihre Bewegungen am Himmel machte. Erst der Astronom Johann Müller genannt Regiomontan beobachtete mit seinem Schüler Walther den 1472 erschienenen Kometen syste- matisch. Seinem Beispiel folgten in anerkennens- werter Weise andere Astronomen, wodurch in der Folgezeit ein viel sichereres und brauchbareres Beobachtungsmaterial als bisher hinterlassen wurde. Kepler, der zwar noch nicht an die kosmische Natur der Kometen glaubte, nahm 1608 an, daß sie eine geradlinige Bahn durchlaufen, während der Danziger Astronom Joh. Hevel durch die Beobachtungen des Kometen vom Jahre 1664 ver- anlaßt wurde, sich dahin auszusprechen, daß sich alle Kometen in krummlinigen Bahnen bewegen, die von der geraden Linie nur sehr wenig ab- weichen und deren konkave Seite sich gegen die Sonne richtet. Am 4. November 1681 entdeckte Gottfried Kirch in Koburg einen großen Kometen, den auch G. S. Dörffel in Plauen eifrig beobachtete. Dieser machte nun zum erstenmal den Versuch, die Bahn eines Kometen zu bestimmen. Er be- stätigte dadurch die Hevel'sche Idee und ergänzte und erweiterte sie dahin, daß die Bewegungslinie wohl eine Parabel sein möge, in deren Fokus die Sonne stehe. Die Untersuchungen DörfTel's waren nur auf graphischem Wege ausgeführt worden. Bald darauf entwickelte aber J. Newton eine erste Methode einer rechnerischen Bahnbestimmung und erprobte sie auch an dem Kometen des Jahres 1680. E. Halley wendete sie dann auf alle ihm zugänglichen Kometenbeobachtungen an und konnte 1705 bereits 24 Bahnen mitteilen. Ein Vergleich seiner Rechnungen ließ nun die große Ähnlichkeit der Bahnen des von Peter Apian, des 1607 von J. Kepler des 1681 von G. Kirch entdeckten Kometen er kennen, deren Elemente die folgenden waren: ihm 1531 und Periheldurchgang 1531 1607 1682 Neigung der Länge des Länge des Bahn Knoten Perihels I7«56' 49''2S' 301 »39' 17 2 50 21 302 16 17 56 51 16 302 53 Periheldistanz o,S7 o,S9 0,58 Bewegung [ rückläufig Er schloß daraus, daß der Komet in etwa Bahn keine Parabel, sondern eine geschlossene 76 Jahren die Sonne umkreise und daß daher die Ellipse sei. Auch glaubte er, daß der im Jahre N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschriit. 59 1456 erschienene Komet mit diesem identisch sei, wenn er auch aus Mangel an guten Beobachtungen dafür keine Bahn berechnen koonte. Ja so sehr war sein Vertrauen auf seine Rechnungen, daß er die Wiederkehr des Kometen für das Jahr 17 58, also "jG Jahre später ansagte. Diese erste Vorhersage ging auch wirklich in Erfüllung, wenn er sie auch nicht mehr selbst er- leben sollte, da er bereits 16 Jahre vorher im Jahre 1742 im 87. Lebensjahre sein taten- und er- folgreiches Leben abgeschlossen hatte. Seit dieser Zeit ist der Name Halley's mit diesem Kometen verknüpft. Wie man schon aus der obigen Zusammen- stellung sieht, sind die Perioden der Rückkehr nicht ganz gleich, wodurch die Zeit der Wieder- kehr auch entsprechend unsicher wird. A. Cl. Clairaut unternahm daher neue Untersuchungen, wobei er den Einfluß der Störungen durch Jupiter und Saturn berücksichtigte, aus welchen hervor- ging, daß dadurch eine Verzögerung von 618 Tagen eintrete, weshalb er die Rückkehr des Kometen in sein Perihel auf Mitte April 1759 ansagte, wobei er eine Unsicherheit in der Zeit von einem Monat angab. Der Komet wurde am 25. Dezember 1758 wieder aufgefunden, während er sein Perihel am 13. März 1759 passierte, also 32 Tage früher, als die Rechnungen Clairauts ergeben hatten, wobei aber zu berücksichtigen ist, daß dieser Termin noch innerhalb der Unsicherheitsgrenze der Rechnung liegt. Die Unsicherheit wird noch ver- ständlicher, wenn man bedenkt, daß der Komet jeweilen nur einige Hundert Tage beobachtet werden kann, während die ganze Umlaufszeit 86006 Tage beträgt, so daß dieser F"ehler erst ein Tausendstel der Umlaufszeit ist. Überdies muß man berücksichtigen, daß damals noch nicht die zwei äußersten Planeten, Uranus und Neptun, entdeckt waren. Die nächste Rückkehr zum Perihel hatte G. D. Pontecoulant für den 13. November 1835 be- rechnet, während sie nur drei Tage später, am 16. November eintrat. Bei dieser Berechnung war der Einfluß des 1781 von Herschel entdeckten Uranus schon berücksichtigt worden. Die englischen Astronomen P. H. Co well und A. C. D. Crommelin unternahmen, nun in den letzten Jahren eine neue und genaue Unter- suchung der Bahn des Kometen, wobei sie seinen Laufauch soweit wie möglich rückwärts verfolgten. Schon früher hatte Pontecoulant die Erschei- nungen seit 1531 untersucht und durch die Rechnungen von G. Celoria, der die Beobach- tungen von Toscanelli aus dem Jahre 1456 wiedergefunden hatte, stand fest, daß der Halley- sche Komet auch in diesem Jahre erschienen war. Die weitere Rückwärtsrechnung, die mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist, hat nun den beiden genannten englischen Astronomen die Gewißheit gebracht, daß bis zum Jahre 1066 die Erschei- nungen sicher gestellt und daß wohl auch die beiden Kometen vom Jahre 451 und 760 mit ihm identisch sind. Nach ihren weiteren Llntersuchun- gen gehört auch der im Jahre 87 v. Chr. in Italien beobachtete Komet hierher und wahrscheinlich der nach den chinesischen Berichten 240 v. Chr. erschienene Komet, der also noch um zwei weitere Umläufe zurückliegt. Von den dazwischen liegen- den Erscheinungen fehlen bisher die nötigen An- gaben, doch lassen sich wahrscheinlich noch einige weitere namentlich in China beobachtete Kometen identifizieren. Man hat daher die folgenden sicheren Er- scheinungen des Halley 'sehen Kometen : Sonnennähe Umlaufszeit 87 V. Chr. 451 Juli 3. a. St. 760 Juni II. 1066 April I. 1145 April 29. 1222 September 15. 1301 Oktober 22. 1378 November 8. 1456 Juni 8. 1531 August 25. 1607 Oktober 27. n. St. 1682 September 14. 1759 März 12. 1835 November 16. 1910 April 13. Man kann diesen Zahlen entnehmen, daß die Umlaufszeit des Halley'schen Kometen innerhalb mehrerer Jahre hin- und herschwankt und im Mittel etwa 76 '/.j Jahre ist, daß sie aber infolge der Störungen, die der Komet durch die Planeten erfährt, bald längere, bald kürzere Zeit beträgt. Seine Bahn (Fig. i) ist äußerst langgestreckt, wes- halb der Komet im Perihel bis innerhalb der Venus- bahn gelangt, während er im Aphel noch um 767 Millionen Kilometer weiter von der Sonne absteht, als der äußerste Planet Neptun, der in fast 4500 Millionen Kilometer Entfernung von der Sonne seine Bahn hat. Er kann daher sich der Sonne bis auf 102 Millionen Kilometer, gegen 58 des Merkur und 108 der Venus, nähern, während er über 6200 Millionen Kilometer sich wieder ent- fernt. Da seine Bahn aber gegen die Erdbahn um 17^ geneigt ist, so erhebt er sich im Perihel um 27 Millionen Kilometer über (nach der Nord- seite) und im Aphel um 740 Millionen Kilometer unter (nach Süden) der Erdbahn. Es leuchtet aber unmittelbar ein, daß seine Bahn, je nach der Stellung der Planeten mehr oder minder stark verändert werden kann, woher auch die großen Schwankungen der Umlaufszeiten rühren, die ja bei den Planeten so regelmäßig sind. Der Halley'sche Komet ist bei allen seinen Erscheinungen ein prachtvolles Beobachtungs- objekt gewesen, so zeigte er z. B. 1758 einen "]"] Jahre 77-2 „ 76,5 .. 79 Jahre i Monat •]•] „ 4 Monate 79 - I n ., — n n 7 75 -, 2 76 „ 2 74 „ 9 1^ „ 5 76 „ 7 ,. 74 „ 5 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 Schweif bis 30" Länge. Besonders interessante Wahrnehmungen machte F. W. Bessel 1835. Am 2. Oktober sah er eine fächerförmige Licht- ausströmung in der Richtung gegen die Sonne, die sich in den folgenden Tagen rasch änderte und teilweise eine pendelartige Bewegung annahm, für welche Bessel eine Periode von 2 Tagen 9 Stunden berechnete, während der Schwingungsbogen den dritten Teil des Kreisumfangs umfaßte. Alle diese und ähnliche Beobachtungen von der D. F. A r a g o , J. Herschel u. a. zeigen, daß der Komet in fort- währenden Wandlungen begriffen ist, die auf das Aussehen und unter Umständen auch auf den Lauf des Kometen von Einfluß und Bedeutung sind. Die bevorstehende Rückkehr des Halley 'sehen und daher auch nahe in der gleichen Ebene mit den übrigen Planeten ist. Die mit römischen Ziffern bezeichneten Punkte der Erd- und Venusbahn bezeichnen den Ort dieser Gestirne je am Anfange des betreffen- den Monats. Anfangs März 1910 tritt der Komet in Erdbahnentfernung, die Erde selbst ist aber dann recht weit entfernt. Rasch aber nähern sich beide Gestirne. Am 13. April findet der Periheldurchgang des Kometen statt und im Mai, kurz nachdem er den absteigenden Knoten passiert hat, wird er in Erdnähe stehen, worauf er sich wieder rasch entfernt. Am günstigsten ist wohl die Erscheinung, wenn der Komet sich im Juni und Juli der Erde nähert, da dann die Beobachtung in der Entwick- l'ig. I. Die Bahn des llalley'schen Kometen imPlaneten- system. Flg. 2. Der Lauf des Kometen Halley bei seiner nächsten Wiederkunft. Kometen findet die Astronomen mit neuen Hilfs- mitteln ausgerüstet, nämlich dem Spektroskop und der Photographie. Mit Hilfe der letzteren hofft man auf eine frühzeitige Entdeckung, was für seine Bahnberechnung besonders wichtig ist. Die beistehende Figur 2 gibt nach den Rechnungen von Cowell und Crommelin einen Anhaltspunkt über die zu erwartende Erscheinung, indem der Weg vom I. Januar 1909 bis i. Juli 1911 ange- deutet ist. Während dieser Zeit bleibt der Komet immer ziemlich weit vom Jupiter entfernt, dessen Ort für den i. Januar 1908 und 1909 eingezeichnet ist. Die beiden folgenden Jahre wird er ent- sprechend weiter außerhalb der Bahn stehen. Recht nahe kommt dagegen der Komet dem Mars insbesondere zu Beginn des Jahres 1910, wo er durch seinen aufsteigenden Knoten geht lung seines Schweifes am leichtesten ist. Trifft er die Erdnähe in den folgenden Monaten, so ist die Schweifentwicklung noch nicht so weit vorge- schritten, daß günstige Beobachtungen möglich wären. Aber auch dieses Mal steht der Komet recht günstig. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Komet in der nächsten Zeit mit Hilfe der Photographie gefunden wird, also zu einer Zeit, wo er sich noch in der Nähe der Jupiterbahn be- findet. Er wird dann nur eine unscheinbare runde Nebelmasse ohne Schweif sein, da dieser, falls er schon vorhanden, in entgegengesetzter Richtung von der Erde aus steht. Sein schein- barer Ort war bis im November 19Q8 in den Zwillingen, nördlich vom Orion, von wo er langsam nach Westen weiter rückte. Mit der Annäherung an die Marsbahn wird auch sein F. N. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6i Lauf am Himmel schneller. Er bewegt sich durch den Stier bis zu den Fischen in den nächsten beiden Monaten, wo er Mitte April stationär wird und dann im raschen Lauf nach Osten eilt. Zur Zeit seiner größten Erdnähe am lO. Mai 1910 ist seine scheinbare Bewegung so rasch wie die des Mondes, also 15" bis 20" in einem Tage. Zur gleichen Zeit erreicht er seine größte Helligkeit. Je nachdem der Komet früher oder später, als den 13. April, nach den Rechnungen von Cowell und Crommelin, in sein Perihel (Sonnen- nähe) gelangt, ist seine Stellung zur Erde ver- schieden. In diesem Falle ist er im Mai der Erde am nächsten, aber da er dann sehr nahe bei der Sonne steht, kann man ihn dann nur einige Tage vorher, anfangs Mai am Morgen und Ende Mai am Abend sehen. ') Prof. Messerschmitt-München. ') Eine ausführliche Aufsuchungsephemeride des Kometen wurde im Dezember 1908 in den .Astronomischen Nachrichten publiziert. Ked. J. Nusbaum, Beitrag zur Frage über die Abhängigkeit der Regeneration vom Nerven- system bei Nereis diversicolor O. F. Müll. (Arch. f. Entwicklungsmechanik der Organismen Bd. XXV, 1908). — Trotz der zahlreichen Ar- beiten über die Regeneration verschiedener Tiere ist die wichtige Frage, ob die Regenerationsvor- gänge von dem Zentralnervensystem beeinflußt werden, bisher nicht endgültig gelöst. Es liegen zweierlei Ansichten vor : Die einen Forscher (Jost, Rabes, Morgan) haben die Abhängigkeit der Re- generationsprozesse vom Nervensystem konstatiert, die Beobachtungen anderer (Carriere, Barfurth, Loeb) sprechen gegen den Einfluß desselben auf die Regenerationsvorgänge. In der vorliegenden Arbeit sehen wir einen Versuch, diese Frage zu ergründen und gleichzeitig dieselbe theoretisch zu erklären. Die Experimente hat Verf. an Nereis diversicolor und zwar folgendermaßen ausgeführt (Fig. i). Es wurden dem Wurme die letzten Segmente (7 — 15) abgeschnitten und von den übrigen an 4 — 10 Segmenten das Bauchmark aus- geschnitten oder mit einer glühenden Nadel zer- stört. Durch Autotomie warfen die Würmer ein- zelne von den operierten Segmenten ab, es blie- ben aber immer i — 3 Segmente mit zerstörtem Bauchnervenstrang. Die Wundheilung ging ganz normal vonstatten. Bei den auf diese Weise operierten Tieren trat aber eine Verzögerung im Regenerations- prozesse ein , erst in der 6. — 7. Woche konnte man einen kleinen Regenerationskegel konstatieren, während bei den Tieren, denen bloß das Hinter- ende abgeschnitten wurde, schon in der 3. — 4. Woche der Regenerationskegel erschien. Die Ursache dieser Verzögerung zeigt die mikroskopische Untersuchung der operierten Wür- mer; es wird nämlich zwischen dem Prozeß der Wundheilung und der eigentlichen Regeneration des Hinterendes (der Neubildung neuer Segmente) ein ganz besonderer Prozeß eingeschaltet, die Neubildung des Nervensystems in denjenigen Seg- menten , in denen es zerstört wurde. Sagittal- schnitte durch die operierten Tiere zeigen einige Tage nach der Zerstörung des Bauchmarkes (Fig. 2), daß von dem intakt gebliebenen Bauch- marke Nerven gegen das Hinterende des Wurm- körpers wachsen und an denjenigen Stellen, wo die Bündel derselben mit dem Epithel in Berüh- rung kommen eine Proliferation des letzteren be- ginnt, welche die zur Regeneration des Bauch- markes dienenden Zellen liefert. Außer dieser Zellanhäufung am hinteren Ende hat der Verf. an der Grenze zweier Segmente ebenfalls eine Fig. I. Der hintere Körperteil von Nereis diversicolor dem einige Segmente abgeschnitten und in den drei weiteren das Bauchmark zerstört wurde. Vergrößert. (Nach Nusbaum.) Fig. 2. Ein Teil eines Sagittalschnittes durch die V'entralwand einer Nereide einige Zeil nach der Operation. a Analöffnung, d Darmepithel, b Blutgefäße, e Epithel, n Bauchmark. (Nach Nusbaum.) Proliferation des Hauptepithels konstatiert und vermutet daher, daß fast an der ganzen Bauch- fläche, wo das Nervensystem zerstört wurde, seg- mentweise vom Epithel zelliges Material zur Regeneration des Bauchmarkes zugeführt wird. Erst, nachdem der zerstörte Teil des Bauch- markes vollständig regeneriert, beginnt der eigent- liche Regenerationsprozeß, d. h. die Bildung einer Proliferationszone vor dem Analsegment, in wel- cher median die Anlage des Bauchmarkes und lateral die Anlagen für das Cölomgewebe und die longitudinale Muskulatur liegen. Aus obigen Experimenten zieht N. den Schluß, daß die Wundheilung von der Anwesenheit des Nervensystems nicht abhängt, dagegen der Rege- 62 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vm. Nr. 4 nerationsprozeß von demselben beeinflußt wird. Für den Einfluß des Nervensystems auf die Re- generation 'spricht die Verzögerung des Regenera- tionsprozesses sowie das stetige Vorausgehen der Reparation des Bauchstranges der Ausbildung des Analsegmentes. Bei der ontogenetischen Ent- wicklung ist dagegen der Einfluß des Nerven- systems von keiner Bedeutung, was aus zahlreichen Versuchen anderer Forscher zu ersehen ist. Diesen Unterschied zwischen dem ontogenetischen und dem Regenerationsprozesse hebt der Verf beson- ders hervor und sucht ihn dadurch zu erklären, daß bei der ontogenetischen Entwicklung die Auslösung von Erbpotenzen vor der Differenzierung des Nervensystems stattfindet und daher von dem- selben nicht beeinflußt werden kann, dagegen bei der Regeneration, wo eine Rückdifferenzierung der sonst passiven und nur ihresgleichen produ- zierenden Elemente stattfindet, „liefert das Nerven- system einen der wichtigsten formativen inneren Reize, welche die Auslösung von Erbtendenzen in den Elementen der Wunde bedingen". Diese Reize werden wahrscheinlich beim Zusammen- treffen der Nervenfasern mit den Elementen der Wunde denselben übermittelt. Während der Re- generationsprozeß durch formative Reize des Zentralnervensystems bedingt ist, genügen zur Heilung der Wunde traumatische Reize, der erstere Prozeß kann daher ohne Nervensystem nicht zu- stande kommen, während der letztere, auch wenn das Nervensystem im betreffenden Segmente zerstört wurde, sich in ganz normaler Weise vollzieht. Karoline Reis. Wetter-Monatsübersicht. Bis gegen Ende des vergangenen Dezember war es in der westlichen Hälfte Deutschlands mild , aber größtenteils T[5mj5eralur-5t&inima oini^si* ürlc im DciombsrlSOS I OBXe.nb.. 8 BwlinerWelferburftau. trübe, während im Osten etwas liälteres und gleichzeitig freundlicheres Wetter vorherrschte. Besonders warm für die Jahreszeit waren die ersten Tage des Monats, in denen, wie aus der beistehenden Zeichnung ersichtlich, sogar die Tem- peraturminima in verschiedenen Gegenden 5 oder mehr Grad über dem Gefrierpunkte lagen. Das wiederholte sich später noch um die Monatsmitte ; an vielen Orten des Rhein- und Wesergebictes ging das Thermometer in der Nacht zum 15. nicht unter 8" herab und stieg an diesem und dem folgenden Tage bis auf 12 oder 13, iu Aachen bis 14° C. In Ostdeutschland sanken die Temperaturen bald nach .Anfang Dezember ziemlich bedeutend, in der Nacht zum 7. zu Osterode bis auf — 10, zu Bromberg bis — 9, zu Posen, Breslau und an anderen Orten bis — S" C, ohne daß der Erdboden durch eine hinreichende Schneedecke vor dem tieleren Eindringen des Frostes geschützt war. Kurz darauf trat hier etwas milderes Wetter ein und hielt auch während der zweiten Hälfte des Monats noch an, nachdem im Westen bereits eine langsame Abkühlung begonnen hatte, die bis fast zum Schlüsse des Jahres mehr und mehr zunahm. Im Osten aber erfolgte mitten wäTirend des Weihnachtsfestes ein schroffer Übergang zu strengerem Froste, der sich am meisten in Westpreußen, Hinterpommern und Posen steigerte. In der klaren Nacht zum 28. brachten es daselbst Marienburg bis auf 31, Graudenz auf 28, Lauenburg auf 25, Bromberg auf 24, Schivelbein auf 23, Konitz und Tremessen auf 21" C Kälte. Auch zu Berlin gehörten der 28., 29. und 30. mit Mittellemperaturen von — 13,4, — 14,7 und — 13. ■" C fast zu den kältesten Dezembertagen, die man nach lang- jährigen Aufzeichnungen hier erwarten kann. Die mittleren Temperaturen des Monats waren demgemäß östlich der Elbe um I bis 1 Va Grad zu niedrig, während sie in Nordwest- und Süddeutscliland ihren normalen Werten nahezu ent- sprachen. Die in unserer zweiten Zeichnung dargestellten Nieder- schläge waren zwar sehr häufig, ihre Mengen aber im allge- meinen gering. .Anfangs fanden an der östlichen Ostseeküste i,r Ü-l .N .Si 3-13^ J =Hl.Ji:Hi>l11|ii1ii ■ 1 1 1 1 ' 1 ! J-Il i 1 i 1 1 LibIIII .1 lll .. 111 1 1 1 1 1 1 1 1 1 M 1 ~i 1 , n i r (O.bisZO. iJezember. 4: 1 ---1. ■ -I~l 1 I 1 ^1 t |_ 1 -iL EdEEil^l iUl ~l T -■- ■ziliM _ki-iitbt ^ifflcpcr Werl" für DeuFscMand Monatesummc im DezcmD. .07, QB. 05. 01. 03. ßerJire. WtfTtfbureou. zahlreiche Regenfälle statt, die sich allmählich weiter nach Westen und Süden ausbreiteten und im Osten mehr und mehr in Schneefälle übergingen. Zwischen dem 10. und 20. De- zember regnete es am stärksten an der Nordseeküste, am Rhein und in seiner weiteren Umgebung sowie in ganz Süd- deutschland, wo es bis dahin fast völlig trocken geblieben war. N. F. VIII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 Wahrend der nächsten fünf Tage, in manchen Gegenden auch schon früher, higerle über dem Frdboden bestandig ein aufierordcntlich starker Nebel, durch den der Verkehr, be- sonders in West- und Mittcldcutschhind, nicht unerheblich erschwert wurde, doch kamen wesentliche Niederschläge in dieser Zeit nur vereinzelt vor. Dann stellten sich nordöstlich der F.lbe zahlreiche Schneefälle ein, die sicli bis zum Kndc des Monats fast täglich wiederholten und allmählich auf ganz Deutschland ausdehnten. Am stärksten waren sie an der pommerschen und westpreußischen Küste, wo der Schnee zu- letzt durchschnittlich I '/j Dezimeter hoch lag. Die gesamte Xiedersclilagshöhe des Monats aber betrug für den Durcli- schnilt aller berichtenden Stationen nicht mehr als 20, g mm, während die gleichen Stationen im Mittel der früheren De- zembermonale seit beginn des vorigen Jahrzehnts 49,9 mm und im Dezember 1907 sogar 67,6 mm Niederschlag geliefert haben. In der allgemeinen Anordnung des Luftdruclvcs traten von einem Tage zum anderen meistens nur langsame Ände- rungen ein. In den ersten Tagen des Dezember befand sich in Kußland eine umfangreiche Barometerdepression, von der verschiedene Teilminima mit milden, feuchten Südwestwinden nach der Ostseeküste gelangten , während Südwest- und Mitteleuropa von einem Hochdruckgebiet eingenommen wur- den. Nachdem sich dieses am 4. mit einem zweiten , aus Nordwesten neu herangekommenen Ma.ximum vereinigt hatte, wurde es durch mehrere außerordentlich tiefe atlantische Minima, die rasch hintereinander bei Island auftraten und nordostwärts fortzogen, weiter und weiter nach Osten gedrängt. In Ostdeutschland herrschten daher jetzt längere Zeit hindurch ziemlich kalte, trockene südöstliche Winde vor, während im Westen etwas mildere Südwinde wehten. Erst am 20. Dezember vermochte das barometrische Ma.\imum, das inzwischen in Rußland an Umfang und Höhe noch zugenommen hatte, sein Gebiet wieder auf den größten Teil des europäisciien Festlandes auszudehnen. Bald darauf zerfiel es in mehrere Teile, von denen sich der eine nord- westwärts verschob, und am 25. Dezember abermals mit einem neuen Barometermaximum in Verbindung trat, das vom nördlichen Eismeer nach Nordskandinavien vorrückte. Dort erreichte das Maximum in den nächsten Tagen 785 mm Höhe und die von ihm ausgehenden eisig kalten, scharfen Nordostwinde führten in beinahe ganz Nord- und Mitteleuropa außerordentlich strenge Kälte lierbei. Auf den britischen Inseln aber und im westlichen Mittelmeergebiete hielten sich gegen Ende des Monats ziemlich tiefe Depressionen auf, die dort lange anhaltende starke Niederschläge verbreiteten und von denen auch einzelne , jedoch sehr flache Teilminima auf das Festland gelangten. Dr. E. Leß. Bücherbesprechungen. Alois Sigmund, Die Minerale Niederöster- reichs. 194 Seiten mit 8 Original-Abbildungen und 3 Profilen nach Grubenkarten im Texte. Wien und Leipzig, Fr. Deuticke. 1909. — Preis 6 Mk. In dem eingehenden Werke wird das Vorkommen von 1 1 2 verschiedenen aus Niederösterreich bislang bekannt gewordenen Mineralien beschrieben ; eine Auf- zählung der zu diesem Zwecke durchgesehenen Mine- raliensammlungen und ein ausführliches Literatur- verzeichnis ist der Arbeit vorangeschickt. Die Mine- ralien werden, nach chemischem Grundsatz geordnet, eins nach dem andern behandelt. Diese Art der An- einanderreihung von Wichtigem und weniger Wichtigem besitzt leider den Nachteil einer etwas geringen Über- sichtlichkeit ; man erhält nur schwer ein anschauliches Bild über die ganze Mineralverteilung im Lande; die Einleitung des Buches genügt hierfür nicht. Wenn man auch die Bedeutung gewisser Örtlichkeiten als Mineralfundpunkte aus der Ausführlichkeit, mit der sie behandelt sind, oder aus der Häufigkeit, mit der einige von ihnen bei den einzelnen Mineralien wieder- kehren, abnehmen kann, so würde doch ein Kapitel, in dem die wichtigen und klassischen Fundpunkte und zusammengehörige Gebiete in scharfumrissenen Zügen ihrer Bedeutung entsi>rechend herausgehoben sind, für den Leser außerordentlich anregend wirken. Etwas wird dieser Nachteil durch eine Aufzählung aller in Betracht kommenden ( )rtlichkeiten mit je- weiliger Angabe aller dort gefundenen Mineralspezies ausgeglichen. Im übrigen bietet aber das Werk eine Fülle wert- vollen Materials; eine solche Inventuraufnahme ist gleich wichtig für den Mineralogen und den Sammler, wie für den Techniker und Industriellen, der Aus- kunft über das .auftreten dieses oder jenes Stoftes im Lande wünscht, wie endlich für den, der auf einer Studienreise begriffen, die wichtigsten Fundstellen be- suchen will : aber gerade für diesen letzteren dürfte oben genannter Nachteil fühlbar werden. Der \Vert der vorliegenden Arbeit wird dadurch erhöht, daß der Verfasser sich nicht auf die Mine- ralien als solche beschränkt, sondern sie auch in ihrer Verbreitung als Gesteine, wie Kalk, Dolomit, Marmor, Gips, Magnesit, Kaolin, Kohle, Torf usw. bespricht. Bei den technisch wichtigen IMineralien wird auch ihre wirtschaftliche Bedeutung und die Geschichte des örtlichen Bergbaus in kurzen Zügen behandelt, wodurch der Bergmann mancherlei Aufschluß über noch vorhandene und früher nicht abgebaute Erze erhalten wird. Namentlich dem Gold, Silber, Blei, Eisen wird ein breiterer Raum gewährt. Die letzten Kapitel über die Silikate, bei denen gleichzeitig auf die Gesteine, in denen sie aufsetzen, übergegriffen wird, werden weniger für den Praktiker als den wissen- schaftlichen Mineralogen von Wert sein. O. Schneider. i) Pahde- Lindemann, Leitfaden der Erd- kunde für höhere Lehranstalten. 6 Hefte kart., ä 60 Pf Berlin und Glogau, C. Flemming, 1907. 2) Dr. M. Geistbeck, Leitfaden der mathe- matischen und ph\sikalischen Geogra- phie. 30. u. 31. Auflage. 1S6 Seiten mit 116 Abb. Freiburg i. B., Herder, 190S. — Preis geb. 2 Mk. 1) Der Leitfaden von Pahde-Lindemann ist eine von Dr. Lindemann besorgte, verkürzte Ausgabe des größeren Lehrbuchs von Prof Dr. Pahde, das bereits in zweiter Auflage vorliegt und viel Anerkennung gefunden hat. Die Gliederung des Leitfadens in ein- zelne Klassenhefte ist ein dankenswertes Entgegen- kommen gegenüber dem Wunsche nach Erleichterung der Schulmappe. Auch mit Rücksicht auf das „Zer- lernen" der Schulbücher im Laufe des Schuljahrs ver- dient diese Trennung Nachahmung. Die Darstellung ist schlicht und klar, die Stoffauswahl wohlgelungen. Besonders gut gefällt uns die im vierten und fünften Heft an der Hand einiger lehrreicher Profile durch- geführte Berücksichtigung der Geologie. Auch die astronomischen und meteorologischen Teile des fünf- 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 4 teil Heftes zeichnen sich durch sehr sachgemäße, klare Darstellung und saubere, instruktive Figuren aus. Das sechste Heft ist eine sehr schön gedruckte Zusammenstellung verkleinerter Abbildungen der be- kannten Hölzel'schen geographischen Charakterbilder, die wohl zu den beliebtesten Anschauungsmitteln jeder Schule gehören. Hiermit wird dem Schüler zu einem recht niedrigen Preise eine ihm sicherlich viel Freude gewährende und förderliche Gabe angeboten. 2) Wenn es ein Werk bis zur 31. Auflage (aller- dings wohl meist doppelt zählende) gebracht hat, so bedarf es kaum noch einer Empfehlung. Es genüge daher die Angabe, daß wir bei aufmerksamer Durch- sicht nirgends auf veraltete Angaben gestoßen sind. Die Figuren 20 und 21, welche irreale Stellungen der Erdachse veranschaulichen sollen, halten wir für entbehrlich, sie können in flüchtigen Schülern sogar falsche Begriffe erwecken. Dagegen scheint uns eine Besprechung der Methoden zur Bestimmung der Sonnenentfernung recht wünschenswert. Bei den neuen Sternen sollte als Beispiel lieber die Nova Persei von igoi genannt werden. Unter den Doppel- sternen sollten auch die durch Spektralanalyse als solche erkannten Erwähnung finden. Im recht reich- haltigen Literaturanhang verdiente unter A I auch Newcomb's „Astronomie für jedermann" (Jena, G. Fischer) Erwähnung , unter B III Koerber's Trans- formator für sphärische Koordinaten (Berlin, D. Reimer) und Schmidt's Sonnenzeiger (Wien, Freytag u. Berndt). Prof. Dr. R. Fitzner, Die Regenverteilung in den deutschen Kolonien. 115 Seiten. Berlin, H. Paetel, 1907. — Preis 4 Mk. Für den wirtschaftlichen Wert unserer Kolonial- gebiete ist die Regenmenge an erster Stelle maßgebend. Demgemäß sind in allen Kolonien eine größere An- zahl von Regenstationen eingerichtet worden, die zum Teil unter dankenswerter Unterstützung seitens der Farmer arbeiten und bereits einen Überblick gewinnen lassen. Die erste Zusammenstellung der Ergebnisse dieser Messungen wird daher in Kolonialkreisen ebenso interessieren, wie in dem der Fachmeteorologen. Wir heben hier einige besonders markante Zahlen heraus: In Kamerun schwankt die jährliche Regen- höhe von 3 m (Küste) bis 10 m (Debundscha), in Togo von 0,6 m (Lome) bis 1,6 m 1 Amedschowe). Für Südwestafrika konnte bereits eine Regenkarte entworfen werden , die Seite 40 wiedergegeben ist, einen Küstenstreifen mit unter 100 mm jährlicher Regenhöhe zeigt, nach dem Inneren zu eine allmäh- liche Steigerung erkennen läßt , die jedoch im Süd- osten des Gebietes (Warmbad) nicht über 200 mm hinausgeht, während sie im Nordosten (Grootfontein) 500 mm überschreitet. Auch für Deutsch Ostafrika finden wir Seite 72 eine Regenkarte. Hier liegt das trockenste Gebiet (unter 750 mm) im Binnenlande, südöstlich vom Viktoria Nyansa , während an der Küste Regenhohen von 800 (im Süden) bis 1400 mm (im Norden) beobachtet wurden. Im Kilimandjaro- gebiet finden wir ca. 1500 mm, '^an einzelnen Punkten der Kolonie aber (z. B. in Herkiüu und Rutenganio) 2 bis 3 Meter. In Neu-Guinea und den ozeanischen Kolonien sind die Regenhöhen naturgemäß wieder wesentlich höher. In Tsingtau fallen jährlich 600 bis 700 mm Regen, also etwa ebensoviel wie in Deutschland. Hinsichtlich jahreszeitlicher Verschieden- heiten müssen wir auf die Schrift selbst verweisen. Kbr. Literatur. Lassar-Cohn, Prof. Dr.: Die Chemie im täglichen Leben. Gemeinverständliche Vorträge. 6. verb. Aufl. (VIII, 344 S. m. 24 Abbüdgn ) S". Hamburg '08, L. Voß. — Geb. in Leinw. 4 Mk. Nielsen, Doz. Dr. Niels: Lehrbuch der unendlichen Reihen. Vorlesungen , geh. an der Universität Kopenhagen. (VIII, 287 S.) Lex. 8°. Leipzig '09, B. G. Teubner. — 11 Mk., geb. 12 Mk. Schenck, Prof. Dr. Rud.: Physikalische Chemie der Metalle. Vorträge üb. die wissenschaftl. Grundlagen d. Metallurgie. (V, 193 S. m. 114 Abbildgn.) Lex. 8". Halle '09, W. ivnapp. — 7 Mk., geb. in Leinw. 7,75 Mk. Schneider, Prof Dr. Karl Camillo : Histologisches Praktikum der Tiere f. Studenten u. Forscher. (IX, 615 S. m. 434 Abbildgn.) Lex. 8«. Jena '08, G. Fischer. — 15 Mk., geb. ib Mk. Strasburger, Prof. Dr. F.duard : Das kleine botanische Prak- tikum {. Anfänger. Anleitung zum Selbststudium der mikro- skopischen Botanik u. Einführg. in die mikroskop. Technik. 6. umgearb. Aufl. (VIII, 258 S. m. 128 Holzschn.) Le.K. 8». Jena '08, G. Fischer. — 6 Mk., geb. 7 Mk. Thonner, Frz.: Die Blütenpflanzen Afrikas. Eine Anleitung /um Bestimmen der Gattungen der afrikan. Siphonogamen. (XVI, 673 S. m. I Karte u. 150 Taf) Lex. 8». Berlin '08, R. Friedländer & Sohn. — 10 Mk., geb. in Halbfrz. 12 Mk. Anregungen und Antworten. Herrn Dr. G. A. in Greifswald. — Über die Technik des Torfschlämmens linden Sie eine gute Zusammen- stellung in Keil hack, Praktische Geologie, 2. Auflage. Eine durch Abbildungen unterstützte Anleitung zum Bestimmen der Pflanzenteile (namentlich Früchte usw., überhaupt Phanero- gamenreste) gibt : I. Andersso n, Studier öfver Finlands Torf- mossar (mit 4 Tafeln) ; Helsingfors 1S98 (leider schAvedisch ge- schrieben, mit kurzem deutschen Auszug); ferner 2. M üll er , G. und Webe r, C. A., Über eine frühdiluviale und vorglaziale Flora bei Lüneburg. Abhandl. k. Pr. Geol. Landesanst. 1904 (mit Tafeln). 3. Keid, Cl,, and M. Reid; The fossil Flora of Tegelen-sur-Meuse, near Venloo , in the Provinz of Limburg (mit 3 Tafeln). Verh.andelingen der kon. Akad. van Weten- schappen te Amsterdam. II. Sektion. Amsterdam , September 1907. 4. Reid, Cl., and M. Reid, On the preglacial Flora of Britain. Linnean Society's Journal, Botany, vol. XXXVIII. igoS (^mit 5 Tafeln). Es ist aber dringend zu raten, die Be- stimmungen nicht nur auf .\bbildungen zu gründen, sondern unter allen Umständen rezentes Vcrgleichsmaterial zu Rate zu ziehen. Eine diesbezügliche Sammlung legt man am besten selbst an, da erfahrungsgemäß in den meisten Herbarien der Museen und Institute Samen und Früchte der Pflanzen ent- weder fehlen oder, in unreifem Zustand gesammelt, als Ver- gleichsmaterial nicht brauchbar sind. Dr. J. Stoller. Inhalt: Dr. Ernst Schultze: Vogelschutz in den Vereinigten Staaten. — Sammelreferate und tjbersichten : Dr. Hugo Fischer: Neues aus der Bakteriologie. -- Kleinere Mitteilungen: Prof. Messerschmitt: Die Wiederkehr des Halley'schen Kometen. — J. Nusbaum: Beitrag zur Frage über die Abhängigkeit der Regeneration vom Nervensystem bei Nereis diversieolor. — Wetter-Monatsübersicht. — Bücherbesprechungen: Alois .Sigmund: Die Minerale Niederösterreichs. — i) Pahd e-Lind emann: Leitfaden der Erdkunde. 2) Dr. M. Geistbeck: Leitfaden der mathematischen und physikalischen Geographie. — Prof. Dr. R. Fitz n er: Die Regenverteilung in den deutschen Ko- lonien. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-VVest b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.j, Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue folge VIII. Band ; der ganzen Keihe XXIV. Band. Sonntag, den 31. Januar 1909. Nummer 5. Die Nutzpflanzen unter den Flechten. [Nachdruck verholen.] Von Prof. Dr. Victor Schiffner, Wien. (Mit 25 Figuren.) Die unscheinbaren Flechten werden von den letztere zu entfernen wird die Flechte in reinem Laien gewöhnlich nur wenig beachtet und ge- Wasser mazeriert, dann getrocknet und gemahlen, meiniglich für ein recht unnützes Produkt der Das Mehl wird abermals gewässert, um die Bitter- schafifenden Natur angesehen, und doch finden keit ganz zu benehmen, und dann zu Brot ver- sieh unter ihnen eine Menge von recht nützlichen backen oder zu einem Gelee in süßer oder saurer Pflanzen, die sich der Mensch zu seinen Zwecken Milch zubereitet. Nach Thenard hat dieses dienstbar gemacht hat, aber freilich sind die Mehl halb soviel Nährwert als Weizenmehl, mannigfachen Nutzanwendungen der Flechten Daß diese Hechte dem Menschen durch nicht so allgemein verbreitet, und so allgemein längere Zeit ausschließlich als Nahrung zu dienen bekannt, wie die der meisten Nähr- und Nutz- vermag, ist durch die Tatsache erhärtet, daß John pflanzen unter den höheren Gewächsen, und ich Franklin und die Teilnehmer an seiner Nord- glaubte daher, daß es vielleicht nicht ohne Inter- polexpedition im Jahre 1821 wochenlang aus- esse wäre, diesen Gegenstand in Kürze zusammen- schließlich von dieser Flechte lebten, zufassen und über die Nutzpflanzen unter den In gleicher Weise wird gelegentlich das Flechten zu berichten. ,, Renntier Moos" {Cladonia rangiferina] verwendet Die Nutzanwendungen der Flechten lassen sich (Fig. 3, 4), welches eine ähnliche Verbreitung hat, in drei Kategorien scheiden und möge nach wie Cetraria islaudica. Im nördlichen Finnland diesem Gesichtspunkte der reiche Stoff, den ich hat man diese Flechte in Zeiten der Not, gemi.>cht hier zu behandeln habe, eingeteilt werden : mit etwas Roggenmehl, zu Brot verbacken und I. Die Flechten als Nährpflanzen für den nach Bosc gibt sie mit Milch ein nahrhaftes Menschen und die Nutztiere. 2. Die Flechten als Heilmittel. 3. Die F"lechten in ihrer Verwendung zu tech- nischen Zwecken (vorzüglich zur Erzeugung von Alkohol und Farbstoffen). I. Die Flechten als Nährpflanzen für den Menschen und die Nutztiere. Gelee. Ebenso könnten Evernicn und Sticta piilino- naria verwendet werden, letztere ist aber sehr bitter durch das in ihr enthaltene Stictin; welches extrahiert werden muß. Gyrophora proboscidea (Fig. 10, 11) und G. cylindrica {F"ig. 5, 6) werden von den Pelzjägern im arktischen Amerika als Nahrungsmittel ver- wendet und erstere, sowie Gyr. erosa werden in Die Verwendbarkeit gewisser Flechten als Kanada gegessen und heißen dort „tripe de röche" Nahrungsmittel beruht auf ihrem größeren oder (nach Lindsay). geringeren Gehalt an Lichenin und Isolichenin In Japan und China spielt Gyrophora esciilenta (Flechienstärkej. Dieser Stoff ist freilich in den Miyoshi (Flg. 7, 8) eine bedeutende Rolle; sie Flechten stets gepaart mit Bitterstoffen (Cetrar- soll sehr wohlschmeckend sein und gilt als säure u. a), welche die Flechten für den Menschen Delikatesse; sie wird in Wasser aufgekocht und als Nahrungsmittel problematisch machen würden, meistens mit Shoju (d. i eine Sauce aus den wenn sie sich nicht auslaugen und durch reich- Bohnen von Soja hispidd) gegessen. Sie wächst liches Auswaschen bis zu einem hohen Grade in den Gebirgen Japans an feuchten Granitwänden entfernen ließen. und wird von Krämern überall feilgehalten, auch Besonders in Zeiten der Not und in den von bildet sie einen bedeutenden Exportartikel. Im der Natur spärlich bedachten arktischen Ländern Japanischen heißt sie ,,Iwatake". und in den Wüsten sind Flechten als Nahrungs- In Japan wird noch eine andere Flechte ge- mittel verwendet worden. gessen : Alectoria sulcata (Lev.) Nyl., die dort In dieser Beziehung kommen besonders folgende ,,Bandai-no-kinori" heißt (Fig. 9). Sie soll nach Arten in Betracht. Miyoshi sehr wohlschmeckend sein. Cetraria islandica („Isländisches Moos") ist F'ür die Wüsten Vorderasiens und Afrikas ist nicht nur in Island und dem arktischen Gebiete von Bedeutung als Nahrungsmittel die merk- rings um den Pol, sondern durch ganz Mittel- und würdige Krustenflechte Lecaiiora [Spaerotkid/ia) Südeuropa verbreitet und bildet auf sandigen csculenta Evers., die überdies auch in den Wüsten Böden oft Massenvegetation (Fig. I, 2). Nach Amerikas vorkommt und auch als Seltenheit auf Berzeli US enthält sie 44% Lichenin, i "/^ Liehe- europäischem Boden (in Giechenland) gefunden nostearin und daneben bittere Cetrarsäure. Um wurde. Die dicke hellbraune Kruste wächst auf 66 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 5 Felsen, wird aber vom Winde abgebröckelt und in der Wüste hin und her gerollt, wodurch sie zu ringsum gleich ausgebildeten, etwa erbsen- großen Körnern auswächst, die oft in erheblicher Masse in Mulden und Tälchen zusammengeweht werden (Fig. 12). Es ist kein Zweifel, daß diese Flechte das im alten Testament erwähnte „Manna" sei, von dem die Juden in der Wüste lebten. Daß die Körner dieser Flechte von den Wüsten- stürmen weit verweht werden und stellenweise als „Mannaregen" niederfallen, ist vielfach beob- achtet (durch Parrot 1826, 1845 im Distrikt Jenischehir usw.). Nach einer Analyse von Goebel enthält die F"lechte 65.91 "/„ Kalkoxalat, 23 "/o Lichenin, 2,5"/,, Inulin, sie ist also viel weniger nahrhaft als Cetraria islandica. Die Tartaren bereiten daraus eine Art Brot. Nahe verwandte eßbare Arten, vielleicht von L. esat- Iciita nicht spezifisch verschieden, sind: Lecanora desertornui Kremi^elh., L. affiiiis und L.friiticubsa. Schließlich sei noch darauf verwiesen, daß Forskäl berichtet, daß aus dem griechischen Archipel ganze Schiffsladungen der auch bei uns an Räumen gemeinen Evernia prunastri nach Ägypten eingeführt werden, wo sie vermählen und dem Mehl zugesetzt wird, um das Brot nach dortiger Ansicht wohlschmeckender zu machen. Fast noch wichtiger für gewisse Gegenden sind die Flechten als Nahrungsmittel für die dem Menschen unentbehrlichen Nutziiere, wodurch diese Länderstrecken für den Menschen überhaupt bewohnbar gemacht werden. Dies gilt besonders von den Polargegenden, wo eine Flechte : Cladonia raiigifcrina (das „Renntiermoos") (Fig. 3, 4), nahezu die ausschließliche Nahrung des Renntieres bildet, welches dem Bewohner dieser armseligen Gegenden nicht nur unentbehrliches Zugtier ist, sondern ihn auch mit allem zu seinem Leben notwendigen, mit Nahrung, Kleidung, und mit Knochen und Gehörn zu seinen Gerätschaften versorgt. Die Wichtigkeit dieser Flechte kann nicht besser charakterisiert werden als durch folgenden Ausspruch Linne's, des großen Refor- mators der deskriptiven Naturwi.ssenschaften, in seiner Flora suecica: „Huic licheni innititur oecono- mia et salus totius Lapponiae, hoc enim hyeme toto sustentantur rangiferi, Lapponum pecora; Lap- pones enim pastores sine Haccho et Cerere viventes" (Auf dieser Flechte beruht die Volkswirtschaft und Volkswohlfahrt von ganz Lappland, mit ihr werden während des Winters die Renntiere, d. i. der Viehstand der Lappländer unterhalten; die Lappländer sind nämlich ein Hirtenvolk ohne Wein- und Ackerbau). Außerhalb der arktischen Zone ist diese Flechte als Viehfutter freilich von geringerer Bedeutung; in Norwegen und Jütland wird sie als Winterfütterung für Schafe und in Krain für Schweine, Pferde und Ochsen verwendet. Schulrat Steiner teilt mir mit, daß im Vintsch- gau Usnca barbata als Notfutter für das Klein- vieh eingesammelt wird und dann unter den „Schab" (Laubholzzweige) gemischt wird. II. Die Flechten als Heilmittel. Eine tatsächliche Heilwirkung dürfte nur der bereits erwähnten Cetraria islandica (Fig. i, 2) zukommen, welche noch gegenwärtig gegen Er- krankungen der Respirationsorgane als Tee an- gewendet wird und wegen ihres Bitterstoffes wohl auch gleichzeitig appetitanregend wirkt. ') Ihre medizinischen Eigenschaften waren zuerst den Bewohnern Islands bekannt. 1670 berichtet Olaus Borrichius (Ole Borrich) über die- selbe in der Schrift: De musco cathartico Islandiae in Acta Havniensia und 1672 Breyne unter dem Namen : Muscus Eryngii folio im III. Bande der Miscellanea naturae curiosorum. Definitiv wurde sie erst in den Arzneischatz aufgenommen über Empfehlung von Linne (1737) und Scopoli (1700). — Die Drogue kommt nicht aus Island in den Handel, sondern vorzüglich aus Schweden, der Schweiz (Kanton Luzern), Spanien, Deutschland (besonders Fichtel- und Riesengebirge). In- vorlinneischen Zeiten waren mehrere Flechten (zumeist „per signaturam", d. h. wegen äußerer Ähnlichkeiten) offizineil, so : Sticta pitlmo- naria seit Beginn des 16. Jahrhunderts gegen Lungenkrankheiten (Caesal pi n , Boer haveusw.), Xaiithoria parietiiia gegen Gelbsucht, '-') Usiiea barbata (als Muscus s. ajga arborum) auch als Haarwuchsmittel und anderweitig (nach Theo- phrast, Üioscorides, Plinius, Avicenna u. a.), Cladonia pyxidata gegen Keuchhusten. 1697 kam in England der Pulvis antilyssns (ein Heilmittel gegen Hundswut) durch Dampier auf, welcher aus Pcltiger a canina (daher der Name) und gleichen Teilen schwarzen Pfeffers bestand. Auch Pcltigera aphthosa wurde als Heilmittel (besonders als Anthelminthicum) angewendet. Eines großen Rufes gegen Epilepsie erfreute sich die Tolcnkopfsflechte, welche einst mit horrenden Preisen bezahlt wurde. Es ist die ge- meine Parnielia saxatilis, welche gelegentlich auf alten Menschenschädeln wuchs. Pcrtusaria amara (Fig. 19) wurde während der napoleonischen Kontinentalsperre als Ersatz für die Chinarinde empfohlen. Ctilorea vulpina (Fig. 20) wird mit zerstoßenem Glas von den norwegischen Bauern als Gift gegen Füchse verwendet, ob das Glas oder die Flechte verderblich auf die Füchse wirken, ist nicht sicher; für Hunde soll sie giftig sein. Von den Alpenbewohnern wird in manchen Gegenden Thamnolia vermiciilaris als Mittel gegen die Lungenseuche der Schweine angewendet (nach persönlicher Mitteilung des Herrn Schulrates Steiner). III. Technische Verwertung der Flechten. Es mögen hier vorweg die Nutzanwendungen verschiedener Flechten genannt werden, welche von minderem Belang sind. '1 Ehedem wurde sie auch gegen Wechselfieber ange- vendct (Müller und Cazin). -) Auch als Fiebermittel und Adstringens. F. N. VIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 Linne erzählt, daß die Kauern in Smaland (Schweden) Hellen eandelariiis (Xanthoria Can delarid) gepulvert zu Talglichtern mischen, um sie gelb zu färben und sie den an Festtagen ver- wendeten Wachskerzen ähnlich zu machen. Nach Gmelin (Sibir. Reise III, p. 426) wird in Sibirien in einem Kloster Stieta pulnionaria statt des Hopfens zum Hierbrauen verwendet. Es finden sich Angaben, daß dieselbe Flechte ge- legentlich auch zum Gerben Verwendung fand. findet in der Parfumerie vielfach Anwendung, da sie (jerüche aufsaugt und festhält. Weitaus wichtiger als die genannten, nur ge- legentlichen Verwendungen ist die F~abrikation von .Alkohol aus Flechten. Es wird zu diesem Zwecke besonders Cladonia nrngi/'eriiia [V\g. 3, 4), minder häufig auch Cetraria islaiidica (Fig. i, 2) verwendet. Das Verfahren dieser Alkoholgewinnung wurde etwa 1826 in Frankreich von Roy entdeckt, aber Nutzbare Flechten I. ( i'hotograpliie von J. Brunnthaler. ) Fig. I. Cetraria islanitica, steril (aus Böhmen). — 2. ('. islaiidica var. plafi/loha, mit Apothecien (Böhmerwald). — 3. Cladonia rangiferinu var. spongiosa Mort., ist eine auf der Tundra häufige Form |^j illand, Igt. Mortensenl. — 4. Cladonia rantjif-rina t. vulgaris, mit .Apothecien. — 5. Gyro/ihora cißindrica, mit .Apoth. | Böhmen). — 6. Dieselbe, von der Unterseite. — 7. Gi/ropliora esculenia, IJberseite (Japan, Orig.-lix. von Miyoshi). — 8. Dieselbe, Unterseite. — g. Alectoria sutcata (Japan, Niklung ist mit Alkalien violett, mit Säuren schön rot. 2. Das Cudbear (so in England genannt) oder der Persio (in Deutschland) ist ein rot- violettes Pulver, bestehend aus der getrockneten und zerriebenen Orseille. Dieser Stoff wird auch ,, roter Indigo" genannt und besonders in Kanada, England und Schottland erzeugt. Der Orseilleextrakt kommt in verschie- denen Formen in den Handel als: ,, einfach". Nutzbare Flechten II. (Photographie von J. B r u n n t h al e r.) Fig. 14. Roccella phj/copsis, mit Soredien (Nrapel, Camaldoli). — 15- ß- phycopsis, mit Sor.dien (Madeira, Igt. J. Born- müller). — i6. Ä. .Vuntiigiiei (hus M.idajjaskarJ. — 17. Ochrulechia tartarea, mit Apothecien (^Schweden, Öt', Risinge). — 18. 0. tartarea, sterile Krusie (Schweden, Södermanland). — 19. Pertusaria amara (Aus Korfu). — 20. C'hlorea vvlpina, mit Apoihec. (Tirol, Windisch -Matrei). — 21. Iloccella hypomecha (Teneriff--, Igt. Hory). — 22. R. ßicifurmis (Ma.li-iia. Igt. J. Born- müller). — 23. DenJrographa leucophaea, mit Apoihec (Kalifornien, Igt. H. \V i 1 1 e y). — 24. Perittsaria tlealhala var. laevigata (Bei Heidelberg, Igt. Zwackh). — 25. l'mbilicaria pustulata, mit Apothec. (.•\us Nied. -Österreich). Weise. ') Die Flechten werden gekocht unter Zusatz von 2 — 3 kg Kalk auf 100 kg Flechten. Der Saft wird etwas eingedickt, die Flechten- masse gereinigt und in 3 m langen Kesseln (die man ,,barques" nennt) mit einem Teile des Saftes und .Ammoniak (oder Gaswasser) täglich 3 — 4 mal umgerührt, indem man die Temperatur auf 25 — 30" C erhält, nach 2 — 3 Monaten ist das Produkt fertig. Dieses ist eine teigige Masse von dunkelrotvioletter Farbe, die unter dem Mikroskop ') Verfahren der Fabrik Lucien, Picard & Co. ,, doppelt", „konzentriert", und als ,,Orseille- karmin". Er wird aus dem ausgekochten Safte der H'lechten (siehe bei Orseille) bereitet durch Zusatz von Ammoniak und unter Durchlüftung unter einer konstanten Temperatur von 25 — 30" C. 4. Der französische Purpur (pourpre frangaise, pourpre de Guinon) ist eine sehr schöne rotviolette Farbe, deren komplizierte Herstellung Persoz ausführlich mitteilt. Es ist im wesentlichen eine ammoniakalische Orzein- lösung, gefällt mit Chlorkalcium. 5. Der Lackmus ist eine holländische Er- 70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vm. Nr. 5 findung; er wird aus RocccUa oder Ochrolechia tartarea (Fig. 17, 18) hergestellt, ähnlich wie die Orseille, aber durch sehr lange Gärung unter Anwendung von Kalk oder Pottasche u. Ammoniak. Es ist im freien Zustande rot, seine Salze sind blau. Mit Gips oder Kreide gemischt, kommt er in Stücken oder Täfelchen in den Handel, wird aber nur mehr als Reagens, zum Färben der Wäsche und des Weines verwendet. Er wird in Holland, Frankreich und einigen Orten West- deutschlands hergotellt. Die ,,Parelle" ist eine Orseille aus Ochro- lechia parella, die nicht mehr in den Handel kommt. Obwohl man schon lange praktische Methoden zur Bereitung der Farbstoffe kannte, war über deren Entstehung wi>senschaftlich nichts be- kannt; man wußte nur, daß die F'lechten selbst keinen gefärbten Stoff enthalten, sondern daß dieser erst durch gewisse Behandlung derselben entstehe. Angebahnt wurde die wissenschaftliche Er- kenntnis dieser Vorgänge durch die Entdeckung, daß die Orseille durch Umwandlung bestimmter in der Flechte enthaltenen Stoffe entstanden sei, die auch isoliert wurden, wobei aber leider wenig Rücksicht genommen wurde auf sichere Bestimmung des untersuchten Materiales, wodurch diese Re- sultate nahezu wertlos wurden. Rob'iquet entdeckte 1829 das Orcin in Pertiisaria dcalbata, welches sich unter Einfluß von Licht, Wasser und Ammoniak in Orseille umwandelt. 1830 entdeckte Heeren andere chromogene Substanzen: das Erythrin, Pseudo- erythrin und die Roccellsäure. Schunck entdeckt 1847 die Lecanorsäure (C"'H'''0') und nennt das Erythrin passender: Erylhrinsäure (C' H'-O'") ') Wir wissen jetzt, daß die in den Färbeflechten, verschiedene Flechtensäuren enthalten: Erylhrinsäure, Lecanors., Parells., Roccells. usw., die farblos und meist Körper aus der Benzolreihe sind. -; Durch Alkalien werden sie gespalten in Kohlensäure und Orcin (C'H^O^), einen farblosen, in Wasser löblichen Körper, welcher mit Sauerstoff und Ammoniak das Orcein (C'H'NO'') gibt, einen braunen, amorphen Körper, in Alkalien und Alkohol lös- lich und violett werdend. Das Orcein ist der wesentliche Bestandteil der Orseille, das nahe verwandte braunrote Azolitmin (C'H'NO') ist der wesentliche Bestandteil des Lackmus. Über den wichtigen Prozeß der Entstehung des Orcei'ns (resp. der Orseille) sind drei ver- schiedene .Ansichten aufgetaucht. I. Amoreux (1787), Robiquet (1829) erblicken darin einen rein chemischen Prozeß. Das Orcin soll ') Eine Methode zur Herstellung reinen Erythrins gibt Ronceray, Contrih. ä l'etude des Lichens a Orseille. 1904. ^) Nach Ronceray (1. c. 1904) sind die i'lechtensäurcn Ausscheidungsprodukte des Flechtenpilzes; sie finden sich aus- kristallisiert äußerlich an den Hyphen. unter Einwirkung von Luft, Wasser und Ammoniak ohne jedwede Fermentation Orcein geben. 2. Nach Czapek, Über Orseillegärung (in Centn f Bakter. 1898) geschieht dies nur unter Einwirkung eines Mikroben (eines Bacillus, ähnlich dem B. subtilis), der von ihm auch rein gezüchtet wurde. Derselbe entstammt dem zur Bereitung verwen- deten faulen Urin.') 3. Ronceray (1. c. 1904) betont, daß Czapek dabei das in den Flechten enthaltene freie Orcin nicht berücksichtigt habe und daß Cz. selbst an- gibt, daß mit Chlorofoi mzusatz dennoch eine Violettfärbung (wenn auch verlangsamt) eintritt. Ronceray weist nach, daß bei der Orseille- bildung eine Mikrobe nicht unbedingt mittätig sein müsse, daß aber dieselbe auch sicher nicht ein rein chemischer Prozeß sei, sondern auf der Wirkung einer in der Flechte enthaltenen Diastase beruhe. Solches wurde schon früher von Du- claux vermutet (Traite de microbiologie 1901). Handelssorten. Orseille nennt man nicht nur den F'arbstoff, sondern im Handel wird auch das Rohprodukt, die Farbstoff liefernden Flechten selbst, mit diesem Namen bezeichnet. Seit langer Zeit unterscheidet man im Handel zwei Hauptsorten von Flechtenwaare : Die eine ist die Orseille de terra (oder Or. de monta- gne), durchwegs dorsiventral gebaute Flechten, zumeist Krustenfiechten. Pertiisaria dcalbata Nyl. var. variolaria liefert die ,,Ors. der Pyrenaeen, Alpen und Sevennen" '-) (vgl. Fig 24). Lccauora (Ochrolechia) tartarea Ach. (Fig. 17, 18) wird in Schweden (und Kanada) zu Persio ver- arbeitet. Sie ist die „Ors. de Suede". '') Umbilicaria pjistnlata DC. (Fig. 25) bildet den Hauptbestandteil der ,,Ors. de Norwege". In Schweden sollen auch Eveniia, Parmelia, Gyropliora vellea u. a. zum Färben verwendet werden. Die Orseille de terre war einst von großer Wichtigkeit; gegenwärtig spielt sie keine nennenswerte Rolle. Von wirklicher Bedeutung in der Farbenindustrie ist nur noch die zweite Hauptsorte: Orseille de mer oder Ors. de herbe (auch ,,Orchal" genannt). Sie besteht fast ausschließlich aus Roccella- Arten, ansehnlichen Strauchflechten, zumeist Felsen der wärmeren Meeresstrände bewohnend. Im Laufe der Zeit kamen über ein Dutzend Sorten von Orseille de mer in den Handel, die nach dem ') Czapek faßt die Orseillegärung als einen Entgiftungs- Ijrozeß auf. Der Bacillus spaltet aus den Flechtensäuren das für ihn giftige Orcin ab, das Orcein ist für ihn unschädlich. -') Nach F. Henneguy, Les Lichens utiles, (Paris 1883) soll aber Ptrtusaiia dealbata an und für sich wertlos sein, ebenso wie andere Flechtenarten, die als Gemisch in dieser Orseille vorkommen. Sie verdanke ihre Anwendung als Farb- stoff geringen Mengen von beigemischter Lecanoia. ^) In Schweden wird daraus auch eine braune Farbe hergestellt, die dort „Boeltelet" heißt. N. F. VIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 71 Ursprungslande oder Stapelplatze benannt waren, wie z. B. „Orseilie des Canaries", ,,Ors. de Moga- dor", „Ors. de Valparaiso", „Ors. de Manille" usw. Diese Sorten enthielten nur selten eine einzige Spezies, meistens Gemische von mehreren, was ja auch natürlich ist, da oft mehrere von den habituell nur schwer unterscheidbaren Arten ge- meinsam wachsen. Systematisch wurden die Arten von Roccella erst gründlich festgelegt in Darbishires, Monographia Roccellarum (in Bibl. botan. 1898), weswegen ältere Angaben über die Zusammensetzung der Sorten der Orseilie de mar ganz unsicher sind. Von den 17 Spezies der genannten Mono- graphie wurden, soweit dies aus der Literatur hervorgeht, folgende als Orseilie verwendet: 1. Roccella fiiciformis (L.) DC. — Küsten des Mittelmeers, des atlant. Ozeans von England bis Senegal und Kongo, auch auf den atlantischen Inseln. — Steinbewohnend (Fig. 22). 2. R. tinctoria DC. — Wie vorige, aber bis zum Kap und auf Socotra und Neuseeland. — Steinbewohnend. 3. A'. phycopsis Ach. — Verbreitet wie die vorigen, aber weniger weit südlich an der atlant. Küste; ist aber auch aus Madagaskar, Australien und Neu-Kaledonien bekannt. — Steinbewohnend. (Fig. 14, 15)- 4. R- hypoiHccha Ach. — Cap der Guten Hoff- nung, Kanaren (Fig. 21). 5. R. portentosa Mont. — Chile und Peru. — Steinbewohnend. 6. R.perucnsis Kremplh. — Kalifornien bis Chile und auf St. Domingo. — Holzbewohnend. 7. R. difficilis Darbish. — Vielleicht nur stein- bewohnende Form der vorigen; auch in Brasilien. 8. R. canaricnsis Darbish. — Kanarische Inseln. Steinbewohnend. 9. A'. Montagnei Bei. — Trop. Afrika, Ost- Indien, Ceylon, Ind. Archipel, China, Philippinen. — Kommt auch im Binnenlande vor. — Holz- bewohnend (Fig. 16). 10. DendrcgrapJia Icucopliaea Darbish. — Habituell der Roccella fucifonnis ganz ähnlich und früher mit ihr verwechselt. Wächst an Steinen und Bäumen (Fig. 23). Nach der Angabe von R o n ceray (1904), die sich auf Mitteilungen eines Großhändlers in Orseilie stützt, kommen gegenwärtig im Handel nur noch folgende 4 Handelssorten in Betracht : 1. „Orseilie de Mozambique". 2. ,,Ors. de Madagascar" beide bestehend aus Rocc. Montagnei. 3. „Ors. du Cap. Vert", angeblich aus A'. tinctoria (wohl aber auch aus R. fiiciformis, R. canariensis .- und R phycopsis .-). 4. „Ors. de Californie", bestehend aus Dendro- grapha leucopliaea. In letzter Zeit soll noch eine Sorte als „Orseilie des colonies" in den Handel kommen, die aus einem Gemisch von Usnea Arten besteht. (Eine Probe enthielt U. plicata F>. und U. angu- lata Ach.) — Erstere ist nahezu kosmopolitisch, letztere in Nord- und Südamerika, Madagaskar, Tasmanien, Neu -Seeland. Ich will mit zwei statistischen Daten schließen, welche ein beredtes Zeugnis abgeben von der Wichtigkeit der Farbflechten und ihrer Produkte im Welthandel. 1881 wurden in Frankreich im- portiert an F^arbflechten 1486677 kg im Werte von 2004793 F"r., im selben Jahre wurden ex- portiert aus Frankreich an Flechtenfarbstoffen I 018931 kg. Anhang, betreffend die Literatur über den Nutzen der Flechten. Es liegt mir ferne, an dieser Stelle alle die Werke und Abhandlungen aufzuzählen, welche sich mit unserem Gegen- stande befaßt haben. l-ür den Zeitraum von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1870 exi-tieit übrigens bereits eine solche (nahezu vollständige) Zusamnien-tellung, auf die ich hier verweisen kann, da sich das betreffende wertvolle Werk in jeder grödren Bibliothek findet; es ist: A. v. Krerapel- huber, Geschichte und Literatur der Lichen P- 202 — 217. Teesdale, M. 1., The ,, Manna" of the Israelites, Science- Gossip 1897, P- 229 — 232, with 5 fig. Wagner et Gauti er, Nouveau Traite de chimie industriel II, Paris 1879. Wiesner, Die Rohstoffe des Pflanzenreiches, 11. Aufl., Flechten von Fr. Krasser, I. Bd., p. 664 — 673, 1900. — , Mikroskopische Unt<'rsuchung alter ostturkestanischer und anderer asiatischer Papiere, Denkschr. d. kais. ,\kad. d. Wiss. Wien, LX.XII, 1902, p. 583 — 632. Enthält den Nachweis, daß F'lechten bei der Herstellung alter indischer Papiere verwendet wurden. Zopf, Über den Nutzen der Flechten, Die Natur 1S96, p. 185 — 187. Sammelreferate und Übersichten über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. Neues aus der Astronomie. Eine neue Auffassung der Sonnen Corona glaubt R. W. Wood auf Grund der von ihm experimentell festgestellten Emission polarisierten [Jchts seitens fluoreszierender Gase verfechten zu können. Das Licht der Corona ist bis auf etwa 1 1 "/,, in radialer Richtung polarisiert, zeigt dabei ein kontinuier- liches Spektrum mit einigen hellen Linien, vor allem der grünen Coroniumiinie (^=5303), und gibt am Bolometer keine auf Wärmestrahlung deutende Ausschläge. Gerade dieses Felilen der Wärmestrahlung ist nicht gut mit der meist ge- machten Annahme vereinbar, daß das kontinuier- liche Spektrum von weißglühenden, festen Teil- chen herrühre. Dagegen bietet sich nach Wood's Experimenten der Auffassung keine Schwierigkeit, daß die Corona aus gemischten Metalldämpfen bestehe, die unter dem Einfluß der Sonnenstrahlung fluoreszieren. Die hellen Coronalinien könnten einfacli Fluoreszenzlinien bekannter Elemente sein, denn beim Natrium besteht, wie Wood gleichfalls nachgewiesen, keinerlei Beziehung zwischen den Fluoreszenzlinien und den auf andere Weise er- regten, bisher bekannten Linien. (Phys. Zeitschr. vom 15. September 1908.) Die Aufnahme von Wass erst o f f wol k e n (sog. Flocculi) in der Soniienatmosphäre erfolgte bisher zumeist im Lichte der Linie Hj- Neuerdings konnten solche Gebilde jedoch unter Anwendung farbenempfindlicher Platten durch Haie auf Mt. Wilson auch mit Hilfe der roten H„ - Linie photographiert werden, wobei sich be- merkenswerte Unterschiede gegen Bilder, die im H,i - Licht aufgenommen waren, ergaben. Vor allem zeigen sich am Sonnenrande die Protube- ranzen im H„-Licht weit ausgedehnter, ja selbst auf die Scheibe projizierte Protuberanzen wurden in diesem Lichte abgebildet. Die Aufnahmen machen den Eindruck ausgedehnter Wirbel, wie sie von der Fleckentheorie Faye's bereits seit langer Zeit angenommen wurden. Da die H„- Wolken auch ein anderes Rotationsgesetz befolgen, wie die vermutlich tiefer liegenden H<) -Flocculi, so wären solche Wirbel auch nach der Helmholtz- schen Luftwogentheorie an der Grenze ungleich bewegter Schichten der Sonnenatmosphäre leicht erklärbar. Gerade die Entstehung von Wirbeln aus Luftwogen ist von Emden kürzlich näher untersucht worden. Es scheint, daß diese theo- retischen Entwicklungen durch die Fortschritte in der Photographie der Flocculi eine treffliche Bestätigung finden. - Besonders die im September- heft (1908) des Astrophysical Journal reprodu- zierten Aufnahmen zeigen die Wasserstoffwirbel N. F. Vm. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 73 sehr deutlich. Durch Aufnahmen, die in kurzen Gestalt von Protuberanzen wieder zu erscheinen. Intervallen aufeinander folgten, konnte direkt ver- Die Geschwindigkeit dieser ,, Stürme" in der folgt werden, wie die Wasserstoffmassen der Sonnenatmosphäre erreichte Werte von mehr als . s ^\ ^ - ^^^^ " XX ^■ü^^-^ X' ,v ~ . ^^ xx^\^ f^^Hb^V N \x, .^ ^^■1 -xS> > ~ X . ^ X . X ^ XX v^ ^%\ X ■ ' ^^^^^^^^^^Bk^— ^ X ' , \ ^^^^^^^^Bi ^ \ \ X ^^^^^m-^ :....V \ ^^^^^^^^^^^^^Rk \ ^^^^^^^^^^^^K' -■^v^.^t: 9Hk^'^^ ^^9^ ' ' "v \ , x\ \ *^ "• , : ^^^t-jT \ -^ \\ A^ ' 1^ - ' . .^' "\ V X "^ ■ -^ > "- \ X ' Der Komet Morchouse (1908 c) am 30. September 1908, um 14'' 22™ Cal. Z. Expositionsdauer i''50ii 1 cm = 0,24°. X^ X \ . • Vj^^N^ --^^ ;xn:^^So^ x:i: N .x^\\. -:s ^ -■^^s^^nSv. ^ \. ,\x- \ V ^ : ^^ , \ \- V\ ^^\' ^X-. Der Komet Morehouse (1908c) am 1. Olttober igoS um I,V'43"i Cal. Z Expositionsdauer 2'' I cm ^= 0,24". Sonnenatmosphäre von den hlecken angezogen und sozusagen verschlungen werden, um gelegent- lich später in der Umgebung der Flecken in 100 km in der Sekunde. IVIerkwürdig ist dabei, daß nur größere Wolken nach den Flecken hin strömen, während die kleineren, vermutlich weil 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII Nr. 5 sie in einem anderen Niveau schweben, wohl auch durch ihr Aussehen Strömungen andeuten, aber keine so schnell erkennbaren Positionsänderungen zeigten. Ihre Bewegung muß also eine wesent- lich langsamere sein. Aus Spektralaufnahmen von Sonnenflecken, welche Haie unter Vorschaltung eines Fresnel- schen Rhombus und eines Nicol'schen Prismas in verschiedenen Stellungen des letzteren aufgenom- men, zeigten sich in den verbreiterten und ver- doppelten Linien gewisse Intensitätsunterschiede, die nach Zeemann fast mit Sicherheit anzeigen, daß es sich hier um die ersten kosmischen Fest- stellungen des Zeeman n - Effekt s, d. h. des Einflusses starker magnetischer Kraft auf die Licht- schwingungen handelt. Die Sonnenflecken sind danach, wie ja auch ihr Einfluß auf den Erdmag- netismus erwarten ließ, starke magnetische Kraft- felder, deren Kraftlinien auf der Sonnenoberfläche nahezu senkrecht stehen. (Nature vom 20. August 1908.) Näheres hierüber teilte Zeemann auf der Kölner Naturforscherversammlung mit. Während man früher die verdoppelten Linien im Sonnen- fleckenspektrum für durch Druck verbreiterte dunkle Linien hielt, die von einer feinen, hellen Emissionslinie überlagert und so nur scheinbar in zwei Teile geteilt werden, ist durch Hale's neueste Feststellungen erwiesen worden, daß es sich hier in der Tat um einen von der Natur im größten Maßstabe hervorgerufenen Zeemann-Effekt handelt. Der Longitudinal-Zeemann-Effekt, d. h. die Beein- flussung der Lichtschwingungen bei Betrachtung in der Richtung der Kraftlinien, besteht in der Zerteilung einer Linie in zwei entgegengesetzt zirkulär polarisierte Komponenten. Ist aber das magnetische Feld nicht gleichförmig oder die Lichtquelle nicht homogen, so zeigen nur die Ränder der verbreiterten Linie die Zirkularpolari- sation. Haie konnte nun die Zirkularpolarisation an den Linien 6302,7 und 6363,1 im Flecken- spektrum vortrefflich nachweisen. Die Linien zeigen sich je nach der Stellung des vorgeschal- teten Nicol bald nach rechts, bald nach links ver- breitert, während dicht dabei liegende atmosphä- rische Linien keinerlei derartige Deformation auf- weisen. Zeemann hat die betreffenden Aufnahmen in Köln vorgezeigt und in der physikalischen Zeitschrift vom 15. November 1908 veröft'entlicht. Nach der neuesten Veröft'entlichung (Astrophys. Journal, November 1908) hat Haie die Sicherheit der hier wiedergegebenen Auffassung noch da- durch wesentlich erhöhen können, daß er bei entgegengesetzten Rotationsrichtungen der Sonnen- wirbel auch umgekehrt gerichtete magnetische Felder nachweisen konnte, wie man nach den Beobachtungen an Solenoiden erwarten mußte. Auch gelang es bereits, nahe dem Sonneiirande lineare Polarisation in den Sonnenflecken nachzu- weisen, also auch den TransversalZeemann-Effekt (quer zu den Kraftlinien) zu beobachten. Die Stärke des magnetischen Feldes, auf das diese P"or- schungen schließen lassen, beträgt etwa 3000 Gauß. Eine erhebliche Förderung haben Hale's Sonnen- forschungen durch ein neues, auf Mount Wilson aufgestelltes Instrument, das Turm-Teleskop, erfahren, das nunmehr neben dem Snow-Teleskop den spektrographischen Forschungen dient. Auf einem 65 P'uß hohen Stahlgerüstturm ist ein mit zwei sehr dicken (30 cm) Spiegeln versehener Coelostat montiert, der die Sonnenstrahlen im Innern des Turmes durch ein Objektivglas von 30 cm Öffnung und 18 m Brennweite vertikal nach unten sendet. Am Grunde des Turmes be- findet sich der Spalt eines Spektrographen Littrow- scher Konstruktion und durch diesen fällt das Licht in eine 9 m tiefe Untergrundkammer ein, in deren Grunde das Kollimationsobjektiv und darunter ein Rowland'sches Gitter angeordnet sind, von dem das in ein Spektrum aufgelöste Licht wieder heraufreflektiert wird, um hier die photo- graphische Platte zu erreichen. Diese neue, durch Beihilfen Carnegies ermöglichte Konstruktion hat den Zweck, Störungen in der Bildschärfe zu ver- meiden, die bei dünneren Spiegeln durch Gestalt- änderungen infolge der Erwärmung auftreten, und die andererseits bei horizontalem Strahlengang durch vertikale Luftströmungen entstehen. In der Tat sind mit dem Turm-Teleskop bereits ausge- zeiclnnete Erfolge erzielt worden sowohl hinsicht- lich der Fleckenspektra, als auch in bezug auf die Rotationsbestimmungen aus der Ver-chiebung der Wasserstofflinien. Während das Snow-Teleskop nur etwa eine Stunde lang bei niedrigem Sonnen- stande benutzbar ist, kann das Turm -Teleskop fast den ganzen Tag über mit gutem Erfolge ge- braucht werden. Prof. M a r t u s hat seine Studien über die Mondkrater, über die wir Seite 294 des vorigen Jahrgangs berichteten, unter Benutzung der Pariser photographischen Mondaufnahmen fortgesetzt (Weltall, 8. Jahrg., Heft 21—24, 9. Jahrg., Heft i u. f.). Die Grundrisse einiger Ringgebirge wurden nach einem einfachen Verfahren ermittelt, wobei sich wiederum, besonders bei größeren Kraterlöchern in der Umgebung von Ringgebirgen, die nach dem Mondrande zu langgestreckte Form einzelner dieser Krater herausstellte, namentlich in hohen nördlichen und südlichen Breiten. Das früher aus Neison's Mondkarten abgeleite Ergebnis wurde also durch die Ausmessung der Photographien im ganzen bestätigt, wenn auch, wie zu erwarten war, erhebliche Ungenauigkeiten der Zeichnungen zu- tage traten. Der Betrag der Abweichung der Mondkrater von der Kreisform ist in Wahrheit erheblich geringer , als nach den Neison'schen Zeichnungen gefunden war. Demnach hält M. an der Aufsturztheorie fest. Aus den Mondphoto- graphien konnte auch die Ortsveränderung der Erde am Himmel des Mondes ermittelt werden. Für einen Beobachter auf dem Monde würde die Erde während jedes Monats eine länglich runde, breit liegende Bahn von 13 — 15 Grad Durchmesser im Sinne der Uhrzeigerbewegung beschreiben. Die mögliche Breite des Nebelringes, aus dem N. F. VIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 unser Mond hervorging, dürfte nach den Rech- nungen von Martus weniger als 12 Erdhalbmcsser betragen haben. Im Anscliluß an diese Betrach- tungen wurden auch die Salurnringe , sowie die Monde Saturns und Jupiters rechnerisch unter- sucht. Martus kommt dabei zu dem Ergebnis, daß die große Anziehungskraft des Saturn das Aufrollen seiner Ringe zu Trabanten verhindert, da die einzelnen Ringteilchen infolge der großen Saturnnähe sehr erhebliche Geschwindigkeitsunter- schiede aufweisen müssen und daher einander nicht lange genug nahe bleiben, um sich vereinigen zu können. Vm den Marsmond Phobos und die vier seit 1892 entdeckten Jupitermonde hält Martus die Entstehung aus Dunstringen für unmöglich, da hier die Geschwindigkeitsunterschiede noch größer als in den Saturnringen sein müssen. Diese Trabanten müssen demnach als eingefangene Planetoiden angesehen werden, während der Mars- mond Deinios noch aus einem Ringe hervorge- gangen sein kann. Der Komet Morehouse (1908c) war eine der hellsten Erscheinungen der letzten Jahre und konnte bei der hohen, nördlichen Deklination im Oktober und November in unseren Gegenden zeitweilig mit bloßem .Auge wahrgenommen wer- den. Besonders intensiv war die Wirkung des Kometenlichtes auf die photographische Platte, so daß eine große Reihe schöner Photographien gewonnen werden konnten. Barnard hatte bis zum 26. Oktober bereits 190 Aufnahmen gemacht, über die er im Novemberheft des Astrophysical Journal berichtete. Durch diese Aufnahmen sind sehr schnell sich vollziehende, wesentliche Ver- änderungen im Aussehen des Kometen festgehalten worden. Die stärkste Änderung ereignete sich zwischen dem 30. September und i. Oktober und wird durch die hier wiedergegebenen Bilder ver- anschaulicht. .Am 30. September wurde eine un- gewöhnlich hell leuchtende Materie vom Kopf ausgeschleudert, die am darauffolgenden 1 age nur noch in sehr aufgelöstem Zustande weitab vom Kopfe im Schweif zu erkennen ist. Dicht am Kopf zeigt der Schweif am i. Oktober deutlich eine Zerspaltung in mehrere, unter verschiedenen Winkeln ausströmende Strahlen. Barnard hat in beiden Nächten mehrere .Aufnahmen gemacht, und wenn diese noch durch europäische, in die Zwischenzeit fallende Aufnahmen ergänzt werden könnten, würde man alle Stadien der großen Ver- änderung scharf verfolgen können. Spätere Auf- nahmen desselben Kometen, über die Barnard im Dezemberheft des Astrophys. Journal berichtet, zeigten nochmals am 15. Oktober ein explosions- artiges Anschleudern von .Schweifmaterie, die sich bis zum 16. mit der gleichbleibenden Geschwin- digkeit von 3,3' pro Stunde vom Kopf entfernte. Im ganzen hatten bei diesem Kometen die Kräfte, welche die Bewegung der Schweifteilchen be- stimmten, ihren Sitz mehr im Kometen selbst und nicht, wie es die verschiedenen Theorien annehmen, in der Sonne. Eine in kurzen Zeitintervallen sich wiederholende Pulsation der Helligkeit des Kopfes glaubt Barnard mit dem A\ige übrigens sowohl bei diesem wie bei dem Daniel'schen Kometen mit Sicherheit beobachtet zu haben. — Die photo- graphisch besonders hohe Wirksamkeit des Lichtes von Komet Morehouse spricht sich auch darin aus, daß am 5. November der dem Auge infolge des Mondlichts völlig unsichtbare Schweif gleich- wohl in einer Ausdehnung von 8 — 9 Grad photo- graphiert werden konnte. Eine umfassende spektrographische Durch- musterung des Himmels in bezug auf radiale Geschwindigkeiten ist in den Jahren 1903 bis 1907 in Bonn durch F. Küstner und Zur hellen für die Sterne des zweiten und dritten Spektraltypus bis herab zur vierten Größen- klasse ausgeführt worden. Die Geschwindigkeits- werte, die aus der Verschiebung der Spektrallinien im Vergleich mit einem mitphotographierten Eisenspektrum sich ergaben, finden sich im Juni- heft des Astrophysical Journal veröffentlicht. Unter den 99 Sternen, die in Bonn beobachtet wurden, befinden sich 15, von denen bereits die Veränder- lichkeit der Geschwindigkeit bekannt war und drei weitere (d Tauri, i Bootis und ,» Pegasi), bei denen eine solche Veränderlichkeit auf Grund der Bonner Bestimmungen vermutet werden muß. Der wahrscheinliche Fehler des aus einer Platte sich ergebenden Geschwindigkeitswertes beträgt + 0,64 km , die Messungen zeichnen sich also durch eine hohe Genauigkeit aus. Die Bahnelemente des Algol haben durch Curtiss auf Grund der bis jetzt vorliegen- den Messungen der radialen Geschwindigkeit die- ses Sterns eine erneute Behandlung erfahren, durch welche festgestellt wurde, daß Algol samt seinem dunklen Begleiter sich auf einer Bahn von nicht weniger als 89 Millionen Kilometer Radius in 1,9 Jahren um einen dritten, ebenfalls nicht sichtbaren Stern bewegt. Die radialen Geschwin- digkeiten zeigen nämlich eine entsprechende periodische Schwankung (Amplitude 9,4 km). Es ist zu vermuten, daß die gegenseitigen Anziehungen zwischen den drei das Algol-System zusammen- setzenden Himmelskörpern alle Abweichungen erklären , welche die Beobachtungen der Minima gegen die Vorausberechnung zeigen, der die An- nahme einer einfachen Doppelsternbahn zugrunde liegt. (Astrophys. Journal, September 1908.) Auf dem Gebiete der Himmelsphotogra- phie wird besonders eifrig am Harvard-Obser- vatorium unter Pickering's Leitung gearbeitet. Man hat hier in Verbindung mit der peruanischen Filiale zu Arequipa kürzlich eine Aufnahme des gesamten Himmels auf nur 55 Platten vollendet, die sich durch einen außerordentlichen Reichtum an Sternen (vielfach bis herab zur 12. Größe) aus- zeichnet und sich namentlich für das Studium der veränderlichen und neuen Sterne sehr nutzbringend erweisen wird , zumal Glasnegativkopien käuflich abgegeben werden. Exakte Positionsbestimmungen lassen dagegen diese Platten bei der Ausdehnung 1^ Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 5 des auf einer jeden abgebildeten Himmelsgebietes graphischen Himmelskarte (vgl. Naturw. Wochen- naturgemäß nicht zu, wie ja auch gar nicht be- Schrift Bd. 5, S. 753 f-) irgendwie Konkurrenz zu absichtigt war, der großen, internationalen photo- machen. Kleinere Mitteilungen. Die Sinnesempfindungen des Amphioxus untersucht G. H. Parker in einer ausführlichen Arbeit (Proceedings of the .American Academy of Arts and Sciences, Vol. XLIII, 1908). Das Material bestand aus Branchiostoma caribaeum Sunde- vall, einer westindischen Art, die unserem B. lanceolatum nahe verwandt ist. Die erwähnte Art kam in der Nähe der Bermuda Biological Station sehr häufig vor. Es konnten daher täg- lich frische Exemplare beschafft werden, die sich mehrere Tage im Aquarium hielten. Parker untersuchte die Wirkungen von Licht, Hitze, me- chanischen und chemischen Reizen auf die Tiere. Durch verschiedene Beobachter (wie Willey, Nagel und Hesse), war angegeben worden, daß Amphioxus sehr empfindlich gegen Licht sei. Wenn nämlich Licht plötzlich in das Aquarium fällt, so schwimmen alle Exemplare wild durch- einander. Parker konnte durch sorgfältiges Ex- perimentieren feststellen, daß diese Erscheinung nicht auf das Licht direkt zurückzuführen ist. Durch das Licht veranlaßt, schwammen nur einige Tiere umher; durch Berührung reizten sie ihre Nachbarn, so daß auch diese unruhig umher- schwammen. Das erregte Schwimmen ist also mehr durch den Reiz der Berührung, als durch den Einfluß des Lichtes veranlaßt. Amphioxus ist also nach Parker nur wenig gegen Licht empfindlich. Eine Veränderung des Verhaltens der Tiere konnte nie bei einer plötzlichen Ab- nahme des Lichts beobachtet werden, aber immer bei einer schnellen Steigerung. Man hat sich seit langem über die Organe der Lichtempfindung bei Amphioxus gestritten. So wurde der ansehnhche Pigmentfleck am Vorder- ende des Nervenrohrs von joh. Müller, Retzius u. a. für ein primitives Auge gehalten. Hesse glaubte, daß das Licht durch zwei seillich liegende Gruppen von Integumentzellen am Vorderende des Tieres aufgenommen würde. Nüßlin war der Meinung, daß das Vorderende der Rücken- flosse lichtempfindlich wäre, während Nagel diese Eigenschaft der gesamten Haut zuschrieb. Hesse vertrat dagegen die Ansicht, daß die zahlreichen kleinen Pigmentflecken des Rückenmarks einfache Augen wären, die man mit denen der Planarien vergleichen könne. Durch verschiedene Experi- mente, besonders durch Exstirpation des einen oder anderen Organs wurde Parker zur Bestäti- gung der Hesse 'sehen Theorie geführt. Es dürften demnach wohl die „Rückenmarksaugen" die wirklichen Aufnahmeorgane des Lichtes dar- stellen. Der Teil des Körpers von Amphioxus, der durch Licht gereizt werden kann, breitet sich von einem Punkte etwas hinter dem Vorderende bis zur Schwanzspitze aus. Wie W. Müller schon 1874 gezeigt hat, ist Branchiostoma lanceolatum negativ phototropisch; die gleiche Eigenschaft zeigt auch B. caribaeum. Amphio-xus schwimmt also von einer Lichtquelle weg. Da er sich bei Belichtung bewegt und erst in dunklen Gebieten ruht, bezeichnet man ihn als photokinetisch (photodynamisch). Einige Beobachter haben gemeint, der Amphi- oxus grabe sich so in den Sand ein , daß das Hinterende hervorrage. Man hat aber gefunden, daß dies nicht der Fall ist, sondern daß das Vorder- ende frei hervorsteht. Auch dieses wird bei Be- lichtung noch eingezogen, eine Wirkung, die wahr- scheinlich auf die vordersten Rückenmarksaugen zurückzuführen ist. Es ist aber eine irrtümliche Meinung, daß der Amphioxus nur am Tage in den Sand eingegraben sei und eine näclnliche Lebensweise führe. Parker konnte beobachten, daß die Tiere auch während der Dunkelheit in ihrer Lage im Sande verharren. Wahrscheinlich verändert Branchiostoma caribaeum seinen Wohn- platz nur, wenn es dazu gezwungen wird. Parker untersuchte ferner den Einfluß der Hitze auf Amphioxus. Das Seewasser, in wel- chem die Tiere lebten, hatte eine Temperatur von 31" C. Dieser Wärmegrad wurde als der normale angenommen. Schon bei 40" C starben die Tiere. Durch längeren Aufenthalt in Wasser von 4" C werden die Tiere ebenfalls getötet. Von Gebieten warmen Wassers schwimmt Amphioxus hinweg; er gehört also zu den negativ thermo- tropischen Tieren. Wie schon oben dargelegt ist , beruht die augenblickliche große Empfindlichkeit des Amphi- oxus gegen Licht hauptsächlich auf der leichten Reaktion mechanischen Reizen gegen- über. Die empfindlichsten Teile sind die Mund- kapsel und die Mundeirren. Auf eine Berührung derselben reagiert das Tier stets durch eine Rück- wärtsbewegung. Der „c he m ische Sin n" des Amphioxus hat seinen Sitz in der ganzen Körperoberfläche und besonders in der Mundregion. Jedenfalls dient dieser Sinn dazu, den Amphioxus vor ungünstigen chemischen Umgebungen zu schützen. Nagel hat bereits gezeigt, daß die Tiere gegen Chloro- form usw. empfindlich sind; er sagt, daß jeder Teil des Körpers ungefähr gleich empfindlich gegen chemische Reize ist, ja, daß das Hinterende emp- findlicher als irgendein anderer Körperteil sei. Parker verwandte zu seinen Experimenten Säuren, süße, bittere und alkalische Substanzen, sowie Mischungen von Öl und anderen Stoßen. Er konnte feststellen, daß die Körperoberfläche des N. F. Vm Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. n Amphioxus empfindlich ist gegen Lösungen von Salpetersäure, Pottasche, Pikrinsäure, Alkohol, gegen starken Äther, Chloroform, Terpentin, Ber- gamotöl, Rosmarinöl, aber nicht gegen Zucker- lösungen. Ebenfalls reagiert er auf verdünntes Seevvasser und auf Süßwasser. Da Amphiojtus die oben genannten chemischen Substanzen flieht, kann man ihn als negetativ chemotropisch be- zeichnen. Den Experimenten , die wohl als einwandfrei bezeichnet werden können, schließt der Verfasser noch einige Betrachtungen über das Nervensystem und die Sinnesorgane des Amphioxus an. Wir wollen auf diesen Teil der Arbeit nicht näher eingehen, da es noch eingehender Untersuchungen bedarf, ehe alle diese Probleme geklärt sind. Man erkennt aber aus Park er 's Beobachtungen, daß es von großem Wert ist, immer wieder die Le- bensweise auch häufig vorkommender Tiere zu studieren. Erst eine vergleichende Zusammen- stellung aller Lebenserscheinungen kann uns ein völliges Verständnis des Tierlebens ermöglichen. Dr. Brohmer, Jena. Ein Meteorkrater. — Immer wieder lenkt das Colorado Plateau im südwestlichen Anteil der Vereinigten Staaten von Nordamerika die Augen der Geologen und Geographen auf sich : die sehr eigenartigen Beziehungen zu den jungen tektoni- schen Störungen, die diesem intramontanen Ge- biet in weitem Bogen ausweichen, die Entwicklung der paläozoischen Schichten, die ungeheuer groß- artigen Erosionsformen der sog. Caiion's, schließ- lich auch die vielgerühmte Farbenpracht haben von jeher die .'\ufmerksamkeit des Gelehrten und des Reisenden gefesselt. Es kommt nunmehr eine neue, ganz einzigartige Erscheinung hinzu, über die uns eine interessante kleine Abhandlung von Merrill ■) belehrt. Etwa 2 Meilen vom Canon Diablo im Staate Arizona, südlich der St» Fe- Bahn befindet sich in das Plateau eingesenkt eine krater förmige Vertiefung von etwa kreisrunden Umrissen (Durchmesser II 70 — 1200 m). Ihr Boden liegt 134 m unter der Hochfläche und rings um sie läuft ein Wall von etwa 48 m Höhe. Der Wall besteht aus groben Gesteinsblöcken und kleinerem Material bis zu ganz mürbem Gesteinsmehl und ist offenbar aus der Masse erbaut, die einst im Schichtenzusammenhang jene Vertiefung ausgefüllt hat, d. h. aus Sandsteinen und Kalken der zu oberst gelegenen karbonischen, zum geringen Teil auch permischen Schichten. In weitem Umkreise um den „Krater" aber finden sich zahlreiche Meteorsteine und zwar der Zusammensetzung nach Mesosiderite. Da diese Diamanten führen, wurden sie sehr schnell ausgebeutet und so konnte leider nicht der ganze Fund der Wissenschaft dienstbar gemacht werden. Immerhin ließ sich Smithsonian miscellaneous colleclions, Vol. 50. erweisen, daß es sich hier um den größten bisher bekannten Meteorfall handelt. Was nämlich die Zahl der gefundenen Einzelstücke an- betrifft, so kann sich nur der berühmte Steinfall von L'Aigle im Jahre 1S03 mit seinen 2000 — 3000 Exemplaren dem hiesigen an die Seite stellen, dagegen ist das Gesamtgewicht größer als je zu- vor: der in Ensisheim am 7. November 1492 ge- fallene Stein wog 150 kg, derartige Stücke sind auch an unserem Krater sogar mehrfach vorhan- den; in Tucuman, Argentinien, fielen 17S3 über 1500 kg, in Bemdego, Brasilien, 1784 ca. 8700. Hier aber wird die Gesamtschwere auf 20 tons, also das 2 — 3 fache, geschätzt. Bei so außerordentlichen Mengen wird man auch ungewöhnliche Wirkungen vorauszusetzen berechtigt sein und die Frage drängt sich unwill- kürlich auf, ob der Krater das Werk des Meteor falls sei. Vulkanische Kräfte und heiße Quellen sind nicht in der Nähe und nichts deutet auf ihre Anwesenheit an der fraglichen Stelle hin. Wohl sind große Mengen des lockeren Sandes eingeschmolzen, doch erhält man nicht den Ein- druck eines vulkanischen Glases oder eines zu Vergleichszwecken im Carnegie - Institut herge- stellten künstlichen Quarzflusses, vielmehr wird man an die Erscheinungen bei Blitzröhren erinnert. Auch hört diese Metamorphose der sandi- gen Lagen nach der Tiefe hin auf, die Ursache muß also von oben, d. h. von außen herange- treten sein. Neben hohen Hitzegraden müssen aber ferner gewaltige mechanische Kräfte wirksam gewesen sein. Nicht nur zeigen die Sandkörnchen unter dem Mikroskop starke Zertrümmerungsspuren, sondern auch große Fels- blöcke sind 7-2 "i'lc weit, feineres Material bis auf 30 km im Umkreis geschleudert worden und auch in senkrechter Richtung haben Verlagerungen um 90 m aufwärts stattgefunden. Andererseits fehlt es nicht an Einwendungs- möglichkeiten : Im Krater selbst hat man nur 3 oder 4 Meteorsteine auflesen können, dafür zeigten aber die lockeren sandigen Lagen bis zu 200 m Tiefe chemisch nachweisbare Spuren von Eisen und Nickel, den Hauptbestandteilen der Meteorite. Nach Analogie der Wirkungen, die in dem Boden einschlagende Geschosse hervorbringen, sollte man ferner dem Durchmesser von 1200 m entsprechend einen Einschlagskörper von ca. 150 m Durchmesser vermuten,dann wäre aber eine Gesamtmasse zu erwar- ten, von der die gefundene kaum ein Tausendstel darstellt. Es könnte freilich noch in der Tiefe ver- borgenes Material den Nachforschungen entgangen sein, doch besteht gerade auch in dieser Hinsicht ohnehin eine beträchtliche Abweichung von allem, was wir bisher bei Meteorfällen zu finden gewohnt sind. Das tiefste Eindringen in den Erdboden wurde bei dem Meteor von Knyahinya in Ungarn durch Haidinger beobachtet und betrug nur — 3 "3 m. Selbst der 150 kg schwere Ensisheimer Stein bohrte sich nur i '/.j m tief ein, die meisten bleiben oberflächlich liegen oder versinken nur gerade 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. Vm. Nr. 5 um ihren eigenen Durchmesser in die Erde. Und hier besteht ein weites und durch Bohrungen als etwa 330 m tief ermitteltes Kraterloch! Machen wir uns klar, wovon das Eindringen abhängt: Es wird im allgemeinen angenommen, daß die Me- teore durch den Widerstand der Luft ihre ganze Eigengeschwindigkeit einbüßen und mit der Ge- schwindigkeit eines einfach fallenden Körpers die feste Erdrinde erreichen. Der Eintritt in die At- mosphäre erfolgt dagegen nach zahlreichen Be- obachtungen mit ungemein wechselnder Geschwin- digkeit und das ist sehr erklärlich; überholt nämlich ein Meteor die Erde bei ihrer Bewegung um die Sonne von hinten her, so ist seine scheinbare Geschwin- digkeit gleich der Dift'erenz, trifft er sie von vorn, gleich der Summe der Eigengeschwindigkeiten beider Himmelskörper. Trifft nun eine hohe Ge- schwindigkeit zusammen mit so großer Menge, wie sie in unserem Falle zweifellos vorliegt, so ist es wohl denkbar, daß die Wirkung des Auf- pralls ungewöhnliche Dimensionen annimmt. Man kann daher Merrill's Annahme zustimmen, es sei die Masse des Meteors sowie ein großer Teil der betroffenen Sandsteine und Kalke im Augenblick des Aufpralls durch die dabei entwickelte Hitze eingeschmolzen und sofort vergast worden und die Expansionskraft der Gase habe zu einer ge- waltigen Explosion geführt, bei der nun das ganze Material in weitem Umkreise verspratzt worden sei. Damit ist zugleich auch eine weitere auffällige Erscheinung erklärt, daß nämlich die Oberfläche der einzelnen Stücke nicht die üblichen vom Luftdruck hervorgerufenen Eindrücke auf- weist, es sind eben Bruchstücke. Daß der Fall nicht ganz jugendlichen .alters sein kann, beweisen die bei den Bohrungen angetroffenen, Mollusken- schalen und Gips enthaltenden Ablagerungen eines Sees, der einst den Krater erfüllt hat. Ihre Mächtigkeit beträgt 20 m und überlagert werden sie von 7 m Aufschüttungsmaterial. Wenn Merrill den Fallwinkel des Meteors zu etwa 70" aus NW angibt, so hat diese Berechnung keineGrundlage.fallsseine Annahme einer Explosion richtig ist, die einzelnen Meteorite also nicht ur- sprüngliche Lagerung einnehmen. Doch diese Frage ist für das eigentliche Problem ohne Bedeutung. Man wird — unbeschadet einiger noch offenbleibender Fragen — einstweilen daran fest- halten dürfen, daß ein gewaltiger Meteor- fall hier eine kraterähnliche Öffnung in ein altes Plateau der Erdoberfläche geschlagen hat. Damit wird die alte Frage wieder aufgerollt, ob viele ähnliche Erscheinungen der Mondoberfläche (wo die physikalischen Ver- hältnisse dafür etwas günstiger liegen würden) in gleicher Weise zu erklären sind. Gewiß werden auch die Anhänger der noch reichlich phantasti- schen „Aufsturztheorie",') nach welcher die Wclt- körper sich überhaupt aus kleineren aufeinander- stürzenden Meteormassen im Laufe langer Zeiten aufgebaut hätten, dieses Vorkommen als willkom- menen Beweis für die Richtigkeit ihrer Anschau- ungen ergreifen. Man kann aber ebensowohl das Gegenteil daraus herleiten, denn nach allem, was wir bisher auf der Erde kennen, handelt es sich hier um eine ganz einzig dastehende Aus- nahmeerscheinung. Dr. Edw. Hennig. Himmelserscheinungen im Februar 1909. Stellung der Planeten: Merkur und Venus sind un- sichtbar, Mars ist morgens in der Schlange, Saturn abends in den Fischen etwa I ','2 Stunden lang sichtbar. Nur Jupiter, der am 28. in Opposition kommt, kann die ganze Nacht hin- durch gesehen werden. Verfinsterungen der Jupitertrabanten: Am I. um n Uhr 55,7 Min. ab. M.E.Z. Eintr. d. 111. Trab. >. 6. „ II „ 53,9 „ „ „ „ „ 11. „ ., 13- ,. 9 „ 10,7 „ „ „ „ „ I. „ .. 20. ,, 1 1 ,, 4,3 „ „ ,, ,, „ I. ,, Algol - Mininna können beobachtet werden am I ^. um 8 Uhr 45 Min. und am iS. um 5 Uhr 34 Min. abends. ') Es wurde darüber in Nr. 45 des V. Bandes der ,, Natur wissensch. Wochenschrift" (4. November 1906) berichtet. Bücherbesprechungen. K. Brunner v. Wattenwyl, k. k. Hofrat und Jos. Redtenbacher, Prof. am k. k. Elisabeth-Gymnasium in Wien, Die Insekten familie der Phas- miden, mit Unterstützung der hohen k. k. Aka- demie der Wissenschaften in Wien aus der Treitl- Stiftung. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelniann, 1906 — 1908, 589 S. gr. 4" mit 27 Taf. — Preis 65 Mk., geb. 70 Mk. Die Stab- und Blattheuschrecken sind, obgleich sie fast ausschließlich in den Tropen vor- kommen , jedem Lehrer , ja , man darf wohl sagen, jedem Gebildeten in einzelnen ihrer Vertreter bekannt. Wohl keine Schulsammlung ist so klein, daß sie nicht einzelne Stücke dieser äußerst interessanten Tiere enthielte. — Die Artnamen derartiger Vertreter fest- zustellen, war bisher keine leichte Aufgabe, und des- halb können wir den Verfassern des vorliegenden Werkes nicht dankbar genug sein , daß sie uns von den sämtlichen bisher bekannten (etwa 2000) Arten nicht nur gute Beschreibungen, sondern auch zur leichten Orientierung Bestimmungsschlüssel und von den wichtigsten Gattungsvertretern vorzügliche Ab- bildungen geliefert haben. Es bedarf keiner weiteren Worte auf die Wichtigkeit des Werkes hinzuweisen. Jeder, der eine Schulsammlung oder Privatsammlung zu verwalten hat, wird aus eigener Erfahrung wissen, wie notwendig ein solches Buch war. — Es sei mir gestattet, von den einleitenden Worten des Werkes einiges in gekürzter Form hier wiederzugeben und dann einige Ergänzungen bzw. Berichtigungen folgen zu lassen. — Die Familie der Phasmiden enthält die größten Formen unter den lebenden Insekten ; einige Arten erreichen im weiblichen Geschlechte die Länge von ' ,, — '/., m. — Die ziemlich gleichförmige Lebensweise der Phasmiden läßt eine gewisse Ein- förmigkeit im Körperbau derselben erwarten, die je- doch in Wirklichkeit keineswegs vorhanden ist. Zwar N. F. VIII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 79 kommt allen Phasmiden die Eigentümlichkeit zu, verscniedene Ptlanzenteile, insbesondere Stengel und Blätter nachzuahmen, worauf schon die Bezeichnungen Stabheuschrecke, wandelnde Blätter usw. hindeuten; im einzelnen aber herrscht eine erstaunliche .Mannig- faltigkeit. Zwischen dem spindeldürren , schlanken Leib, durch den die -Männchen von Bacillus usw. an Gras- oder Binsenhalme erinnern und dem kräf- tigen, dicken walzenförmigen Körper von EuryciDitlia usw. finden sich alle möglichen Übergänge; dabei ist der Körper glatt oder rauh , mit Dornen und Stacheln bekleidet {Ohrimus etc.) oder mit flachen zackigen Fortsätzen , Schuppen u. dgl. besetzt , wo- durch derselbe an die mit Moosen und Flechten bewachsene Borke von Baumzweigen erinnert [Lam- poiiius etc.). Seltener als die Nachahmung von Stengeln und Zweigen ist jene von frischen oder abgestorbenen Bläitt-rn, wie man sie in der voll- kommensten F'orm bei PhylUum und Chitoniscus fin- det; liat ja doch diese vollendete Nachäfifung bei den Eingeborenen Ostindiens den Glauben hervorgerufen, daß diese Tiere ursprünglich Blätter waren. — Es ist festgestellt, daß der grüne Farbstoff von Phylliiim spektroskopisch große Ähnlichkeit mit Chlorophyll besitzt, wodurch allerdings die Identität der beiden Stoffe nicht erwiesen ist. Unhaltbar ist auch die Annahme , daß die grüne Farbe von dem Genüsse grüner Pflanzenteile herrühre oder daß mit dem Welken der Blätter die grüne Farbe durch Braun ersetzt würde. — Am Seitenrand des Metathorax von Leosthenes, JVisyrus und Prisopus treten zarte, beweg- liche am Rande bewimperte Blättchen auf, welche wegen ihrer Ähnlichkeit mit den bekannten Organen der Ephemeridi-nlarven für Tracheenkiemen gehalten wurden. Neuere Autoren bezweifeln mit Recht diese Deutung, da z. B. Nisyrus gar nicht im Wasser lebt. Die Arten der Gattung Prisopus leben freilich nach Murray mit dem Kopfe gegen den Strom gerichtet, die ausgehöhlte, am Rande bewimperte Unterseite des Körpers an Steinen förmlich festgeklebt , in den Bergwässern Brasiliens. Selbst bei diesen ist übrigens die Kiemennatur jener Blättchen keineswegs festge- stellt und die hornige Beschaffenheit derselben macht dies wenig wahrscheinlich. — Eine weitere Eigen- tümlichkeit sind die bei vielen Phasmiden vorkom- menden Stinkdrüsen , lange schlauchförmige Organe, die vor den Voiderhüften mit einer stigmenartigen Öffnung münden. — Wie die Imagines an Zweige und Blätter erinnern, so gleichen die Eier derselben auf das Täuschendste verschiedenen Samen , so daß sie wiederholt als solche angesehen und sogar ver- sendet wurden. — Merkwürdig ist , daß die äußere derbe Eischale nicht bloß das Aussehen , sondern mitunter auch die Struktur eines Pflanzengewebes zeigt. Ein dünner Schnitt durch die Eischale von PhylUum bietet ein ähnliches Bild , wie das Rinden- gewebe mancher Pflanzen und diese Ähnlichkeit wird noch dadurch erhöht, daß jenes Gewebe zahlreiche grüne Körner enthält , welche an Chlorophyllkörner erinnern. — Die Zahl der Eier scheint bevrächt- lichen Schwankungen zu unterliegen; 20 — 50 dürfte als die häufigste Durchschnittszahl gelten, doch sollen manche Arten mehr als 100 Eier ablegen. — Die Zahl der Häutungen ist nur bei wenigen Arten be- kannt , dürfte aber durchweg gegen vier oder fünf betragen. — Als eine Eigentümlichkeit der Larven wird angegeben, daß Stachel- und lappenförmige F"ortsätze des Körpers und der Beine bei ihnen stärker ausgebildet seien als bei der Imago und mit- unter selbst bei solchen F'ormen auftreten , die im vollkommenen Zustande derlei Auszeichnungen gar nicht besitzen. — Dagegen kann man bei verschie- denen Arten auch den entgegengesetzten Fall be- obachten, daß derlei Lappen an den Beinen der Larven schwächer ausgebildet sind als beim voll- kommenen Insekt oder ganz fehlen. — Sehr bekannt ist die Reproduktionsfähigkeit der Phasmiden. Schneidet man ein Bein unterhalb des Schenkelgelenkes ab, so fällt der Rest noch vor der nächsten Häutung ab, wird aber bei der Häutung selbst als ein kurzer gerader Stumpf mit bereits erkennbarer Gliederung oder als verkümmertes Bein (mit geradem Schenkel, aber fast kreisförmig gekrümmten Schienen und Tarsen) erneuert. Im ersteren Falle nimmt das Bein erst bei der nächsten Häutung das Aussehen an, das es im zweiten Falle hat. In beiden Fällen aber geht dasselbe bei der nächstfolgenden Häutung in ein Bein von normaler Bildung über, welches nur durch geringere Größe und viergliedrige Tarsen ausgezeich- net ist. — Die Phasmiden sind durchwegs Pflanzen- fresser von trägem, stumpfsinnigem Charakter ; gleich den Faultieren Südamerikas klettern sie langsam und schwerfällig von Zweig zu Zweig, aber nur, wenn das Bedürfnis nach Nahrung sie hierzu antreibt. — Ihr Flug wird al'gemein als ein schwerfälliger bezeichnet, da die Hinteiflügel mehr als Fallschirm verwendet werden. — Das F"utter nehmen sie hauptsächlich in der Nachtzeit zu sich und sind dabei sehr gefräßig. — Das wichtigste natürliche Schutzmittel der Phas- miden gegenüber den Feinden besteht vor allem in ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Pflanzengebilden der verschiedensten Art. Bei vielen Arten wurde ferner beobachtet, daß sie sich bei Gefahr totstellen, indem sie den Körper vollkommen unbeweglich halten, die Vorderbeine dicht neben dem Kopfe gerade nach vorn , das eine oder andere der vier hinteren Beine aber starr nach der Seite strecken, wodurch die Ähn- lichkeit mit Zweigen noch erhöht wird. Eine weitere sehr verbreitete und ausgiebige Schutzwafife besteht in den schon erwähnten Stinkdrüsen. — Während bei der großen Mehrzahl der Phasmiden Männchen und Weibchen nahezu in gleicher Menge auftreten, besteht bei einigen Gattungen {Bacillus etc.) ein ab- normes Verhältnis, indem die Männchen außerordent- lich selten sind. Diese Erscheinung hat die Ver- mutung angeregt , daß bei diesen Tieren wenigstens gelegentlich parthenogenetische Fortpflanzung statt- finden dürfte und tatsächlich gelang es im Laufe der letzten Jahre , bei verschiedenen Spezies dies festzu- stellen. — In den neueren Lehrbüchern der Zoologie werden die Phasmiden wegen der fünfgliedrigen Tarsen noch immer mit den Mantiden und Blattiden vereinigt. — Tatsächlich haben sie mit den beiden genannten Gruppen außer den fünfgliedrigen Tarsen 80 Naturwissenschaftliche Wochenschrift N. F. VIII. Nr. 5 noch den Mangel der Sprungbeine und Zirporgane, sowie die normale Lage der Flügelscheiden bei den Larven, sonst aber auch nichts gemeinsam. — Von Handlirsch ist ein für allemal festgestellt, daß die Phasmiden eine relativ junge Insektengruppe sind und vermutlich zusammen mit den heutigen Saltatorien von den paläozoischen Protolocustiden abstammen. — — Damit hätte ich einige der vielen Punkte, welche die Einleitung des Werkes behandelt, in Form eines kurzen A-uszuges berührt. — Was die Feinde der Phasmiden anbetrifft , so habe ich im Bismarck- Archipel durch eine umfangreiche Untersuchung der Mageninhalte aller dort vorkommenden Vögel fest- stellen können , daß Teile von Phasmiden sich nur bei einer einzigen Vogelart fanden. Der Spornkuckuck (Centropus ateralhus) ist es, der die Phasmiden trotz ihrer großen Ähnlichkeit mit Zweigen und Blättern zu finden weiß. Er sucht die Pflanzen aber auch, wie ich mich überzeugen konnte , mit einer außer- ordentlichen Gründlichkeit ab. Meine Untersuchung der Vogelmägen beweist also , daß die Phasmiden vor den übrigen insektenfressenden Vögeln des Bismarck-Archipels einigermaßen sicher sind, daß ihnen also ihre oben genannten Eigenschaften einen weitgehenden (wenn auch nicht absoluten) Schutz und damit große Vorteile im Kampfe ums Dasein ge- währen (vgl. Mitt. zool. Mus. Berlin, Bd. i, Heft 3, S. 171). — Wenn die Verfasser des Werkes, gestützt auf eine Mitteilung M on t ro uziers, die verdickten Hinterl)eine des Männchens von Eurycantha horrida als Waffe auffassen, die „gewaltig verwunden" soll, so entspricht das meiner Erfahrung nicht. Ich habe das Tier sehr oft lebend in Händen gehabt, ohne etwas von dieser geiährlichen Waffe zu verspüren. Ich habe nur gefunden, daß es sich mit den Hinter- beinen vorzüglich festhalten kann und da die Hinter- beine nur beim Männchen stark verdickt sind, glaube ich annehmen zu dürfen , daß dieselben besonders zum Festhalten des Weibchens dienen, obgleich ich die Paarung nicht beobachtete. Dahl. Heinrich Kirchmayr, Die analytische Be- rechnung regulärer Kristalle, für Stu- dierende der Kristallographie. 47 Seiten mit 31 Figuren im Text. Verlag von W. Junk in Berlin. 1908. — Preis 1,50 Mk. Eine sehr sachliche .'\bwä.;ung des Wertes des vorliegenden kurzen Werkes gibt der Verfasser selbst, indem er sagt, daß sich die angewendete analytische Methode nur für gewisse Fälle des regulären Systems gut eignet, namentlich, um aus den Indices die Flächen- und Kantenwinkel sowie die Kantenlängen zu be- rechnen. Für den Studierenden, wenigstens den An- fänger, dürfte daher das im übrigen einfach und klar gefaßte Buch weniger in Frage kommen, da dieser sich zunächst in einen einzigen, bestimmten, allge- mein gültigen Weg der Kristallberechnung, der ihm doch nicht erspart bleibt, wird einarbeiten müssen. In der Hand des fertigen Kristallographen und nament- lich bei der Anfertigung von Kristallmodellen wird es aber vielfach gute Dienste leisten. O. Schneider. Anregungen und Antworten. Herrn P. J. Bg. in Ka. — LUe Reste von Pithecan- thropus sind von Dubois nicht so gefunden worden, daß man von vornhereia ohne Zweifel anzunehmen hätte, sie stammten auch von einem und demselben Tiere. Sie lagen in einer knochenreichen Flußablagerung unter zahlrciclien Resten von Stegodon, Axis , Bubalus, Bibns, Sus usw. Im September 1891 wurde der rechte dritte obere Molar gefun- den, in etwa I m Entfernung dann das Schädeldach. Im Jahre darauf wurde ganz nahe dem Fundplal^e des ersten Jahres der linke zweite obere Molar und in 15 m Entfernung das linke Femur entdeckt. Trotz dieser so weit auseinander- liegenden Fundstätten der einzelnen Teile ist dennoch Duhois davon überzeugt, daß sie nicht nur zu derselben Tierart, sondern sogar zu einem und demselben Skelette gehören ; einerseits weil die anatomischen Merkmaie der KopUeile mindestens für den menschenähnlichsten der menschenähnlichen Affen sprechen, diejenigen des Femur vielleicht sogar für einen Men- schen ; andererseits aber trotz des fünfjährigen Grabens nicht ein einziger Skelettrest der gleichen Tierart, auch nicht einer ähnlichen, zu der die Knochen z. T. gerechnet werden könn- ten, gefunden wurde, obwohl die R'-ste der genannten ande- ren Tiere so massenhaft vorhanden waren, daß sie in etwa 115 zentnerschweren Kisten nach Leyden transportiert wurden und dort, obwohl nur z. T. ausgepackt, ein ganzes Haus an- füllen. — Inzwischen hat nun 1907 eine neue Ausgrabung in denselben .Schichten stattgefunden , die von Frau Selenka mit Unterstützung der Berliner Akademie der Wissenschaften unternommen worden ist. Aber auch diese Ausgrabung hat kein neues Material von Pithecanthropus zutage gefördert. Dennoch sind hierbei Beobachtungen gemacht worden, die geeignet sind, Dubois' -Ansicht zu stützen. Die Ausgrabungen wurden mit der größten Sorgfalt überwacht und jedes Stück sogleich mit Nummer und Etilcett versehen, die Nummer gleich mit genauester .i^ngabe des Fundortes sowohl bezüglich der Tiefe wie der seitlichen Entfernung von bestimmten Stellen in ein Fundbuch eingetragen. Da hat sich nun gezeigt, daß Reste eines und desselben Tieres in der Tat meterweit sowohl in horizontaler wie vertikaler Erstreckung gefunden sind. So tragen z, B. die z. T. in den Nähten, z. T. durch Bruch ge- trennten Stirnbeine eines jungen männlichen Hirsches, die un- zweifelhaft aneinanderpassen , andere Bezeichnung des Fund- ortes wie sogar der Schicht. Der B'uch ist mit Sicherheit alt und vor der Ablagerung beider Knochen erfolgt. — Der Verfasser dieser Notiz, der die Bearbeitung der Säugetiere übernommen hat, ist nach solchen Feststellungen von der Zu- sammengehörigkeit der Skeletteile des Pithecanthropus über- zeugt. Str. Das Oxyburserazin (vgl. Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. Vlll, S. 10) ist meines Wissens nicht im Handel. Nähere .Auskunft über seine Verwendung gegen Flechtenerkrankungen dürfte der Entdecker der Substanz Herr Dr. Werner von Bolton (Charlottenburg-Nonnendamm, Physikalisch-Chemisches Laboratorium von Siemens & Halske) geben. Mg. Inhalt: Prof. Dr. Victor Sehiffner: Die Nutzpflanzen unter den Flechten. — Sammelreferate und Übersichten: F. Koerber: Neues aus der .Astronomie. — Kleinere Mitteilungen: G. H. Parker: Die Sinnesempfindungen des Am- phio.tus. — Dr. Edw. Hennig: Ein Meteorkratcr. — Hinimelserscheinungen im Februar 1909. — Büctierbesprechun- gen : K. Brunner v. Wattenwyl und Jos. R e d te n b ac h er : Die Insektenfamilie der Phasmiden. — Heinrich Kirchmayr: Die analytische Berechnung regulärer Kristalle, für Studierende der Kristallographie. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur; Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lirhterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue holge Vlll. Band ■ der ganzen Keihe XXIV. Band. Sonntag, den 7. Februar igog. Nummer 6. Über örtlich getrenntes oder geselliges Vorkommen verwandter Pflanzenformen. [Nachdruck verboten, i Der amerikanische Botaniker Robert Green- leaf Leavitt hat im American Naturalist (Vol. XLI, 207 — 240) eine Studie über die geo- graphische Verbreitung nahe ver- wandter Arten veröffentlicht. Er geht von der .Auffassung aus, daß sich aus der Verteilung nahe verwandter Formenkreise erkennen lassen müsse, ob sie durch allmähliche Entwicklung oder durch Mutation im Sinne von deVries entstan- den seien. Von besonderer Wichtigkeit ist die F"rage, inwieweit Isolierung der neu entstehenden Arten notwendig ist, um eine Vermischung aus- zuschließen und eine selbständige Entwicklung der einzelnen neuen Formenkreise zu ermöglichen. Der Verfasser hat mir nun die Frage vorgelegt, welcher Art meine Erfahrungen über die Ver- breitung nahe verwandter Pflanzenarten seien. Es ist mir unmöglich, mich darüber ganz kurz, also etwa in einem gewöhnlichen Briefe, auszusprechen. Die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und Vor- gänge in der Natur ist viel zu groß, um eine Zu- rückführung der Tatsachen auf wenige allgemeine Gesichtspunkte zu gestatten. Ich möchte daher versuchen, in den folgenden Betrachtungen meine Ansichten über die Bedeutungderisolierung und der freien Kreuzung für die Artenbil- dung darzulegen und zwar mit besonderer Bezug- nahme auf die geographische Verbreitung der nahe verwandten Formen. Ich bin der Ansicht, daß die Beobachtung in der freien Natur viele Vorstellungen berichtigen muß, die man sich in der Studierstube gebildet hat. Der Freifeld- botaniker muß, wie auch Leavitt betont, die Brauchbarkeit der von den Gelehrten theoretisch gefundenen und im Anschluß an bestimmte Schul- meinungen formulierten Lehren an der wilden Pflanzenwelt prüfen. Variation. Es würde viel zu weit führen, wenn ich auf die mit den besprochenen Fragen zusammenhängenden Vorstellungen über Ursachen der Abänderungen, über Variation und Mutation (plötzlich auftretende erbliche Abänderung) usw. eingehen wollte. Ich muß indes von vornherein betonen, daß ich die gegenwärtig üblichen Unter- scheidungen zwischen den Wirkungen der Varia- tion und der Mutation nicht für glücklich halte. Die unter dem Namen der Variation zusammen- gefaßten Erscheinungen sind von äußerst mannig- faltiger Art. Mit vollem Rechte sagt de Vries: „nichts ist variabler als das Wort Variabilität". Eine besondere Klasse von Variationen sollen die Mutationen sein ; es ist nun aber offenbar nicht sachgemäß, in jedem Einzelfalle nur zwei ver- meintliche Möglichkeiten, Variation in engerem \on W. O. Pocke. Sinne oder Mutation, in Betracht zu ziehen. Im Jahre 1875 habe ich in ausführlicher Begründung vorgeschlagen (Jen. Zeitschr. f. Naturwissensch. IX), statt des unbestimmten Begriffes der Variation zunächst wenige versciiiedene Stufen oder Formen von Varietäten zu unterscheiden; 1877 habe ich in meiner Synopsis Rubor. Germ, 6 verschiedene Stufen des Artvvertes angenommen, nachdem ich 1866 die Ungleich Wertigkeit behauptet hatte. Schon 1872 hatte Engler (Monogr. Saxifraga) in einzelnen Fällen auf eine vollständige Gliede- rung in Spezies verzichtet und hatte Schwärme von allzu nahe verwandten Arten zu einem Typus polymorphus zusammengefaßt. Christ sprach sich 1873 über die Ungleich Wertigkeit der Rosen- arten aus. Es hat aber lange Zeit gedauert, bis entsprechende Anschauungen in den floristischen Werken zum Ausdruck gelangt sind; neuerdings ist dies z. B. von Ascherson und Graebner versucht. Die Kompromisse, die man zwischen der mannigfaltigen lebendigen Natur und dem toten systematischen Schema zu schließen sucht, werden niemals befriedigen, aber sie sind doch unentbehrlich, um formale Näherungswerte zu er- halten, an die sich die Vorstellungen anlehnen können. Man pfropft immer noch in die Begriffe von Mutationen und Varietätsstufen ganz ver- schiedenartige Eigenschaften hinein, die in gar keiner festen Beziehung zueinander stehen. Man wird bei neuen Formen nach den Vorfahren und dem Ursprünge (plötzliche oder allmähliche Aus- prägung), dem Grade der Verschiedenheit von der Stammform, dem erfahrungsmäßigen syste- matischen Werte der Unterschiede (z. B. geringe Bedeutung der auffallenden Pelorien und Varietates monopliyllac, dissectae, discoidcae usw.), der Erb- lichkeit der Merkmale, der Anpassung an die mannigfaltigen Lebensbedingungen usw. forschen. Die Kenntnis dieser Eigenschaften dürfte ein besseres Bild von der Bedeutung einer be- stimmten Abänderung geben, als eine Unter- suchung darüber, ob diese Abänderung eine Varietät oder eine Mutation ist. Es ist nur ein einziges Verfahren bekannt, durch welches man mit einiger Sicherheit solche wesentliche Abänderungen erzielen kann, die ,, sprungweise", also unvermittelt, entstehen und sich unverändert fortpflanzen, die sich also ver- halten wie die Mutationen von Oenotliera Lamarckiana. Jenes bis zu einem gewissen Grade bewährte Verfahren besteht in der Kreuzung ver- wandter Arten oder ausgeprägter Rassen. Unsere Kulturgewächse sind größtenteils aus Rassen- oder Arten-Kreuzungen hervorgegangen; man findet 82 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIIl. Nr. 6 daher bei ihnen außerordentlich zahlreiche der- artige unvermittelt auftretende Abänderungen. Es ist nicht zu verstehen, weshalb de Vries unter der Nachkommenschaft von Hybriden keine Muta- tionen und keine daraus hervorgehenden neuen Arten anerkennen will, während er doch die zweifellos aus Hybriden entstandenen Kulturrassen als wirkliche Mutationen betrachtet. Dies eine Beispiel mag nur zeigen, welchen Schwierigkeiten man begegnet, wenn man den Mutationsbegriff für die tatsächliche Beurteilung bestimmter Ab- änderungen zu verwerten sucht. Ein näheres Eingehen auf diese Vorstellungen würde ausführ- liche Auseinandersetzungen erfordern. Isolierung und Wanderungen. Als man anfing, sich eingehend mit den Anschau- ungen zu beschäftigen, welche sich als Folge- rungen aus der Darwin'schen Entwick- lungslehre ergaben, legte man sich notwendig auch die Frage vor, wie es möglich sei, daß Ab- änderungen von Tier- und Pflanzenarten zu Varie- täten und selbständigen neuen Arten umgeprägt werden könnten, obgleich sie durch freie Kreu- zung mit der Stammform stets wieder zu dieser zurückgeführt werden müßten. Es schien kaum denkbar, daß die natürliche Auslese die neuen Formen in ausreichender Weise begünstigen könnte, um sie zu einer Verdrängung der Stamm- art zu befähigen. Ohne Ausschluß der Kreuzungen schien es auch nicht möglich, daß eine Abände- rung sich im Wettbewerb mit dem alten Typus einen gesicherten Platz erobern könne. Als das beste Mittel, um der neuen Form die Möglichkeit einer selbständigen Entwicklung zu gewähren, er- schien die Auswanderung, die örtliche Trennung. Auf diesen Gedanken baute sich die Wag n er- sehe Migrationstheorie auf, nach welcher Wan- derungen den Anstoß zu einer je nach den neuen Heimatsgegenden verschiedenartigen Ent- wicklung der Tiere und Pflanzen gegeben haben sollten. Örtliche Trennung bewirkt aber an sich keine Variation; viele Pflanzen der subarktischen Gegenden Europas finden sich in den Alpen und anderen Gebirgen in unveränderter Gestalt wieder, obgleich sie hier seit der Eiszeit durch einen breiten Zwischenraum von ihren nordischen Art- genossen getrennt sind. Noch viel älter ist die Sonderung Nordeuropas von Amerika; trotzdem aber gibt es in beiden Erdteilen viele überein- stimmende Arten. Zeit und Ort sind in diesen Fällen ohne Einfluß auf den Arttypus geblieben. Andererseits schien die Migrationstheorie eine gewisse Stütze in der Auffindung von zahlreichen „Schöpfungszentren" zu gewinnen. Man fand, daß bestimmte systematische Gruppen von Tieren oder Pflanzen vorzugsweise in bestimmten Gegen- den vertreten sind; daraus schloß man, daß an diesen Stellen die Urheimat der Gruppe (Ord- nung, Gattung oder Sammelart) zu suchen sei und daß sich die Einzelglieder der Gruppe von dort aus längs der Bergketten oder der Ebenen oder der Flüsse nach verschiedenen Richtungen ausgebreitet hätten. In manchen Fällen schienen derartige Vorstellungen die Tatsachen ganz gut zu erklären. Aber die geologischen Unter- suchungen zeigten bald, daß aus der jetzigen Ver- breitung der Organismen nicht geradezu auf die ehemalige geschlossen werden darf. Pferde gab es in Amerika vor Ankunft der Europäer nicht; trotzdem machen die beobachteten paläontolo- gischen Tatsachen es wahrscheinlich, daß die ur- sprüngliche Heimat dieser ganzen Tiergruppe in Amerika lag. Im Miozän Europas hat man mancherlei amerikanische Baumarten gefunden, so daß man in jedem Falle fragen muß : ist der Typus im Osten oder im Westen des Atlantischen Ozeans entstanden oder ist er nach beiden Ländern aus einer arktischen oder sonstigen Urheimat ein- gewandert? So sehr auch derartige Erfahrungen zur Vor- sicht mahnen, so gibt doch für die nördliche ge- mäßigte Zone die Annahme eines ehemaligen Zusammenhangs zwischen den Verbreitungs- bezirken ähnlicher Arten eine gute Erklärung. Aus einem arktischen oder zirkumpolaren Lande zogen sich Pflanzen und Tiere während der kühler werdenden Pliozänzeit und Eiszeit südwärts zurück. Viele Arten werden zugrunde gegangen sein; viele der widerstandsfähigsten und für Wande- rungen gut ausgerüsteten Formen konnten später einen Teil ihres ehemaligen Wohngebietes von neuem besiedeln, andere Arten erhielten sich hie und da an einzelnen geeigneten Standorten, die in der Gegenwart durch weite Zwischenräume getrennt sein können. Die Annahme, daß in ver- gangenen Zeiten auch die Lücken in der Ver- breitung für die betreffende Art bewohnbar ge- wesen seien, ist in vielen Fällen durchaus wahr- scheinlich und gibt eine weit bessere Erklärung der Tatsachen, als die Vorstellung, daß Stürme oder Vögel die Samen an neuen Standorten aus- gestreut hätten. Die Möglichkeit einer derartigen Verbreitungsweise soll übrigens durchaus nicht bestritten werden. Das Vorkommen übereinstimmender oder sehr ähnlicher Pflanzen an weit voneinander getrennten Standorten, die ähnliche Lebensbedingungen bieten, ist längst bekannt. Berühmt ist das Beispiel der drei nahe verwandten Cedern-Formen vom Atlas, Libanon und Himalaya. Echte Hochgebirgs- pflanzen, wie das Edelweiß {Leontopodiuin) treten in den weit getrennten höheren Bergketten Amerikas, Asiens und Europas auf Erwähnt wurde bereits die Übereinstimmung mancher sub- arktischer mit alpinen, sowie nordamerikanischer mit europäischen Arten. Der ostwestliche Ver- lauf der wichtigsten Bergketten in Europa sowie im westlichen und mittleren Asien läßt die scharfe Absonderung der Gebirgsbewohner von den nor- dischen Arten deutlich hervortreten, während in Amerika und Ostasien die mehr nordsüdliche Richtung der Gebirge als günstiger für Wande- rungen und für die Erhaltung eines Zusammen- hanges zwischen den Gliedern der einzelnen N. F. Vm- Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 83 Formenkreise erscheint. Als Beispiel einer geo- graphischen Trennung von charakteristischen Pflanzentypen seien hier die in einem vielfach unterbrochenen Gürtel der nördlichen Halbkugel auftretenden Gewächsformen erwähnt. In den einzelnen geographischen Abschnitten, in welche dieser Gürtel zerfällt, haben sich die Typen in etwas verschiedener Weise entwickelt, so daß sie als Varietäten, Rassen oder ähnliche Arten unter- schieden werden. Zu diesen Typen gehören z. B. die echten Kastanien, die in Nordamerika und Mittelasien vorkommen, die nahe verwandten Ebereschen {Sc'/-/'t(s) Europas, Ostasiens, West- und Ostamerikas, die Steinhimbeeren, von denen die europäische Art, Ritbits saxatilis, auch durch Nordasien verbreitet ist, während zwei ähnliche, früher als Varietäten betrachtete Arten in Japan und in Nordamerika wachsen. Noch ähnlicher sind sich die echten Himbeeren, Riibus idaciis, ' zwischen deren Rassen sich keinerlei haltbare Artgrenzen ziehen lassen. Merkwürdig sind einige amerikanische Potentillen, P. fruticosa und P. peniisilvanka, die in Nordasien und Europa ganz zerstreut an einzelnen Orten in wenig abweichen- den Rassen auftreten. Alle diese Tatsachen erklären sich ungezwungen aus der tertiären Verbreitung und aus den eiszeit- lichen Wanderungen der Arten, sowie aus einer verschieden gestalteten Weiterentwicklung der- selben innerhalb der jetzigen vollständig geson- derten Verbreitungsbezirke. Bis soweit genügt zur Erklärung der Artenbildung die Migrations- lehre in Verbindung mit den bekannten Tatsachen der gewöhnlichen Variation. Man erkennt aber leicht, daß auf diesem Wege keine allzugroßen Veränderungen erfolgt zu sein scheinen. Seit der Eiszeit hat sich in der Gestalt der Arten kaum etwas verändert, ja selbst der Betrag der Ände- rungen seit der Miozänzeit ist nicht groß genug, um die Ausprägung ganzer Pflanzenfamilien während eines den üblichen Schätzungen ent- sprechenden Zeitraums zu ermöglichen. Noch viel weniger läßt sich durch die Migrationstheorie die große Mannigfaltigkeit einzelner Gruppen von Pflanzen und Tieren innerhalb eng umgrenzter Räume verständlich machen. Um nur ganz be- sonders ausgezeichnete Beispiele zu erwähnen, sei an die Landschnecken der Hawaischen Inseln und an die zahlreichen, ungewöhnlich artenreichen Pflanzengattungen einzelner Teile Südafrikas und Westaustraliens erinnert. Man sieht in derartigen Fällen allerdings Schöpfungszentren, aber die von diesen ausgehenden Ausstrahlungen sind bei der geographischen Isolierung der Herde sehr spärlich geblieben oder fehlen gänzlich. Untersucht man nun andere, weniger abgeschlossene Schöpfungs- zentren, so findet man allerdings in manchen Fällen zahlreiche Ausstrahlungen, man findet auch in diesen Ausstrahlungen Arten, die allen Anforde- rungen an geographisch und systematisch gut um- grenzte „Spezies" entsprechen, aber diese Arten oder nahe verwandten Formen häufen sich in dem Zentrum so sehr, daß an eine Isolierung, welche die freie Kreuzung hindern würde, nicht gedacht werden kann. Freie Kreuzung. Die Fülle derartiger Tatsachen, von denen hier nur beispielsweise wenige einzelne Fälle erwähnt werden konnten, ist so groß, daß eine Erklärung derselben durch die Migrationstheorie völlig aussichtslos ist. Es muß, wie man sich längst klar gemacht hat, not- wendig eine Unrichtigkeit in dem Gedankengange stecken, der zu der Migrationstheorie geführt hat. Es liegt nahe, zu glauben, daß der Fehler in der Vorstellung von der Allgemeinheit der freien Kreuzung liegt. Bei den höheren Gewächsen ist es leicht, zu erkennen, daß örtliche Trennungen, wie sie überall vorkommen, genügen, um Kreuzungen zwischen gleichartigen Pflanzen verschiedener Standorte außerordentlich zu erschweren. Weder der Wind noch die Insekten werden den Blüten- staub der Bergpflanzen häufig zu einem 100 oder selbst nur 20 km entfernten anderen Berge hin- überführen ; manche Samen mögen leichter auf derartige Entfernungen transportiert werden, aber im allgemeinen muß die Zuwanderung neuer An- kömmlinge derselben Art an einen einigermaßen isolierten Standort einer bestimmten Pflanze ein verhältnismäßig recht seltenes Ereignis sein. Die Charakterpflanzen solcher Standorte, die sich nur zerstreut finden, wie es höhere Berge, Sümpfe, Salzstellen, Kalkhügel, Sanddünen usw. sind, werden, wenn sie irgendwo zu Abänderungen neigen, darin durch an anderen Stellen wohnende Artgenossen kaum gestört werden. Ihre Isolierung ist tatsächlich fast ebenso vollständig, wie die der durch weite Entfernungen und breite Meere ge- trennten verwandten Arten, deren Verhalten be- reits vorstehend erörtert worden ist. Bei den Pflanzen ist weder die Individualität noch die Trennung der Geschlechter so ausge- prägt wie bei den Tieren. Gerade die voll- kommensten Pflanzen sind in überwiegender Zahl zweigeschlechtig. Ihre Fortpflanzungsverhältnisse sind außerordentlich mannigfaltig. Vegetative, also völlig ungeschlechtliche Vermehrung ist bei vielen Gewächsen in großem Maßstabe mög- lich. Die Wasserpest [Elodcä) hat sich seit 50 oder 60 Jahren in Europa außerordentlich ausge- breitet und ist stellenweise zur Plage geworden, ohne je einen Samen gereift zu haben. Noch weit länger ist der Kalmus [Acorus) in Europa eingebürgert, bringt hier aber niemals F"rüchte. Arten von Hcmcrocallis und einige Zwiebel- gewächse verhalten sich ähnlich; manche Arten von Allium und Liliuni, Dentaria bulbifera usw. bringen selten Früchte, vermehren sich aber durch besondere Organe (Brutzwiebeln). Bei den Moosen ist die häufige oder ausschließliche Vermehrung durch Brutkörner etwas ganz Gewöhnliches. — In einer anderen Reihe von Fällen entwickeln sich Samen aus den weiblichen Knospen ohne jede Befruchtung, also parthenogenetisch {AI- 84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. VIII. Nr. 6 cliimilla, Antennaria, Taraxacnm usw.). Endlich sind kleistogamische Blüten, in denen die Befruchtung ausschließlich durch Blütenstaub der in der nämlichen Hülle eingeschlossenen männ- lichen Organe erfolgt, gar nicht selten. In allen diesen F'ällen ist Kreuzung verschiedener Stöcke vollständig unmöglich, während eine sehr wirk- same Vermehrung und Ausbreitung stattfinden kann. Die für die Artenbildung als erforderlich erachtete Isolierung ist somit in diesen Fällen vorhanden, aber es fehlt eine andere Vorbedin- gung, nämlich die Variabilität. Die auf vegeta- tivem Wege oder durch engste Inzucht erzeugte Nachkommenschaft ist außerordentlich gleichförmig. Individuelle Eigentümlichkeiten können bei den Abkömmlingen eines einzigen Exemplars für völlig konstante Rassenmerkmale gehalten werden. Aus diesen Erfahrungen und Überlegungen muß man den Schluß ziehen, daß die freie Kreu- zung eine Vorbedingung der Variabilität und damit der Artenbildung ist. Es ist daher eine durchaus einseitige Betrachtungsweise, wenn man nur von dem Gesichtspunkte ausgeht, daß die freie Kreuzung die Weiterentwicklung der Varie- täten zu selbständigen Arten hindere. Für die biologische Würdigung der partheno- genetischen und der damit biologisch ziemlich gleichwertigen kleistogamischen Fortpflanzung werden die Erfahrungen als maßgebend gelten können, welche man bei gewissen Tieren (Blatt- läusen, Rädertieren) gemacht hat. Unter den günstigsten äußeren Verhältnissen erscheint die geschlechtliche Zeugung als entbehrlich; die Ver- mehrung erfolgt in einfachster Weise nur aus den weiblichen Keimen. Sowie aber die Lebensbe- dingungen mißlicher werden, tritt die geschlecht- liche ZeuCTung wieder in ihre Rechte ein ; es werden dann mittels derselben widerstandsfähigere Individuen oder Dauereier erzeugt. Ganz ähnlich verhalten sich viele niedere Pflanzen (Algen, Pilze). Es ist wahrscheinlich, daß die parthenogenetisch und kleistogamisch fortgepflanzten höheren Ge- wächse unter bestimmten Bedingungen wieder zur geschlechtlichen Kreuzbefruchtung übergehen; sind sie nicht dazu imstande, so werden sie ge- legentlich ungünstigen Verhältnissen (Witterung, Wettbewerb, Parasiten) erliegen. Wenn man die Gewächse, welche sich regel- mäßig ohne Kreuzung fortpflanzen, in eine besondere biologische Abteilung stellt, so kann man eine zweite aus denjenigen Arten bilden, bei welchen sowohl Kreuzung als Selbst- bestäubung möglich ist, eine dritte aus den ausschließlich aufKreuzung der Individuen (Stöcke) angewiesenen Formenkreisen. Die zweite Abteilung ist durch sehr zaiilreiche Arten ver- treten, von denen jede Pflanze bei Isolierung ohne Nachhilfe oder doch bei Bestäubung mit eigenem Pollen reichlich Samen bringt. Zugleich sind ihre Blüten entweder für Bestäubung durch Wind oder durch Tiere, namentlich Insekten, eingerichtet. Manche Arten erhalten selten, andere sehr häufig Insektenbesuche; bei manchen ist Fremdbestäubung, bei anderen Selbstbestäubung der häufigere Fall. Diese Verhältnisse sind während der letzten Jahr- zehnte ziemlich allgemein bekannt geworden. Es wird nicht erforderlich sein, an dieser Stelle näher darauf einzugehen, weil es sich hier nur darum handelt, zu untersuchen, ob nahe verwandte Formen nebeneinander wachsen können, ohne durch die. freie Kreuzung gemischt zu werden. Es zeigt sich nun eine überraschende Mannigfaltig- keit der Möglichkeiten. In manchen Fällen hat sich ein Arttypus unter dem Einflüsse standört- licher Verhältnisse in verschiedene Rassen ge- sondert. Bekannt sind in den .'Mpen die Formen- kreise, welche in einer kristallinisches Gestein und einer Kalkfels bewohnenden Varietät, Rasse oder verwandten Art vorkommen. Diese Parallelformen sind auch auf anderem Boden samenbeständig, aber sie sind hier weniger widerstandsfähig; es sind keine großen Entfernungen erforderlich, um sie rein zu erhalten, wenn auch gelegentlich beim Zusammentreffen Kreuzungen vorkommen. In entsprechender Weise wirken auch sonstige ver- änderte Lebensbedingungen. So z. B. wird Juncns ' covipressus, der oft an Flußufern wächst, an den Seeküsten und an salzreichen Stellen sofort durch J. Gerardi ersetzt; nach Übergangsfoimen sucht man meistens vergeblich. Es gibt in Mitteleuropa drei verbreitete nahe verwandte Arten von Aniit'ria\ eine derselben, die A. elongata, wächst im ebenen und hügeligen Binnenlande, eine andere {A. alpiner) auf Hochgebirgswiesen, die dritte {A. viarithna) am Seestrande. Außerdem kommen noch einige mehr lokalisierte Formen vor. An trockenen sandigen Stellen am Weserufer z. B. wächst A. elongata häufig; im Unterlaufe des Flusses fehlen solche sandige Stellen und damit auch die Armerien, bis sie plötzlich unter der Einwirkung des Salzwassers in großer Masse in den Wiesen wiedererscheinen, aber in einer etwas abgeänderten Gestalt. Es ist nicht etwa die A. maritima, welche hier auftritt, sondern eine Mittel- rasse, die an der deutschen südlichen Nordseeküste eine große Verbreitung hat, während weder A. elongata noch A. maritima daselbst vorkommen. An anderen Stellen, z. B. schon an der nahen Eibmündung, finden sich die genannten beiden Hauptarten nebeneinander. — Ein ferneres Bei- spiel, wie zwei nahe verwandte Formen einander vertreten, ist folgendes. Von Synipliyttint officinale wächst an der mittleren Weser eine blaßgelb blühende, an dem Nebenflusse Aller eine dunkel- violette Form. Von der Vereinigung der beiden Flüsse an abwärts findet sich regelmäßig nur die violette Form, aber mit Einmischung einzelner mehr oder minder rosa blühender Exemplare, die wohl als Kreuzungen zu deuten sind und weiter stromabwärts seltener werden. In ähnlicher Weise pflegen die blaßgelbe Scabiosa ocJiroleuca und die hellblaue Sc. columbaria einander auszuschließen; auch das gelblich weiße Phyteuma spicatum und das schwarzviolette Ph. niirrum bewohnen im all- N. F. Vin Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 85 gemeinen getrennte Standorte, doch entstehen da, wo beide Rassen zusammcntreft'en, stets zahlreiche Kreuzungsformen. Caf'sc/lir nihclla ist eine süd- europäische, sehr beständige Pflanze, die sich indes von der viel weiter verbreiteten, formen- reichen C. Bursa pasloris nur durcii geringfügige Merkmale untersciieidet. Beide F'ormen wachsen häufig nebeneinander, ohne daß Übergänge vor- kommen, doch treten zuweilen anscheinende Kreuzungen auf, die merkwürdigerweise so gut wie vollkommen unfruchtbar zu sein pflegen. Auch andere nahe verwandte Arten wachsen häufig gemischt, ohne sich gegenseitig zu beein- flussen, wenn auch hie und da Mischlinge vor- kommen. Solche trotz ihrer Aiinliciikeit gut ge- trennte, nahe verwandle Arten oder Rassen sind z. B. Festitca elatior und F. arundinacca, Scirpus lacuster und ^i:. Tabernaciitontani, Luzula campestris und L. midtiflora, Viola silvatica und V. Rivhiiaita, Alcctorolopliiis major und A. minor. Der Ähnlichkeit wegen mag hier noch ein Fall erwähnt werden, der einen zweihäusigen Formen- kreis betrifft , also eigentlich an anderer Stelle besprochen werden müßte. Mclandryum rubrum und M. album sind zwei nahe verwandte Arten, von denen jede ihrem besonderen Standorte, dem Walde und dem oflenen Felde, vorzüglich ange- paßt ist. Die beiden Arten trefi'en oft zusammen und werden dann stets gekreuzt; die Mischlinge sind fast vollkommen fruchtbar, aber sie sind beim Wettbewerb mit den Stammarten an jedem Standorte im Nachteil. Die beiden echten Arten werden somit durch derartige Kreuzungen so gut wie gar nicht beeinflußt ; sie fließen selbst an einzelnen Stellen kaum irgendwo zusammen. Sind einmal ähnliche Arten gut an verschiedene Lebens- bedingungen angepaßt, so führen selbst häufige Kreuzungen zu keiner Beeinflussung der Stamm- arten. Die angeführten Beispiele zeigen, daß gar keine großen Entfernungen nötig sind, um zwei nahe verwandte Arten und Rassen in genügender Weise getrennt zu halten, so daß sie einander trotz gelegentlicher Kreuzungen kaum beeinflussen. In einigen Fällen (z. B. Alectoroloplius, Festuca) vermögen wir noch keinen Grund einzusehen, weshalb keine Vermischung eintritt; wir können bis jetzt nur die Tatsache verzeichnen. Auch gibt es Fälle, in denen das wirkliche Verhältnis zweier Formenkreise zueinander zweifelhaft ist, z. B. Ranunculus Flannnula und A'. reptans, Carex flava und C. OcJeri. Ein besonderer Fall ist es, wenn durch den Menschen zusammengebrachte, verwandte Arten zusammentreffen. In einigen Phallen fehlen an den neuen Standorten die Kreuzungsvermittler; man kann daher die verschiedenen Arten und Rassen aus den Formenkreisen der Datura Straiumonium und des Pisum sativum nebeneinander kultivieren, ohne daß irgendwelche Kreuzungen eintreten, obgleich man mit Leichtigkeit Mischlinge durch